SchluchiernerZeitun g
mit amtlichem Kreisblatt Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 20. April 1907.
58. Jahrgang.
Fortwährend
werden Bestellungen auf die ■
Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt
von allen Postanstalten, Landbriesträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
finden in der Schlüchterner ■ Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- tein erscheinenden Zeitungen besitzt.
Amtliches.
J.-Nr. 1466. Nach einer uns von dem Herrn Kaiserlichen Kommissar und Militär Inspekteur der freiwilligen Krankenpflege bekannt gegebenen Mit- teilung der Hauptsammelstelle der freiwilligen Krankenpflege für Südivestafüka in Hamburg ist das Lager der Materialgaben für die Angehörigen der südwest- afrikanischen Schutztruppen bis auf wenige Kisten geräumt.
Die geehrten Vorstände bitten wir ganz ergeben st, für die baldige Zuführung weiterer materieller Spenden an die genannte Hauptsammelstelle sehr gefälligst Sorge tragen zu wollen. Rauchmaterialen sind besonders erwünscht.
Berlin, den 2. März 1907.
Preußischer Landesverein v. Roten Kreuz-Zentralkomitee:
Der Vorsitzende:
gez. B. von dem Knesebeck.
An die Vorstände sämtlicher Provinzial- und Landesvereine vom Roten Kreuz.
Indem ich vorstehendes Schreiben des Zentralkomitees hiermit veröffentliche, bitte ich, durch Abführung weiterer Liebesgaben dazu beitragen zu wollen, daß der gute Ruf, den der Kreis Schlüchtern in dieser Hinsicht genießt auch fernerhin erhalten bleibt.
Der Unterzeichnete, wie auch der Schatzmeister, Rentmeister Pfalzgraf und der Schriftführer, Kreis- ausschußSekretär Schäfer sind zur Empfangnahme von Spenden jeglicher Art gern bereit.
Ueber den Empfang der Gaben wird in der Zeitung quittiert werden.
Schlüchtern, den 15. April 1907.
Der Vorsitzende des Zweigvereins vom Roten Kreuz.
Valentiner, Königl. Landrat.
Deutsches Deich.
— Ueber die militärischen Sommerpläne des Kaisers wird mitgeteilt: Am 31. Mai findet die Parade in Potsdam, am 1. Juni die Frühjahrsparade in Berlin statt. Am 7. Juni exerziert der Kaiser die Garde- Kavallerie-Division in Döberitz. Nach seiner Rückkehr von der Nordlandreise beabsichtigt Kaiser Wilhelm für einige Tage den Uebungen der verstärkten Garde- Kavalleri-Division in Alten-Grabow beizuwohnen, die vom 26. Juli bis 8. August dauern. Am 27. findet die Parade des 10. Armeekorps bei Bemerode statt. Am 29. geht der Kaiser nach Münster und nimmt am 30. die Parade des 7. (westfälischen) Korps bei Wiltrup ab. Die große Herbstparade in Berlin ist auf den Sedantag angesetzt. Die Kaisermanöver, die sich wahrscheinlich zwischen der Weser und dem Teutoburger Walde, in der Gegend von Hameln, abspielen werden, beginnen am Montag, den 9. September, und dauern diesmal nur drei Tage. Schließlich wird der Kaiser im Herbst der Festungskriegsübung bei Posen beiwohnen, die unter der Leitung des kommandierenden Generals des 5. Armeekorps, Exzellenz Kluck, stattfindet. Ueber eine eventuelle Teilnahme des Kaisers an den Uebungen der Schlachtflotte ist noch nichts Endgültiges bestimmt.
— Das Resultat der Probefahrt der „Dreadnought" ist nach den amtlichen Berichten, die den: Parlament unterbreitet sind, ein in jeder Beziehung vorzügliches gewesen! Das Schiff hat ausgezeichnete nautische Eigenschaften und die Maschinen haben tadellos funktioniert. Während der ganzen Fahrt, die sich auf über 10 000 sm die Stunde zurückgelegt wurde, kamen nur zwei geringe Maschinenhavarien vor, die bald beseitigt wurden. Man sieht also, welchen Wert die angeblich aus Privatbriefen der Besatznng stammenden Nachrichten hatten, deren Haltlosigkeit wir ja schon vor einigen Wochen beleuchtet haben.
— Admiral Evans hat beantragt, daß die gesamten Anthracit-Gruben Pennsylvaniens durch die Regierung mit Beschlag belegt werden sollen, damit dieses vorzügliche Feuerungsmaterial, welches fast ohne Rauchentwickelung verbrennt und größte Heizkraft hat, für die Kriegsmarine reserviert wird.
