— Nach den dem Reichstage zugegangenen amtlichen Nachweisungen sind an Invaliden- und Altersrenten für das Jahr 1905 fast 137 Millionen Mark, an Beitragserstattungen über 8 Millionen Mark gezahlt worden. Seit dem Bestehen des Gesetzes sind an Renten und Beitragserstattungen zusammen rund 1090 Mill. Mark gezahlt worden. An Unfallrenten und Entschädigungen wurden im Jahre 1905 über 135 Mill. Mark gezahlt. Insgesamt übersteigen die seit Bestehen des Gesetzes gezahlten Unfallrenten die Summe von 1 ‘/i Milliarden Mark. Diese gewaltige Summe wird aber von der Sozialdemotratie als „Bettelpfennig" bezeichnet !
— Aus Posen wird eine neue polnische „Heldentat" gemeldet. In den Hof einer dortigen Gemeindeschule drangen drei polnische Arbeiter, beschimpften die Lehrer und bedrohten sie mit Messern. Die Arbeiter sind verhaftet worden.
— Zu den Bestimmungen über die Fernsprechneben- anschlüsse ist soeben eine nicht unwichtige Ergänzung getreten. Dadurch wird bestimmt, daß die Inhaber von Hauptanschüssen Nebenstellen anderen Personen nicht gewerbsmäßig überlassen dürfen.
— Aus Handwerkerkreisen wird darüber Klage geführt, daß an manchen Orten bei den Meister- und Gesellenprüfungen zu geringes Gewicht auf die Behandlung des theoretischen Teils des Prüfungsstoffes gelegt und insbesondere bei den Meisterprüfungen häufig das für den selbständigen Handwerker so überaus wichtige Buch- und Rechnungsführungswesen nicht genügend berücksichtigt werde. Der Handelsminister hat deshalb nach dem Ministerialblatt der Handels- und Gewerbeverwaltung Veranlassung genommen, die Aufsichtsbehörden der Handwerkskammern anzuweisen, gegebenenfalls auf eine Abstellung der erwähnten Mängel hinzuwirken.
Ausland
— Den „Enthüllungen" Bebels über angebliche Grausamkeiten des Hauptmanns Dominik von der Kameruner Schutztruppe tritt der Kaufmann Albrecht aus Jaunde in einer Veröffentlichung entgegen und erklärt, nie eine Klage der Eingeborenen über Dominik gehört zu haben; auch rühmt er die strenge Manneszucht der Soldaten des Hauptmanns Dominik.
— Ein neuer französisch-marokkanischer Zwischenfall hat sich dieser Tage ereignet. Der französische Gesandte Regnault hat die Nachricht erhalten, daß der französische Arzt Mauchamp in Marrakesch von Eingeborenen ermordet worden ist. Die französischen Kreuzer „Jeanne d' Are" und „Lalande" sind sofort nach Marokko 'entsandt worden. Die französische Regierung, der die Lage der in Marokko lebenden Franzosen ernste Sorgen bereitet, bereitet außerordentliche Maßnahmen vor. Die beiden nach Marokko entsandten Kriegsschiffe haben alles für die Landung von Truppen erforderliche Material an Bord genommen.
— In Petersburg ist der frühere Oberprokurator des Heiligen Synods Pobjedonoszew gestorben, der den Strömungen einer Erneuerung Rußlands im Sinne moderner Auffassungen entgegen war und daher seine Stellung aufgab. Er hatte seitdem keinen Einfluß mehr auf die politische Entwickelung Rußlands.
— Die Agrarunruhen in der Moldau dauern fort. In Dordhoi, wo sie begonnen haben, ist jetzt Beruhigung eingetreten, doch pflanzt sich die Bewegung nach andern Ortschaften fort. Weitere Regimenter sind nach der Moldau entsandt. Ursprünglich war die Bewegung gegen die Juden gerichtet. Seit einigen Jahren hatten einige jüdische Großpächter zahlreiche Pachten übernommen und dadurch ein plötzliches Steigen der Pacht- summe hervorgerufen und als Folge davon eine plötzliche Erschwerung der Bedingungen für die auf diesen Domänen angesiedelten Bauern. Gegenwärtig hat die Bewegung den Charakter einer Agrarrevolte angenommen und ist auch gegen die eingeborenen Großgrundbesitzer gerichtet, die ihre Domänen selbst bewirtschaften. Die Regierung wendete alle ihr zu Gebote stehenden Mittel an, um die Gemüter zu beruhigen und Ausschreitungen zu verhindern, wobei so viel als möglich Blutvergießen vermieden werden sollte. Bei den bisherigen Konflikten sind nur in vier oder fünf Ortschaften eine geringe Zahl von Menschen gelötet oder verwundet worden.
