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mit amtlichem Kreisblatt
Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 27. April 1907
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58. Jahrgang.
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Fortwährend
werden Bestellungen auf die Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
finden in der Schlüchterner
Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auftage der im Kreise Schlüch- te»n erscheinenden Zeitungen besitzt.
„Prinzipiell."
Die Wahlprüsungskommission des Reichstages hat die Wahl des Abg. V. Richthofen in Schweidnitz mit 7 gegen 6 Stimmen für ungültig zu erklären beschlossen. Grund: Amtliche Wahlbeeinflussung. Diese soll darin liegen, daß der Reichskanzler auf eine Anfrage aus dem Kreise über das Verhalten der Wähler mit einem Hinweis auf seinen Silvesterbrief geantwortet und hinzugefügt hatte, er müsse es grundsätzlich ablehnen, jub persönlich über die Erfordernisse eines einzelnen Wahlkreises auszusprechen. Dieser Zusatz scheint allerdings der Kommission nicht bekannt gewesen zu sein. Aber auch ohne ihn läge mit der Wiederholung der Kundgebung, die sich an alle 397 Wahlkreise richtete und das Zusammenhalten der bürgerlichen Parteien gegen Sozialdemokraten, Polen, Welsen und Zentrum betonte, gewiß keine unzulässige Wahlbeeinflussung vor. Liberale Blätter kündigen bereits an, daß der Kommissions- 1 beschluß unhaltbar und seine Ablehnung im Plenum sicher sei.
Eine abweichende Stellung nimmt wieder das „Berliner Tageblatt" ein. Das Blatt, das mit andern bei jeder Wahl nach programmatischen Kundgebungen der Regierung gerufen hat, findet jetzt nicht nur den harmlosen Brief des Kanzlers nach Schweidnitz, sondern auch seinen Silvesterbries prinzipiell unzulässig. Prinzipiell! Es ist dies ein Wort, das man in dem liberalen Blatte zwar sehr oft, aber stets mit starkem Mißtrauen liest. Auch in diesem Falle steht man vor wackeligen Prinzipien. Eine Beiätigung des Reichskanzlers, wie sie im Silvesterbriefe ihren Ausdruck fand, soll nähmlch nur unter der gegenwärtigen Form der Reichsverfassung „prinzipiell" unzulässig sein, aber sofort zulässig werden, wenn wir in Deutschland zu einer Parteiregierung gelangen.
Bringen wir den Gedankengang des „Berliner Tageblattes" auf einen prägnanten Ausdruck so lautet dieser: die parlamentarisch-demokratische Regierung darf nach Kräften die Wahlen beeinflussen, die konstitutionell- monarchische Regierung muß die Dinge laufen lassen, wie sie wollen. Der Unsinn solcher „prinzipiellen" Anschauungen springt in die Augen.
Deutsches Deich.
— Der Kaiser begab sich Donnerstag früh 8 Uhr im Automobil nach Gießen zur Besichtigung des Infanterieregiments Kaiser Wilhelm, dessen Chef er ist.
— Der Kaiser und der Großherzig von Hessen sind Donnerstag vormittag in Gießen eingetroffen. Die Stadt ist festlich geschmückt. Das Wetter ist regnerisch. Auf eine Begrüßungsansprache erwiderte der Kaiser mit freundlichen Worten. Unter den Hochrufen des Publikums begaben sich der Kaiser und der Großherzog zu Pferde nach bem Exerzierplatz, wo sie der Besichtigung mehrerer Compagnien des 116. Regiments beiwohnten. An die Besichtigung schloß sich eine Gefechtsübung.
— Der Kroprinz, der seit über Jahresfrist zur Dienstleistung beim Regiment der Gardcs du Korps in Potsdam kommandiert ist und die Leib-Eskadron des Regiments führt, wirb demnächst einem Garde-Feld- artillerie-Regiment zugeteilt und mit der Führung einer Batterie beauftragt werden. Nach- Abschluß seiner Ausbildung als Batteriechef und eines artilleristischen Lehrgangs dürfte die Beförderung des Thronfolgers zum Major erfolgen.
— Als am Mittwoch Prinz Eitel Friedrich auf dein Truppenübungsplätze Doberitz den Dienst bei seiner Kompagnie beginnen wollte, scheute plötzlich sein Pferd vor einer roten Signalfahne, die ein Unteroffizier trug. Das Tier schnellte mit dem Kopfe in die Höhe und schlug dem Prinzen so heftig gegen die Nase, daß er bewußtlos vom Pferde sank. Die Meldung, daß der Prinz eine Gehirnerschütterung erlitten hat, ist unbegründet. Er klagt über heftige Kopfschmerzen, die aber bereits nachgelassen haben. Das Befinden hat sich schon so gebessert, daß er voraussichtlich am Sonnabend wird nach Potsdam zurückkehren können.