— Der Reichstag setzte am vergangenen Sonnabend die Beratung des Etats des Innern fort. Dem Abg. Schmidt (Soz.), der eine spezielle Enquete über die Verhältnisse in der Eisenindustrie verlangte, erwiderte Staatssekretär Gras Posadowsky, daß eine solche Enquete durch das preußische Handelsministerium be-'
reits erfolgt sei. Er befürwortete ferner die gemeinsame Schaffung einer freien den praktischen Bedürfnissen entsprechendeil chemisch-technischen Reichsanstalt durch das Reich und die Großindustrie und gab die Erklärung ab, daß zwischen ihm und dem Reichskanzler „über die Ziele und den Umfang der sozialpolitischen Gesetzgebung auch nicht die leiseste Meinungsverschiedenheit bestehe." Die Angriffe Schmidts gegen die Haltung der Hamburger Reedereien im Streik der Schauerleute wies Abg. Semler (natl.) zurück, der auch einen besonderen Erlaß für die Betriebe mit Giftstoffen verlangte. Graf Posadowsky wies in einer kurzen Erwiderung auf die bereits bestehenden Vorschriften hin. — Am vergangenen Montag wendete sich Abg. Dirksen (Rp.) gegen die Sozialdemokratie und ihren gegen die Arbeitswilligen bei Streiks gerichteten Terrörismus. Staatssekretär Graf Posadowsky bemerkte hierzu, daß sich das Reichsjustizamt bei der Schaffung des neuen Strafgesetzbuches auch um eine schärfere Fassung aller gegen ungerechtfertigten Zwang gerichteten Bestimmungen bemühe, daß aber gegen eine Einschüchterung Arbeitswilliger mit außerordentlichen Mitteln umso weniger anzukämpfen sei, als sich in der Mehrzahl der Fälle nachträglich weder Anzeiger noch Zeugen finden. Abg-Jung (natl.) sprach die Erwartung aus, das neue Vereinsgesetz werde besser sein als die Gewerkschaftsvorlage und ein Werk im Sinne des Grafen Posadowsky, von dem man sich noch viel Gutes versprechen dürfe. In ähnlichem Sinne sprach dann noch der Abg. Schiffer (Z.), der Vorsitzende des christlichen Gewerkschaftsverbandes.
— Das preußische Abgeordnetenhaus überloies in der Sitzung am vergangenen Sonnabend zunächst die beiden Beamtenpensions - Gesetzentwürfe der Budget- kommission und das Richterbesoldungsgesetz einer besonderen Kommission. Bei der Fortsetzung der Kulus- etatsberatung wurde ein liberalerAntrag aufGleichstellung der Oberlehrer an den höhern Lehranstalten im Gehalt mit den Vertvaltungsbeamten und Richtern angenommen mit einem Amendement des Abg. v. Heydebrand (kons.) dahingehend, daß im Rahmen der demnächst bevorstehenden allgemeinen Neuordnung der Beamtengehälter eine Gleichstellung der Oberlehrer im Gehalt mit den Verwaltungsbeamten und Richtern zu bewirken ist. Nach einer Mitteilung des Kultusministers Dr. von Studt haben über die Neuregelung der Oberlehrerbesoldung bereits Verhandlungen im Staatsministerium stattgefunden. — Am vergangenen Montag entwickelte bei der Weiterberatung des Kultusetats der Kultus-
Die Komödiantin.
Roman von Oswald Benkendorf. 2
Seine Schwester Sidonie, dem Bruder innig zugetan, vürde die» sogar gewünscht haben, wußte sie e» doch aus rigener Erfahrung, wie traurig solche HerzenStäuschuugen »a» Leben gestalten können. Seit Jahren Witwe, hatte sie endlich den Bitten des Bruders Gehör gegeben, sein Heim, dem die Herrin mangelte, durch ihre Gegenwart anmutig zu beleben.
Sie verließ Bentheim, daS einsame Bergschloß, nahe der rauhen Gebirgskette in der Grafschaft Glatz gelegen, und kehrte, eine ernste, gereifte Frau, nach Wilmenan zu- rück, in das Vaterhaus, wo sie als junges heiteres Mäd- chen unvergeßlich schöne Stunde» verlebt hatte.
Als baun noch die liebliche Franziska von Laue» auf Wilmenau eingezogen, gestaltete sich das Zusammenleben der Schloßbewohner immer heiterer, der gesellige Kreis erweiterte sich und selten verging ein Tag, wo nicht Gäste im Schlosse vorsprachen, zu denen besonders die Offiziere der nahen Gar»iso»stadt Spangenberg zählten.
DaS fast patriarchalisch zu »eniieiide Stilleben der alternden Geschwister wurde dadurch nicht gestört, da die Besuche der Nachbarn an dem HallSbrauche nichts änderten, sie warben freundlich ausgenommen nud bewir- tet, daS gastliche Haus war ihnen stets geöffnet, obwohl weder Graf Erich »och dessen Schwester glänzende Feste und geräuschvolle Lustbarkeiten liebte».
Oberst Perle ein alter Frennd der Familie, gehörte zu den gern gesehenen Gästen und bei einer Partie Schach vermochte die Witwe alle gehabte» Kümmernisse und die Sorge um die Zukunft zn vergesse».
