mit amtlichem Rreisblatl.
Rlonalsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 27. März 1907.
58. Jahrgang.
< Rarfreitag.
Auf dem Haupt die Dornenkrone, Leidet er des Kreuzes Pein: Denn ein König auf dem Throne Will er auch im Tode sein;
Und er hängt dort, in dem Herzen
Liebe, die um Liebe wirbt,
Schaut ihn an in seinen Schmerzen, Sehet wie ein König stirbt.
Denn er selbst hat nichts verschuldet,
Was den Tod verdienet hat:
Alle Qualen, die er duldet,
Duldet er an unsrer Statt;
In den Tod gibt sich der Eine,
Eh' das ganze Volk verdirbt,
Für uns alle er alleine.
Sehet, wie ein König stirbt!
Ja, ein König, steckt er beide
Arme aus in Todesmüh'n,
Eine Welt mit ihrem Leide
An sein heilig Herz zu zieh'n;
Und was er an Heil und Frieden
In dem heißen Kampf erwirbt, Seinem Volk hat er's beschieden.
Sehet, wie ein König stirbt! E. Fischer.
Rarfreitag.
Der heutige Feiertag der Kirche stellt uns wieder vor das Geheimnis des Kreuzes. Wer ihm fern steht, muß zum wenigsten zugeben, daß hier ein Wunder vorliegt, viel größer als die sieben Weltwunder, von denen das Altertum redete.
^ Es mag sich jemand dagegen auflehnen und in
sein Testament schreiben:
„Nur mir kein Kreuz auf's Grab gesetzt, Sei's Holz, sei's Eisen oder Stein!
Stets haUs die Seele mir verletzt,
Dies Marterholz voll Blut und Pein."
Der Siegeszug des Kreuzes Christi über die ganze Welt läßt sich ebenso wenig durch den glühenden Haß moderner Uebermenschen, wie durch die Scheiterhaufen römisch-heidnischer und mittelalterlich-christlicher Unmenschen aufhalten.
Das Kreuz ist und bleibt der schönste, tröstlichste Schmuck unserer Gräber; das Kreuz auf Türmen und Kuppeln der Großstädte behauptet sich neben den hoch« ragenden, rauchenden Zeugen moderner Industrie; das Kreuz hält Schritt mit Kultur und Kolonisation, ja, eilt ihnen meist weit voraus. Wo man sich zu einer Liebesarbeit zusammenschließt, nimmt man das Zeichen des Kreuzes an: das Rote Kreuz pflegt die Kranken, das Blaue Kreuz rettet die Trinker, daß Weiße Kreuz kämpft gegen die Unzucht, das Rosa-Kreuz geht der alleinstehenden weiblichen Jugend nach. Es gibt keinen Schaden, dem das Kreuz nicht wehrte; es gibt kein Leid, das das Kreuz nicht linderte; es gibt keinen Verlust, für den das Kreuz keinen Ersatz böte. Was für ein Geheimnis!
Sogar der, der Jesum liebt, kann die geheimnisvolle Kraft des Kreuzes von Golgatha nicht ganz verstehen. Und doch brauchte sie keinem, der es ehrlich meint, ganz unverstänlich zu bleiben. Wer kämpfend leidet, wer entsagend überwindet, weiß sehr wohl, daß sein Kämpfen undSiegen nicht bloß ihm, dem Einzelnen, sondern auch denen zugute kommt, die mit ihm zu tun haben, ja, daß es sich in das stetige Wachstum der ganzen Menschheit mit hinein baut.
Von hier aus können wir es ahnen, daß Jesu Kreuzestod allen Menschen dient, auch denen, die davon nichts wissen wollen. Seine Gläubigen aber erfahren es an sich und bezeugen es dankbar.
Deutsches Reich.
Das Kaiserpaar trifft mit der Prinzessin Viktoria am 17. April in Homburg ein. Der Kaiser dürfte bis Ende April hier bleiben, während die Kaiserin und die Prinzessin auch noch im Mai die Kur in Homburg ■ gebrauchen werden.
— Prinz August Wilhelm von Preußen, der vierte Sohn des Kaiserpaares, der zur Zeit in Bonn a. Rh.
seinen Studien obliegt, wird, wie aus Hofkreisen mitgeteilt wird, am 1. Oktober die Universität Straßburg i. E. beziehen.
