SchlüchternerMung
mit amtlichem Rreisblatt, Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 20.
Die christlichen Arbeitervertreter im Reichstage.
— Am 4. Dezember 1902 sagte der Kaiser in einer Ansprache an Arbeitervertreter in Breslau : „Sendet uns eure Freunde und Kameraden aus eurer Mitte, den einfachen, schlichten Mann aus der Werkstatt, der euer Vertrauen besitzt, in die Volksvertretung ; der stehe ein für eure Wünsche und Interessen, und freudig lverden wir ihn willkommen heißen als Arbeitervertreter des deutschen Arbeiterstandes, nicht als Sozialdenivkraten. Mit solchen Vertretern des deutschen Arbeiierstandes, so viele ihrer sein mögen, werden wir gern zusammen arbeiten für des Volkes und des Landes Wohl, und wird so für eure Zukunft gut gesorgt sein." ... Dieser Aufforderung des Monarchen sind die christlich-nationalen Arbeiter bei den letzten Wahlen nachgekommen, indem sie sieben Vertreter in den Reichstag entsandt haben.
Diese Männer waren früher Gärtner, Schlosser, Weber, Metallarbeiter u. dergl. (einer Handlungsgehilfe); daß sie zuletzt freigestellt waren, um eine führende Stellung in ihren Arbeiterorganisationen einzunehmen, hindert nicht, sie als einfache Arbeiter zu betrachten. Ohne sozialpolitische Schulung und rednerische Uebung würden sie der parlamentarischen Vertretung der Arbeiterinteressen auch nicht gewachsen sein.
Während so bekannte, gut geschulte christliche Gewerkschaftsführer, getragen von der nationalen Arbeiterbewegung, sieghaft in den Reichstag eingezogen sind, sind die sozialdemokralischen Gewerkschaftsführer in der Wahlschlacht meist auf der Strecke geblieben. „Vorder Wahl brüllende Löwen, nach der Wahl begossene Pudel", lote das Organ der christlichen Textilarbeiter drastisch sagt. Aber die Niederlage der Sozialdemokratie ti^b nur dann eine dauernde sein, wenn sowohl Regierung lvie Parteien aufrichtig Vertrauen fassen zur nichtdemo- kratischen Arbeiterschaft, ihren Forderungen nicht nur wohlwollend gegenüberstehen, sondern auch entschlossen ihnen Folge geben, denn der weitere Aufschwung der christlichen Arbeiterbewegung ist wesentlich abhängig von ihren praktischen Erfolgen. Nachdem die sozial- demokratischen sogenannten Arbeitervertreter im Reichstage keinerlei Erfolge aufzuweisen hatten, wird die gesamte Arbeiterschaft zu der Erkenntnis kommen, daß ihre Interessen bei den christlichen Arbeiterorganisationen und ihren Vertretern besser aufgehoben sind. Schon die Gewährung der Rechtsfähigkeit an die Berufsvereine ohne beengende Klauseln, die Errichtung von Arbeitskammern mit starken Befugnissen, alte wohlberechtigte, ^dtflHmi^i^^ ii»»Sä«^t£i^^^
Iaksche Ireunde.
Roman von Elwin (Starrt 47
Das laß Dir gesagt sein, für den Fall es Dir nämlich einfallen sollte, Deinen Willen gegen den meinen durchzn- setzen."
„WaS hat Dir Helene getan?" fragte Martin bekümmert. „Was hast Du gegen sie rinzuwenden, die ich mit Stolz meine Braut nenne? Du liebst sie nicht, doch wel- cher Grund liegt dafür vor. Ist es etwa der, daß sie arm ist? O, Vater, ich . . ."
