SchWernerZeitun g
mit amtlichem Areisblatt.
Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
FL 33 Mittwoch, den 24. April 1907. 58. Jahrgang.
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Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt
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ta — E^ na “fr<^ finden in der Schlitchterner ■ Vati Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser verlebt seine Homburger Tage als Privatmann. Fast jeden Morgen sieht man ihn im Kurpark promenieren, nachmittags werden Ausflüge gemacht.
— Das Zarenpaar beabsichtigt, sobald in Rußland Ruhe eintritt, eine Auslandsreise anzutreten. Voraus- sichtlich werden sich der Kaiser und die Kaiserin nach Darmstadt begeben, um dort den Sommer zu verbringen. Falls sich der Plan verwirklicht, wird der Kaiser Nikolaus in Darmstadt eine Begegnung mit Kaiser Wilhelm haben.
— Die Etatsstärke des deutschen Heeres beträgt zurzeit 25 111 Offiziere, 2255' Militärärzte, 687 Veterinäre, 1070 Zahlmeister, 1133 untere Militärbeamte, 84 712 Unteroffiziere, 500 664 Gemeine, 110 485 Pferde, insgesamt ist dies ein Menschenmaterial von 613 875 Köpfen.
— Der Reichstag beschäftigte sich am vergangenen Donnerstag mit kleinen Fragen des Reichsgesundheitsamts, wobei allerlei Wünsche vorgebracht und sämtliche Resolutionen, zum Teil einstimmig, angenommen wurden. — Am vergangenen Freitag wurden in schneller Folge die Positionen für die Hohkönigsburg, zur Bekämpfung der Tuberkulose und die Vornahme der Berufszählung i n Jahre 1907 und damit der Rest des Extraordinariums des Reichsamts des Innern erledigt. Sodann leitete der Kolonialdirektor die neue Vorlage über die Entschädigung der südwestafrikanischen Farmer mit einer kurzen Begründung ein. Mit warmen Worten befürwortete Abg. Frhr. M Richthofen (kons.) die Vorlage und als Kommissar des Bundesrats gab Gouverneur v. Lindequist eine ausführliche Schilderung der wirtschaftlichen Lage des Schutzgebietes. Die aus
tausend Wunden blutende Kolonie braucht vor allem zur Neubelebung der Farmwirtschaft Geldmittel. Eine volle Entschädigung der tatsächlichen Verluste wolle man mit der jetzt vorgeschlagenen Summe nicht erreichen. Der Redner streifte auch die Frage, wem die Schuld an dem Aufstand zufalle, und deutete an, daß sie in der unzulänglichen Truppenstärke zu suchen sei, als der Aufstand noch im Keime war. Herr v. Lindequist schloß mit der dringenden Bitte, durch die Bewilligung der 7'/2 Millionen Mark an der Wieder« aufrichtung der Kolonie mitzuhelfen. Die Vorlage wurde der Budgetkommission überwiesen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am vergangenen Donnerstag die Etats des Herrenhauses und des Abgeordnetenhauses ohne Debatte und erörterte die Frage der Schiffahrtsabgaben, die von den Liberalen bekämpft wurden. Der Minister der öffentlichen Arbeiten Breitenbach erkärte, daß die Verhand- lum,en mit den Bundesstaaten in freundschaftlicher Weise geführt würden. Da Zweifel an der Vereinbarkeit des § 19 des Wasserstraßengesetzes, der die Einführung von Schiffahrtsabgaben versieht, mit dem Art. 54 der Reichsverfassuttg geltend gemacht worden seien, so sei er bereit, dafür einzutrete», daß durch ein Reichsgesetz eine authentische Interpellation des Art. 54 erfolge. — Am vergangenen Freitag, wo der Platz des Abg. Grafen Douglas aus Anlaß seines 70. Geburtstages mit Blumen reich gef$;miät war, wurde die Beratung des Bauetats fortgesetzt. Bei der allgemeinen Besprechung bei dein „Titel „Ministergehalt" wurde die Frage der Teilung des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten und der Schaffung eines eigenen Wasserbauministeriums berührt. Minister Breitenbach erklärte, die Vereinigung der Eisenbahnen und des Wasserbaues gäbe nicht zu Widersprüchen im Ministerium, sondern gerade zu Milderung der Widersprüche Veranlassung.
— Der Hamburger Hafenarbeiterausstand ist beendet. _ Eine Versammlung der Hamburger Schauerleute hat beschlossen, die Vorschläge des Hafenbetriebsvereins anzunehmen und die Arbeit wieder aufzunehmen. So hat auch dieser Ausstand mit einer Niederlage der Streikenden geendet.
