WüchternerÄltung
mit amtlichem Kreisblatt Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 38.
Deutsches Deich.
— Seine Majestät der Kaiser ist am Mittwoch abend 6'/. Uhr, von Karlsruhe kommend, in Wiesbaden eingetroffen und hat sich durch die festlich geschmückten Straßen sogleich zum Königlichen Schloß begeben.
— Der Geburtstag des deutschen Kronprinzen war in diesem Jahre insofern von besonderer Wichtigkeit, als er das erste Vierteljahrhundert seines Lebens ab= schließt. Es sind ^5 Jahre einer glücklichen Jugend gewesen, die jetzt hinter dem ritterlichen Thronfolger liegen, der zu oft wiederholten Malen bewiesen hat, daß er es mit seinen jetzigen Pflichten -und feinem künftigen Herrscherverufe ernst nimmt. Möge Gottes reichster Segen ihm und seinem ganzen Hause im neuen Lebensjahre und für alle Zeiten beschieden sein!
— Der Reichstag setzte am vergangenen Sonnabend die Beratung des Koloniale lach fort und befaßte sich mit dem Etat der einzelnen Schutzgebiete In der Debatte, in die auch Kolonialdirektor Dernburg lieber- holt eingriff, wurde dem Abg. Ledebour (Soz.), der sich in den wüstesten Schimpfereien erging und in dreister Weise die Unparteilichkeit desVizepräsidenten verdächtigte, von dem Vizepräsidenten Kampf dreimal ein Ordnungsruf erteilt. Das Haus beschloß jedoch in der Abstimmung, dem Redner das Wort nicht zu entziehen. Beim Etat für Kamerun machte Abg. Bebel (Soz.) den Versuch, seine Stellung im Fall Dominik zu rechtfertigen. Kolonialdirektor Dernburg sprach im Sinne der Mehr- Heit des Hauses, als er gegen das zum mindestens unvorsichtige Vorgehen des Abg. Bebel Verwahrung einlegte. — Am vergangenen Montag teilte Präsident Graf Stollberg zunächst mit, daß der 2. Vizepräsident Kaempf sein Amt niedergelegt habe. Die Neuwahl erfolgt Dienstag. Dann wurde über die Teuerungszulagen an die mittleren und unteren Beamten des Reichs beraten, für die alle Parteien eintraten. Die Vorlage ging an die Budgetkommission. Bei der Beratung des Etats der Kolonien kam es zu einer Debatte über den Fall Puttkamer, bei der auch Kolonialdirektor Dernburg das Wort ergriff. Schließlich mußte bei der Beratung des Marineetats, da Abg. Bebel (Soz.) die Beschlußfähigkeit bezweifelte, Vertagung eintreten.
— Das preußische Herrenhaus verhandelte am vergangenen Sonnabend über den Entwurf einer Wegeordnung für die Provinz Posen. Die Vorlage wurde mit Ausnahme des § 49 der von dem Bau und der Unterhaltung der Wege im Bereich eines Gutsbezirks handelt und an die Kommission zurückverwiesen worden
Samstag, den 11. Mai
war, nach den Kommissionsbeschlüssen angenommen. Nach Erledigung einiger kleinerer Vorlagen wurden noch mehrere Petitionen den Vorschlägen der Kommission entsprechend erledigt. Eine Petition um Eingemeindung von Rummelsburg-Boxhagen in Berlin wurde der Regierung als Material überwiesen. — Am vergangenen Montag wurde mit der Elatsberatung begonnen. Graf Mirbach eröffnete die Debatte und sprach sich gegen das Reichstagswahlrecht aus, das durch die Diäten« gewährung noch verschlechtert worden sei, sowie gegen den sozialdemökratischen Uebereifer. Finauzmiuister Frhr. v Rheinbabeu sprach sich über die Finanzlage aus und vertrat auch pier, wie schon im Abgeordneten- Hause, die Ansicht, daß eine Erhöhung der Einkommensteuer notwendig sei. Eine Erörterung von Reichs- augelegeuheiten lehnte der Minister ab und erklärte Herrn v. Mirbach, daß dessen Aeußerungen nicht zu einer Verbesserung des Verhältnisses zwischen Reichstag und Herrenhaus beilrüge». Weiterhin wurden von verschiedenen Rednern die ungestümen ForderullAn der Lehrer und Beamten nach Gehaltsaufbesserung übel vermerkt. Auch von der Entsestigung Königsberg war noch die Rede, »voraus man zur Besprechung des Einzel- etats über ging und den Etat der landwirtschaftlichen Verwaltung erledigte.
