Auszahlung gebracht. Von der Gesamtsumme entliefen allein auf die Angehörigen der Reichspost- und Telegraphenverwaltung gegen 20 Millionen Mark, auf die Angestellten der Reichsdruckerei etwa 20 000 Mark. Auf den Berliner Telephonämtern erhielten gegen 3000 Fernsprechbeamtinnen je 150 Mark.
— Dem katholischen Pfarrer Schleier in Osann, der in einer Wahlrede den Obrrprasidenlen von Schor- lemer mit einer Reblaus verglichen hatte, wurde die Ortsschulinspektion entzogen. Die gleiche Strafe hatte vorher schon vier katholische Geistliche desselben Bezirks wegen ihrer Wahlagitation getroffen.
Ausland
— Das schwedische Königspaar hat seine goldene Hochzeit gefeiert. König Oskar erhielt folgendes Tele- gramm des Deutschen Kaisers: „Neues Palais. Der Kaiserin und mir ist es ein Herzensbedürfnis, Dir und der Königin unsere aufrichtigsten und innigsten Glück- und Segenswünsche zu dem Feste zu senden, das Ihr feiert. Möge Euch der Allmächtige noch lange vereint erhalten und mit seinem Segen geleiten! Wilhelm. Auguste Viktoria." Die Feier wurde im ganzen Lande festlich begangen.
— Im englischen Unterhause brächte der Staatssekretär von Indien das indische Budget ein und gab eine längere Erklärung über die Verhältnisse in Indien ab. Was die Unruhen im Pendschab angehe, so sei die Bewegung keine agrarische, sondern eine politische. Unter den Vorschlägen, die von der Reichsregierung und der indischen Regierung erwogen würden, befinde sich die Errichtung einer beratenden Versammlung von Notabeln, eine Erweiterung des Gesetzgebenden Rates und die Berufung von ein oder zwei Eingeborenen in den Rat von Indien. Staatssekretär Morley schloß seine Ausführungen, indem er sagte, er gebe der Ueberzeugung Ausdruck, daß die britische Herrschaft in Indien fortdauern solle, daß sie sortdauern müsse und fortdauern werde. Verschiedene Leute hätten gesagt, England würde klug tun, Indien aufzugeben, das die Eingeborenen besser regieren würden als England, aber jeder, der sich die Anarchie und das blutige Chaos, das aus solchem Zurückziehen folgen müsse, ausmale, würde von dieser Ansicht abgehen.
— Nach einer Meldung des „Figaro" besteht der französisch-japanische Vertrag aus zwei Teilen, einem Uebereinkommen und einer Erklärung. Frankreich und Japan sprechen darin aus, daß sie in gleicher Weise von dem Wunsche beseelt sind, ihre freundschaftlichen Beziehungen auszudehnen und zu befestigen, sowie ihre Interessen in Ostasien miteinander in Einklang zu bringen. Ihr Grundsatz sei, gemeinsam den innern Frieden und die Sicherheit des chinesischen Reiches, die für alle europäischen Interessen ohne Ausnahme so notwendig seien, zu befestigen. Frankreich und Japan verbürgen sich ihren territorialen Status quo in Asien. Die Frage eines Handelsabkommens für Jndochina ist durch den französisch-japanischen Vertrag nicht gelöst, doch haben die beiden Regierungen einen für ein solches Abkommen günstigen Plan ins Auge gefaßt und inzwischen den Japanern in Jndochina und den französischen Staatsangehörigen in Japan gegenseitig das Meistbegünstigungsrecht eingeräumt.