— Einen Nationalverein für das Deutsche Reich zu gründen hat in München eine von bayerischen Liberalen aller Parteirichtungen einberufene und von zahlreichen Vertretern liberaler Vereinigungen Süd- deutschlands besuchte Versammlung beschlossen. Der Nationalverein soll in die Selbständigkeit der liberalen Parteien nicht eingreifen; der Anschluß steht einzelnen Mitgliedern wie liberalen Vereinigungen offen. Es sollen alljährlich Tagungen großen Stils verunstaltet werden. Die Gründung vollzog sich unter begeisterter Zustimmung der Versammlung.
— Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am vergangenen Donnerstag die Beratung des Kultusetats fort. Ein Antrag des Abg. Rzesnitzek (frkons.), die Ostmarkenzulageu für die Volksschullehrer auch auf die gemischtsprachlichen Teile der Provinz Schlesien auszu- dehnen, wurde der Budgetkommission überwiesen. Abg. Eickhvff (fr. Vp.) trat unter Anführung eines Spezial- salles für eine reichlichere Unterstützung der alten Lehrerwitwen ein. Ihm schloß sich Abg. Dr. Arendt (frkons.) an. Ein Regierungskommissar erklärte, daß Erhebungen angestellt würden, ob eine Erhöhung der entsprechenden Fonds notwendig sei. Das Kapitel „Elementarschulwesens", „Provinzialschulkollegien" nnd einige weitere Kapitel wurden erledigt, worauf das Haus nach kaum zweistündiger Sitzung sich bis zum 10. April vertagte.
— Das preußische Herrenhaus beschäftigte sich am vergangenen Donnerstag mit dein Grubenunglück auf dem Mathildenschacht bei St. Johann. Oberberghaupt- mann v. Velsen erklärte, daß es nach seinen bisherigen Ermittelungen auf die Schadhaftigkeit eines Seils am Förderkorbe zurückzuführen sei. Weitere Feststellungen müßten der gerichtlichen Untersuchung Vorbehalten bleiben. Sodann wandle sich das Haus der Beratung der Novellen zu den Beamtenpensionsgesetzen zu, die nach den Beschlüssen der Kommission angenommen mürben. Ein Antrag des Frhrn. V. Manteuffel, den in den Staatsdienst übertretenden Kommunalbeamten die ganze Kommunaldienstzeit bei der Pesionierung an- zurechnen, wurde zurückgezogen, nachdem Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben „eine wohlwollende Behandlung der in Frage stehenden Beamten zugesagt hatte. Nach Erledigung dieser Vorlagen trat das Herrenhaus in seine Osterpause ein.
— Die Früchte der polnischen Hetzarbeit werden durch folgendes Vorkommnis gekennzeichnet. In Krusch- witz wurden zwei polnische Knaben durch den Brauereiverwalter Engelmann vom Tode des Ertrinkens — sie waren auf dem Goplosee eingebrochen — mit eigener Lebensgefahr gerettet. Als etwa eine Stunde nach dem Vorfall bei den Eltern des einen Knaben nach dessen Befinden gefragt wurde, gab der Bursche die bemerkenswerte Antwort: „Ich wäre schon so herausgekommen; nur schade, daß der nicht ertrunken ist, der mich gerettet hat!" — Man kann hieraus auch noch entnehmen, in welchem Grade verrohend und verwildernd auf die Kinder die hetzerische Agitation der Polen einwirkt — der Retter der polnischen Knaben war ja ein Deutscher!
— Die Ausgaben der preußischen Eisenbahnverwaltung für Eisenbahnbauten seit dem Jahre 1888 sind folgende: Durch 21 besondere Gesetze hat der preußische Landtag vom 11. Mai 1888 bis 15. Juni 19^6 für Eisenbahnbauzwecke rund 1884 Millionen Mark und durch Extraordinarium des Etats der Eisenbahnverwaltung rund 446 Millionen Mark seit dem Jahre 1894/95, zusammen 2330 Millionen Mark bewilligt. Von dieser gewaltigen Summe sind bis Ende September verausgabt und verrechnet rund 1490 Mill. Mark und bis Ende September noch nicht verausgabt rund 839,98 Millionen Mark.
— Das Kriegsministerium war in Erwägungen eingetreten, ob es wünschenswert und angebracht wäre, den Bezirkskommandos und den Offizierkorps des Be- urlaubtenstandes die Wahl zum Reserveoffizier ganz oder teilweise zu nehmen und den aktiven Offizierkorps zu übertragen. Die Truppenteile und Bezirkskommaudos haben den, Kriegsministerium zu dieser Frage eingehende Berichte eingereicht, auf Grund deren das Kriegs-
Ministerium vor kurzem entschieden hat, daß in den bisher gültigen Bestimmungen nichts zu ändern sei.
