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mit amtlichem Kreisblatt.
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
«M 44, Samstag, den 1. Juni 1907. 58. Jahrgang.
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Deutsches Reich.
— Der Kaiser traf am Mittwoch früh auf dem Truppenübungsplatz Döberitz ein, wo die zweite Gardeinfanteriebrigade unter Führung des Kaisers eine Gefechtsübung gegen einen markierten Feind ausführte. Beiden Teilen war Kavallerie, Artillerie und eine Maschinengewehrabteilung beigegeben. Später hielt der Kaiser eine halbstündige Kritik ab, wonach ein größeres Gefecht begann, das bis 12 Uhr dauerte. Nach der Kritik und dem Vorbeimarsch der Truppen führte der Kaiser die Fahnenkompagnie in das Bllrackenlager zurück. Im Kasino des Lagers nahm der Kaiser an dem Frühstück des Offizierkorps teil. Die Kaiserin wohnte der Uebung zu Pferde bei. Anwesend waren außer höheren preußischen Militärs der österreichisch-ungarische Generalstabschef v. Hötzendorf und die Abordnung des spanischen Dragonerregiments Numaneia, dessen Chef der Kaiser ist.
— Im Beitein Sr. Majestät des Kaisers, der Prinzen des Kaiserlichen Hauses, mehrerer anderer Fürstlichkeiten, der höchsten militärischen Geistlichkeit, der kommandierenden Generäle, findet am 18. August in der Garnisonkirche zu Cassel die Nagelung und Weihe der 61 neuen Fahnen des VII. und X. Armeekorps statt. Die Feier wird mit einer Parade der Casseler Garnison verbunden sein. Die militärische Feier findet deshalb in den Mauern unserer Residenzstadt statt, weil sich zu dieser Zeit die Kaiserliche Familie in Wilhelmshöhe befindet. Auch die Kaiserin nebst Gefolge wird bei dem feierlichen Akt zugegangen sein.
— Der Landtag wählte in seiner Sitzung vom 28. Mai einstimmig den Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg zum Regenten des Herzogtums.
— Im April ds. Js. betrugen die Einnahmen aus den Zöllen 52 514 7 86 Mk. das ist 17 632 913 Mk. mehr als im Vorjahre. Von den neuen Steuern brachten ein: Schifffrachturkundenstempel, 0,00 Mk., Frachturkundenstempel 846 318 Mk. Personenfahrkarten 797 323 Mk., Steuerkarten für Kraftfahrzeuge 79 634 Mk., Vergümngen an Aufsichtsratsmitglieder usw. 957 271 Mk, Erbschaftssteuer 1216 928 Mk.
— Die Wertsteigerung städtischer Grundstücke geht auch aus folgendem hervor: In der Stadt Breslau ist vom Magistrat die Einführung der Wertzuwachssteuer beantragt worden. Der Vorlage war eine Begründung beigegeben, in der die interessante Tatsache zur Sprache gebracht wurde, daß der gemeine Wert der im alten Stadtgebiete liegenden Grundstücke von 480 Millionen Mark im Jahre 1885 auf 760 Mill.
Mark im Jahre 1895 und auf 1080 Millionen Mark im Jahre 1905 gestiegen ist. In den der schlesischen Hauptstadt neu einverleibten Vororten dürfte die Wertsteigerung eine noch erheblichere sein.
— Die Güterpreise in der Ostmark sind infolge des Ankaufs des ländlichen Besitzes durch die Anfied- lungskommission und die starke Konkurrenz, die in dieser Hinsicht von polnischer Seite aufgeboten wird, riesig gestiegen und haben sich in einigen Jahren fast verdoppelt, ja verdreifacht. So hatte der Gutsbesitzer Herzau vor Jahresfrist das 800 Morgen große Stadtgut Znin mit einem Reingewinn von nahezu 100 000 Mk. an die Ansiedlungskommission verkauft und das 500 Morgen große Heymannsche Gut Königlich Grochowiska für 200 000 Mk. gekauft. Jetzt schon hat er das gekaufte Gut für 253 000 Mk. an die Ansiedelungskommission wieder verkauft und somit in ungefähr einem Jahre etwa 153 000 Mk. verdient. Der Besitzer Frankenreuter hat vor drei Jahren sein 130 Morgen großes Bauerngut in Wiesen see für 34 000 Mk. gekauft und vor kurzer Zeit für 57 300 Mark verkauft. Dieselbe Wirtschaft hat vor ungefähr fünf bis sechs Jahren kaum die Hälfte des jetzigen Verkaufspreises gekostet.
— Die angebliche „Fleischuot" wird durch einen Artikel im „Bayerischen Vaterland" treffend beleuchtet, der „Die Bauern dürfen sich jetzt sicher nicht mehr be« klagen" überschrieben ist. Es heißt darin: „Zurzeit freilich ist es kein Luxus, wenn der Bauer für sein Haus ein Extraschwein abmurkst; denn die Schweinepreise sind so miserabel, daß es taum der Mühe wert ist, den Wockenmarkt damit zu befahren. Daß jedoch die Schweinefleischpreise in den Städten im Verhältnisse stehen würden zu diesen niederen Schweinepreisen, davon ist nichts bekannt. Daraus sehen die Städter wieder, daß nicht die Bauern, sondern — andere Leute die Fleischwucherer sind."
