mit amtlichem Kreisblatt
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. —
M 35.
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mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen. h^»M^L^.^L finden in der ^chlnchterner
Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Amtliches.
Der Plan über die Errichtung einer oberirdischen Telegraphenlinie an der Straße von Steinau (Kr. Schlächtern) nach Seidenroth liegt bei dem Postamte in Steinau vom 30. April ab 4 Wochen aus.
Cassel, am 24. April 1907.
Kaiserliche Ober-Postdireklion.
Denisches Reich.
— Der Kaiser hat sich Sonnabend mittag 1 Uhr mittels Sonderzuges von Homburg nach Straßburg begeben. Zur Verabschiedung waren erschienen Landrat Ritter v. Marx, Oberbürgermeister Maß und Baurat Jacobi.
— Prinz Eitel-Friedrich traf Sonnabend vormittag, im Automobil von Döberitz kommend, in Potsdam ein, begleitet von seiner Gemahlin, die ihn von Döberitz abgeholt hatte. Der Prinz wird sich einige Tage Schonung auferlegen müssen.
•— König Otto von Bayern vollendte am Sonnabend das 59. Lebensjahr. Sein geistiger Zustand ist unverändert, ja die Eindrucksfähigkeit soll fast völlig nachgelassen haben, so daß es für den unglücklichen Fürsten lichte Augenblicke nicht mehr gibt.
— Der Reichstag setzte am vergangenen Donnerstag die Beratung des Militäretats fort, wobei Kriegsminister v. Einem dem Abg. Roste (Soz.) scharf entgegentrat. Energisch verwahrte er sich fgegeu den vom Abg. Roste erhobenen Vorwurf des „Sabelge- rasfels" und der Renommage. Aber die liebenswürdige Aufforderung, friedliche Politik zu treiben, komme etwas zu spät, denn seit 1871 werde schon in diesem Sinne gehandelt. Jede der Feststellungen des Kriegsministers begrüßte das Haus mit lebhaftem Beifall. Abg. Graf
Die Komödiantin.
Roman von Oswald Benkendorf. 7
Graf Erich verbrachte die Nacht schlaflos. Er war wieder vollständig im Banne der Vergangenheit und durch- lebte noch einmal im Geiste das kurze Glück und alles Leid, das sein Liebes« und Eheleben ihm gebracht.
Als er damals die Flucht der Gattin entdeckt, die er doch so sicher vor allen schädlichen Einflüssen bewahrt zu haben meinte, war er fassungslos vor Zorn gewesen. Er maß Helmine alle Schuld bei und nannte sie ein undankbares, ehrvergessenes Geschöpf. Denn er hatte ihr die Opfer stets hoch angerechnet, die er gebracht, um die Heirat zu ermöglichen. Und nun tat sie ihm den Schimpf an, wieder zum Theater zurückzukehren, sie, die jetzt den Na- men Wilmenau trug, das Band gewaltsam zerreißend, welches sie an Haus und Gatten knüpfte.
Selbstverständlich machte damals die Sache überall viel von sich reden und dies kränkte Erich mehr noch als der Verrat an seiner Liebe; besaß er doch ein leicht verletzbares Ehrgefühl und war stolz auf die Reinheit seines Na- meuS, dem nun, wie er wähnte, ein Flecke» anhafte.
Zwei Duelle waren die weiteren Folgen seiner unglücklichen Heirat, dadurch veranlaßt, daß ihm Aeußerungen früherer Freunde, das Zerwürfnis seiner Ehe betreffend, ju Ohren gekommen waren, und der Gedanke hatte ihm Befriedigung gewährt, daß es in seiner Mach: lag, sich mindestens in diesem Falle Genugtuung zu verschaffen.
Bor dem ersten Duell hatte er bereits eine gerichtliche Scheidung von der Schauspielerin beantragt. Dieselbe war leicht durchzusetzen gewesen, da das Faktum der bösivilli- gen Berlaffung seitens der Frau vorlag.
. Auch hatte Graf Erich der entflohenen Gattin auf das strengste untersagen lassen, seinen Namen, den sie entehrt, fürder zu führen.
Alle Briefe, ivelche sie an ihn geschrieben, ließ er ihr Merbrvchen zurückseuden, er selbst richtete nie eine Zeile
Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 1. Mai 1907.
