Einzelbild herunterladen
 

WichternerMun g

mit amtlichem Kreisblatt

Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

«Ä£ 42. Samstags den 25. Mai 1907. 58. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Der Kaiser, die Kaiserin, der Kronprinz und seine Brüder sowie andere Prinzen, die Kronprinzessin, die Kabinettschefs, die Generalität, die Militärbevoll­mächtigten, die sremdherrlichen Offiziere u. A. in. haben trotz Regens am 2. Psingstseiertage in Potsdam dem Stiftungsfeste des Lehr-Jnfanterie-Bataillons bei­gewohnt. Dienstag reiste der Kaiser nach Kabinen ab und traf am Mittwoch auf seiner westpreußischen Guts­herrschaft Kabinen ein. Auf der Fahrt dorthin machte der Monarch am Dienstag nachmittag in Briesen und Altmadlitz halt, um dort zu jagen. Der Aufenthalt in Kadinen dauert etwa zwei Tage.

Zur ersten Wiederkehr des Tages, an dem der Kaiser Großvater wurde, 4. Juli, hat ein Berliner- Bürger der dortigen Waisenverwaltung zehn Sparkassen­bücher zu je 100 Mk. für zehn Waisenkinder zur Ver­fügung gestellt.

Nach demD. Offizierbl." sollen demnächst neue Maschinengewehre, die besonders für die Infanterie bestimmt sind, eingeführt werden. Vorläufig zur Probe bei einigen Truppenteilen, und zwar unter Zuteilung von je einer Sektion auf das Bataillon. Es handelt sich dabei um Versuche neuer Einrichtungen, die von denen der bestehenden Maschinengewehrabteilungen ver­schieden sind. Während bei den letzteren das Maschinen­gewehr von vier Pferden gezogen wird^ die vom Sattel aus gelenkt werden, soll das neue Maschinengewehr nur von zwei Pferden bewegt und vom Bock aus ge­fahren werden.

Dem preußischen Abgeordnetenhause ist ein Gesetzentwurf zugegangen, durch den die Staatsregierung ermächtigt wird, für den Erwerb von Grundstücken, die am Schiffahrtskanal RheinWeser einschließlich der Kanalisierung der Lippe und den Nebenanlagen sowie dem auszubauenden Teil des Dortmund - Ems-Kanals über den dauernden Bedarf hinaus zur Erreichung der mit dem Unternehmen in Verbindung stehenden, auf das öffentliche Wohl gerichteten staatlichen Zwecke er­forderlich sind, außer den im Wasserstraßengesetz be­willigten Mitteln noch 16 Millionen Mark zu ver­wenden.

Ein Gnadengeschenk von 6000 Mark hat der Klempnermeister Pohl aus Birnbaum, der bei der Ausführung der Klempnerarbeiten beim Eisenbahnwerk- stättenbau in .Schneidemühl infolge Unterbietens im Subniissionsverfahren sein Vermögen einbüßte, auf sein Gnadengesuch hin vom Kaiser erhalten. Infolge

Die Komödiantin.

Roman von Oswald Benkeudorf. 17

Eine schwüle Pause folgte, die erst unterbrochen wurde, als Verdi in schmeichelndem Tone sagte:Meine Schwe- ster sei gut, ich hab' ja wenig genug von Dir gewußt, trieb mich immer auf Kunstreiseu in der Welt herum, und als ich mal heim kam, warst Du mit der deutschen Ko- müdiantin fortgezogen, die Dich ins Herz geschlossen. Dann haben mir uns wieder jahrelang nicht gesehen, keius wußte von dem anderen, und als ich auf einer Kunstreise nach Benezia kam, war unsere Mutter längst begraben und Dich fand ich mit dem kleinen Mädel nach langem Su­chen auf. Ich hab' Koustanze immer für Deine Tochter gehalten."

Sie war mir auch teuer wie eine solche," warf Vera düster ein,nun, ich habe ja auch großen Dank geerntet, für meine jahrelangen Mühen und Sorgen," setzte sie bit­ter hinzu.

Deine Schuld, Schwester, Du hättest eben das Geld von dem Deutschen auuehmeu sollen, mag ein nettesSümm- cheu gewesen sein."

So, nach all' den Vorwürfen, die er mit gemacht, hätte ich auch »och den Schimpf erdulden sollen, Zah­lung für Kost und Kleidung des Mädchens zu nehmen! Damit die Komtesse Wilmenau nicht zu erröten braucht, daß sie unter dem niederen Dache der Vera Tmuelli ge­schlafen und deren bißchen Armut geteilt, deshalb warf der Graf mir das Geld hin, nicht aus Dankbarkeit, daß ich ihm ein schönes, gesundes und gut erzogene» Mäd­chen als feine Tochter übergeben. Er hätte wohl eine andere Weife finden können, mir feine Dankbarkeit zn bezeigen."