— Der amerikanische Schatzsekretär hat von dem Kommandanten des Kutters Rush Meldung erhalten, daß der Kurier den britischen Schoner Charlotta G. Coc auf der Höhe der Robbenplätze von Alaska auf ver« botenem Gebiet in Ueberlretung des englisch-amerikanischen Abkommens betroffen habe. Der Kommandant des Kutters hat darauf Anweisung erhalten, den Schoner gemäß den zwischen England und der Union getroffenen Vereinbarungen an die englischen Behörden im nächsten Hafen von Britisch-Kolumbien auszuliefern. Nach Meldung des Kutterkommandaiiten sind auch japanische Robbenjäger mit Robben an Bord in der Nähe gewesen, doch konnten sie nicht beschlagnahmt werden, da sie sich außerhalb der amerikanischen Hoheitsgrenze befanden.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 11. Juni 1907,
^* Am 7. d. Mts. feierten die Adam Beck'schen Eheleute hier in voller geistiger und körperlicher Frische das seltene Fest der gold'nen Hochzeit. Die kirchliche Feier, in welcher Herr Superintendent Orth eine herzliche Ansprache hielt, war trotz des Werktags von einer sehr großen Zahl Gemeindeglieder besucht. Der Mütterverein sang, unterstützt von einer Mädchenilasse der Stadtschule, dem greisen Jubelpaar zum Beginn der Feier das Lied: „Bis hierher hat mich Gott gebracht" und zum Schluß: „So nimm denn meine Hände". Nach dem Segen überreichte der Herr Superintendent den Eheleuten eine Ehrengabe Sr. Majestät des. Königs. Auch seitens der Stadtbehörde wurde ihnen aus Anlaß des Ehrentages ein solches zu teil. Ueberaus zahlreich waren die Ehrungen und Beweise der Dankbarkeit von feiten vieler Einwohner unsrer Stadt. Auch wir wünschen dem Jubelpaar einen recht friedlichen, glücklichen Lebensabend!
—* Am 2. Juni feierte der Kriegerverein Gund- Helm fein 25jähriges Bestehen. Trotz des wechselnden
Wetters waren die Kriegervereine des Kreises, sowie' einige aus dem Kreise Fulda, recht zahlreich erschienen. Auch mehrere Gesang-, Turn- und Arbeitervereine hatten sich eingefunden. Nach Aufstellung des Festzuges um 3 Uhr Nachmittags durchzog derselbe die reichgeschmückten Straßen des Dorfes und langte um 4 Uhr wieder auf dem Festplatze an. Herr Bürgermeister Siemon hieß darauf im Namen des Kriegervereines, sowie der Gemeinde, die anwesenden Vereine und Gäste herzlich willkommen. Hierauf begrüßte Herr Amtsrichter Hengsberger in seiner Ansprache das „Geburtstagskind" und hob in warmen Worten die Zusammengehörigkeit der Vereine hervor. Er endete mit einem Hoch auf den hiesigen Kriegerverein. Auch Herr Laudral Valentiner hielt eine Ansprache und betonte in dieser den Ernst und die Bedeutung der Kriegervereine in der heutigen Zeit, das Wohlwollen seitens der Regierung, besonders des obersten Kriegsherrn den Kriegervereinen gegenüber, und brächte hierbei ein Hoch auf Sr. Mas. Kaiser Wilhelm it aus. Herr Kantor Altvater gedachte danach in herzlichen Worten der Velteranen von 1870 und 71 und endete mit einem Hoch auf dieselben. — Für Volksbelustigung war in hinreichender Weise gesorgt, und so verlief das Fest in angenehmer Weise.
* Birstein. Vergangener Woche verschied in Hanau, wohin er sich in das Diakonissenhaus zu einer Operation begeben hatte, Herr Postverwalter a. D. Gundlach im 75. Lebensjahre. Der Verstorbene war eine in der ganzen Gegend bekannte, beliebte und geachtete Persönlichkeit, der in feinen verschiedenen Aemtern, die er Zeit seines Lebens bekleidete, mit dem größten Teile der Bewohnerschaft der Gegend zusammenkam. Beinahe 40 Jahre lang stand er dem Postamte in Birstein vor; er war Beigeordneter der Gmeinde Birstein, Standesbeamter, Kirchenältester, Schiedsmann, Amtsanwalt und die letzten 10 Jahre auch Kassierer des Vorschußvereins Birstein. In ihm verliert die Gemeinde einen verdienten Mitbürger, dessen Hinscheiden allgemeine Teilnahme erregt hat.
* In der letzten Sitzung des Fest-Ausschusses, für das III. Kreis-Krieger-Verbandsfest, verbunden mit der IV. Abgeordneten-Versammlung des Kurhessischen Kriegerbundes am 22., 23. und 24. Juni in Geln- Hausen wurde die Veranstaltung einer historischen Gruppe im Festzuge entgültig beschlossen. Es soll ein wirkungsvolles Bilv aus der großen Vergangenheit der alten Barbarossastadt Gelnhausen, an dem Hauptfest» tage zur Darstellung kommen. Getreu historisch, angelehnt an die Beschreibungen der Jagdzüge des großen Kaisers Barbarossa im „Weistum des Büdingerwaldes" und dem eigenhändigen Werke des Kaiser Friedrich II. über die Falkenjagden, wird ein Jagdzug des Kaisers Barbarossa vorgeführt werden, der in seiner bilderreichen Gestaltung und buntwechselnden Gruppierung es ermöglicht, sich in jene glanzvolle Zeit zurückzuver- setzen, in der ein deutscher Kaiser in den Mauern seiner Lieblingsstadt weilte und in der alten Kaiser- burg, auf der lieblichen Kinziginsel residierte.