— Zum Krieg zwischen Honduras und Nicaragua meldet der Konsul der Vereinigten Staaten in Managua, daß nach den Angaben der Regierung von Nicara- gua die Truppen von San Salvador und HonduraS ut der Schlacht bei Namsique 1000 Tote hatten. Nicaragua hat 20 000 Mann im Felde und beabsichtigt, schleunigst gegen Tegucigalpa vorzugehen. Der amerb kanische Staatssekretär Root empfing die Gesandten von Costarica und Nicaragua und soll ihnen nachdrücklichst nahegelegt haben, daß es ratsam wäre, den gegenwärtigen Krieg schnellstens zu beendigen, da er alle anderen zentralamerikanischen Staaten hineinzuziehen drohe. Es sei fast sicher, daß eine Fortsetzung des Krieges zum Erscheinen von europäischen Kriegsschiffen in den dortigen Gewässern und möglicherweise zu einer Intervention zum Schutze der in Zentralamerika wohn- hasten Europäer führen würde.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 29. März 1907.
—* Frohe Feiertage! Mit diesem Wunsche möge die heutige Nummer unserer Zeitung in die Hände ihrer Leser von nah und fern gelangen. Wieder ist es Ostern und von neuem erwacht nach dem harten Regiment eines langen Winters die Erde zu neuem Leben, wieder tragen die feierlichen Klänge der Glocken die frohe Auferstehungsbotschaft in alle Lande hinaus und versetzen unsere Herzen in eine weihevolle Stimmung. Jahrtausende blicken wir zurück und erkennen im Hinblick auf jenes Auferstehen, jenen vom Erlöser schwer erkämpften und errungenen Sieg über die Macht des Todes die großen Segen der Religion und die allsprung in vielen Ländern bekannt und so werden die Menschen sich auch diesmal wieder am ersten April allenthalben weidlich zum Narren halten. Im Volksglauben gilt der erste April als Unglückstag; was man an diesem Tage beginnt, soll nicht geraten. Selbstredend ist das Unsinn. Hoffen wir vom diesmaligen April vielmehr, daß er einen recht glücklichen Anfang und Verlauf nimmt, können wir doch nach dem langen Winter endlich freundliches Lenzwetter dringend gebrauchen. Möge der erste April drum recht guter Laune sein und uns somit recht schönes Osterwetter bescheeren und in seinen weiteren 29 Tagen durch ein frühlingsmäßiges Regiment uns die schönste Zeit des Jahres, den Wonnemonat Mai würdig vorbereiten.
— * Jede Familie muß ihre eigene Zeitung haben! Und das kann sie auch, denn das heimatliche Lokalblatt ist für wenige Groschen das ganze Vierteljahr hindurch zu haben. Es unterrichtet die Bewohner über alles, was in der engeren Heimat wie in der weiten Welt passiert und ist wegen seines sonstigen mit Stadt und Land eng verbundenen Inhalts wie auch durch seinen amtlichen und Inseratenteil unentbehrlich für Jeder- mann. Von großen Ausgaben kann also nicht die Rede sein, und deshalb sollte tatsächlich jede Familie ihre eigene Zeitung haben. Das Zusammenlesen derselben seitens 2 oder gar 3 Familien führt, abgesehen davon daß keine von ihnen die Zeitung gerade in dem Augenblick zur Hand hat, wo sie notwendig gebraucht wird, auch zu Unzuträglichkeiten und Nachteilen, wenn man irgend etwas Wichtiges, einen öffentlichen Verkauf oder eine behördliche Anordnung zu spät erfährt. Hier Abhülfe zu schaffen, giebt der bevorstehende Quartalswechsel die beste Gelegenheit.
—* Als Geburtstag des ersten Kanzlers des neuen Deutschen Reiches, des Fürsten Bismarck, ist der 1. April für alle Deutschen ein nationaler Gedenktag, an dem die Erinnerung an das Leben und Wirken des eisernen Mannes, des Alten aus dem Sachsenwalde von neuem in unseren Herzen auflebt und dieselben mit innigem Danke erfüllt gegen den großen Staats- maun, den Schöpfer und Mehrer deutscher Macht und Herrlichkeit. Sein Andenken zu ehren, werden am 1. April, in diesem Jahre am zweiten Osterfeier- tage, sich zu den Osterfeuern, die in zahlreichen Gegenden alter Sitte gemäß auf Bergen und Höhen angezündet werden, die mächtigen Flammen gesellen, die auf den vielen Bismarcksäulen in deutschen Landen alljährlich am Geburtstage des Altreichskanzlers empor» lodern in die Nacht und weit in die Lande hinein zum Gedächtnis des großen Sohnes, des Meisters und Führers unseres Volkes in schwerer, aber auch in großer und herrlicher Zeit.