Na, Du solltest doch Iviffen, daß die großen Her­ren ihre eigene Art haben, die unsereiner ertragen muß, vorausgesetzt, daß sie gut zahlen. Aber da» wird sich noch alles nachholen lassen, wenn Du nur vernünftig sein willst, Schwester, ich habe da einen vortrefflichen Plan ..."

dieses Falles ordnet nunmehr ein Ministerialerlaß an, daß Preisangebote, zu denen nach Ansicht der Behörden die geforderten Arbeiten unausführbar sind, bei Aus­schreibungen unberücksichtigt zu bleiben haben.

Das Fazit des polnischen SchnIstreiks zieht das PolenblattDziennik Poznanski", indem es mitteilt, daß wegen des Schulstreiks in Posen und Westpreußen 35 Geistliche zu 20 Monaten Gefängnis und 6350 Mk. Geldstrafe, Redakteure zu 45 Monaten Gefängnis und 16 540 Mark Geldstrafe, Privatpersonen zu 66 Monaten Gefängnis und 18 000 Mark Geldstrafe verurteilt worden sind.

Ueber die polnische Gefahr in der Mark Branden­burg wird aus Senftenberg geschrieben: Kardinal- Erzbischof v. Kopp aus Breslau traf hier zur Firmung ein. Bei seiner Ankunft wurde er von den städtischen Behörden offiziell empfangen und begab sich dann zur katholischen Kirche, welche eine reiche Dekoration in päpstlichen und nationalpolnischen Farben erhalten hatte. Es wird hier, mitten in der Mark Brandenburg, fast nur noch polnisch gepredigt. Die Geistlichkeit beherrscht zum Teil nicht einmal die deutsche Sprache völlig. Die großpolnische Agitation ist unter der Aegide der katholischen Geistlichkeit eifrig an der Arbeit, und das Produkt dieser Tätigkeit, eine große Anzahl polnischer Vereine, war bei dem Empfange des Kardinals mit ihren Fahnen und mit dem weißen Falken (Sokol) im Knopfloch erschienen. Das ist wieder eine ernste Mahnung, dem immer dreister werdenden Vordringen des Polentums selbst in urdeutsche Landesteile mit allen zulässigen Mitteln entgegenzutreten.

Ausland

Zu den Wahlen in Oesterreich verlautet in unterrichteten Kreisen, Kaiser Franz Josef sei von den Wahlergebnissen und namentlich von dem starken An­wachsen der sozialdemokratischen Mandate unliebsam überrascht, da die Informationen, die der Kaiser von der Regierung erhalten habe, anders gelautet hätten. Er habe sein Befremden über den Ausgang der Wahlen wiederholt ausgedrückt und das sei auch die Ursache der angestrengten Bemühungen des Ministerpräsidenten Frhrn. v. Beck, für die Stichwahlen einen Zusammen­schluß aller bürgerlichen Parteien gegen die Sozial- demokratien herbeizuführen.

In Madrid hat die Taufe ves Prinzen von Asturien nach dem festgesetzten Zeremoniell stattgefunden. Im Taufzuge schritten vor dem Täufling die spanischen

Laß hören," sagte Vera, den Bruder mißtrauisch be­trachtend.

Du kannst ganz recht haben, wenn Du meinst, daß Briefe, von Dir an Koustanze oder deren Vater gerich­tet, nicht beantwortet tvürden, die Leute sind stolz und mögen nicht an die Vergangenheit erinnert werden. Man muß ihnen nur zeigen, daß diese Vergangenheit nicht abgetan ist, wie ein altes Gewandstück. Unerwartet muß man ihnen entgegentreten, ihnen angst machen, daß ein Geklätsch entsteht über die Beziehungen der Kontessina zu den Saltimbanchi, das wird ziehen, und deshalb will ich mit meiner Gesellschaft eine Kunstreise unternehmen nach Deutschland, hab' das schon lange gewollt. In Wil- menan und Umgegend wird auch Rast gehalten, dann wird sich's zeigen, ob der deutsche Graf den Säckel nicht weit aufmacheu wird, um die welschen Künstler loS zu werden, meiner Treu."

Verdi Toruelli hatte eine heftige Entgegnung erwar­tet und war daher erstaunt, daß die Schwester in Ge­danken versunken, still vor sich hinblickte.

Endlich erhob sie den Kopf:Darüber ließe sich re- den," sagte sie bedächtig.

Lebhaft erhob sich der Bruder:So läßt Du mir doch einmal Gerechtigkeit widerfahren, nicht wahr, ein feines Pläuchen?"

Vielleicht begleite ich Euch," warf sie hin.

Bei Bacchus," rief er verblüfft.

Noch ist nichts ausgemacht," sprach sie, sogleich wie­der in ihrer gewöhnlichen, verschlossenen Weise,es war nur so ein Einfall. Hier nage ich am Hungertuche, habe den bösen Winter vor mir, luo die Stuben leer stehen, wenn ich mit Euch ziehe, kann ich mir mindestens mein Brot mit Kartenlegen verdienen. Meinetwegen kannst Du nuch auch für eine Zigeunerin ausgeben, mir ist schon alles eins," setzte sie finster hinzu.

