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mit amtlichem Kreisblatt

Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Samstag, den 18. Mai 1907.

58. Jahrgang.

«H Pfingsten.

Nach Sturm und Drang die goldene Sonne, Und Helles Licht nach finstrer Nacht, Da durch des Schöpfers Güte wieder Der Lenz die Eide jung gemacht.

Da nun in Wäldern, Flur und Hainen Ein Blühn und Grünen weit und breit Am lieblichsten der hehren Feste, Zur frohen, sel'gen Pfingstenzeit.

Der Liebe gelt der Welt Frohlocken, Der Wahrheit, die dK Heil'ge Geist Durch schlichte Männer aus dem Volke In vielberedten Sprachen preist.

Nur ihrer Kunden gilts zu lauschen, Und zu verbannen Haß und Streit, Da uns der Helfer ist erschienen Zur frohen, sel'gen Pfingstenzeit.

Werft von Euch Sorgen, Gram und Bürden, Vergeht des Alltags Not und Pein

Und laßt uns All' begeisterungsfreudig

In Liebe Gottes Kinder sein.

Für Edles laßt und alles Gute

Uns kämpsen, frei von Scheel' und Neid,

Da wird für alle Well zum Segen Die frohe sel'ge Pfingstenzeit.

Und wie dem Volk mit Flanimenzungen

Die Schar des Herrn die Wege weist, So laß auch Du zu großen Taten Entflammen Dich vom heil'gen Geist. Sie Wald und Hain im Lenzesschmucke,

In Pracht und Maienherrlichkeit:

Ein Jünger werd' voll Gül' und Gnade

Zur frohen sel'gen Pfingstenzeit. M. Lg.

Pfingsten.

Das Fest der Maien ist wieder da und freudigen, dankbaren Herzens heißen wir es willkommen. Ein Doppelfest ist es: eine kirchliche Feier der Ausgießung des heiligen Geistes und ein Fest der Freude und des Dankes ob all der Pracht und Herrlichkeit, die aus­gegossen liegt über Flur und Wald und die in unsere Herzen neues Hoffen und neue Zuversicht hineinzaubert, die uns neue Kraft verleiht zu den Kämpfen und Mühen, die das Leben uns auferlegt. Wie die Birke, der Pfingstbaum, ihr grünes Gezweig entfaltet und unsere Häuser dem Pfingstfest zu frohem Willkommen schmückt, so grüßen Millionen von Blumen und Blüten,

grüßen die Glocken in feierlichen Klängen und der Jubel der gefiederten Säuger das lieblichste der Feste, das selige, fröhliche, gnadenbringende Pfingsten. Unser Blick, verklärt durch diesen Abglanz himmlicher Herr­lichkeit, die über der Natur liegt, schaut zurück, Jahr­tausende zurück auf jenes erste Pfingsten, da nach der Auferstehung und Himmelfahrt des Welterlösers der heilige Geist ausgegossen ward über die kleine Schar der Jünger Jesu, jene schlichten Männer aus dem Volke, so' daß sie, von hehrer Begeisterung erfaßt, in sterben Zungen die großen Taten Gottes verkündigten. Und im Gedenken an dieses erste christliche Psingstsest sollenauchwir uns vom heiligen Geiste erfüllen und für alles Wahre, Gute und Schöne begeistern lassen, auf daß an Stelle des Hasses und Neides, der Zwietracht und des Kampfes Liebe, Güte und Gerechtigkeit, Freude und Friede trete. Bedarf dieser letzteren Güter unser Volk, bebarf' sie bie ganze Menschheit ja so sehr! Ein herr­lich Pfingsten würde dann ihnen tagen, wollten die Völker der Erde sich an solch heiliger Feier die Hände reichen zu friedlichem, einträchtigen Zusammenleben, eingedenk, daß Streit und Unfriede verzehren und nur Friede und Einigkeit auf immer bestehen bleiben. Und was von den Völkern als solchen gilt, das gilt von allen Ständen unter ihnen, von den hohen, wie den niedrigen. Auch sie sollen voll des heiligen Geistes werden, damit die Kluft sich Überdrücke, die in sozialer Beziehung zwischen ihnen liegt, vergrößert noch durch gewissenlose Hetzer, damit in allen Berufsklassen, in Gemeinde und Haus wieder mehr Glauben, Liebe und Treue zu finden sei. Pfingsten ist ein Fest der Hoffnung und freudiger Zuversicht, und so vertrauen wir, daß die siegreiche Kraft des Christentums uns auch dahin führen, daß sie so wie heute im Maien- glänz und Blütenschmuck der Welt und allen Völkern dereinst ein großes Pfingsten bescheeren wird, da dann die Zeit herbeigekommen, wo alle Bewohner des Erd­kreises die neue Sprache des ewigen Lebens verstehen und alle Zungen bekennen, daß Jesus Christus der Herr sei zur Ehre Gottes des Vaters._______________