— Prinz Heinrich von Preußen blickt in diesen Tagen auf 30jährige aktive Dienstzeit in der Flotte zurück. Der Prinz steht seit dem am 29. Dezember v. I- erfolgten Ausscheiden des Großadmirals von Koester als rangältester Admiral an der Spitze des gesamten Seeoffizierkorps und leitet seit dem vergangenen Herbst die Hochseeflotte.
— Der Oberhofmeister der Kaiserin, Graf Mirbach, der gemeinsam mit Oberhofprediger Dryander die Orientreise unternahm, ist in Jerusalem an einem Fieber schwer erkrankt, so daß seine Ueberführung in das dortige deutsche Krankenhaus notwendig wurde.
— Der Reichtag nahm am vergangenen Sonnabend den neuen Gebührentarif für den Kaiser Wilhelm-Kanal an und beriet dann in zweiter Lesung den Etat für die Reichsjustizverwaltung, zu dem nicht weniger als elf Resolutionen vorlagen, betreffend Haftung des Reichs für den Schaden, den die Beamten in Ausübung ihres Amtes angerichtet haben, Sicherung der Immunität der Abgeordneten, Zeugniszwang der Presse, Diäten für Schöffen und Geschworene, Haftung des Tierhalters und anderes. Staatssekretär Dr. Nieberding entwickelte die Stellung der Reichsjustizverwaltung zu den einzelnen Anregungen und stellte die Novellen zum Strafprozeß und zum Strafgesetzbuch für die nächste Session noch nicht in Aussicht, wohl aber eine Reform des Amts« gerichtsprozesses mit dem leitenden Gesichtspunkt eines einfacheren, billigeren und schleunigeren Verfahrens. Die Behauptung des Abg. Heine (Soz.) von dem Bestehen einer Klassenjustiz wurde vom Staatssekretär Dr. Nieberding scharf zurückgewiesen. — Am Montag wurde in zwei Lesungen ein Vertrag mit den Niederlanden über die gegenseitige Anerkennung von Aktiengesellschaften angenommen und sodann der Justizetat weicerberatcu. Wieder standen eine ganze Reihe von Resolutionen zur Behandlung. Ein Angriff des Abg. Müller-Meiningen (sr. Vp) auf die Reichsjustizverwaltung wurde vom Staatssekretär Dr. Nieberding gebührend zurückgewiesen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus beendete am vergangenen Sonnabend die zweite Beratung des Etats der Bauverwaltung. Abg. Fischbeck (fr Vp.) wünschte, daß der Wasserbau einem andern Ministerium unterstellt werden solle. Abg. v. Arnim (tons) erklärte sich gegen LoSi'ömng des Wasserbauwesens vom Ministerium der öffentlichen Arbeiten. Die Abgg. Schmidt-Marburg (8) und Dr. Arendt (frkons.) empfahlen die Anrechnung der Wartezeit der höheren Baubeamten. Abg. von Oldenburg (kons.) verlangte die schon seit langer Zeit geplante Kanalisierung der Nogat. Minister Breitenbach erklärte, daß diese baldigst erfolgen soll. — Am Montag wurden zunächst einige Titel des Juslizetats durch Zurückverweisung an die Kommission erledigt. Bei der Beratung des Etats der Ansiedelungskommission führte Landwirtschaftsminister v. Arnim auf die Beschwerden des Abg. v. Skarzynski (Pole) aus, daß man bis 1885
Die Komödiantm.
Roman von Oswald Benkendorf. 4
Da er jedoch behauptete, daß er dem Grafen wichtige Neuigkeiten zu überbringen habe, wies Heinrich ihn an den alten Kammerdiener Jean im Schlosse und gestattete ihm, den Weg dahin durch den Park zu nehmen.
Bald darauf empfing denn auch Graf Erich die Meldung von dem befremdlichen Besuche.
„Verdi Tornelli," war mit sehr verschnörkelter Schrift aus eine große, weiße Visitenkarte geschrieben, und diese zwei Worte genügten, um den hochgewachsenen, herkulisch gebauten Mann, der daS Blatt in der Hand haltend starr darauf niedersah, tief zu erregen.
„Lassen Sie den Menschen im Vorzimmer warten, bis ich das Glockenzeichen gebe, Jean," sprach dann der Graf gefaßt und ließ sich schwer in einen Sessel gleiten.
Wieder und wieder betrachtete er den verschlungenen NamenSzug auf der Karte, während er vor sich hin- murmelte: „Tornelli. Ueber zwanzig Jahre sind es wohl, daß der Klang dieses Namens nicht mehr an mein Ohr gedrungen ist, und damals ward er nie zum Guten ausgesprochen. Denn Vera Tornelli war eS, die das eitle Herz meines unglücklichen Weibes bestrickt und unser Eheglück zerstört hat Und später, als ich sie aus dem Hause gewie« fen, da soll sie einen hohen Schwur geleistet haben, sich an nur zu rächen, was der schleichenden Schlange auch gelungen ist; denn sie und keine andere bahnte Helmine den Weg zur Flucht und. bestimmte sie dazu, dem trügerischen Schimmer flüchtigen Künstlerruhmes aufs Neue nachzu- jagen. Armes Weib! Der Name Helmine Ost ist nicht be- wundernd von Alt und Jung genannt worden wie Du geträumt, und hat kein Echo gefunden in den Metropolen der Neuen Welt, nach Veras Meinung, sondern ist er- loschen gleichcjnemfallendenStermiuFiusteruir uudSchwei- gen."
