mit amtlichem Kreisblatt.
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.
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Zur Durchführung der Berufs- und Betriests- stihlnug.
Bei der allgemeinen Berufs- und Belriebszählung am 12. Juni d. Js-, die alle bisherigen Erhebungen in der deutschen Statistik an Umfang übertreffen wird, sollen die Zähler soweit als möglich freiwillig Mitwirken. Es wird erwartet, daß eine hinreichende Zahl derselben aus dem gebildeten Teil der Bevölkerung gewonnen werden kann, denn das Zählgeschäft verlangt erhebliches Verständnis. Um die Opferwilligkeit der Zähler nicht allzusehr anzuspannen, sollen dem einzelnen in der Regel nicht mehr als 50 Haushaltungen zur Zahlung überwiesen werden. Die Anwerbung und Unterweisung der Zähler erfolgt durch die Gemeindebehörden, die besondere Zählungsausschüsse bilden. Die Zähler walten ihres Amtes ehrenamtlich. Die Männer, die an diesem gemeinnützigen Unternehmen mitwirken, dienen dem öffentlichen Interesse, indem sie für die Erfüllung der Wirtschafts- und sozialpolitischen Ausgaben unserer Zeit neue zuverlässige Nachrichten schaffen.
— Die Zählpapiere, die von den Zählern verteilt werden, sind: 1. eine Haushaltungsliste für jede Haushaltung, 2. eine Land- und Forstwirtschaftskarte für jeden land- oder forstwirtschaftlichen Betrieb und 3. ein Gewerbebogen für größere, ein Gewerbeformular für kleinere gewerbliche Betriebe.
Die Papiermasfe, die hierfür gebraucht wird, wird etwa 500 000 kg wiegen und muß von den verschiedenen Statistischen Aemtern über das Reich verteilt werden. Zu ihrer Beförderung werden 50 Eisenbahnwagen zu 10 ts oder zwei Eisenbahngüterzüge nötig sein. Wegen der Austeilung, Einsammlung und Prüfung der Zählpapiere erhält der Zähler eine Anweisung, die ihn auf die Bedeutung und richtige Ausführung seiner Geschäfte aufmerksam macht. ___________________________
Deutsches Reich.
— Kaiser Wilhelm, der sich für seinen neuen Besitz, das Achilleion auf Korfu, lebhaft interessiert, hat in letzter Zeit mit Persönlichkeiten seiner Umgebung, u. a. mit dem Fürsten Bülow und dem Staatssekretär von Tschirschky wiederholt davon gesprochen. Von einer Absicht, das Heinedenkmal zu entfernen, hat der Kaiser, wie der „Berl. Ztg." von informierter Seite mitgeteilt wird, in diesen Gesprächen nichts verlauten lassen.
— Der Kronprinz reiste am vergangenen Freitag abend nach Düsseldorf ab. Am Sonnabend wohnte er der Eröffnung der Ausstellung bei und wird einige Tage in Düsseldorf bleiben.
Mittwoch, den 15. Mai
— König Friedrich August von Sachsen erlitt nach einer Meldung des Leipziger Tageblattes aus Oschatz bei der Besichtigung einiger Schwadronen des dortigen Ulaneu-Regiments einen leichten Unfall dadurch, daß sein Pferd unerwartet ausbrach. Der König kam zu Fall, erlitt jedoch keinen Schaden und konnte die Besichtigung fortsetzen.
— Die „N. Fr Pr." meldet, daß Prinz Moritz von Sachsen-Altenburg infolge Erkältung erkrankt ist. Der Zustand hat sich am Freitag verschlimmert. Die Aerzte konstatierten eine beginnende Lungenentzündung.
— Geheimer Justizrat Professor Lörsch in Bonn, einer der Universitätslehrer des Kaisers, wurde von einem Schlaganfall getroffen und sofort getötet.