Deutsches Reich.

Der Kaiser nahm am vergangenen Dienstag vormittag auf dem Kurhausplatz in Wiesbaden die Parade über das Füsilierregiment von Gersoorff, die zweite Abteilung des 27. Feldartillerieregiments und die Unteroffizierschule von Viberich ab. Zur Früh, stückstafel waren eine Anzahl Einladungen ergangen.

Der Kaiser trifft, wie nunmehr feststeht, am

22. d. M., vormittags 10 Uhr, auf .seiner Gutsherr­schaft Cadinen ein, um dort mehrere Tage Aufenthalt zu nehmen.

Der Reichstag genehmigte am vergangenen Sonnabend debaltelos in zwei Lesungen ein Zusatz- abkommen zum Weltpostvertrag sowie in dritter Lesung die neue Urheberkonvention mit Frankreich und beriet dann die Doppelinterpellation wegen der Grubenkata- strophen in Lothringen. Staatssekretär Graf Posadowsky stellte in seiner ausführlichen Antwort fest, daß eine nachlässige Handhabung reichsgesetzlicher Vorschriften nicht die Schuld an den Katastrophen trägt. Zwei Regierungskommissare übernahmen dann noch die aus­führliche Darstellung der in Betracht kommenden Ver­hältnisse. An der Besprechung der Interpellation, die im übrigen ohne besonderes Interesse verlief, beteiligten sich die Abgeordneten Dr. Will (Z), Haußmann (natl.), Hennig (kons.), Behrens (christlichsoz.) und Gyßling (fr. Vp.) Am vergangenen Montag wurden der neue Weltpostvertrag sowie einige andere internationale Verträge verabschiedet und in zweiter Lesung das Handels­provisorium mit den Vereinigten Staaten angenommen, für das die Vertreter aller Parteien in der Hoffnung eintraten, die deutschen Interessen in dem demnächst abzuschließenden definitiven Vertrage besser gewahrt zu sehen. Die Gesetze betreffend die Erhöhung der Be­amten- und Hinterbliebenenpensionen wurden nach kurzer Debatte einstimmig angenommen, ebenso eine Resolution auf Schaffung eines neuen Reichsbeamtengesetzes. In der folgenden Generaldiskusfion zum Etat griff der Abg. Bebel (Soz.) den Reichskanzler in längerer Rede heftig an. In der Spezialdiskussion wurde der Etat für den Reichstag ohne Debatte genehmigt und zum Schluß auch der Etat für den Reichskanzler und die Reichs­kanzlei.