Ausland
— Das Märchen von der Schließung der Ostsee für Kriegsschiffe wird jetzt selbst von seinen englischen Kolporteuren nicht niehr ernst genommen. Die „Times" erhalten von ihrem Petersburger Korrespondenten folgendes Telegramm: Ich bin in der Lage, nach Mitteilungen aus bester Quelle festzustellen, daß keinerlei Verhandlungen mit Rußland über die Schließung der Ostsee angeknüpft worden sind, und daß in Petersburg von diesem Plane nichts bekannt ist.
— Das Kanal-Projekt ist gescheitert, da sich die englische Regierung im Parlament dagegen ausgesprochen hat. Infolge bessert wird die Vorlage über den Bau eines Kanaltunnels vermutlich zurückgezogen worden.
— In London haben rabbiate englische Frauenrechtlerinnen wieder einmal den Versuch gemacht, in das Parlamentsgebäude einzudringen, werden aber von der Polizei daran gehindert. 66 dieser kampfeslustigen Damen wurden verhaftet und zu Geldstrafen im Betrage von einem bis zwei Pfund Sterling bezw. Gefängnis von vierzehn Tagen bis zu einem Monat verurteilt; alle Verurteilten sind entschlossen, ins Gefängnis zu gehen.
— Die Untersuchung, wegen der Ermordung des bulgarischen Premierministers Petkow bestätigt die Entdeckung von dem Vorhandensein eines weitverzweigten anarchistischen Netzes in Bulgarien. Erdrückende Beweise liegen gegen den Büchsenmacher des Militärarsenals Blaskow vor, von beut sich herausstellt, daß er einer ^er Hauptanarchisten ist. Blaskow war auch Mitarbeiter des von dein Baudenchef Gerdschikow herausgegebenen geheimen anarchistischen Blattes „Freie Gesellschaft". Zahlreiche neue Verhaftungen sind vorgenommen worden. Die Regierung beabsichtigt, eine Gesetzesvorlage einzubringen, nach der künftighin Leute, die Mordanschläge gegen Minister ausführen, standrechtlich verurteilt werden sollen.
— Zur Unterdrückung der Bauernunruhen in Rumänien ist die Mobilisierung eines Armeekorps und die Einberufung sämtlicher Reservisten für 14 Tage «»geordnet worden. Wie gefährlich die Lage ist, zeigt eine Nachricht, wonach die Bauern in "Botoschani dem Militär ein regelrechtes Gefecht lieferten, bei dem 12 Bauern erschossen und 19 verwundet wurden. Ein Oberstleutnant wurde durch Steinwürfe im Gesicht schwer verletzt, viele Soldaten sind verwundet. 40 000 Bauern sollen im Anmarsch auf Jasfy sein.
— Zum Krieg zwischen Nicaragua und Honduras wird aus Washington gemeldet, daß die nicaraguanische Armee die Hauptstadt von Honduras bedroht. Die Nicaraguaner sollen bereits die zu Honduras gehörige Hafenstadt La Ceiba eingenommen haben. Das amerikanische Kanonenboot „Marietta" hat in den zu Honduras gehörigen Hafenplätzen Trujillo, La Ceiba und Puerto Cortez Truppen gelandet zum Schutze der amerikanischen Interessen. Die englische Kriegskorvette „Shearwater ' erhielt in Viktoria (Britisch-Kolumbien) Anordnung, sich nach den zentral-amerikanischen Ge« wässern zu begehen, um die englischen Interessen zu schützen.
— Die Räumung der Mandschurei von russischen Truppen darf als beendet angesehen werden, nachdem der Kommandeur der vereinigten mandschurischen Korps von Charbin nach Petersburg abgereist ist. In Charbin verblieb nur ein Bataillon, welches in den nächsten Tagen ebenfalls die Heimreise antritt._________________
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 26. März 1907.
—* Quartalswechfel und Osterfest fallen diesmal zusammen und deshalb dürfte mancher, der die Neubestellung unserer Zeitung bis auf die letzten Märztage hinausschiebt, dieselbe im Dränge der mancherlei Fest- vorbereitungen ganz vergessen, wenn er hieran nicht nochmals erinnert wird. Und das wollen wir hiermit getan haben, da es nunmehr die höchste Zeit wird, aufs neue bei der Post zu abonnieren, andernfalls unsere Zeitung bei nachträglicher Bestellung erst 3-4 Tage nach dem Feste wieder in die Hände unserer Leser kommen kann.