Ausland
— In Paris erstattete der Senator Duval, der von einer Studienreise nach Italien und der Schweiz zurückgekehrt ist, einen Bericht vor der aus Mitgliedern mehrerer Ministerien zusammengesetzten Kommission zur Prüfung der Frage der Erschließung von Zugangswegen nach Italien. Duval betonte die Notwendigkeit der Schaffung eines neuen Zuganges auf dem Wege des Gebirgsdurchstiches, und zwar am besten durch den Montblanc.
— Der ungarische Finanzminister hat dem Ab- geordnetenhause eine Krediivorlage in Höhe von 15,6 Millionen Kronen für Erweiterung der Staatseisenwerke zugehen lassen. Begründet wird die Vorlage mit dem Aufschwung der Eisenindustrie, so daß der Ueber- häufung von Aufträgen an Lokomotiven und Ernte« Maschinen nur durch Ausdehnung der Eisenwerke genügt werden könne.
— Im italienischen Parlament erklärte über den Ausstand der Arbeiter an den Hochöfen von Terni, der seit fast zwei Monaten dauert, Ministerpräsident Giolitti, die Regierung müsse absolute Neutralität wahren; die Ausständigen hätten 800 000 Lire Lohn eingebüßt, während sie eine Unterstützung erhalten hätten, die nur einen Lohn von vier Tagen ausmache; cr wünsche eine rasche Lösung des Konfliktes. Wenn die Arbeiter um die Intervention der Regierung nachsuchen werden, werde diese die Gesellschaft in Terni befragen, ob sie sie annehme. Die Regierung könne nicht mehr tun und werde nicht mehr tun.
— Aus Swatow in China treffen Berichte ein über den Ausbruch von Unruhen in Wongkong (Prä- sektur Tschin-Tchsiu). Die Ruhestörer sind teils aus dem Distrikt gebürtige, teils aus den benachbarten Provinzen stammende Leute. Alle bürgerlichen und militärischen Beamten sind ermordet, die Verwaltungsgebäude sind verbrannt. Der in Swatow stationierte Oberst und Admiral Li sind mit Truppen nach dem Schauplatze der Unruhen abgegangen. Die Polizei in Swatow hat alle Vorkehrungen getroffen, den Ausbruch von Unruhen in diesem Vertragshafen zu verhindern.
— Der Premierminister von Viktoria, Mr. Bent, der sich augenblicklich in England befindet, hat bei Gelegenheit der Feier des „Empire-Days" eine Aufsehen erregende Aeußerung getan. Er sagte in seiner Festrede: „Ich habe mich über die Versicherungen der Treue zum Reiche gefreut, die Botha geäußert hat, und ich hoffe, daß sie wahr sind. Ich verstehe, welche Gefühle England veranlaßten, ihn willkommen zu heißen, selbst nach dem Verluste so vieler Leben und so vielen Geldes in Südafrika. Wir wollen in meinem Lande dieses Zujubeln nicht nachmachen. Wir haben zu viele hölzerne Beine, zu viele hölzerne Arme und zu viele trauernde Witwen dort. Ich hoffe, daß Botha und seine Freunde in Zukunft ihr Wort halten und so treu zu dem Reiche stehen werden, wie wir in Australien."
— Aus Persien trifft die Nachricht ein, daß der Gouverneur von Luristen mehrere tausend Kurdenreiter
Die Komödiantin.
Roman von Oswald Benkendorf. 19
Da umfaßte er sie mit starkem Arme und flüsterte ihr ln» Ohr: „Du bist mein, mit Blut erkauft. Heute sind es vier Wochen, daß man Stefani Veuosta in seiner Pa- lazzina zu Tivoli tot gefunden, löse Dein Verhältnis zu Kurt, wenn Du nichteinen zweiten Mord auf Deine Seele laden tuinft 1"
Eine Tür wurde geöffnet, die Kammerfrau Lina, welche Konstanze beim Ankleiden behilflich war, mochte schon ungeduldig geworden sein.
Ernst faßte sich wunderbar schnell, indem er beiseite trat, sprach er, sich tief verneigend: „Gnädigste Komtesse, auf Wiedersehen bei Tisch 1"
Konstanze erwiderte nichts, das Herz klopfte ihr zum Zerspringen, Schwindel erfaßte sie, mechanisch machte sie noch einige Schritte, und als sie ihr Schlafgemach erreicht, dessen Tür Lina schon geöffnet, als sie Stimmen im Kor- ridor gehört, ließ sie sich in einen Sessel gleiten und die Sinne schwanden ihr.
Unter den Bemühungen der Kammerfrau schlug Kon- stanze bald wieder die Augen auf, aber sie klagte, daß sie sich sehr übel befände.
„Der schnelle Ritt, die Ungewohnheit dieses Vergnü- gens," sprach sie mit Aufregung, „entschuldigen Sie mich, liebe Fanstner; denn ich fühle mich außer stände, bei Tische zu erscheinen. Papa soll sich nicht ängstigen, ich bedarf nur der Ruhe, essen mag ich nicht."