* Eine einzigartige, hochinteressante Veranstaltung, eine Kriegsmarine-Ausstellung wird augenblicklich vom Flottenverein in Gelnhausen vorbereitet. Der Ausstellungstermin wird demnächst bekannt gegeben. Das Verständnis für unsere Flotte, von der sicherlich einst noch Deutschlands Zukunft abhängen wird, zu fördern und dadurch das Interesse des deutschen Volkes für das Seewesen zu heben, ist der Zweck dieser seltenen, kostspieligen Ausstellung, die mit größter Sorgfalt und Sachkenntnis von Herrn Kapitänleutnant d. R. Mumm in Oldenburg zusammeugestellt ist und, in geschlossener Kette in fast allen größeren Städten Mittel- und Süddeutschlands unter Leitung ehemaliger Mariner veranstaltet wird. Die Ausstellung, deren Oberleitung sich in den Händen des genannten Herrn Mumm befindet, und die von allen Militär- und Zivilbehörden die weitgehendste Unterstützung erfährt, erweist sich als sehr anziehend, das zeigt der Besuch, der überall sehr stark ist dank auch dem verhältnismäßig niedrigen Eintrittspreise u. a. wurde die Ausstellung in Hildburghausen von nicht weniger als 25 000 Personen besucht. Bei der rasch wachsenden Volkstümlichkeit der Marine, bei der Seltenheit und Bedeutung der geplanten Ausstellung wird auch hier auf einen starken Besuch derselben zu rechnen sein. Wir kommen auf diese Ausstellung noch öfters zurück.
* In Lindheim b. Büdingen sind amtlich die schwarzen Blattern (Pocken) festgestellt und die erforderlichen Schutzmaßregeln angeordnet worden. Die Häuser, in denen Blatternkranke sind, werden durch Tafeln kenntlich gemacht und für den Verkehr gesperrt.
* Frankfurt. Zwangszöglinge steckten die Zwangserziehungsanstalt Aumühle bei Darmstadt in Brand. Sämtliche Gebäude wurden eingeäschert. Der angerichtete Schaden ist bedeutend.
* Frankfurt. Der Dame, welche durch den Heiratsschwindler Barnsdall alias Nuber aus Mannheim um 03 000 M. betrogen worden war, konnten von dem Gelde 50 000 M. wieder zurückerstattet werden, sodaß sie nur einen Verlust von ca. 13 000 M. erleidet.
* Eine Abordnung der preußischen Landwirtschafts- kammer besichtigte am Mittwoch vergangener Woche
’bte Behrkug'schen Institute in Marburgs — Die Verlegung der laridwirtschaften Versuchsstation von Marburg nach Cassel gilt jetzt als beschlossene Sache.
* Ein junges Mächen, das vor drei Wochen gesund seinen Heimatort Lengenfeld b. Eschwege verließ, um im Hannöversche» beim Spargelstechen Geld zu verdienen, wurde als Leiche dieser Tage zurückgebracht. Es hatte sich durch einen kalten Trunk die rötliche Krankheit zugezogen.
* In Schotten ist Typhus ausgebrochen ; die Krankheit wurde anscheinend durch ein hiesiges Mädchen, das an der verhängnisvollen Hochzeitsmahlzeit in Gonters- kirchen teilnahm, eingeschleppt.
Kermischtes.
— Königin Wilhelmine der Niederlande hat zum 300jähr. Todestag ihres Ahnen, des Grafen Johann VI. von Nassau-Dillenburg (8. Oktober 1906) die Mittel zu einer Gedenkplatte an die Fürstengruft in der Dillen- burger evangelischen Kirche gestiftet. Um nun Anregung zur Renovierung der Gruft zu geben, wandle sich der dortige historische Verein an den Kaiser, da in den Eltern Wilhelms des Verschwiegenen auch Ahnen des Kaiserhauses ruhten. Nach der Besichtigung durch eine Kommission der Wiesbadener Regierung ist dem dortigen Landratsamt aus dem Ministerium der Bescheid zugegangen, daß die Fürstengrust auf höhere Weisung hin renoviert werden soll. Es ist somit begründete Aussicht vorhanden, daß die Gruft der Königshäuser in einen würdigen Zustand versetzt wird.