Ausland
— Im englischen Unterhaus« erwiderte auf eine Anfrage des Kapitäns Craig an den Premierminister, ob mit Rücksicht auf die kürzlich abgegebenen Erklärungen des Fürsten Bülow inbezug auf die Abrüstungsfrage ?ie britische Regierung sofort den Bau eines Schiffes der Dreadnought-Klasse im diesjährigen Flotten- bauprogramm in Angriff zu nehmen beabsichtigte, Sir Henry Campbell-Banuerman, daß sich die Regierung der Wichtigkeit der Erklärung des Fürsten Bülow wohl bewußt sei. Aus dem Tone der Erklärung ginge aber auch klar hervor, daß die deutsche Regierung unter Wahrung ihres eigenen Standpunktes zu vermeiden wünsche, den anderen in dieser Frage interessierten Mächten Schwierigkeiten oder Unannehmlichkeiten zu bereiten. Die britische Regierung wünsche ihrerseits die Frage in demselben Geiste zu behandeln und jeden Schritt zu vermeiden, der etwa anderen Mächten Ungelegenheiten verursachen könnte.
— Nach einer Mitteilung aus Budapest soll eine deutsch österreichische Absage an den serbischen Hof erfolgt sein. Der für dieses Frühjahr geplante Besuch
58. Jahrgang.
des Königs von Serbien an den Höfen von Wien und Berlin werde unterbleiben, da dies dem König Peter von den Botschaftern der betreffenden Höfe in unzweideutiger Weise nahegelegt worden fei. In Belgrad herrsche demzufolge große Verstimmung gegen Deutschland und Oesterreich.
— In Dorpat ist die Aushebung eines russischen Revolutionsnestes gelungen. Bei einer Haussuchung in der Techelfersträße wurden 19 Bomben, vier Ge wehre, viele andere Waffen und verbotene Schriften aufgefunden. Mehr als 30 Personen wurden verhaftet. Während der Haussuchung wurde ein Polizeioffizier von einem Manne in Studentenuniform, getötet, ein anderer Polizeibeamter verwundet. Der Mörder entkam; unter den Verhafteten befinden sich Studenten und Frauen.
— In Abazzia kam es zu schweren deutschfeindlichen Kundgebungen von feiten der Kroaten. Ein Klagen- furter Lehrerverein, der deutsche Lieder anstimmte, wurde von den Kroaten mit Schmährusen begrüßt und mit Steinen beworfen. Nachts wurden dann alle Gasthöfe, in denen Deutsche wohnten, mit faulen Eiern und Kot besudelt. Die deutschen Gaste haben an die Statthalterei eine Beschwerde über das passive Verhalten der Gendarmerie in Abbazia gerichtet.
— Der Ausstand der Hafenarbeiter in New-Aork und in Brooklyn scheint jetzt größere Ausdehnung an« zunehmen. Ein Gerücht, nach dein die Abfahrt der von den Piers der American-Linie landenden Dampfer „Celti" und „Krouland" durch den Ausstand verschoben werden dürfte, wird von den Beamten der Werft in Abrede gestellt. Die Ladung der Dampfer wird von Arbeitern vorgenommen, die bett Organisationen nicht angehören. Etwaigen Unruhen wird durch eine starke Polizeiwache vorgebeugt. Die Zahl der Ausständigen in den beiden Städten wird auf 5000 Mann geschätzt.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 10. Mai 1907.