Das preußische Herrenhaus beendigte am ver­gangenen Sonnabend die Etatsberatung. Ministerial­direktor D. Schwartzkopff erklärte auf die Anregungen des Generalfeldmarschalls Grasen Haeseler vom Freitag auf Verlängerung der Schulpflicht und Ausdehnung des obligatorischen Fortbildungsschulunterrichts, daß der Ausdehnung der Schulpflicht erhebliche Bedenken ent- gegenstehen. Abg. v. Koscielski (Pole) bestritt, daß der polnische Schulstreik auf eine einheitliche große Agitation der Polen zurückzuführen sei, aber Kultus­minister Dr. v. Studt wies schlagend nach, daß diese Ableugnnng völlig unzutreffend sei. Nach der Erledigung der Etatsberatung wurden das Richterbesoldungsgesetz, das Sekundäcbahngesetz die Wegeordnung für Posen,

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Die Komödiantin.

Roman von Oswald Benkendorf. 14

Er überschüttete Konstanze mit kostbaren Geschenken, mit Aufmerksamkeiten aller Art, und lueim das Verhält­nis zwischen Vater und Tochter nicht jenen innigen, zärt- lieben Anstrich hatte, wie daS meist der Fall zu sein pflegt, so lag daS in Konstanzes Wesen, daS bei all seiner Leiden- schasrlichkeit nichts Hingebendes, AnschmiegendeS besaß.

Auch Graf Wilmenan war eine kühle, zurückhaltende Natur, strenge gegen sich selbst, unnachsichtlich gegen an­dere, so meinte er, daß Konstanze den Stolz und die kühle Zurückhaltung von ihm geerbt hatte.

Sidonie Beutheim hatte der spät gefundenen Nichte echt mütterliches Wohlwollen entgegeugebracht, ging doch auch sie von der Annahme a»S, die Waise soviel wie möglich die Jahre der Entbehrung vergessen z» mache». Bald kam noch eine andere Erwägnng dazu.

Kurt, welcher früher stillschweigend den Plan der Mutter, eine Verbindung mit Franziska betreffend, ge­billigt und große Zuneigung zu der jungen Verwandten gefaßt hatte, neigte sich jetzt plötzlich Konstanze zu, und zwar fürchtete die besorgte Mutter, daß es sich diesmal um eine tiefe, leidenschaftliche Liebe handle.

War beut so, dann konnte bei Kurts eigenartiger Na­tur, bei der verhängnisvollen Erbschaft des Blutes im Geschlecht der Beutheim, diese Neigung ihm verderblich werden, zumal, wenn Konstanze dieselbe nicht erwiderte.

Wie eS darum stand, hatte Sidonie »och nicht zu er­gründen vermocht. Der Egoismus ihrer Mutterliebe ließ die Gräfin wünschen, daß Konstanze sich KurtS Liebes- werben geneigt zeige, Franziska mußte natürlich entsagen.

Doch wenn Sidonie dabei FraiiziSkaS nur mit jenem Bedauern gedachte, welches uns das Scheitern eines Lieb- lingsplaneS verursacht, so trug dazu auch daS verschlos­sene Wesen des jungen Mädchens bei.

Nie hatte Franziska die tiefe, ihr ganzes Sein er­hellende Liebe für Kurt offen gezeigt, im Gegenteil, mit

jener herben Jungfräulichkeit, die ihr eigen, hatte sie das Gefühl im Herzen verschlossen und nicht einmal der Mut­ter deS geliebten Mannes ihr geheimes Fühlen offenbart.

AlS nun gar die Fremde in den Kreis ihres Lebens getreten, als deren berückende Schönheit den leichten Sieg über deS ernsten Kurts Herz errungen, da verbarg Fran­ziska ihr Leid, die bittere Enttäuschung, noch ängstlicher vor der Menschen Blicke». Sie duldete still, und nur ihre bleicher gewordenen Wange», der trüb verschleierte Blick ihrer seelenvollen A»ge», ließen eS ahnen, daß sie leide.

Doch niemand hatte so recht Muße, darauf zu achten, waren sie doch alle zu sehr mit bett eigenen Angelegen­heiten, den Sorgen, Freuden und Zükniiftspläuen be­schäftigt.

Der einzige, welcher unbefangen beobachtet und tiefer geblickt haben würde, Dietrich Möllenhard, hatte bereits seit Wochen das Schloß verlassen.