— DaS große Los der Preußischen Klassenlotterie. Große Freude herrscht in Remscheid und Lennep. Das großeLos, das auf die Hummer 200 355 gefallen ist, haben dort kleine Leute gewonnen, denen dieser Goldregen wohl zu gönnen ist.
— Der Direktor des Pariser Observatoriums macht bekannt, daß kürzlich bei einem Versuche mit kleinen Ballons einer von diesen eine Höhe von 22 600 Metern erreicht und eine Temperatur von — 61 Grad Celsius registriert hat.
— Ratten zu vertilgen. Alan schneidet sich kleine Korkstückchen in der Größe einer kleinen Münze, läßt dieselben in Fett oder Butter gut durchbraten und streut sie an Stellen, wo sich die Ratten hauptsächlich aufhalten. Die Korkstücke werden von den Ratten als Leckerbissen sehr gesucht, jedoch sterben dieselben bald an deren Nnoerdaulichkeit.
— Des Kaisers Patenkind, der jüngste Sohn Wilhelm des Arbeiters August Wonde in Guben, erhielt auf ein Gesuch seines Vaters zum Realschulbesuch eine einmalige Erziehungs-Unterstützung von 105 Mk. die bei Fleiß und Wohlverhalten alljährlich weiter bezahlt werde. Der Knabe ist das zehnte Kind seiner Eltern. Seine drei ältesten Brüder stehen als Wachtmeister, Sergeant und Unteroffizier beim Feldartillerie-Regiment Nr 40 in Burg.
— „Nach dem Orient, nach Indien und um die Welt, betitelt sich ein schmuckes, reich illustriertes Büchlein, welches allen denjenigen, die sich für eine Reise in jene Gegenden interessieren, gratis und franko von dem Veranstalter dieser Fahrten, Herrn Jul. Bothausen in Solingen, zugesandt wird. Nach Beendigung der Sommer-Orientfahrten, die am 3. Juli^ 14. August und 11. September beginnen, wird die 38tägige Reise nach der Insel Ceylon angetreten. Ab Genua bis wieder Genua kann diese interessante Tour bereits für 900 Mark ausgeführt werden. Im Frühjahr 1908 finden 3 Gesellschaftsreisen nach dem Orient statt. Alles Nähere ist aus dem oben angeführten Büchlein zu ersehen. __________
Hilfsausschuß für die notleidenden Deutschen Rußlands.
Dem Hilfsausschuß für die notleidenden Deutschen Rußlands ist von einem evangelischen Pfarrer des Notstandsgebietes folgendes Schreiben eingegangen:
Ich muß Ihnen vor allem meinen Dank aussprechen im Namen meiner Gemeinde für die warnie Teilnahme an der Not Ihrer deutschen Brüder in Rußland. Als ich Ihr wertes Schreiben meiner Gemeinde vor laß, blieb kein Auge trocken und manches „Vergelts Gott" stieg schon im voraus gen Himmel. Die Not hier ist wirklich unbeschreiblich. X. ist eine Kolonie von beinahe 6000 Einwohner (männliche und weibliche Seelen), unter diesen sind wenigstens 1000 Seelen, die feit zwei Monaten kein Stückchen Brot mehr haben. Die Folgen davon sind schrecklich. Ich habe seif Januar schon über 200 Kinder beerdigt, ohne die Erwachsenen. Die Hilfe, welche die Regierung bietet, ist nichtssagend, obwohl eine unentgeltliche Küche von der Regierung eröffnet wurde, so werden darin nur 250 Personen täglich einmal mit Brot und Suppe gesättigt, über 500 - 600 sind ihren, Schicksale überlassen. Nachdem ich mich genau über die Notlage erkundigt habe, kann ich mit Bestimmtheit sagen, daß mit 1000 Rubel der größten Not abgeholfen werden könnte. Hierin sind natürlich nur diejenigen eingeschlossen die nicht arbeiten können, für die Arbeiter habe ich schon einigermaßen gesorgt. Die Regierung versprach mir für die Arbeiter 1500 Rubel, sodaß die meisten notleidenden Arbeiter versorgt sind. Es bekommt ein jeder Arbeiter 40