Graf Erich erhob sich es war, als wolle er seine weh
mutige Stimmung verscheuchen, indem er hastig das iaat- artige Gemach durchmaß, dann schüttelte er unmutig das ergrauende Haupt und sagte: „Was soll mir das jetzt, wo ich längst abgeschlossen habe mit der Vergangenheit? Wer wagt es keck den Finger an die verharschte Wunde zu legen? Verdi Tornelli, jedenfalls ein Abgesandter der Venezianerin, ein Verwandter Veras, vielleicht ihr Bru- der. Es wäre besser, den Mann abweisen zu lassen, doch nein, ich will ihn spreche», will wissen, was er begehrt. Wahrscheinlich wird es sich um ein Anliegen handeln und Signora Vera, die einst gar stolzen Sinnes die Unter- stützung zurückwies, welche ich ihr als Ersatz anbot, findet es jetzt nicht unter ihrer Würde, sich zu einer Bitte her- abzulassen."
Dabei setzte der Graf den Glockenzug in Bewegung, und bald darauf schlüpfte die schlanke Gestalt Verdi Tor- nellis durch die braune Sammetportiere in das Gemach.
Graf Erich erwiderte die tiefe, respektvolle Verbeugung des Italieners durch ein flüchtiges Neigen des Hauptes und sagte kühl: „Sie haben mich in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen gewünscht. Was haben Sie mir mitzuteilen?"
„Ich bin der Ueberbringer einer, wie ich hoffe, freu- digen Nachricht, Herr Graf, und komme im Auftrage meiner Schwester Vera."
„Die Signora Tornelli sollte für mich eine frohe Nachricht haben, das ist mir neu!" erwiderte der Graf nicht ohne Bitterkeit:
Verdi senkte den Blick und leise, unter dem Druck einer Verlegenheit, die er nicht zu besiegen vermochte und von der Graf Wilmeuan nicht zu unterscheiden wußte, ob sie natürlich oder geheuchelt sei, sprach er: „Aus bem eigenen Munde meiner Schwester weiß ich, daß dieselbe Ihnen, Herr Graf, manches Leid bereitete. Noch kennen Sie nicht dessen ganzen Umfang. Ich ersuche aber, sich gewär- tig zu halten, daß ich im Auftrage einerBereueuden komlne. Meine Schwester war schwer krank, als ich Venedig ver
ließ, sie hatte sich mit dem Himmel versöhnt und wollte es auch mit den Menschen tun. Es war ihr inbrünstige, Wunsch, vielleicht ihr letzter, daß ich die weite Reise nach Deutschland mitteten, daß ich Sie aufsuchen möge, Her, Graf, um Ihnen daS Geheimnis mitzuteilen, zu besser Mitwisser sie auch mich erst gemacht, als sie ihr Ende her- annahen fühlte."
„Ein Geheimnis?" fragte gedehnt der Graf, „ich wüßte nicht, in welchem Zusammenhänge meine Persm nrit den Geheimnissen der Signora Tornelli stehen könnte, da ich mich nie für das Privatleben der Dame interessiert habe"
„Verzeihen, Herr Graf, ich habe mich vielleicht unrichtig ausgedrückt," eutgeguete geschmeidig der Venezianer. „Ich meinte nicht die kleinen Erlebnisse im bescheidenen Dasein meiner armen Schwester, sondern es han- delt sich um ein Vermächtnis, welches eine, Ihnen teure Person hinterlassen hat."
„Reden Sie deutlicher, ohne Umschweife!"
„Wohlan, es muß gesagt sein," fuhr Tornelli, das Haupt erhebend fort. „Ihnen lebt eine Tochter, Herr Graf und. . ."
„Sie lügen!"
Mit scheuem Seitenblick betrachtete der Italiener die imposante Gestalt des alten Aristokraten. Die Wangen des Grafen waren gerötet und die Adern an den Schläfen mächtig augeschwollen, seine großen, grauen Augen schössen Blitze, und der Mund, welcher eben die anklaaenden Worte gesprochen, war jetzt fest geschlossen.
Einen Moment erbebte Verdi Tornelli im Gefühle bau- ger Furcht und instinktartig wich er einen Schritt zurück der Tür zu, dann aber besonn er sich, knöpfte langsam seinen schwarzen, fadenscheinigen Ueberrock auf, und, ein zieinluh umfangreiches Päckchen hervorziehend, das in ein Stück schwarzen Seidenstoffeingeschlageu war, überreicht« er dasselbe dem Grafen mit einer Verbeugung: Hier die Beweise für»,eine Behauptung." 139 1L