— * Die Stadtverordnetenversammlung wird in der Sitzung am 1. April über nachstehende Punkte der Tagesordnung Beschluß zu fassen haben: 1. Vertagung des Planes, Erbauung einer würdigen Wirtschaftshalle auf dem Acisbrunnen. 2. Bewilligung von Geldmitteln ztvecks Ankaufs und Abbruchs des Häuserblocks zwischen dem untern Ende der Brückenauer Straße und der Wassergasse, einschließlich der Häuser der Weitzelffchen Gemüsehandlung und Geireidehändlers Neuhof. 3. Errichtung eines Klärbeckens auf der Bahnhofstraße, das bei Regenwetter in Tätigkeit tritt. 4. Elektrische Straßenbeleuchtung betr. Und verschiedene andere Punkte.
—* Der Kreistag wählte am Mittwoch den Herrn Forstmeister Hebel zu Salmünster einstimmig zum Kreisdeputierten wieder; ebenso wurden die Herren Forstmeister Hebel und Bürgermeister Siemon ein- siimmig zu Kreisausschußmitgliedern wiedergewählt. Außer einer Reche wichtiger anderer Angelegenheiten genehmigte der Kreistag die Statuten über Erhebung einer Kreis Umsatz- und Wertzuwachs-Steuer, sowie einer Kreis-Schankkonzessions-Steuer. Um das Zustandekommen der Kreispferdeversicherung zu sichern, beschloß der' Kreistag, die Garantie für den 2 %> der Versicherungssumme etwa übersteigenden Prämienbetrag zu übernehmen. Hierdurch wird jedem Pferdebesitzer der Beitritt zur Kreispferdeversicherung, die ihm so außerordentliche Vorteile bringt, möglich.
. _* Die schon lange geplante Haltestelle am Diestel- rasen wird am 1. Mai L I. nun doch eröffnet werden. Gleichzeitig wird mit dein Bau, der Elektrischen j Straßenbahn von Schlüchtern nach Wallroth/Hinter- } fteinau begonnen werden, da die Arbeiten bereits ver- « geben sind.
— * Dem Vernehmen nach ist der Herr Eisenbahn- minister in voriger Woche in Frankfurt und Elm ge
wesen, um sich persönlich vom Stand der Arbeiten am Bahnhof Elm zu überzeugen. Wie nunmehr feststeht, ist der Bau eines Tunnels durch den Distelrasen beschlossene Sache. Man brauchte aus der riesigen Zahl der Projekte nur eines zu wählen und hat sich demnach für den kostspieligen Tunnelbau entschieden. Wie rasch die von dem Minister befohlenen Vorarbeiten in Angriff genommen werden, zeigt die große Zahl von Vermessungsbeamten, die schon seit Freilag vergangener Woche von Flieden aus arbeiten und für auf der Blockstation am Bahnübergang an der Frankfurt-Leipziger Straße (Bahnwärter Ommert) eine Sonder-Fernsprech- stelle eingerichtet worden ist. Das Arbeiter-Vermittlungs- bureau Schneller u Co. in Frankfurt ist beauftragt, bis zum 1. Mai 4000 Erdarbeiter anzuwerben, die teils in Flieden, teils in Schlüchtern untergebracht werden. Mit dem Barackenbau wird unverzüglich be» gönnen. Die Lieferungen für die Arbeitermassen erfolgen vom Zentrum (der Bauleitung aus D. Red.), nämlich Fulda. Für Elm ist diese Wendung der Dinge keine günstige zu nennen und wird sich die Einwohnerschaft nach Entfernung bezw. Entlastung der Bahngebäude wohl wieder dem Weinbau an der sonnigen Seite des Distelrasens zuwenden.
— * Die israelitischen Osterseiertage, welche 8 Tage bauern, es sind 2 ganze, 4 halbe und wieder 2 ganze Feiertage, beginnen dieses Jahr am 30. März, fallen also mit bem christlichen Osterfest zusammen.