—* Ein prächtiger Himmelfahrtstag war der verflossene. Was wir der kühlen Temperatur der letzten Wochen saunt zu hoffen gewagt, das wurde uns beschieden: goldener Sonnenschein lag über der Natur und ein klarblauer Himmel wölbte sich über ihr, sodaß die traditionelle Bedeutung dieses Festes als ein Tag des Wanderns und der Ausflüge voll und ganz zur Geltung kam. Die Sommerwirtschaften in der Nähe und Ferne wie unsere bekannten Ausflugsorte waren das Ziel von taufenden froh gestimmter Menschen, die
Are Komödiantin.
Roman von Oswald Benkendorf. 10
Bentheim, nahe der Gebirgskette der Grafschaft Glatz gelegen, blieb unter der Hut des Kastellan» Oswald Ja- tob und dessen Schwester Henriette, und nur einmal im Jahre kehrte Gräfin Sidonie für kurze Zeit dahin zu- rück, um geschäftliche Anordnungen zu treffen. Kurt durfte sie nie begleiten, obwohl er dies dringend begehrt hatte.
Dietrich Möllenhard, welcher nach der mit Kurt unter» nominellen Reise nach Berlin zurückgekehrt war, um seine Studien fortzusetzen, kam oft nach Wilmenau, stets in der gleichen, freundschaftlichen Weise mit den Familienmit- gliedern verkehrend und durch seinen Geist, den Reichtum seines Wissens die Unterhaltung würzend.
Auch in diesem Jahre hatte es den Gelehrten wieder in die Heimat und zu den Freunden gezogen und er war in ein wissenschaftliches Gespräch mit seinem ehemaligen Schüler vertieft, als dieser, sich nach dem Portal des Schlosses zuwendend, hastig sagte: „Wir müssen jetzt vor allem die Damen aufsnchen, lieber Professor, Mama würde es mir nicht vergeben, wenn ich ihr die Nachricht, welche ich vorhin bekommen, noch länger voreuthielte." Dabei zog er ein znsammeugefaltetes Blatt aus der Brusttasche seines Rockes und eS Möllenhard hinhaltend fuhr er fort: «Bitte, lesen Sie. Das Telegramm ist von Onkel Erich und von ihm schon in Breslan aufgegeben worden. Er meldet mit lakonischer Kürze die Ankunft von Vater und Tochter. Schon morgen werden die beiden hier eintref- seit, Sie, bester Professor, haben also noch da» Vergnü- gen, die Bekanntschaft meiner Base Konstanze zu ma- chen."
Möllenhard zuckte die Achseln. Der herbe Zug um seine Lippen verschärfte sich und erwiderte kurz: „Sie wissen, Graf Kurt, daß ich Damen-Bekanntschasten nicht suche, am wenigsten aber liebe ich die sogenannten däino- Nischen Weiblichkeiten, welche die Bezeichnung schwaches Geschlecht zu Schanden machen."
i Der junge Mann lächelte: „Und wer sagt Ihnen, daß : Base Konstanze zu jenen zählt?"
„Jedenfalls gehört sie zu den exotischen Pflanzen, und..."
„Die lieben Sie nicht, Professor, ich weiß e8," scherzte Kurt.
„Nein pnj und gar nicht, trotz der blendenden Far- benpracht, des berauschenden Dnftes, der ihnen eigen. Sie bergen in ihren: Schoße zumeist schädlichen Giftstoff."
„Was nennen Sie schädlich in dem großen Hanshalte der Natur, wo auch dem scheinbar kleinsten und Hübe« deutendsten seine Bestimmung gegeben wnrde?"