„Ich weiß, daß Du töricht bist, Martin, sehr töricht," schalt der Baron. „Du wirst nie auf einen grünen Zweig kommen. Dein Buch hat Dir ein oder ein paar hundert Taler eingebracht. Ich bitte Dich, was ist das für einen Mann in Deiner Lebensstellung? Nichts, rein gar nichts! Du willst Dich anf der Universität habilitieren. Schön, das alles aber kostet Geld, und Deine Vorlesungen werden Dir kaum etiuaä einbringen. Jahre kann es dauern, bis Du im stande sein wirst, was zu verdienen, geschweige denn, eine Familie zu gründen."
„Das weiß ich, Vater," entgegnete Martin fest, „doch ich kann luarten. Ich hielt es nur für meine Pflicht, Dir meine Verlobung mitzuteilen. Nun es geschehen ist, lassen wir das Thema ruhen, eS ist besser so."
„Wie Du tvillst," sagte der Baron bissig. „Morgen fahre ich zu Möller, ich teile Dir dies mit, für den Fall Du die Absicht haben solltest, mich zn begleiten."
„Vater, ich warne Dich vor diesem Möller; die Spekulation nimmt tein gutes Ende, darauf verlaß Dich."
Wahlenburg fuhr herum. „Was ist? Was hast Du ge- hört?"
„Allerlei und nichts Gutes, Vater. Der Direktor ist ein gefährlicher Spekulant. Sowie die Aktien gut untergebracht sind, hört sein Interesse an der Fabrik auf, und dann können andere die Kastanien aus dem Feuer holen. Ingenieur Geißler, Du lieber Himmel, halb und halb sitzt der arme Mensch schon in der Falle."
Samstag, den 9. März 1907. nrniWlMBWMMBMH^
schon 1903 auf dem Frankfurter Arbeiterkongreß gestellte Forderungen, würden schon den ersten Beweis wirklicher praktischer Erfolge erbringen.
Für eine sehr richtige Taktik der Arbeiterbewegung halte ich es, daß sie bei den Reichstagswahlen nicht eine exklusive Agitation entfacht hat, sondern sich auf breite Schichten der Bevölkerung stützte, was auch zur Folge hatte, daß z. B. in Wetzlar-Altenkirchen der Bund der Landwirte, in Erkenntnis der Solidarität der schaffenden Stände in Stadt und Land, dem ersten Führer der christlichen Arbeiterorganisation auf evangelischer Seite, Franz Behrens, in den Reichstag half. Im Reichstag selbst haben sie sich verschiedenen Fraktionen angeschlossen und dadurch auch den Vorwurf politischer Einseitigkeit vermieden.
Wenn sie dort im Bewußtsein ihrer besonderen Verantwortlichkeit nicht nur ihren Wählern gegenüber, sondern vor dem ganzen deutschen Volke rein sachlich die Interessen der Arbeiter vertreten, so werden sie nicht nur diesen am besten dienen, sondern auch bei den nächsten Reichstagswahlen von den 43 noch in den Händen der Sozialdemokratie befindlichen Mandaten eine ansehnliche Zahl erobern und damit der Sozialdemokratie den Todesstoß versetzen. F. v. Jagwitz
Deutsches Reich.
— Der Kaiser begrüßte am Mittwoch morgen die Kaiserin-Witwe von Rußland auf ihrer Durchreise nach England auf dem Schlesischen Bahuhof und begleitete die Kaiserin bis zum Bahnhof Charlottenburg. Später hörte M Kaiser im Königl. Schloß die Vorträge des Finanzministers und des Chefs des Civilkabinetts.
— Wie der Hofbericht aus Karlsruhe meldet, ist der Großherzog am vergangenen Samstag an Bronchialkatarrh erkrankt. Das Fieber ist täglich mehr angestiegen, aber am Mittwoch nachmittag in erfreulicher Weise wieder zurückgegangen. Herztätigkeit und Kräftezustaud sind bisher ganz befriedigend gewesen.