-7 Das Hauptgebäude der Deutschen Armee«, Marine- und Kolonial-Ausstellung in Berlin ist, nachdem die Maschinenhalle, die Kolonialhalle und die Marinehalle fertig errichtet sind, nunmehr auch soweit gediehen, daß vor einigen Tagen das Richtefest statt- finden konnte. Trotz der Ungunst des Weilers, trotz
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der verschiedenen Streiks sind die Arbeiten dennoch soweit vorgeschritten, daß, wie vorhergesehen, am 15. Mai, mittags 12 Uhr, die feierliche Eröffnung wird erfolgen können. Die Haupthalle mit ihrem riesigen Kuppelbau, dessen Spannbreite 32 111 beträgt, ist ein ganz hervorragend imposantes Gebäude von 200 in Frontlänge und einem Flächeninhalt von 12 000 qm, ein Holzbau, wie er in solchen Dimensionen in Berlin noch nicht errichtet worden ist.
Ausland
— Die Begegnung der Könige von England und Italien in Gaeta trug einen sehr herzlichen Charakter. König Viktor Emanuel begab sich an Bord der englischen Königsjacht „Viktoria und Albert", und beide Könige verweilten einige Zeit allein im Königssalon der Jacht. Gleichzeitig hatte Minister Tittoni eine Unterredung mit dem englischen Unterstaatssekretär Sir Charles Hardinge. Hierauf begaben sich die Könige in den Salon, in dem sich die Königin von England und die Prinzessin Viktoria befanden. Nachdem König Viktor Emanuel auf seine Jacht „Trinacria" zurückgekehrt war, fuhr König Eduard an Bord der italienischen Königsjacht, wo er etwa 20 Minuten verweilte. Dann kehrte er unter dem Salut der Schiffe und Hurrarufen der Besatzungen an Bord der englischen Königsjacht zurück.
— Zur Revolutionierung des russischen Militärs besteht, wie durch in letzter Zeit vorgenommene Haussuchungen entdeckt sein soll, in Petersburg eine weit verzweigte Organisation. Sie führt den Namen „Militärverband" und besitzt mehrere Druckereien, in denen ihre Schriften gedruckt werden. Bei den Haus- uchungen wurden etwa 30 Personen, darunter mehrere Frauen, verhaftet. Gegenwärtig werden in der Unv gegend von Petersburg und allen Hauptplätzen Rußlands Nachforschungen nach Zweigabteilungen des Militärverbandes angestellt.
— Wieder ist ein politisches Attentat in Barcelona verübt worden. Gegen einen Wagen in dem sich der Deputierte Salmeron, der katalanische Parteiführer Cambo und mehrere andere Personen befanden, wurden Revolverschüsse abgegeben. Cambo wurde verwundet.
— Ein Dekret des Königs von Rumänien genehmigt die Regierungsmaßnahmen, durch die den Landwirten pülfe geleistet werden soll, die infolge der Bauernauf- tände außerstand gesetzt sind, ihre Betriebe fortzuführe» Demnach werden den notleidenden Landwirten nach-
Die Komödiantin.
Roman von Oswald Beukeudorf. 3 „Wie gesagt,auch ich habe mit amTriumphwagen der schönen Helniiue gezogen, fand eS aber doch später sehr töricht, daß mein Freund und Altersgenosse, Erich Wilme- nau, dem Mädchen, daS er tief und leidenschaftlich liebte, seine Hand bot.*
„Wie Sie dachten viele," warf Sidonie ein, „auch ich konnte mich mit Erichs Wahl nicht befreunden, aber da unser Batet gestorben war, vermochte Erich der Stimme seines Herzens zu folgen und er tat es und löste sein Hel« mme Ost gegebenes Wort ein. An schlimmen Prophezeiungen fehlte es nicht und leider sollten dieselben bald in Erfüllung gehen, denn die Ehe war keine glückliche. Aber da» Unheil kam von einer ganz anderen Seite, als die meisten eS erwartet hatten."
„Sehr richtig bemerkt," nickte der Oberst, „waren wir alle doch fest davon überzeugt, daß Erich seine übereilte Heirat sehr schnell bereuen iverde, indessen war eS die neugebackene Gräfin Wilmenau, welche sich nach dem von ihr aufgegebenen Berufe und der Ungebundenheit ihres Künstlerlebens zurücksehute."
