mit amtlichem Kreisblatt.
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 24.
Erstes Blatt.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser Wird nach den vorläufigen Dispositionen am 5. April mit seinem Hoflager zu mehr- wdchentlichem Aufenthalt nach Homburg v. d. Höhe übersiedeln. Der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich werden ebenfalls mit ihren Gemahlinen dort erwartet.
— Mit großer Feierlichkeit hat Montag die Aufnahme des Prinzen Eitel Friedrich in den Johanniter- orden und sene Einführung als Herrenmeister der Balley Brandenburg stattgesunen. Der Kaiser, Prinz Heinrich der Niederlande, Herzog Adolf Friedrich zu Mecklen bürg, die Kaiserin, der Kronprinz und die Kronprinzessin, die Prinzen August Wilhelm und Oskar Prinz und Prinzessin Friedrich Leopold, nahmen an der Feier teil. Anwesend waren auch eine holländische und eine englische Deputation.
— In dem Vierteljahrshast zur Statistik des Deutschen Reichs 1907 I sind als weitere Ergebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember 1905 Nachweise über die Zahl und Art der Haushaltungen veröffentlicht. Es sind ermittelt: 965 709 Haushaltungen Einzellebender, 12 247 691 Familienhaushaltungen mit 57 811 495 Personen, 61081 Anstalten mit 1 864 024 Personen. Unter den Anstalten ist die Gesamtheit solcher Personen zu verstehen, welche freiwillig oder gezwungen unter besonderer Oberleitung in Kost und Wohnung sind. Die Familienhaushaltungen nehmen mit 92,3 vH. sämtlicher Haushaltungen die erste Stelle ein, ebenso auch hinsichtlich ihrer Personenzahl mit 95,3 vH. der Bevölkerung. Auf je eiue Familie Haushaltung kamen 4,7 Personen, auf je eine Anstalt 3o,5 Personen. Die Zahl der Anstalten ist gegen 1900 erheblich zurückgegangen, doch beruht dies zum nicht geringen Teil auf veränderter Erhebungsweise. Die Mitglieder der Familienhaushaltungen setzen sich zusammen aus 50 654 094 Familienangehörigen, 1305 915 Dienstboten und 5 850 586 anderen Personen, wie Aftermieter, Pensionäre usw. In den 41 Großstädten wurden zusammen 200198 Einzelhaushaltungen, 2 491 174 Familienhaushaltungen mit 10 858 333 Personen und 9409 Anstalten mit 450 473 Personen gezählt. , Auf je eine Familienhaushaltung entfallen in den Großstädten 4,4 Personen, im Reich dagegen 4,7 Personen und auf je eine Anstalt in den Großstädten 47,9 Personen, im Reich dagegen 30,5 Personen.
Samstag, den 23. März 1907.
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— Der Reichstag genehmigte am vergangenen Sonnabend debattelos in dritter Lesung den Entwurf über den Hinterbliebenen- und Versichernngsfouds und in zweiter Lesung die Berufs- und Betriebszählung. Der Rest der Sitzung war den Erörterungen über die Maischbottichsteuer und den „Liebesgaben" für land- wirtMrsiliche Brennereien gewidmet, eine Angelegenheit, die schon den vorigen Reichstag beschäftigt hat. Die Vorlage wurde schließlich einer Commission überwiesen. — Am Montag wurde bei der dritten Lesung des Gesetzentwurfes über die Berufs« und Betriebszählung beschlossen, die Frage nach der Religion, die in der zweiten Lesung gestrichen wurde, wieder aufzunehmen. Sodann wurde das Etatsnotgesetz angenommen. Gegenüber dem Zentrumsantrag betreffend die Besserstellung der mittleren und unteren Postbeamten verlas de Reichsschatzsekretär Freiherr v. Stengel eine Erklärung des Reichskanzlers, in der gesagt wird, daß die Regierung völlig auf dem Prinzip des Antrags stehe. Frhr. v. Stengel fügte aber hinzu, daß die Besserstellung, die 20 Millionen erfordere, sich jetzt nicht durchführen lasse, ohne die ganze Bilanzierung des Etats umzustoßen. Der Zentrumsantrag wurde zurückgezogen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am vergangenen Sonnabend die Beratung des Antrags auf Einführung der fachmännischen Schulaufsicht fort Die Freisinnigen, Nationalliberalen und Freikonservativen traten für die weltliche Schulaufsicht ein, während Konservative und Zentrum die Kirche und ihren Einfluß auf die Schule verteidigten. Ministerialdirektor I). Schwartzkopff betonte dem Abg. Frhrn. V. Zedlitz (frkous.) gegenüber, daß an dem Lehrermangel das Fehlen von Bildnugsanstalten in früherer Zeit schuld sei, und daß der Prozentsatz der unbesetzten Lehrerstellen ständig zurückgehe. Kultusminister Dr. v. Studt erklärte, daß an die Prüfung der Frage der fachmännischen Schulaufsicht herangegangen werden solle, sobald die Ausführung des Schulunterhaltungsgesetzes gesichert sei. Der Antrag wurde schließlich abgelehnt. — Am Montag wurde nach Erledigung zweier kleiner Vorlagen die Beratung des Kuliusetats fortgesetzt. Ministerialdirektor D. Schwartzkopff sprach die Hoffnung aus, daß bei .der Neuregelung des Lehrerbesoldungsgesetzes eine Lösung gefunden werde, die ben ideellen und materiellen Interessen der Lehrer entspricht. Bezüglich der angeregten Abtrennung der Medizinalverwaltung vom Kultusministerium erklärte Kultusminister Dr. w Studt, daß die Frage sorgfältig erwogen werde und in nicht allzuferner Zeit zum Abschlüsse gelangen dürfte. Im
