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mit amtlichem Kreisblatt Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raunt 10 Pfg.
X 37.
Mittwoch, den 8. Mai 1907.
58. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 2121 K. 91. Dem Diensiknecht Edmund Leibold und der Dienstmagd Margaretha Leibold, welche bei dem Bauern Adam Müller in Klesberg in Dienst stehen, sind für langjährige treue Dienste Prämien von 20 Mk. bezw. 10 Mk. aus Kreismitteln bewilligt worden.
Schlüchler», den 1. Mai 1907.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses: Valentiner.
Himmelfahrt.
Der braune Wald wird maiengrün, Wirft um sich zarte Schleier, Die lieben Himmelsschlüffel blühn, Vergißmeinnicht am Weiher.
Es schmückt die prangende Natur Sich mit dem schönsten Kleide, Und tausendfältig auf der Flur Glänzt es wie Perlgeschmeide.
Darum mag auch des Menschen Brust Nun nicht mehr länger warten, Will sich ergeh» zu neuer Lust In Gottes schönem Garten.
Und der mit Segnen aufwärts fuhr, Zeigt uns den Himmel offen.
Nun blüht es schöner auf der Flur, Weil Christus unser Hoffen.
Nun heißt die Losung: „Himmelan!" Die dunkeln Schatten fliehen — Er, der Durchbrecher, zog voran, Und will uns nach sich ziehen. F. St.
Zum Himmelfahrtstage.
Text: Luk. 24, 49. Ihr aber sollt in der Stadt Jerusalem bleiben, bis daß ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe. Das ist die Aufforderung und Verheißung, welche der Herr seinen Jüngern vor seiner Himmelfahrt gegeben und am Pfingstseste erfüllt hat. Himmelfahrt und Pfingsten hängen aufs engste zusammen. Unser Herr und Heiland ist eingegangen in die Herrlichkeit seines Vaters, um dort ferner unser zu gedenken und für uns sein Heilandswerk fortzuführen. Ja, er tut von dort aus noch mehr, als er uns auf Erden getan hat und tun konnte. Erst durch seine Himmelfahrt ist er zum Herrn geworden über alles und zum unbeschränkten Verwalter der himmlischen Lebensgüter und
Lebenskräfte; von dort aus erst kann er die Seinen antun mit Kraft aus der Höhe. Das ist gerade, wessen wir am dringendsten bedürfen. Denn wir sind von unten her und leben in einem Leibe der Schwachheit; zum Wollen des Guten bringen wir es oft nicht ein« mal, geschweige denn zum Vollbringen. Was helfen uns die schönen Worte und Lehren Jesu, was hilft uns sein heiliges Vorbild, was sogar sein Versöhuungs- lciden, wenn es uns an der Kraft fehlt, jene Worte zu befolgen, dies Vorbild nachzuahmen, die Sünde zu überwinden, uns zu heiligen? Diese Kraft aber haben wir nicht in uns selbst, dessen werden wir gerade dann recht inne, wenn wir ernstlich in Jesu Schule lernen und in seine Nachfolge treten wollen. Da tröstet uns aber die Verheißung: Ihr werdet angetan werden mit Kraft aus der Höhe, Kraft des Heiligen Geistes, Kraft zur Erneuerung und Heiligung des Herzens und Wandels! Bitte um diese Kraft, harre darauf in Geduld und in beharrlicher Uebung dessen, was du Gutes zu tun vermagst, in redlicher Bekänipsung des Bösen, in Buße und Glauben — und du wirst die Kraft empfangen aus himmlischer Höhe. Der Herr wird dir senden, was er verheißen hat, du wirst empfangen den Geist, das Pfand des himmlischen Erbes, und dadurch wird dein Leben sich gestalten zu einer Wallfahrt, die auch in einer Himmelfahrt ihren seligen Abschluß finden wird.__
Deutsches Reich.
— Der Kaiser ist am 7. Mai vormittags in Karlsruhe zum Besuche des Großherzogspaares eingetroffen.
— Der Reistag behandelte am vergangenen Donnerstag zunächst die Frage der Erweiterung des Kaiser Wilhelm-Kanals und überwies sie der Budgetkommission. Dann führte er die Beratung des Postetats zu Ende, erledigte ohne Debatte den Etat der Reichsdruckerei, den allgemeinen Pensions- und den Reichsinvalidenfonds und nach kurzer, unwesentlicher Debatte den Etat des Reichseiseubahuamtes. — Am vergangenen Freitag wurden zunächst die Resolutionen zum Postetat angenommen und der Etat für das Reichsmilitärgericht unverändert bewilligt. Dann wurde in die Beratung eines selbständigen Kolonialetats eingetreten. In der Debatte sprachen sich nur die Abgg. Dr. Spähn (Z.) und Bebel (Soz.) gegen die Forderung aus. Kolonial- direktor Dernburg, der wiederholt in die Erörterung eingriff, betonte dem Abg. Spähn (Z.) gegenüber, daß er bei Leitung seiner Verwaltung in erster Linie den Nachdruck auf die wirtschaftliche Erschließung der
Kolonien lege. Er sorge für sachgemäße kaufmännische Ausbildung des Kolonialnachwuchses. Von einer Kolonialarmee in Südwestafrika, wie sie Bebel an die Wand male, könne nicht die Rede sein. Die dortige Schutztruppe ist nicht stärker als unbedingt erforderlich ist. Gegen Schädlinge im Kolonialwesen werde er nach deutschem Recht Vorgehen. Deutsches Recht aber sei es nicht, an einer alten und längst gesühnten Schuld immer wieder herumzumäkelu. Das selbständige Kolonial- amt wurde schließich in zweiter Lesung gegen die Stimmen des Zentrums, der Polen und der Sozial- demokraten angenommen.