Platz wird noch sein im Wagen," meinte er. mit

Kardinäle, die Jnfanten Alfons von Bourbon, Alfons von Orleans und Carl von Bourbon, hinter dem Täuflinge folgten König Alfons, Erzherzog Eugen von Oesterreich, der Herzog von Oporto, der Herzog von Connaught und Prinz Friedrich Leopold von Preußen ; sodann die Jnfantinnen Eulalia uud Jsabella, die Prinzessin Beatrice van Battenberg, die Prinzen Rainer und Philipp, die Hofchargen u. s. w. Nach Beendigung der Taufzeremonie bekleidete der König den Täufling mit den Jnsignien der Orden vom Goldenen Vließ, Karls V. und Jfabellas der Katholischen.

Der spanische Ministerpräsident hat ein Dekret unterzeichnen lassen, das eine höhere Behörde für Produktion und Handel schafft. Die Aufgabe dieser Behörde wird sein, die wirtschaftlichen und kaufmännischen Kräfte des Landes zu organisieren, die damit zusammen- hängenden Probleme zu studieren und die zu ihrer Entwickelung geeigneten Mittel vorzuschlagen.

Aus halbamtlicher Quelle verlautet, die belgische Regierung habe im Einvernehmen mit dem König eine Gesetzvorlage wegen der Uebernahme des Kongostaates ausgearbeitet und werde sie demnächst bei der Kammer- einbringen.

Eine bulgarische Bande von 80 Mann brach in die Ortschaft Batsch bei Monastir ein, um sie zu zwingen, das Exarchat anzuerkennen. Eine rechtzeitig benachrichtigte griechische Bande legte den Bulgaren einen Hinterhalt und tötete 25 Mann. Der Rest floh in die Ebene von Kensli und wurde dort durch Militär zersprengt.

In Täbr.s in Persien sind bedeutende Unruhen ausgebrochen. Mitglieder des örtlichen Rats und der Geistlichkeit, denen eine große Volksmenge voranzog, besetzten das Telegraphenamt und verlangten Bestätigung der Grundgesetze durch den Schah. Die Bevölkerung von Täbris forderte diejenige andererjStädte auf, diese Forderung telegraphisch zu unterstützen. Die Basare wurden geschloffen, ähnliche Unruhen fanden auch in Rescht, Kermanschah und Schiras, wo der Gouverneur an geweihter Stätte Zuflucht suchen mußte, statt. In Teheran wurde der frühere Minister für Zölle und Post, Raus, ein belgischer Untertan, von einem Hausen angehalten, der von ihm Geld verlangte. Raus, der Drohbriefe erhalten hat, wird von einer persischen Wache beschützt.

Ein jösterreichisch-bulgarischer Handelsvertrag befindet sich in Vorbereitung. Wie diePolitische Korrespondenz" erfährt, begab sich der Wiener diplo- BM**l,l,MIMI,laal"M>*,W|WM der Hand durch die Locken fahrend,Du mußt Dich eben mit dem Guido und der Melitta hübsch vertragen, dann wird sich die Sache machen lassen."

Schon gut, ich werd' es mir überlegen. Gleich könnte ich ohnedies nicht mit, denn ich kann doch das Haus nicht leer stehen lassen und dabei Zins zahlen. Wenn ich es an eine respektable Familie vermietet habe, komme ich nach, schreibe mir immer ein paar Zeilen, wenn Ihr Euch längerem einem Orte aufhaltet. Wenn ich Geld in der Hand habe, für den HauSzinS, kann ich mit der Bahn Such nach­fahren."

Wir gehen nach Trevifo und werden dann in Udine längere Rast halten, in kleinen Tagereisen geht'» dann weiter durchs Oesterreichische, ich weiß überall Bescheid und hoffe auf gute Geschäfte, ein Glück ist'S, daß Ma- rina, der gelehrte Esel, mit dem Leben davongekommen ist, der zieht!"

Verdi Tornelli erhob sich und reckte die schlanken Glie­der, den Kopf stolz zurückgeworfen, war er ganz wie­der der Direktor des berühmten Zirkus Rudini.

Die Flasche war geleert, eS war eben nicht zu viel darin gewesen, das mehr als einfache Mahl hatte er allein verzehrt, er schien vergessen zu haben, daß er die Schwester hatte in die Wirtschaft führen wollen, und reichte ihr jetzt zum Abschied die Hand.Addio, ich muß mit dem letzten Zuge »ach Mestre; denn morgen in aller Frühe brechen wir auf. Auf Wiedersehen, meine Schwe­ster."

Sie nickte stumm, dann als die Haustür sich hinter ihm geschlossen, räumte sie geschäftig das Gerät von dem Tische, dessen Platte sie gleich darauf mit den bunten Blättern eines abgegriffenen Kartenspiels bedeckte, in dessen Betrachtung sie sich vertiefte. Es war nicht das erste Mal in ihrem Leben, daß Vera Tornelli mit leerem Ma­gen ihr dürftiges Lager aufgesucht.

* « * < < 139,18