Konstanze und Franziska waren in ihrem Fühlen und Denken zu grundverschieden, als daß sie sich hätten freund- schastlich nahe treten können. Ihr Verkehr war ein freund­licher, doch ohne jede Herzlichkeit; auch war jene Ver­traulichkeit ausgeschlossen, wie sie gewöhnlich zwischen jun­gen Mädchen besteht, die in so nahen Beziehungen zu einander stehen.

Mit naivem Erstaunen hatte Konstanze anfänglich das Tun und die Weise der Base beobachtet, deren Fleiß und stetes Bemühe», Behage» um sich zu verbreite», allen dienstbar und gefällig zn sein.

Auch sie war ja arm und abhängig gewesen, doch hatte sie stets nur widerwillig häusliche Pflichten erfüllt. Jetzt meinte sie, das sei die Art deutscher Frauen und gereiche der einzelnen nicht eben zu großem Lobe, am wenig­sten hatte sie Lust, Franziska» Beispiel nachzuahme».

Geradezu verhaßt waren ihr die feinen Nadelarbei- te», welche die Base fertigte. KonstauzeS schöne Hände schiene» nur gewandt im Fächerspiel, und als dies einst Sidonie Bentheim rügte, hatte Kurt sogleich die Ver- teibigung der Abwesenden übernommen, indem er sagte:

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»Ich mag mir Konstanze ebensowenig mit einem Strick- zeug in der Hand vorstellen, als die Liebesgöttin. Auch das Schöne hat seine Berechtigung unb hohe Bedeutung int Leben Wie die Sonne belebt unb erfreut, so beglück: und erhebt der schöne Schein daS Mädchenherz, veredelt doch der Kultus deS Schönen die Sitten, erweitert bett Blick, vermehrt der Menschheit seelische Bedürfnisse."

Franziska hatte unwillkürlich die Lippen zu einer Ent- gegumig geöffnet, sie wollte den geliebten Freund auf die Gefahren aufmertfam mache», die solcher Götzendienst einem gläubigen Christenherze» bringen könne, aber sie schwieg aus Furcht, ihre Absicht sönne mißdeutet werden. In Wirklichkeit war kleinlicher Neid ihrer Seele fremd, und ihr ernster Sinn hatte in Ergebung und Selbstüber­windung Trost gesucht und gefunden. Der schöne Schein, der Kurt jetzt so entzückte, er war nicht die Leuchte, welche, der Verheißung nach, dem Gläubigen den Pfad durch die Finsternisse erhellen sollte.

Konstanze war übrigens weit entfernt davon, den Kampf zu ahnen, welchen sie im Herzen des entsagenden Mädchens entfacht. Die klösterlich erzogene Franziska hatte wohl nie der Liebe Raum gegeben und in Znkunftshoff- Hangen geschwelgt! Sie ward von ihr mit kühler Ar- tigkeit behandelt, damit die arme Verwandte sich nicht zurückgesetzt fühlen möge. Daß Franziska sich feit Jahren als die Braut Kurts betrachtet, daß sie berechtigt gewe­sen, sich als die künftige Herrin auf Wilnieuan aiizuse- hen, davon hatte Konstanze keine Ahnung. 139,18

Und liebte sie denn Kurt Bentheim? Wenn man sie daS gefragt, so würde sie lächelnd die schönen Schultern gezuckt und in ihrer sorglosen Weise erwidert haben: ich weiß es nicht, und dies wäre vielleicht Wahrheit gewesen.

Hatte sie doch schon zweimal zu lieben vermeint und sich getäuscht, was die Stärke ihres Empfindens betraf. Vielleicht vermochte sie gar nicht aufzugehen in einem mächtigen Gefühl, sich einem anderen Sein selbstlos hin- zugeben, sie, die schöne Konstanze, die im letzten Jahre von der Mäunerivelt beluunbert, geliebt, begehrt worden war.