— Das preußische Herrenhaus trat am Freitag nach längerer Pause zu einer Sitzung zusammen und nahm das Quellenschutzgesetz gemäß den Kommissionsbeschlüssen an nebst einer Resolution des Oberbürgermeisters Alteuberg-Memel, betreffend den Erlaß eines Trinkwasser-Schutzgesetzes. Im Laufe der Debatte bezeichnete Dr. Hamm-Bonn den Entwurf eine schwere Enttäuschung des Rheinlandes und beantragte eine weitergehende Resolution zum Schutze sämlicher Mineral- und Thermalquellen, die abgelehnt wurde. Das Haus nahm sodann ohne Debatte die Vorlagen betreffs Aenderung des Hannoverschen Grundstück-Zusammen« legungsgesetzes an.
— Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am vergangenen Donnerstag nach kurzer Debatte die erste Lesung des Lehrerpensionsgesetzes, das eine notwendige Ergänzung des neuen Lehrerbesoldungsgesetzes gibt, sowie die Beamtenpensions- und Reliktengesetze in dritter Lesung. Dann folgte die Interpellation des Abg. Grafen Kanitz (tonf.) über die Kohlenpreise. Abg. Graf Kanitz forderte in der Begründung der Interpellation die Einführung eines Kohlenausfuhrzolles, klagte über das unaufhaltsame Steigen der Kohlenpreise und die Abwanderung der landwirtschaftlichen Arbeiter nach den Kohlenrevieren, wohin sie durch die hohen Löhne gelockt würden. Handelsminister Dr. Delbrück lehnte den Gedanken eines Ausfuhrzolles auf Kohlen ab. Das einzige Mittel, eine gesunde Preisbildung herbeizuführen, sei schließlich die Erweiterung des staatlichen Besitzes an Kohlenfeldern. Das Bestehen eines übermäßigen Exports von deutschen Kohlen nach dem Auslande könne er nicht anerkennen. Die Besprechung der Interpellation zeigte eine ziemlich allgemeine Gereiztheit gegen das Kohlensyndikat. — Am vergangenen Freitag wurde die zw ite Lesung des Lehrerpensionsgesetzes erledigt. Soor in wurden folgende Anträge angenommen: der Antrag Gerschel u. Gen. (fr. Vp.),
Die Komödiantin.
Roman von Oswald Benkendorf. 9
Wie er die letztere gefunden, ihr Aeußere», ihren Charakter betreffend, darüber war nichts gesagt. Entweder war der Graf wenig befriedigt von dem, was er gefnn- den, und vermied es, sich eingehend anszusprecheu, oder er wünschte die Verwandten zu überraschen; denn Kon- stanze, die er in Berlin ausgesucht und anS der Hagen- bachschen Theaterschule sofort zu sich genommen, war darauf in seiner und Vera ToruelliS Gesellschaft nach Vene- dig gereist. Bon dort aus würde die so spät gefundene Toch- ter mit dem Grafen heimkehren in da» Schloß ihrer Bä- ter.
Seit Wochen war, wie die» nur zu natürlich, die Per- son dieser so plötzlich aufgetauchten Erbtochter Gesprächsgegenstand in Wilmenau. Die Frage lag nahe, wie sich ein Zusammenleben der seit Jahren so innig vereinten Menschen fürder gestalten werde, wenn die Freinde ein- zöge all junge Herrin.
Solche Erwägungen beschäftigten auch Franziska, als sie gedankenvollhinabblickte in den Garten, dochjetztzuckte ste„läh zusammen und wendete ihre Aufmerksamkeit zwei Mannergestalteu zu, die drunten auf dem freien Platze, in den die Gartenwege vor den, Schlosse auSliefen, tust- Wandeltem Es waren Graf Kurt Bentheim und dessen früherer Erzieher, der, Professor Dietrich Möllenhard, der alljährlich seine Ferienzeit in dem gastlichen Wilmenau zu verbringen pflegte.
