SchWernerMun a
mit amtlichem Kreisblatt
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Sanistag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 16.
Samstag, den 23. Februar 1907.
58. Jahrgang.
erstes Blatt.
Zur Thronrede.
Der neuerwählte Reichstag ist vom Kaiser persönlich mit einer Thronrede eröffnet worden. Wie angesichts der besonderen Zeitumstände, unter denen die diesmalige Parlamentseröff. erfolgt, vorauszusehen war, begnügt sich die Thronrede nicht mit einer trockenen, geschäftsmäßigen Ankündigung der dem Reichstag zu unterbreitenden Gesetzesvorlagen, sondern schlägt vielmehr wärmere Töne an und läßt die höheren, allgemeineren Gesichtspunkte zu ausgiebiger Geltung kommen.
Die Einleitung bildet einen Rückblick auf Reichstagsauflösung und Neuwahlen. In tiefempfundenen, bewegtem Herzen entstammenden Worten gibt der Kaiser seiner Freude über das Ergebnis der Reichstagswahlen Ausdruck, nnd mit dieser Freude paaren sich Zuversicht und Vertrauen hinsichtlich der ferneren Gestaltung unserer innerpolitischen Zustände. „Aufgerufen zur Entscheidung über einen Zwiespalt zwischen den verbündeten Regierungen und der Mehrheit des vorigen Reichstages hat das deutsche Volk bekundet, daß es Ehr und Gut der Nation ohne kleinlichen Parteigeist treu und fest gehütet wissen will. In solcher Bürger, Bauern und Arbeiter einigenden Kraft des Nationalgefühls ruhen des Vaterlandes Geschicke wohl geborgen." Möge das hohe Vertrauen, das sich in diesen Worten Kaiser Wilhelms gegenüber seinem Volke kundgibt, nimmer getäuscht werden!
Von. den großen Aufgabenkreisen deutscher Politik werden in der Thronrede drei etwas eingehender be» handelt: Aas Kolonialwesen, die soziale Gesetzgebung und die auswärtigen Angelegenheiten. Für die Fortentwicklung und Nutzbarmachung unseres Kolonialbesitzes wird mit Nachdruck das Dernburgsche Programm einer Erschließung der Kolonien durch Eisenbahnen verkündet. An besonderen kolonialen Forderungen werden neben dem Nachtragsetat für Deutsch-Südwestafrika und dem Bahnbau von Keetmanshoop nach Kubub eine Verein« fachung des Rechnungswesens sowie eine Neuordnung der Beamtenverhältnisse in den Kolonien, die Errichtung eines selbständigen Kolonialamtes nnd eine wirksame Unterstützung der schwer geschädigten südwestafrikanischen Farmer in Aussicht gestellt. Für den Freisinn gilt daher angesichts dieser Forderungen demnächst der Satz: Hie Rhodus, hic saltal Bald wird und muß es sich
mwmaM^JWHUKCTM iEgsg^saEKESESEagMgBassa^aaaBBi^^
Datsche Iremrde.
Roman von Elwiu Starck. 41
Die junge Dame biß sich auf die Lippen. „Nun werden Sie deutlich. Also ich soll heiraten. Und Sie ließen mich gewiß rufen, um nur zu sage», daß Sie einen Gatten ■ für mich gewählt haben."
Möller legte den Kopf auf die Seite. .„Solltest Du nicht mit meinen Wünschen Bescheid wissen, mein Kind?"
„Leider nicht. Der Gegenstand Ihrer Neigung wechselte beständig. Den Herren, die in Ihrem Hause verkehrten, habe ich mich bald mehr, bald weniger entgegenkommend zeigen müssen, je nachdem Sie es wünschten oder vielmehr wie es für Ihre Spekulationen von Vorteil war."
Möller rieb sich vergnügt die Hände. „Sieh, sieh, Toni, Wie genau Du mich kennst."
„Volle zwei Jahre . . ."