Gräfin Sidonie warf einen prüfenden Blick nach dem Erkerfenster hinüber, wo Franziska über ihren Stickrah- gebeugt saß, und für nichts anderes Sinn zu haben dann fuhr sie in gedämpftem Tone fort: „Helniiue eben geirrt, wenn sie gewähnt, daß ihre Neigung für Erich stark genug sei, sie alles vergessen zu machen was ihr vorbei,i Freude und Genuß gewährt. Frei- lich war ihr Leben als Schloßfrau und Gebieterin von Wilmenau auch sehr verschieden von der Vorstellung, die sie sich wohl vorher davon gemacht haben mochte. Die Ä^urteile umererStandesgenossen, der sogenannten guten Gesellschaft, sind schwerer zu überwinden, als Fernste- yenbe glauben. Am wenigsten waren die uns benachbar- en Familien deSHochadels geneigt, meinem Bruder seine /olle Heirat zu vergeben und in den Augen der mit Töch
tern gesegneten Müttern zählte die Komödiantin garnicht mit. Der Hans Kindler hatte wohl auch eine Bürgerliche geheiratet, aber das war doch wenigstens eine Bankiers- tochter gewesen mit einer Mitgift von fast einer halben Million. Zudem gaben die Kindlers feenhafte Feste und man amüsierte sich im allgemeinen prächtig bei ihnen, während Erich sich beleidigt zurückzog, weil fein früherer Umgangskreis sich ablehnend gegen seine Gattin Helmine verhielt. Bald waren beide vollständig isoliert und die junge Frau, die mit ihren neuen Pariser Toiletten und den altberühmten Brillanten der Wilmenans weder Entzücken noch Neid erregen konnte, begann sich zu langweilen. Ich war ja damals noch in Bentheim und hörte diese Einzelheiten erst später von meiner Freundin Ernestine Kindler. Dann, nachdem das Unheil schon geschehen, erzählte mir auch Erich manches aus seinem Eheleben. Die junge Frau hatte ihm den Vorschlag gemacht, Wilmenau zu verlassen und nach Berlin überzusiedeln, er dagegen ist, wie Sie wohl wissen, Herr Oberst, mit Leib und Seele Landwirt und das Stadtleben war nie nach seinem Geschmack. Bon Verstimmungen und Streitigkeiten kam es bald zu ernsteren Konflikten zwischen den Eheleuten."
„Da kann ich denn meinen Freund nicht von aller Schuld freisprechen," fiel der Oberst lebhaft ein, „denn an« statt einzulenken und auf die launenhafte Künstlernatur Helmines etwas Rücksicht zu nehmen, glaubte Erich mit Strenge und Energie vorgehen zu müssen, um die schlimmen Neigungen seines jungen Weibes im Keim zu ersticken, wie er mir sagte."
„In Vera Tornelli, derFreundin und Gesellschafterin HelmiueS, die Quelle des Uebels erkennend, wies er der Venezianerin mit Härte die Tür und als Helmine, dadurch erbittert, ihm drohte, wieder zur Bühne zurückzu- kehren, und ihn auf immer zu verlassen, ging er soweit, sie wie eine Gefangene in Wilmenau zu halten."
„DaS war entschieden gefehlt und beschleunigte denn auch die Katastrophe."
„Ich selbst vermochte es zu beobachten, wie die Nei-
gung der jungen Frau sich zuerst in Gleichgültigkeit und später in Haß verwandelte, bis zuletzt ihre fluchtartige Abreise den Konflikt beendete."
„Und ich lasse es mir nicht nehmen, daß Vera Tor- nelli die Hand im Spiele gehabt und Helmine geholfen hat, heimlich Wilnienau zu verlassen."
„Darin mögen Sie recht haben, Frau Gräfin, aber wenn ich nicht irre, ist das Freund Erich, der soeben festen Schrittes den Korridor passiert, in der Tat, da ist er schon."
Die Gräfin blickte gespannt auf, als die Tür jetzt geöffnet ward und die hohe Gestalt des Grafen Erich Wil- menau in deren Rahmen erschien, doch sie zuckte erschreckt zusammen, als sie die Veränderung in des Bruder» unge- wöhulich bleichem Antlitz gewahrte und den düsteren Ausdruck der sonst so klaren Augen.
Schnell erhob sie sich und reichte dem Nähertretenden stumm die Hand, die er krampfhaft in der seinen drückte, dann trat er zudem Obersten, welcher sich gleichfalls erhoben und sagte mit gepreßter Stimme: „Ich habe Euch eine große inhaltsschwere Neuigkeit zu verkünden!"
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Einige Stunden vorher war ein Mann in daS Häuschen des Parkwächters von Wilmenau getreten, mit dem höflichen Begehren, ihm Auskunft darüber erteilen zu wollen,wann wohl geeigneteres sehvoudem gebietendenHerrn auf Wilmenau, dem Grafen Erich, empfangen zu werden.
Es hätte für Heinrich Mertens, den alten Parkwärter, nicht,des fremdländischen Akzents gebraucht, um den Bittsteller sofort für einen Welschen zu halten; denn schon das Aeußere des ungefähr fünfzigjährigen Mannes kennzeichnete denselben als einen Südländer.
Obgleich Verdi Tornelli, so nannte er sich bei demPark- wärter, mit augenfälliger Sorgfalt bemüht gewesen war, kleine Mängel an seinem Anzüge zu verbergen, trug doch seine ganze Erscheinung den Stempel des Herabgekom- meuseins. 139,18