—* Wie unsereLeser aus dem Inseratenteil schon wissen, hat sich in Sterbfritz ein Tierarzt niedergelassen, zweifellos ein großerNutzen für die meistViehzucht treibendeBevölker- ung. Wie groß das Bedürfnis gewesen, geht daraus hervor, daß der betr. Herr nach den entferntestenOrtschaften gerufen wird.
— * Am Sonntag wurde in Weiperz ein Kriegerverein gegründet, es traten sofort ungefähr 20 Kameraden dem neuen Verein bei, auch beschloß der neue Verein baldigst dem Kreis-Kriegerverband Schlüchtern bezw. den höheren Verbänden beizutreten.
— * Am 2. Osterfeiertag wird in der Fehl'schen Gastwirtschaft in Wallroth eine Theatergesellschaft aus Ungarn eine Vorstellung geben und wird den Bewohnern des Dorfes und der Umgebung ein seltener Genuß geboten werden.
* Sitzung der Strafkammer Hanau vom 25. März 1907. Gewerbesteuerhinterziehung. Der 16jährige Julius K. von Schlüchtern vertrieb in Abwesenheit seiner Mutter, die einen Wandergewerbeschein zu diesem Behufe hat, Druckschriften außerhalb seines Wohnortes auf eigene Faust. Er fungierte also nicht, wie das Schöffengericht annahm, als Begleiter seiner Mutter und hätte deshalb einen eigenen Gewerbeschein haben müssen. Da er noch nicht 18 Jahre alt ist, kann unter die übliche Strafe von 24 Mk. erkannt werden. Er erhält 5 Mk. Geldstrafe.
* Am Ostbahnhof in Hanau verunglückte kürzlich der Arbeiter Göbel von Jossa beim Rangieren dadurch, daß ihm ein Am zwischen Die Puffer geriet. Der Verletzte wurde in das St. Vinzenzkrankenhans gebracht, wo ihm der Arm abgenommen werden mußte. Er war erst 14 Tage im Eisenbahndienste beschäftigt.
* Schweinefleischabschlag. Die Kommission der Schweinemetzger in Frankfurt teilt mit: Nachdem auch auf dem heutigen Schweinemarkt ein Preisrückgang zu verzeichnen war, hat die Kommission der Schweinemetzger in einer soeben stattgefundenen Sitzung beschloßen, vom 1. April ab eine abermalige Herabsetzung der Preise für sämtliche Wurst- und Fleischwaren eintreten zu lassen und dieselben zugleich mit den Preisen der anderen Fleischwaren am 1. April durch Inserat in den hiesigen Tagesblättern bekannt zu geben.
* Professor v. Bergmann, der seit 14 Tagen in Wiesbaden zur Kur weilte, war am Freitag an einer Darmentzündung erkrankt. Es wurde sofort Professor- Schlange aus Hannover herbeigerufen, der am SamStag ein Operation vornahm. Auf Wunsch des Erkrankten fand heute eine zweite Operation statt, der aber Exzellenz v. Bergmann um 7^11 Uhr vormittags erlegen ist.
* Gestern nachmittag stürzte an bem Hause des Metzgermeisters Schramm in der großen EmmeranSstraße in Mainz der Arbeiter Franz Josef Ebert von der großen freistehenden Leiter, die zum Abwäschen' der Hausfassade benutzt wurde, ab, in dem Augenblick, als Frau und Kind ihm den Kaffee brachten. Der Mann stand ganz oben und schlug direkt auf das Straßen- pflaster auf. Mit furchtbaren Verletzungen wurde der Mann ins Spital gebracht, wo er einesStunde danach starb.
* In Hennighauseu bei Eimelrod äscherte ein Groß- feuer am Samstag sämtliche Gebüulichkeiten des Landwirts Trachte und die Nachbarscheune ein. Eine Anzahl Schweine und Schafe sowie. Geflügel kamen in, den Flammen um: ' ' '_______________________
Kirchlicher Anzeiger für Schlüchtern.
Evangelische Semeind e:
1. Osterfeiertag Vorm. 9 '/» Uhr
Predigt und hl. Abendmahl Herr PHkrer Rollinann. Nachmittags 1 7, Uhr: Herr Sup. Orth.
2. Osterfeiertag Vorm. 97, Uhr Herr Sup. Orth. Nachmittags 1 7, Uhr Herr Pfarrer Rottniann.
Katholische G e m e i n d,e Gottesdienst: 10 Uhr Herr Pfarrer Richter-Herolz.