Mielctelski (Pole) erging sich ausführlich über den Boykott polnischer Lokale durch die Militärverwaltung, was den Kriegsminister veranlaßte, zu erklären, daß er den Boykott zwar für keine schöne Waffe halte und sehr dafür sei, daß kein Gebrauch von ihr gemacht werde, aber die Polen hätten selbst den Boykott zu einer Rationalwaffe erhoben. Die eingebrachten Resolutionen wurden sämtlich angenommen. — Am ver- gangenen Freitag wurden die Beratungen des Militär- etats zu Ende geführt. Die Debatte bot nichts Bemerkenswertes. Abg. Pauli (kons.) besprach ausführlich die Lage der Büchsenmacher und anderer Kategorien der Militärbeamten. Abg. Zubeil (Soz.) hielt seine alljährliche Rede über die Arbeiter in den Spandauer und Hanauer Militärwerkstätten. Eine Behauptung des Abg. Müller-Meiningen (fr. Vp), daß das Bezirks- tommando Dresden einen Reservisten bestraft hätte, weil er am Abend des Tages der Kontrollversammlung einer Gewerkschaftsversammlung beigewohnt hatte, wies der sächsische Militärbevollmächtigte Oberst v. Salza als glatt erfunden zurück.
— Das preußische Abgeordnetenhaus begann am vergangenen Donnerstag die dritte Etatsberatung. Beim Etat der Domänenverwaltung fand ein konservativer Antrag Annahme, der verlangte, daß geschlossene Staatsdomänen in der Provinz Sachsen von 100 Hektar ab künftig nur unter der Bedingung der grundbuch- mäßigen Befestigung veräußert werden sollen, um sie vor späterer Zersplitterung zn bewahren. Beim Etat der Ansiedlungskommiffion wurde in der Hast, möglichst schnell vorwärts zu kommen, aus Versehen der freikonservative Antrag auf schärfere Maßregel» in der Polenpolitik abgelehnt. Beim Etat der Bergverwaltung gab.Handelsminister Dr. Delbrück Aufschlüsse über die letzten Katastrophen im Saarrevier. Die Erhebungen über die Ursache der Katastrophen schweben noch. Der Minister hat aber eine besondere Kommission in Aussicht genommen, welche die gesamten Verhältnisse der Bergverwaltung prüfen soll. Die Einführung von Arbeiterkontrolleuren lehnte der Minister ab. — Am vergangenen Freitag wurden die Etats der Berg-, Hütten» und Salinenverwaltung, der Handels- und Gewerbeverwaltung und der Justizverwaltung nach unwesentlicher Debatte erledigt. Beim Kultusetat widerlegte Ministerialdirektor D. Schwartzkopff die Ausführungen des Abg. Kopsch (fr. Vp) über die Gründe des Lehrermangels.
— Bei der Reichstagsersatzwahl in Glauchau»
an die Entflohene, nicht einmal zum Zwecke, ihr Vor- Würfe zu machen. Der notwendige schriftliche Verkehr zwi- schen dem Grafen und seiner Frau wurde durch des ersteren Advokaten vermittelt und dieser war eS auch gewesen, der seinem Klienten mitgeteilt, daß die Schäuspie- lerin nach einem kurzen Gastspiel am Viktoria-Theater Berlin verlassen habe.
Kurz vorher war die Scheidung der Ehe ausgesprochen worden.
Eine Brustwunde, welche der Graf im letzten Zwei- ; kampfe empfangen, nötigte ihn, ein milderes Klima auf- zusuchen. Er ging nach Kairo, machte dann eine Reise durch den Orient und als er nach langer Abwesenheit Heim- kehrte, war GraS über die alten Geschichten gewachsen I und auch er war ein anderer geworben, der die Jugendliebe und die Enttäuschung überwunden.
Von Helmine hatte er nie wieder gehört. Da sie die ihr reichlich bemessene JahreSrente, welche der Advokat ihr im Namen des Grafen Wilmenau angeboten, kurz ab- gewiesen, bestanden auch nicht die mindesten Beziehungen mehr zwischen den geschiedenen Gatten, und Graf Erich war zu der Ansicht gekommen, daß Helmine in der Neuen Welt ihr Heil gesucht, wohin eS sie stets mächtig gezogen.
Immerhin blieb im Gemüte deS verlassenen Gatten eine Verbitterung zurück, und wenn ihn dies einerseits davon abhielt, den weiteren Schicksalen der Verschollenen nachzuforschen, so empfand er auch durchaus keine Neigung, eine zweite Ehe einzugehen, und lebte ziemlich einsam in dem schönen Wilmenau.
Erst als Sidonie Bentheim, deren Gatte plötzlich gestorben, sich entschlossen, ihren einsamen Witwensitz zu verlassen und zu dem Bruder zu kommen, knüpften sich freundlichere Beziehungen mit der Nachbarschaft an.
Graf Erich hegte eine fast väterliche Zuneigung für seinen Neffen Kurt, den er als seinen Erben und als den Stammhalter der Familie Wilmenau ansah.
Franziska Lauen war ihrer schönen Herzens und Gei-
58. Jahrgang.
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Meerane, 17. sächsischer Wahlkreis, erhielt Dr. Clauß (natl.) 12 710, Molkenbuhr (Soz.) 17 165 Stimmen; Molkenbuhr ist somit gewählt.