Kurts schmächtige, hohe, vorn etwas übergebeugte Gestalt und daS zarte, mädchenhaft Hübsche Gesicht ließen ihn jünger erscheinen, als er in Wirklichkeit war, da er sich den Dreißigern bereits näherte. Ein fremder Beobachter würde die beiden Männer für Vater und Sohn gehalten haben; denn sie glichen sich auffallend. Haar von schönein Aschblond, blaue Augen, ovale GesichtSform war ihnen gemeinsam, nur blitzteu die Augen des Ge
lehrten zuweilen auf und erglühten im Feuer der Begeisterung für irgend einen Gegenstand, der ihn ausschließlich beschäftigte. Zumeist jedoch ivar um den feingeschnittenen Mund ei» herber Zng gelagert, der von Lebenskämpfen und erlittenem Leid erzählte.
Dagegen hatte Kurts Antlitz einen träumerischen oft sogar trüben Ausdruck, besonders wenn er sich allein wußte. Als einziger Sohn einer allzu zärtlichen Mutter, der die Erziehung des Knaben nach dem frühen Tode des Gatten ganz allein obgelegen, war Kurt verwöhnt und verweichlicht worden und dies umsomehr, als seine zarte Gesundheit ganz besondere Obsorge erheischte.
Gräfin Sidonie, die nicht zu bewegen gewesen, den Heranwachsenden Sohn einem Institut zur Ausbildung au- zuvertrauen, hatte ihren Freund Dietrich Möllenhard, den Sohn deS Rektors von Wilmenau, zum Erzieher Kurts erkoren. Der junge Privatdozent hatte dem Rufe der Gespielin seiner glücklichen Jugendjahre Folge geleistet und sich mit Sidonie in der Einsamkeit des Bergschlosses Beut- heim begraben. Dies Opfer des strebsamen Gelehrten hatte ein Gerücht wieder aufleben lassen, das von der verschwiegenen Liebe deö Rektorsohnes zu der Grafentochter erzählte. Es hieß, daß damals der Liebesbund der Spielgenossen von dem stolzen alten Wilmenau in rauher Weise gelöst worden sei.
Da Sidonie nun Witwe geworden, vermochte sie auch jetzt ihr Schicksal selbst zu bestimmen und eine Heirat aus Neigung zu schließen. Indessen geschah nichts dergleichen. Ein Jahr ums andere verging und in der Lebensweise der Schloßbewohner veränderte sich nichts. Zwi- schen der Herrin und dem Erzieher ihres Sohnes herrschte daS gleiche freundschaftliche Verhältnis, doch im Aeußern fern von jeder Vertraulichkeit; denn in Bentheim war trotz der Weltabgeschiedenheit der Schloßbewohner von alterSher ein steifes Zeremoniell eingeführt, an welchem auch nach dem Tode des Grafen Ambrostus' nichts geän- dert wurde. Nie hatte man bemerkt, daß Gräfin Sidonie
und Doktor Möllenhard Gelegenheit gesucht zu geheimer Aussprache, noch hatten die beiden sich je allein auf ein- samenSs-aziergängeuzusammeugefundeu Offen undfreund- lich war ihr Verkehr und selbst die schlimmste Läster- zunge hätte es nicht vermocht, einen Makel auf die Tugend einer Frau zu werfen, die, obgleich noch jung mit schön, doch keinen anderen Beruf zu kennen schien, als der der Mutter.
Jahre waren so dahingegangen. Kurt hatte sein acht- zehntes Jahr erreicht, und feitbem war eine merkwürdige Veränderung in seinem Geistesleben und Gemüte ein. getreten, welche die zärtliche Mutter aufs lebhafteste beunruhigte.
War eS nun die Monotonie seiner Lebensweise, du Abgeschlossenheit von Altersgenossen, welche den Jüngling bedrückte, oder neigte derselbe zur Schwermut, genug, er wurde immer stiller und verschlossener und fand an nichts mehr Gefallen. An energisches Handeln gewöhnt, faßte die Gräfin sofort den Entschluß, Kurt, dessen Studien fast be. endet waren, auf Steifen zu schicke», und zwar in Möl- lenhardS Begleitung, der nach einer Unterredung mit bei Gräfin sogleich ihrem Vorschläge zustimmte.
Zivei Jahre der Trennung erschien der besorgten Mut. ter eine Ewigkeit, obwohl sie deu Liebling unter dem Schutze des bewährten Freundes wohl geborgen wußte.
Und als die beiden heimkehrten in die schlesische Hei- mat, nachdem sie ein gut Stück Welt, und nicht ohn« Nutzen, gesehen, war eS nicht mehr das einsame Beut. Heim, das sie aufnahm, sondern da» freundliche, glänzende Wilmenau.
Die Witwe hatte nämlich beschlossen, die Bitte ihres Bruders Erich zu erfüllen, und dessen Heim, dem seit lau- gen Jahren die Herrin fehlte, durch ihre Gegenwart zu beleben. War es doch das Vaterhaus, in das jetzt di« ernste Frau zurückkehrte, nachdem sie es als blühende Braut verlassen. 139,1L