Ganz bestürzt begab sich die alte Kammerfrau zur Gräfin Sidonie, um ihren Auftrag auszurichten. Diese lauschte aufmertfam dem Bericht und dachte bei sich, immer von der Annahme anLgehend, daß Knrt seine Brant hinanfbegleitet habe, das Brautpaar wird sich über irgend etwas gezankt haben, vielleicht eine kleine Eifersüchtelei !
Sidonie war daher sehr erstaunt, von dem erschreck- teu Kurt zu erfahren, daß Konstanze anscheinend in be
ster Gesundheit, ihn im Treppenhause schon verlassen habe, um sich schnell nmznUsiden.
Wer aber war der Mann gewesen, mit dem sie, trotz ihrer Eile, eine längere Unterredung gehabt, infolge deren Ohnmacht sie befallen? Die Kammerfrau zu befragen, das widerstand der Gräfin, obwohl Lina eine treue Person ivar, so sagte sie nach kurzem Nachdenken: „DaS kann nur der Kindler gewesen sein, eS hatte schon ettvas auf sich mit der „Fata Morgana" und Möllenhard muß mir helfen, es zu ergründen. Mein armer Junge, Gott behüte uns vor Unheil!"
Trotz der Selbstbeherrschung, die Wirte und Gäste sich auferlegten, war die Stimmung während der Mahlzeit eine sehr gedrückte.
Graf Erich machte Knrt Borwürfe über seinen Par- forceritt, die Gräfin war zerstreut und Kurt wendete stets das Haupt, wenn die Tür geöffnet ward, in der vergeblichen Hoffnung, Konstanze doch noch erscheinen zu sehen.
Nnr Kindler war lebhaft und witzig wie sonst und erbot sich später am Spieltische, für Kurt einzutreten.
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Indessen lag Konstanze in die Polster der Ottomane geschmiegt, mit schmerzendem Kopfe und pochendem Herzen, eine Beute peinvollster Vorstellungen. Wieder sah sie sich in dem halbdunklen Theatersaal, wohin sie den jungen Prinzen Veuosta bestellt, nachdem er ihr die Versicherung gegeben, daß er eine eheliche Verbindung plane.
Wohl hatte sie ihr Herz Ernst Kindler geschenkt, dessen blendende Erscheinung sie magnetisch angezogen, aber er selbst hatte ihr gestanden, daß einer Heirat mit ihm große Hindernisse entgegenständen, bestenfalls wäre sie die Gattin eines armen Offiziers geworden, der genötigt gewesen, seinen Abschied zn nehmen, um als verschuldeter Gutsbesitzer ein sorgenvolles Dasein zu führen.
Konstanze aber wollte reich und geehrt sei», wollte in Ueberslnß leben, in den Genüssen des Leben- schwelgen. Und Prinz Stefani, kaum zwanzigjährig, verwöhnt und
verehrt von der Mutter, die früh verwitwet, ihr Herz an den einzigen Sohn gehängt, war in der Lage, ihre kühnsten Zuknuftshoffnungen zu erfüllen. Da kam e» wenig in Betracht, daß die Persönlichkeit deS jungen Man- nes nicht bestechend, daß er stets kränklich und sehr lau- nisch war.
Nach kurzem Kampfe hatte Konstanze sich entschieden und sie war entschlossen, in aller Stille die Sache fest zu machen. Erst, wenn sie den Brautring am Finger und das schriftliche Heiratsversprechen in Händen hatte, wollte sie Fräulein Hagenbach Mitteilung von ihrer Verlobung machen ; denn sie war überzeugt, daß es für die Leiterinnen der Theaterschule ein empfindlicher Schlag sein würde, so plötzlich die beste Kraft, den Stern, zu verlieren, wel- cher die Blicke der Berliner Lebewelt auf deren Institut gezogen.
Vielleicht würden auch allerlei Intriguen gesponnen werben, um diese Verbindung zu hintertreiben, zudem Kindler nicht zu trauen war, er durfte darum nichts er- fahren.
Und gerade er wußte alles. Fast in dem Moment, wo Stefani ihr den Ring an den Finger gesteckt und ihr die Versicherung gegeben, daß er schon morgen nach Italien abreisen werde, um die Einwilligung seiner Mutter zur Heirat zu erlangen, war Kindler hinter einem Versatz- stück im Hintergründe vorgetreten, hatte ihr mit roher Gewalt den Ring vom Finger gerissen und denselben dem Prinzen vor die Füße werfend, hatte er Stefani einen törichten Knaben genannt, der zu früh der Schulbank entlaufen sei.
Diese beleidigenden Worte, das Hohngelächter Ernsts, hatten das Blut des schmächtigen Jünglings jäh zum Sieben gebracht, sich ganz plötzlich auf den Nebenbuhler stürzend, hatte er ihm einen Faustschlag versetzt.
Konstanzes Schreckensrnf hatte Seute herbeigerufen, Fräulein Agathe Hagenbach, die Lampe in der Rechlen, betrat den Saal. . , 139,18