Auch heute war sie ganz vertieft in da» Spiel und schien aus dem Miciienspiel des Obersten lese» zu wollen welchen Zug der Zögernde eiidlich tun werde, der schon dreunal die Rechte erhoben, um sie gleich darauf wieber sinken zu lassen.
. Da unterbrach der Eintritt des alten Kammerdiener»
die Ruhepause und störte Gräfin Sidonie ans ihrem Sinnen auf.
Unwillkürlich wandle sie ihre Blicke dem Diener zu, der langsam das Gemach dnrchschritt und scharf zu ihr hinübersah, ohne doch dann den Mut zu haben, eine Störung zu verursachen/ indem er die Herrin auredete.
Augenscheinlich erfreut näherte er sich indessen, al» die Gräfin freundlich bemerkte: „Haben Sie mir noch etwas zu sagen, Jean?"
Im Nu war der Alte an ihrer Seite und flüsterte: „Gnädige Gräfin, ich möchte nur untertänigst melden, daß der Fremde, welcher den Grasen so dringend zn sprechen Verlangte, sich Verdi Tornelli nannte. Er ist nun schon über eine halbe Stundebei bem gnädigen Herr», und wenn mir vielleicht die Frau Gräfin einen Auftrag erteilen wollte, damit ich einen Borwand hätte hinüberzugehe», denn, gerade heranSgesagt, der Fremde sah nicht eben vertrauenswürdig aus."
Unruhe unb Befremden malten sich in der Gräfin fei- neu Zügen, nach einem Augenblick des Nachsinneus aber sprach sie: „Nein, Jean, ich kann Sie nicht hinüberschicken, denn Sie wisse», daß der Graf Störimgen nicht liebt, aber halte» Sie sich in der Nähe auf, damit Sie für alle Fälle jur Hand sind."
Der Oberst hatte unterdessen einen Meisterzug getan, aber seine Partnerin achtete kaum darauf, etwa» anderes schien sie völlig in Anspruch zu nehmen, besorgt blickte der Freund sie an, bann fragte er leise: „Wollen wir das Spiel nicht unterbrechen?"
„Nicht wahr, ich bin zerstreut, es ist edel von Ihnen, Oberst, daß Sie davon nicht Nutze» ziehe» wollen."
„Nein, verehrte Freundin, viel eher möchte ich meinen Beistand anbieten, wenn es sich nämlich nicht etwa um eine Toilettenfrage handelt, denn davon verstehe ich rein gar nichts."
Die Gräfin lächelte trübe. „Das würbe mir wenig Sorge machen! Jeans Meldung betraf ernstere Dinge, die für
Sie, Erichs Freund, durchaus kein Geheimnis bleiben solle». Erilmern Sie sich »och deS Namens Tornelli?"
Oberst Perle legte die Hand nachdenklich an die Stirn, dann meinte er: „Hieß die Gesellschafterin der Schauspie. Urin Helmme Ost nicht Tornelli?"
„Allerdings, Vera Tornelli."
„Diese intrigante Person spielte ja eine hervorragende Rolle in der Ehestaiidstragödie meines armen Freundes."
„Sie hat viel Unheil migerichtet und war meinem Bruder tief verhaßt. Seit vielen, vielen Jahren ist ihr Name in diesen Räumen nicht mehr genannt worden und jetzt sagt mir Jean, daß der Besucher, welcher Erich dringend zu sprechen verlangte, sich Verdi Tornelli nennt."
Der Oberst schien der Sache nicht eben viel Gewicht beizulegen.
„Vielleicht ein Zufall, wer weiß, ob der Träger diese» Namens in Beziehung steht zu der Signora Vera schlim- menAngedenkens! BennruhigenSie sich doch deshalb nicht."
Aber die Stirn der Gräfin blieb umwölkt. „ES ist selt- sam, ich habe daS Gefühl, als wenn uns irgend ein Unheil drohe."
„Wiekanniman nur so abergläubisch sein,"spottetePerle."
»Ich möchte nicht, daß die mühsam errungene Gemütsruhe meines Bruders aufS neue gestört würde."
„Verzeihen Sie, Frau Gräfin, aber die Damen sind nun einmal alle von einer fast krankhaften Sentimentalität, besonders, wenn es sich um Herzenssachen handelt. Ich bin der Ansicht, daß Erich diese unglückliche Heiratsgeschichte längst verwunden hat."
Gräfin Beiitheii» begnügte sich damit, den Kopf zu schütteln. 139,18
Der Oberst fnhr fort, ohne diesen stummen Protest zu beachten: „Bin ich doch selbst einmal in Helmine Ost verliebt gewesen, der ich als junger Leutnant den Tribut warmer Knnstbegeisternng weihte, wenn sie im königlichen Schauspielhause in Berlin anftrat. Sie war eine junge Dame von tadellosem Rufe und großer Schönheit, deren bedeutendes Talent ihr eine glänzende Zukunft versprach "