„Zivei Jahre bereits?" sagte der Direktor nachdenklich. „Dann ist Deine Mutter also drei Jahre tot. Du hast mir erzählt, daß sie Seinen Vater ohne Zustimmung der Eltern heiratete, vnd ihr Leben war reich an Euttällschuu- geu. Die Liebe war ihr verhängnisvoll geworden. Laß Dir das eine Lehre fein, Toni."
„Wie meinen Sie, ich verstehe nicht ganz," sagte das junge Mädchen frostig.
„Was ich damit sagen will? Nun, das ist, denke ich, einfach genug. Räume dem Gefühl nicht zu viel Recht ei», gib acht, daß das Herz nicht zu viel Macht über Dich besitzt, nicht so viel, um verständige Pläne zu durchkreuzen. Der junge Ingenieur Geißler ist Dir nicht gleichgültig, ich habe es wohl bemerkt. Und doch werde ich nie die Einwilligung zu einer Verbindung mit ihm geben, das merke Dir."
„Früher waren Sie anderer Meinung," eutgegnete Toni, und machte sich etwa» ungeduldig mit ihrem Arm- band zu schaffen. „Als Sie den Bau der Fabrik planten und Geißler für Ihre Pläne gewinne» wollten, zogen Die ihn oft in unser Hans, unb mir legten Sie bei diesen
zeigen, ob die nationale Haltung der Freisinnigen am 13. Dezember vorigen Jahres nur eine flüchtige Anwandlung war oder eine gründliche und nachhaltige Sinnesänderung bedeutet. Hoffen wir von Herzen das letztere.
Mit großer Befriedigung wird weiterhin allenthalben im Lande der auf die Sozialpolitik bezügliche Passus der Thronrede ausgenommen werden, insbesondere auch deshalb, weil dieser mit einer vortrefflichen Charakterisierung des absolut unfruchtbaren und geradezu kultur- henimenden Tuns und Treibens der Sozialdemokratie verknüpft ist. Aus dem Munde seines kaiserlichen Herrn selber erfährt das gesamte deutsche Volk, was es von der Sozialdemokratie zu halten hat. Aber zugleich erfährt auch der deutsche Arbeiter, daß der Kaiser ihn nicht entgelten lassen will, was die Sozialdemokratie, die sich fälschlich eine Vertreterin der Arbeiterinteressen nennt, täglich und stündlich an Religion, Vaterland und Monarchi sündigt. „Der deutsche Arbeiter darf darunter nicht leiden. Die soziale Gesetzgebung beruht auf dem Grundsätze der Verpflichtung gegenüber den arbeitenden Klassen und ist daher unabhängig von der wechselnden Parteigestaltung. Die verbündeten Regierungen sind entschlossen, das soziale Werk in dem er« habenen Geiste Kaiser Wilhelms des Großen fortzusetzen." Solche großherzige, echt monarchische Gesinnung wird gewiß ihres Eindrucks auf die Masse der Kleinen und Schwachen draußen im Lande nicht verfehlen, sie wird und muß vielmehr den Siegeslauf beflügeln, auf dem sich gegenwärtig das deutsche Volk gegenüber der Revolutionspartei befindet.
An letzter Stelle werden in der Thronrede die auswärtigen Beziehungen Deutschlands kurz erörtert. Wiederum darf festgestellt werden, daß die deutsche Regierung zu unseren Verbündeten die alten herzlichen, zu den andern fremden Machtengute und korrekte Beziehungen unterhält. Von besonderen Maßnahmen der auswärtigen Politik finden der Vertrag mit Dänemark über die Optantenfrage sowie die Annahme der Einladung zu der 2. Haager Friedenskonferenz Erwähnung Diese Konferenz ist nach der Ueberzeugung Kaiser Wilhelms berufen, das Völkerrecht im Sinne des Friedens und der Humanität weiter auszubilden, während er von der Regelung der Optantenfrage eine Kräftigung des Verhältnisses zu unserem nördlichen Nachbarstaate erhofft.