— Der Geheime Finanzrat und Vortragende Rat im Finanzministerium v. Baumbach (früher Landrat in Gelnhausen) ist zum Geheime» Oberfinanzrat ernannt worden.
— Der Reichstag erledigte am vergangenen Mittwoch zunächst den Etat des Reichsschatzamtes und be- handelte in Kürze die zahlreichen Resolutionen zu den Zöllen, Steuern und Gebühren, deren Beratung auf den Herbst verschoben wurde. Dann folgte die zweite Lesung des Etats für Südwestafrika. Graf Hompesch (3) verlas im Namen seiner Partei eine Erklärung, daß sich das Zentrum der Abstimmung enthalten werde. Nach kurzer Debatte wurde der Etat bewilligt, ebenso debattelos der Etat für die Karolinen- und Marschallinseln. — Am vergangenen Freitag wurden zur Entschädigung für die südwestafrikanischen Farmer weitere 5 Millionen Mark ä fonds perdu bewilligt, nachdem sich nur der Abg. Gröber (Z.) gegen die Bewilligung einer jeden Entschädigung ausgesprochen hatte. Mit der fast debattelosen Bewilligung des Etats des Reichstages und der Reichsbank wurde sodann die zweite Etatslesung beendet.
— Das preußische Herrenhaus setzte am vergangenen Mittwoch die zweite Etatsberatung fort. Justizminister Dr. Beseler kündigte an, daß 1908 dem Reichstage ein Entwurf über das gesamte amtsrichterliche Verfahren vorgelegt würde. Professor Dr. Dernburg empfahl das Festhalten der Grundsätze unseres Justizwesens. Graf Zieten-Schwerin begrüßte den Antrag betreffs baldiger Verschärfung der Strafbestimmungen und Aenderung des Verfahrens für ehrenrührige Beleidigungen. Graf Praschma ging auf die Duellfrage ein. Der Justizminister erklärte, durch Strafen sei der Duell» zwang nicht zu brechen- Graf Schulenburg-Grünthal meinte, gewisse Arten von Beleidigungen könnten nur
. • 58. Jahrgang. mit der Waffe in der Hand gesühnt werden. Aehnlich sprach sich Generalfeidmarschall v. Hahnke aus. Darauf wurde der Justizetat gene^mi^ Oei dem Etat des Ministeriums des Innern verlost Minister v. Bethmann- Hollweg auf die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts, daß die gesamte Jrrenpflege den Provinzen anheimfalle. Nachdem mehrere Redner zur Automobilfrage und zur Polenpolitik Stellung genommen hatten, wurde der Etat des Ministeriums des Innern genehmigt. Das Kriegsministerium wurde debattelos erledigt. — Am Vergangenen Freitag wurde die Beratung des Kultusetats begonnen, aber nicht zu Ende geführt. In der Debatte, behauptete Fürst Radziwill, daß Oberschlesien polnisches Land sei, daß aber die Regierung der polnischen Bevölkerung ihre Nationalität nehmen wolle. Fryr. V. Durant bekämpfte die liberale Theologie, die von Professor Loening-Halle in Schutz genommen wurde.
— Das preußische Abgeordnetenhaus nahm am vergangenen Mittwoch in erster und zweiter Lesung die Gesetzentwürfe an betreffend die Abänderung der Amtsgerichtsbezirke Christburg, Marienburg und Stuhm, Rügenwalde und Schlawe, Kreuzburg und Pitschen, Celle und Bergen bei Celle und betreffend eines Amtsgerichts in Lünen. Dann folgte die zweite Lesung der Vorlage über die Wanderarbeitsstätten, bei der Abg. v. Bodelschwingh (kons.) unter großer Heiterkeit des Hauses das ganze Haus zur Besichtigung seiner Wanderarbeiterkolonie Hoffnungstal und zu einem Gericht Erbsen mit Speck einlud. Die Vorlage wurde im wesentlichen nach den Beschlüssen der Kommission angenommen. Dann wurde mit der zweiten Beratung des Gesetzes gegen die Verunstaltung von Ortschaften und landschaftlich hervorragender Gegenden begonnen. — Am vergangenen Freitag wurden nach unerheblicher Debatte die Berggesetznovelle und das Wanderarbeits- stättengesetz in dritter Lesung angenommen. Sodann wurde die zweite Lesung des Gesetzentwurfs gegen die Verunstaltung von Ortschaften und landschaftlich hervorr- ragendn Gegenden beendet. Schließlich wurden noch eine Anzahl Petitionen erledigt.