58. Jahrgang.
SMAiUMMWWNWKSMSWWWWWWW^WMWL! weiteren Verlaufe der Debatte widersprach der Kultusminister der Behauptung des Abg. Friedberg, (natl.), daß die positive Richtung bei der Besetzung von theologischen Professuren in ungerechter Weise bevorzugt werde. Nachdem Abg. V. Oldenburg (kous )• verlangt hatte, daß die positive Richtung an allen Universitäten die Ueberhand haben müsse, weil die Mehrheit des preußischen Volkes auf positiver Grundlage stehe, wurde die Weiterberatung vertagt.
Aüsiand
— Die Aufhebung des Kriegszustandes in Deutsch- Südwestafrika wird nunmehr nach dem Frieden mit den Bondelswarts endgültig erfolgen. Durch eine kaiserliche Ordre vom 6. März wird der in Südwestafrika bestehende Kriegszustand mit dem 31. d. M. aufgehoben.
— Der erste Tag der österreichisch-ungarischen AuS- gleichsverhandlungen zwischen den österreichischen Ministern und der ungarischen Regierung hat noch ferne Entscheidung von Belang gebracht. Die beiden Minister« Präsidenten Beck und Weckerle hatten eine längere Konferenz, wobei Kossuths jüngste bedeutungsvolle Rede in Czegled über die Aussichten des Zustandekommens des Ausgleiches zur Sprache kam. Diese sind nach wie vor sehr ungünstig, da Ungarn auf der Trennung der Verzehrungssteuern noch in diesem Jahre besteht, während Oesterreich von der Trennung vor 1917 nichts wissen will und außerdem aus der Langfristigkeit des neu abzuschließenden Vertrages beharrt.
— Der Bäckerstreik in Wien hat einen bedrohlichen Umfang angenommen. Die Brotnot beginnt sich ein- pfind^ch bemerkbarbar zu machen. In einzelnen Teilen der Stadt dauerten die Kundgebungen der Gehülfen vor den größeren Bäckereien bis in die Morgenstunden ; in einigen Bäckerläden wurden die Fensterscheiben ein- geschlagen. Zwischen den Ausständigen und den zur Aushülse herangezogenen Gebäckausträgern kam es zu wiederholten Zusammenstößen. Fünf Personen wurden verhaftet.
— Die Landtagswahlen in Finnland haben zum erstenmal auf Grund des Proporzsystemes und des allgemeinen und geheimen Wahlrechts, nach welchem auch die Frauen Wahlrecht haben, stattgefunden. Die Wahlagitatwn war lebhaft. Die Ordnung war überall musterhaft. Die Wahlresultate werden Ende März veröffentlicht.
— Das neue bulgarische Kabinett wurde vom Fürsten Ferdinand in besonderer Audienz empfangen. Der
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Falsche Freunde.
Roman von Elwin Starck. 61
„Und ich verstehe nicht, Marie», lote Du auch nur mit einem Wort Möllers Verteidigung übernehme» kannst," widersprach Paula, und ihre Stimme klang scharf und hart. „Er hat die Zahlen gefälscht, das ist sicher."
„Und ich wiederhole, Kind, ich habe die Papiere gesehen," nahm Martin wieder das Wort. „Unser Vater hat sich geirrt, in seiner Erregung versehen.. verschrieben . . was weiß ich! Aber wir müssen mit der Tatsache rechnen, die Aktien sind gekauft, mir müssen sie nehmen. Späterhin können wir die Papiere vielleicht wieder verkaufen," setzte er nach einer Pause hinzu.
„Und wenn sie niemand mehr kauft, oder vielmehr, wenn wir sie mit Verlust verkaufen müssen!" fragte Paula vorwurfsvoll. „O, Martin, mie kann man doch so verblendet sein!" rief sie. „Möller ist ein Betrüger, es ist gar nicht anders möglich."
„Uxberzeuge Dich selbst und nimm Einblick in die Papiere. Du weißt, daß mir Möller eine unangenehme Per- söulichkeit ist, dennoch . ." Damit setzte sich Martin an den Schreibtisch und verschloß die Brieftasche. „Was die Auflassung des Gutes anbelangt, die Formalität vor Gericht, so ist sie verschoben worden," fuhr er fort. „Vielleicht
sich der Vater so weit, um späterhin das Geschäft selbst erledigen zu können, andernfalls muß ich ihn vertreten. Wie geht es ihm jetzt?"