— Die Disziplinarverhandlung gegen den langjährigen Gouverneur von Kamerun v. Puttkamer hat zwar mit einem Verweis und einer Geldstrafe geendet, hat aber im übrigen ergeben, daß die ungeheuerlichen Beschuldigungen gegen den hochverdienten Kolonialbe- amten ii? der Hauptsache Verleumdungen waren.
Ausland
— Die französische antimilitaristische Liga und der allgemeine Arbeilsverband haben in Paris einen Aufruf erlassen, worin das Militär aufgefordert wird, im Falle eines Gesamtausstandes, welcher das Vorspiel der Revolution bilden werde, den Offizieren den Gehorsam zu verweigern und unter Umständen zu noch energischeren Mitteln zu greifen. Die Anschlagtafeln wurden von der Polizei sofort entfernt.
— Im „Echo de Paris" wird von einem Attentat auf einen französischen Bischof berichtet. Ein Mitglied des in Rodez (Departement Aveyron) tagenden Katho- likenkongreffes, ein Bauunternehmer Laucie, feuerte nach Beendigung des Gottesdienstes einen Revolverschuß gegen den Bischof von Rodez ab, ohne jedoch zu treffen. Die Polizei habe eine Untersuchung eingeleitet, aber bisher hätten alle in Betracht kommenden Kongreßmitglieder ihre Aussage verweigert
— Wie in Petersburg aus bester Quelle verlautet, sind die Umtriebe zur Revolutionierung des russischen Heeres nicht ohne Einfluß auf die Garde geblieben. Man hat in verschiedenen Regimentern untrügliche Anzeichen der Propaganda entdeckt, gleichzeitig wächst die Zahl der Deserteure aus dem jüngsten Jahrgange rapid. Auch in den Militärschulen regt sich die Propaganda. In zwei Junkerschulen fanden Haussuchungen statt und ergaben verblüffende Resultate. — Das sind freilich bedenkliche Zeichen, und es ist wohl zu erwarten, daß die Regierung dieser Wühlerei unter öem Militär mit aller Strenge entgegentrut, wenn sie erst die Zentrale dieser Propaganda und ihre Führer hat. Bisher scheint das nicht der Fall zu sein.
— Daß auch Rußland an keine Abrüstung denkt, geht daraus hervor, daß eine Regierungsvorlage in diesem Jahre die Aushebung von 463 000 Rekruten, also fast ebenso viel wie in den Kriegsjahren fordert. Eine Vergrößerung der Präsenzstärke wird vom Kriegs» minister einerseits auf innerpolitische Zustände, ander-
M^^W«E»»»agEE>«fl™OMM^ ■ULM ■!■«■——» steS-Eigenschaften halber als Braut für Kurt ausersehen worden, sie schien ihm zugetan und auch Kurt kostete eS kein Opfer, den Wunsch der Mutter zu erfüllen, welche lii emer Verbindung deS Sohnes mit Franziska Lauen die Gewahr für das Glück seiner Zukunft zu erblicken schien.
Der schwerwiegendste Grund fürihreHandlungSweise war jedoch selbst dem Bruder ein Geheimnis. Alles war reiflich erwogen, klug vorbedacht worden, das Lebensschiff der Geschwister schien nach manchem Ungemach auf ruhi- ! gern Fahrwasser dem Hafen sich zuzulenken, da hatte der Sturm es wieder hinansgetrieben auf die offene See zu neuen Kämpfen. War es doch selbst dem Grafen Erich noch zweifelhaft, ob die Entdeckung, daß ihm eine Tochter noch lebe, zum Glück für ihn und die Seinen wäre.
Gewaltsam zwang er sich zur Ruhe, erst, wenn er selbst geprüft, sachgemäß und leidenschaftslos, würde eS sich herausstellen, ob Vera die Wahrheitgesprocheu. Aber selbst bei der Vorstellung, daß alles sich so verhalte, wie man ihm berichtet, und daß jene Konstanze seine Tochter sei, fühlte Graf Erich nichts von der warmen Herzeusregung, die Eltern zu den Kindern zieht und wenn er eS recht bedachte, schien ihm daS auch ganz natürlich.
Aufgewachsen in der Fremde, erzogen von Fremden, in welcher Sitte und Gewohnheit, konnte daS Mädchen nichts gemeinsam haben mit den Gliedern des deutschen Grafeugeschlechtes, dem sie doch entsprossen. Fremd würde Kvnstauze den so spät entdeckten Verwandten, ja, dem eigenen Vater gegenüberstehen. Und für des Grafen Gefühl war der Umstand, daß er die wiebergefnnbene Tochter als angehende Schauspielerin aus einer Theaterschule ab- holen sollte, wohin sie sich heimlich begeben, einem abenteuerlichen Zuge folgend, daS Peinlichste.
Die Schmerzen undBitternisse der Vergangenheit schie- neu frisch aufzuleben. Gleich der Mutter war auch die Tochter aus dem Schutze des Hauses geflohen, um in der Welt des Scheins den Triumphen der Eitelkeit nachzujw ge». , 139,18