— Als zweiter Vizepräsident des Reichstages ist der Abgeordnete Kaempf (frs. Vp.) wiedergewählt worden. Abgeordneter Kaempf nahm die Wiederwahl dankend an.
Ausland
— Die vom spanischen Volke langersehnte Geburt eines spanischen Thronfolgers ist nunmehr zur Tatsache
.... Die Komödiantin.
M^ Roman von Oswald Benkeudorf. 13
Äichtig! Kaum daheim angelangt, fand er den betreffenden Passus und las mit steigender Enttäuschung: „3ata Morgana, Luftspiegelung, eine wahrscheinlich durch verschiedenartige Beschaffenheit der Luftschichten hervor- gebrachte Strahlenbrechung, nach welcher wirklich vorhandene Gegenstände auch auf einem Orte erscheinen, «voraus sie nicht wirklich sich befinden. Diese Luftspiegelung zeigt sich besonders auf großen Ebenen, Saudwü- ften, einem durchaus glatten Meeresspiegel" rc.
SoweitdaSKonversationS-Lexikonaus demJahre1844.
Der Offizier schob eS ärgerlich zur Seite, indem er brummte: „Da bin* gerade noch so klug, wie zuvor!"
Novemberstürme trieben ihr wildes Spiel mit den letzten, gelbgefleckten Blättern des Parkes von Wilmenam
DaS Kind des Südens hielt sich fröstelnd im Hause auf und am liebsten in dem kleinen Wintergarten, den der zärtliche Vater dem Töchterche» hatte einrichten lassen.
Nur wenige Stufen führten direkt aus Konstauzes Zimmer hinab in einen, durch erwärmte Lust geheizten Raum, dessen hohe Glasfenster gleichfalls in den Garten sahen.
Hier waren Blattgewächse und die Orangerie uu- tergebracht worden, auch einzelne blühende Pflanzen aus dem Warmhause und man atmete eine duftgeschwängerte, senchtwarme Lust. Einfache, bequeme Polstermöbel mit grünem Plüsch bezogen, luden zum Ruhen ein und ein weicher, ebenfalls grüner Teppich bedeckte den Boden und paßte zu der lebenden, grünen Tapete de» saalartigeu Raumes mit seinem gewölbten Plafond.
In eine weiche Ecke geschmiegt, die schöngeformten Hände müßig im Schoße gefallen, pflegte Koustauze viele Stunden des TageS hier, in Träumereien versenkt, zu- zubringen. Auch heute war sie da in ihrem weißen Gewände. sie liebte nur die schwarzen oder matt weißen
Stoffe, auf dem kleinen Diwan ruhend, die Füße bedeckt mit einer Decke aus Pantherfell.
Nur wenn der Sturmhauch birkenster erklirren machte, schauerte Konstanze leichtzusammen und ein Ausdruck des Unbehagens breitete sich über ihre schönen Züge, doch bald lächelten die Lippen wieder; denn stolze Zukunft^ bilder beschäftigte» ihren Geist.
DaS Glück, welches das arme, ehrgeizige Kind hatte erjagen wollen anf der dornigen Bahn zum Künstlerruhm, es war ihr plötzlich in den Schoß gefallen. Zuweilen wollte eS sie bedünken, daß holder Märchenzan- ber sie in Banden halte und daß eines Morgens das Grafentöchterlein wieder erwachen werde in dem schmalen Bettchen der düsteren Hinterstube an der Ponte di Carmini zu Venedig.