— Die Reise des Prinzen Heinrich von Preußen und seines ältesten Sohnes des Prinzen Waldemar nach Algeciras soll der Erholung des Prinzen Walde« mar von angestrengtem Studium zur Abiturienten- prüfung, die der etwas kränkliche junge Prinz am 23. Februar bestand, dienen. Die Reise wird von Algeciras nach den übrigen Mittelmeerländern gehen, insbesondere nach Aegypten. Prinz Waldemar wird dabei nur von seinem Erzieher Paire begleitet sein. Daß Prinz Heinrich sein Sohn nach Algeciras be- amg^&^m&.iW^TOMm^M^^
„Warum ? Weil er bei der Probeheizung verunglückte ? Das konnte anderen auch zustoßen."
„So meine ich es nicht, obgleich das Unglück zum größten Teil auch Möller beigemessen wird, der beim Ban sehr leichtsinnig verfahren sein soll. Nein, hätte sich Geißler nicht durch Möllers Versprechen ködern lassen, so wäre er jetzt Direktor in der Elsnerschen Fabrik. Der Kom- merzienrat soll ihn, wie ich verschiedentlich gehört, als seinen Nachfolger in der Leitung des Betriebes bestimmt haben, und nur Geißlers frühzeitiger Austritt hat deu Plan umgestoßen. Jetzt ist dort ein gewisser Kleinan Direktor geworden!"
„Woher hast Du die Neuigkeit, Martin ?" fragte Baron Wahlenburg.
„Aus Berlin. Sie sind in gewissen Kreisen Stadtgespräch."
Der Baron verspürte jedoch keine Lust mehr, weitere Neuigkeiten zn erfahren, er ging ins Haus, es Martin überlassend, ob er ihm folgen oder den Spaziergang allein beenden wolle.
* * *
Ingenieur Geißler staub vor Paula von Wahlenburg, um sich von ihr zn verabschieden. Er trug den Arm noch in der Bnide, und um die Augen zogen sich blaue Ringe. Das Gesicht mar hager und scharf geworden und das Ader- netz an den Schläfen trat blau und deutlich hervor.
Er hatte die Gastfreundschaft des Hauses Wahlenburg einige Wochen in Anspruch genommen, länger als es zuerst den Anschein hatte. Allein die nervöse Reizbarkeit, die bei dem Patienten zu Tage getreten war, verzögerte die Genesung und ließ die Uebersiedelung nach Berlin durchaus nicht wünschenswert erscheinen. Endlich, obwohl höchst mibermillig, gab der Arzt in dieser Beziehung dem Drängen Karls nach, der behauptete, das Nichtstun, daS faule Leben mache ihn krank und in geregelter Tätigkeit würden seine Nerven die Spannung wieder erhalten.
„Ich habe viel versäumt und muß nach Kräften versuchen, es wieder einzuholen," klagte Karl „Haben Sie
58. Jahrgang.
gleitet, ist auf den Rat seiner Aerzte zurückzuführen. Der Prinz-Admiral hat die Folgen seines Influenza- anfalles noch nicht ganz überwunden und die Aerzte rieten ihm die gerade im nördlichen Teile des Reiches überaus scharfe Märzluft zu meiden, um im milden Klima von Algeciras völlige Genesung zu finden.
— Der Reichstag setzte am Sonnabend die Etatsberatung fort. Abg. Schädler (Z.) hielt eine fast drei Stunden dauernde Rede über den Wahlkampf, ohne indes neue Gesichtspunkte geltend zu machen. Auch Abg. Gothein (frs. Vg.) beschäftigte sich fast ausschließlich mit dem Wahlkampf und seinen Lehren. Zum Schluß gab Staatssekretär Graf Posadowsky noch eine kurze Erwiderung auf einige Behauptungen des Abg. Gothein. — Am Montag wandte sich zunächst der Chef der Reichskanzlei von Löbell in scharfer Weise gegen die Behauptungen des Abg. Erzberger (3) in der Pöplau-Affäre und wies auf Grund von Akten- material nach, daß die Behauptungen Erzberger« zum größten Teile den Tatsachen nicht entsprachen. Abg. Behrens (christl.-soz.) trat für eine gesunde Mittelstands- und Agrarpolitik ein. Vom Ministertisch griff Staatssekretär Graf • Posadowsky in die Debatte ein. Er sprach über die Gründe der Reichsbank bei Festsetzung des Diskonts und verteidigte gegen die in der Sitzung vom 27. Februar erhobenen Kritiken die Handhabung der sozialpolitischen Gesetzgebung durch bundesrätliche Verordnung. Zum Schluß machte noch Abg. Erzberger (Z) einen schwachen Verteidigungs- versuch.