„Sie haben recht, Graf Kurt, und ich habe ein sal- sches Bild geivählt. An und für sich ist nichts schädlich,; denn auch der Giftstoff wird zum Heilmittel in der Hand des Kundigen, der ihn weise anzuwenden versteht."
„Sie halten es mit denen, welche ihm weit aus dem Wege gehen . . wie, Professor?"
„Nun wenigstens wird er jenen Vernünftigen nicht gefährlich werben und das gilt auch als Regel gewissen Frauen gegenüber, die durch bestrickende Zauberkünste den Mann in magische Bande zu schlagen trachten, anstatt ihn durch die Macht ihrer Reinheit und Tugend zu be- zwingen. Solche Truggestalten soll man fliehen."
„Das ist freilich sehr vernünftig, aber wenig mutig."
„Wenn Sie in dem Kampfe gegen Windmühlen eine Heldentat erblicken, dann muß Ihnen Don Qnixote. als echter Ritter erscheinen."
„Bleiben wir bei den Trnggestalten, Professor," meinte Kurt, das Weite Treppenhaus durchfchreiteud, scheinbar belustigt über den Eifer seines früheren Lehrers, dann fragte er plötzlich, ernster werdend: „Sagen Sie mir die Wahrheit, wer gab meiner Base Konstanze den seltsamen Namen Fata Morgana?"
„Hauptmann vonKindler soll es getan haben, mit Ge- Wißheit kann man selten feststellen, wer dergleichen Na- meu zuerst genannt."
„Hat Ihnen Oberst Perle davon gesprochen ?"
„Ja, aber eS scheint, daß Sie zu große» Gewicht darauf legen."
„Hm, eS kann mir im Grunde nicht gleichgültig sein welchen Zunamen eine Komtesse Wilmenau in Offiziers, kreisen erhalten."
„Vergessen Sie nicht, daß diese Komtesse Wilmenai! damals noch nicht „entdeckt", daß sie die Elevin der Ha- genbachschen Theaterschule war."
Kurt seufzte. „Das ist eine zu traurige Tatsache, un sie leicht vergessen zu können. Aber erklären Sie mir mein verehrter und geehrter Lehrer, den Sinn dieser NamenSverleihnng, wenn überhaupt ein solcher vorhanden, ich finde keinen."
Möllenhard zuckte die Achseln. „Ein verborgener Sinn, so vermute ich, dürfte dahinter stecken. Haben Sie nie von den orientalischen Feen gelesen, die sich später in Italien niedergelassen haben sollen, nachdem von ihnen behauptet wird, daß sie mit Karl dem Großen und dessen Paladinen die Welt durchzogen haben?"
Kurt schüttelte den Kopf. 139 18
„Nun wohl," fuhr Möllenhard fort, „da» Gefährlichste dieser schönen Fabelwesen ist die Fee Fata Morgana. Ihr Reich ist die Meerenge zwischen Reggio und Messina. Dort- herrscht sie in Pracht und Herrlichkeit, ihr Marmorpalast, geschmückt mit Gold und Edelgestein, steht in einem wonnigen .Garten, dessen Bäume goldene Früchte tragen und dessen farbenschimlnernde Blumen betäubende, balsami- sche Düfte anshanchen. Doch Fata Morgana langweilt sich so allein da unten, sie sehnt sich nach Liebe und nach Abwechselung, und wenn sie einen hübschen, jungen Schiffer erblickt, entbrennt ihr ewig junges Herz . . Feen altern bekanntlich nicht., in Liebe zu ihm. Um nun den Jüngling zu verlocken, daß er die Seinen verläßt und ihr folgt, läßt sie an klaren Sommerabenden die ganze Herrlichkeit ihres Feenreiches aus den Wellen steigen und sie selbst in ihrer berückenden Schöne breitet die Arme aus nach bent Erdgeborenen und dieser, geblendet und entzückt, läßt sich von Fata Morgana in die Tiefe ziehen "^