„Unverändert," klagte Paula. „Und er ist der einzige, der Licht in diese dunkle Angelegenheit bringen könnte. O, daß er doch die Sprache wieder fände. Nur ein Wort, nur einige Laute möchte ich vou ihm hören !"
Da stürzte eines der Hausmädcheu inS Zimmer. Der gnädige Herr sei schlechter geworben, berichtete sie atem« los, und die Schwester bäte dringend um die Amvesenheit der jungen Herrschaften.
„Der Schlagaufall hat sich wiederholt." Damit emp« ffng die Diakonissin die bestürztenGeschwister. „Ich fürchte
das Schlimmste," sagte sie mit ihrer leisen monotonen Stimme, die so gemessen klang, als könne ihre Besitzerin Weber bei Schmerz noch bei Freude Erregung empfinden. „Ich fürchte das Schlimmste!" Doch als sie nach diesen Worten Panlas Entsetzen bemerkte, fügte sie gleichsam beruhigend hinzu: „Noch lebt der Herr Baron."
Ja noch lebte er. U^d er lebte zwei Nächte und einen Tag, in denen Martin und Paula mit bangem Herzen abwechselnd am Lager des Kranken wachten. Mit geschlossenen Augen, röchelnd lag er im Bett, jede Nahrung, zuweilen wurde der Versuch gemacht, ihm Bouillon zuzu- führen, verschmähend.
„Ist es möglich, daß mein Vater noch einmal zu sich kommt?" fragte Martin in der zweiten Nacht die Diakonissin.
„Ich glaube eS nicht," antwortete sie. „Ich hab eS allerdings einmal erlebt, doch niemals wieder. Gewöhn- lich schlummern solche Kranke ohueBeivußtsein hinüber. Haben Sie noch etwas auf dem Herzen?"
„Ich hätte ihn gern noch etwas gefragt."
Da schlug der Kranke die Augen auf; sie waren glanzlos, gebrochen, und doch lag in diesen trüben Sternen ein Schein, als hätte sich das Rätsel des Lebens bereits vor ihnen entschleiert.
Erschüttert beugte sich Martin über daS Lager: „Vater, erkennst Du mich? Sprich, Vater!" drängte er leiden- schastlich.
Paula, die auf dem Sofa int Nebenzimmer ein wenig entschlummert war, und die der Klang der Stimme geweckt hatte, kam hereiunnd kniete am Bett nieder. „Vater, wünschest Du ettvas. Kann ich etwas für Dich tun?" fragte auch sie, ihre Bitte mit der Martins vereinend.
Störten den Sterbenden diese Worte, oder vielmehr die Angst, die Unruhe, die aus ihnen sprach? Fast schien es so. Mit letzter Anstrengung hob er die rechte Hand und legte den Finger an den Mund. Und nun verstummten die fragenden Lippen seiner Kinder. Tiefes Schweigen, nichts rührte sich imZimmer, in dem sich ein Men
schenkind zu dem letzten Gang in das unbetannte Land bereit machte. Unter Zagen und Schweigen verging die Nacht.
Als draußen die Natur erivachte, die Vögel im Weinspalier lärmten, und der erste Sonnenstrahl durchs Fenster lugte, war Baron Ottomarv.Wahleuburg nicht mehr. Martin drückte dem Toten die gebrochenen Augen zu, und die Diakonissin legte ein Tuch über das eingefallene Gesicht.
Erschüttert umstanden die Geschwister daS Lager. Das Band, das Liebe und Bertranen webt, hatte zwischen ihnen und dem jetzt so stillen Manne gefehlt, aber daS Blut verleugnete sich nicht.
Martins und Paulas Tränen flossen in ehrlicher Trauer. Scheu und schweigsam verließen sie das Sterbezimmer.
Da drang aus der Ferne ein langgezogener, Pfiff, drüben hinter den Bäumen des Parkes ging aus hohen Schornsteinen der Ranch in grauen, langgezogenen Flocken auf, die Fabrik begann ihre Tätigkeit.
Im alten Gleichmaß flutete baS Leben draußen weiter, und die Geschwister fühlten, daß eS auch ihnen neue Aufgaben stellen mürbe.
* *
Die Tage gingen hin. ES war Winter gewesen, und wollte Frühling werden, und noch immer hatten Martin und Paula Gut und Haus nicht verlassen. Martin hatte nach beut Tode des Vaters die Absicht, den Verkauf Waldaus rückgängig zu machen, und trat mit mehreren Rechtsanwälten in Verbindung. Allein es war ihm schließlich geraten worden, den Berkanfskontrakt, der bereits von dem alten Baron unterzeichnet worden war, auzuerkeu- nen, anstatt ein Protestverfahre» einznleiten, das ihn sicher in alle nur möglichen Schwierigkeiten vermitteln würde, während die AuSsicht auf Erfolg sehr zweifelhaft blieb. Auch lautete dasUrteil verschiedener Sachverständiger sehr günstig; die Aktien seien sicher, so hieß es, da die Leitung der Fabrik in guten Händen lag. 135,18