Wie oft war Konstanze auch geweckt worden durch die harte, kreischende Stimme der Signora Vera, die da gerufen : „Meine Tochter, der Fischer."
Und wenn sie dann nicht schnell bereit gewesen war, von dem billigen Fischer etwas zu erhandeln, dann ward die Poleuta (Maiskuchen) nur mit einem Stückchen Käse oder grünem Salat gegessen; denn Schmalhans war Kü- chenmeister in VerasHaushalt und besonders wenn die Zimmer leer standen, welche sie in der Badezeit an Fremde zu vermieten pflegte, mußten Mutter und Tochter zulvei- leu hungrig schlafen gehen.
Konstanze hatte derartige Entbehrungen mit bitterem Groll ertragen, sie zürnte der Mutter, die sie in eine Welt des Elends gesetzt und mit einem Makel au der Stirn, die sie gern so hoch getragen hätte.
Vera hatte es stets vermieden, dem jungen Mädchen über dessen Herkunft die Wahrheit zu sagen, und Kon- stanze, der sie einmal anvertraut, daß deren Vater ein ehrloser Mensch gewesen, und dessen Name nie genannt werden dürfe, vermied es gern, nach Einzelheiten zu fragen. Eine alte Nachbarin hatte ihr übrigens erzählt, daß sie nicht Vera Tornellis Tochter fei, sondern daS Kind einer deutschen Schauspielerin. Auch diese Entdeckung hatte
l wenig Erfreuliches, Konstanze tat einige Fragen and würd« s kurz abgelviesen, dann hörte sie auf, sich über ihre Ab- ■ stammung Gedanken zu machen, die Gegenwart nahm si< i znr Genüge in Anspruch.
Kümmerlich und trübselig genug war ihre Jugend ver. i rönnen und doch lebte in ihr stets der brennende Wunsch, ‘ reich und vornehm zu werden.
i Und dann, als sie es am wenigsten erwartet, war das i Glück gekommen, hatte sich ein Füllhorn herrlicher Ga- • den über sie ergossen und anS dem Kinde mit der dunklen Herkunft, das in die Fremde geflohen, war die junge Schloßherrin von Wilmenan geworden. Jetzt war eS Konstanze plötzlich klar, warnm sie die Frau nicht geliebt, welche sie jahrelang für ihre Mutter gehalten, und als sie in Gesellschaft des neugewonnenen VaterS in daS kleine Haus an der Ponte di Carmini zurückkehrte, war sie der Signora Tornelli kalt und fremd entgegengetreten und im Groll von ihr geschieden.
Wie wußte sie es jetzt ihrem gelehrten Beichtvater Dank, der ihr mit schwerer Mühe und großer Geduld allerlei Wissen in den kleinen, hübschen und eigensinnigen Kopf gepfropft.
Vera hatte am meisten daranf gehalten, daß die Kleine sich Sprachkenntnisse erwerbe und hatte zu dem Zwecke einer alten Französin zwei Jahre hindurch eine feuchte Kammer neben dem Magazin umsonst überlasse», damit sie Konstanze im Französischen unterweise. DaS Deutsche hatte sie selbst das Mädchen gelehrt, doch deutsche Sitte und Art waren Konstanze fremd geblieben, die mit Herz und Sinn Italienerin war.
Es mährte gar nicht lange, da machte sich KonstanzeS Einfluß in Wilmenan geltend. Sie hatte eine so reizende, unwiderstehliche Weise, ihren Willen durchzusetzen, daß jeder sich gern ihren Wünschen fügte. In erster Linie galt das vom Grafen Erich, der, wie es den Anschein hatte, der Tochter die so lang entbehrte Liebe und Sorge letzt zu teil werden lassen wollte - 139,18