Die Thronrede schließt mit dem Wunsche, daß das nationale Empfinden und der Wille zur Tat, aus denen der neue Reichstag hervorgegangen ist, auch über seinen
Gelegenheiten ans Herz, ihn gut zu unterhalten. Wissen Sie noch? Und als der junge Mann einmal zu einer früheren Stunde als gewöhnlich aufbrach, gaben Sie mir die Schuld, ihn gelangweilt zu haben, und wir hatten eine längere unerquickliche Unterhaltung über dies Thema."
Möller zögerte ein wenig mit der Antwort. „Warum soll ich es leugnen?" meinte er. „Ich entsinne mich noch sehr wohl unseres kleinen Streites. Aber die Sache ist längst abgetan: Ich habe jetzt anderes zu bedenken und für anderes zu sorgen."
„Ja, so. Ingenieur Geißler ist gewonnen. Sie haben sich wenigstens seiner Dienste versichert. Mich aber brauchen Sie für einen anderen Gimpelfang."
„Du bist erregt, Toni, und weißt nicht, was Du redest," rief Möller, die Brauen runzelnd. „Als Du in mein Haus kamst, da waren wir uns der Verpflichtungen klar, die jeder von uns zu übernehmen hatte, und jeder hat sie gehalten."
„Soll ich sie wiederholen? Auf Deine unerquicklichen Familieuverhältnisse zurückkommen? Dein Vater gehörte zu denen, die die sogenannte gute Gesellschaft aus ihrem Kreise gestoßen hatte, und der in Spielsälen und andere» ähnlichen Orten ein Leben führte, das noch im- mer seinen Mann nährt. Ich bin zweimal im Leben mit ihm zusammeugetroffen. Zuerst begegnete ich ihm, als er der wohlaugeseheue, reiche Mann war, der das Geld leider nur ein wenig zu sorglos durch die Finger laufen ließ, zehn, fünfzehn Jahre später traf ich ihn zufällig in einem fashionablen Bade wieder, und da führte er das Leben eines Abenteurers. Du begleitetest ihn, ein frühreifes, juu- gesDing, das bereits mehr von der Welt verstand, als die meisten Mädchen seines Alters, und das beut Vater, wie ich wohl merkte, einHiuder»iS war." Hier machte Möller eine kleine Pause.
„Ich gebe zu," sagte das jungeMädche», „daßdie Gesellschaft einer erwachsene» Tochter meinem Vater Unbequemlichkeiten auf erlegte, denn als Sie ihm den Vorschlag machte», er solle mich gewissermaße» an Sie abtreten,
Arbeiten walten mögen. Dieser Wunsch findet im deutschen Volke millionenfachen Widerhall. Die heilige Flamme patriotischer Begeisterung, die der letzte Wahlkampf entzündet hat, darf nicht erlöschen, sie muß fort- und sortloderu, bis auch die letzten Schlacken der Parteiselbstsucht und des Fraktionshaders durch sie getilgt sind.
Deutsches Deich.
— Der Kaiser trat am Dienstag, unmittelbar nach Eröffnung des Reichstags eine Reise nach Wilhelms- haven an, wo am Mittwoch die Vereidigung der Marinerekruten stattfand. Daün begab sich der Kaiser nach Helgoland, Bremerhaven und Bremen, von wo die Rückreise am 23. d. Mts. erfolgen wird. Der Königliche Hof legte für die Prinzessin Klementine von Koburg die Trauer auf fünf Tage bis einschließlich den 23. d. M. an.
— Der Kronprinz und die Kronprinzessin reisten am Dienstag abend 8 Uhr 25 Min. von Berlin nach St. Moritz ab.
— Zum Wirklichen Geheimen Legationsrat ernannt mit dem Range der Räte erster Klasse wurde der Vortragende Rat im Auswärtigen Amt, bisherige Geheime Legationsrat Dr. Hammann. Herr Dr. Hammann ist Chef der Preßabteilung des Auswärtigen Amtes.
— Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Sonnabend die zweite Lesung des Justizetats fort. Abg. Strosser (kons.) besprach die Behandlung geisteskranker Verbrecher. Es seien schon Lustmörder und Zuhälter- aus den Irrenanstalten ausgebrochen. Wohin man komme, zeige der Fall des „Hauptmanns von Köpenick", den auch schon viele Psychiater für geisteskrank erklärt hätten. Die Beratung brächte auch zwei kleine Polendebatten, in denen der Abg. Korfanty (Pole) mehrfach in erregter Weise gegen den parlamentarischen Ton verstieß, was ihm einen Ordnungsruf einbrachte. Justizminister Beseler und die Abg. Strosser (kons.) und Schiffer (natl.) traten Korfanty entgegen. Hierauf wurden allerlei Beamtenwünsche vorgebracht. — Am Montag wurde die Beratung des Justizetats beendet. Eine längere Debatte rief der Gesetzentwurf gegen die Verunstaltung von Ortschaften und landwirtschaftlich hervorragenden Gegenden hervor. Von allen Seiten befürchtete man von diesem Gesetz zu weit gehende Eingriffe in Privatrechre. Der Gesetzentwurf ging an eine Kommission von 21 Mitgliedern, nachdem Minister Breitenbach die Hoffnung ausgesprochen hatte, daß in der Kommission ein brauchbareres Gesetz zustande
Sie wollte» die Sorge für mich übernehmen, ging er voller Freude darauf ein.Sie, Herr Direktor, nahmen sich also meiner an, und ich wurde instruiert, Komödie zu spielen."
„Toni, Du bist töricht," schalt Müller. „Dein Vater war mit dem Abkomme» zufriede» unb auch Du hättest froh fein müssen, daß ich mich Deiner annabm. Ich bedurfte eines weiblichen Wesens, das mein ödes Hans belebte, Grazie und Geschmack und Geist besaß, um meine zahlreiche» Freunde und Bekannten zu fesseln. Du hast den Erwartungen, die ich in Dich setzte, in jeder Weise entsprochen, ja Du bist, ich gestehe es, mir eine rechte Stütze gewesen."
„Danke," sagte Toni spöttisch, indem sie sich in den Sessel zurücklehnte. „Um es kurz zu machen: da Sie meiner Unterstützung nicht mehr bedürfen, »volle» Sie mir zu verstehen geben, daß ich gehen soll. Vielleicht zurück zu meinem Vater, in die Spielhölle von Monte Carlo?"
„Toni, wir wollen vernünftig sprechen, laß den Spott aus dem Spiele," sagte Direktor Möller, in dessen Stimme wirkliche Ungeduld klang. „Wir kennen uns zu gut, um uns mit höflichen Redensarten zu langweilen, doch warum uns gegenseitig den Verkehr erschweren? Ich wünsche keineswegs, Du mögest zu Deinem Vater zurückkeh- ren."
„Also, ich soll bleiben?"
„Wenn es Dir beliebt, ja. Ich glaube jedoch, eS würde Dir besser passen, eine andere Rolle zu übernehmen. Wie luäre es, möchtest Du heiraten?"
Toni spielte mit ihren Schnrucksacheu. „Da Sie mit soeben sagten, Sie würden in keine Verbindung mit Ingenieur Geißler willigen, so nehme ich an, Sie haben mir bereits den zukünftigen Gatten bestimmt. Wer ist es?"
„Bestimmt? Durchaus nicht. Ich will Dich nicht beeinflussen, möchte Dir jedoch Vorsicht empfehlen. Ingenieur Geißler zum Beispiel..."
„Lassen luit ihn aus dem Spiel," rief Toni. „Ich weiß bereits, daß Sie ihn nicht länger gebrauchen. 135,18