— Das preußische Abgeordnetenhaus setzte die Beratung des Handelsetats fort, der nach unwesentliche'- Debatte bewilligt wurde. Es folgte die Beratung des Etats der Zentralgeiivssenschaflskasse», die mit einer Polemik des Abg. Hammer (kons.) gegen den Abg Dr. Crügec (frs. Vp) einsetzte. Nachdem sodann Abg. Faßbender (Z.) die Erhöhung des Grundkapitals der Kassen und die Entschuldigung des ländlichen Grundbesitzes auf genossenschaftlichem Wege befürwortet hatte, ergriff Finanzminister Fchr- V. Rheinbaben das Wort, sich diesen Vorschlägen gegenüber wohlwollend erklärend. Der Präsident der Zentralgenoffenschaftskaffe betonte, daß die Kasse nicht zentralisierend, sondern dezentralisierend auf den Geld- und Kreditverkehr eintoirte. — Am Montag erklärten sich bei Fortsetzung der Beratung zunächst die Abgg. Glatze! (natl.), Kreth (kons.) und Dr. Rewoldt (srkons.) mit einer Erhöhung des Grundkapitals der Preußen-
Dank, gnädiges Fräulein, für all die große Mühe, die Sie mit mir gehabt haben."
Paula schaute aufmerksam in das blasse Gesicht. „Nehmen Sie sich in acht," bat sie, „auch der Arzt hat vor dein Uebermaß gewarnt. Sie dürfen sich nicht überanstrengen, eS könnte verhängnisvoll für Sie lverden."
Er schüttelte den Kopf. „O, nein, für mich kann eS nie zuviel werden," meinte er abwehrend. „Je mehr ich arbeite, je wohler fühle ich mich. Wenn ich mich auch der Leitung der Fabrik nicht völlig widmen kann, nicht so, wie ich möchte," verbesserte er, „so muß ich doch wieder einmal mit Direktor Möller Rücksprache nehmen. Das ist unbedingt notwendig."
Sie stutzte ein wenig. „Sind Sie sich nicht klar geworden über die Bedingungen, unter denen Sie dieOber- leitung übernahmen?"
»Klar? O ja! Aber es gibt trotzdem noch vieles zu bereden. Nun zu Ihnen, gnädiges Fräulein," fuhr er fort, während seine Augen beinahe andächtig auf deni edlen Ge- sicht seiner Wirtin ruhten, „wann werden Sie das Hans verlassen? Wann den Umzug bewerkstelligen?"
Ein Schatten flog über die klaren Züge des jungen Mädchens. „In ungefähr vierzehn Tagen," sagte sie dann, „den Zeitpunkt hatten mir wenigstens ins Auge gefaßt. Die Zimmer im ersten Stock sind bereits geräumt, die Möbel lverden nach Berlin geschafft unb auf die Speicher gestellt, bis wir ein Quartier gefunden haben. Die Zimmer, in denen mir wohnen, werden erst im letzten Augeli- blick geräumt werden. Mein Vater geht nach Wiesbndeil und wird einige Tage früher reifen als ich. Ich werde den Kehraus besorgen."
Geister sah teilnehmend auf sie nieder. „Schlvere Tage stehen Ihnen bevor," sagte er. „Aber Sie haben ein tapferes Herz, ich hoffe, Sie werden sie gut überminben. Ich möchte heute noch nicht Abschied nehmen," fuhr er zögernd fort, indem eine verräterische Röte über seine Wangen flackerte 135,18