mit amtlichem Kreisblatt,
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 14.
Samstag, den 16. Februar 1907.
58. Jahrgang.
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Keine falsche Sicherheit!
Das Ergebnis der Reichstagswahlen gibt zweifellos zu lebhaftester Befriedigung Anlaß, und wir wären Tore», wollten wir uns die Freude hierüber irgendwie durch ängstliche Zweifel und nörgelnde Kritik vergällen. Der starke Mandatsverlust der Sozialdemokratie bildet keineswegs das einzige erfreuliche Moment dieser Wahlen. Auch mit ihrem Stimmenzuwachs vermag die Revolutionspartei keine Bilder herauszustecken. Seit 1881 hat sie nur Fortschritte in der Stimmenzahl zu verzeichnen gehabt und auch die jüngst stattgehabte Reichstagswahl weist noch einen solchen auf. Dieser Stimmenzuwachs ist aber so winzig, daß er eher mehr als Stillstand oder bei dem rein agitatorischen Charakter der Partei gar als Rückschritt zu charakterisieren ist. Die Zunahme betrug nämlich nur noch 0,34 v. H. der Wahlberechtigten, während sie beispielsweise bei den Wahlen des Jahres 1890 6,25 v. H. und bei den nächstvorher- gegangenen Wahlen des Jahres 1903 5,61 v. H. der Wahlberechtigten betragen hatte.
Dazu kommen sodann die günstigen Wirkungen des Wahlresultats im Auslande und für die künftige Gestaltung unserer innerpolitschen Verhältnisse. Das uns übelwollende Ausland sieht sich in seinen Spekulationen aus die steigende Macht der antinationalen Sozial- demokratie im deutschen Volks- und Staatsleben arg enttäuscht. Der Regierung ferner steht für ihre nationalen Zwecke und Forderungen künftig eine Majorität zur Verfügung; die Mehrheit'vom 13. Dezember vorigen Jahres hat sich in eine Minderheit verwandelt. Endlich aber darf von der Niederlage der Sozialdem.-kratie auch eine weitere Schwächung dieser Partei erwartet werden; denn die Revolutionspartei lebt zum guten Teile von dem suggestiven Einflüsse ihrer bisherigen Erfolge. Versagt die Suggestion infolge starker Mißerfolge, so mindert sich die Zahl der sozialdemokratischen Anhänger. Schon jetzt läßt sich dies an dem Beispiel des ersten Berliner Wahlkreises in drastischer Weise dartun. Hier ist, zweifelsohne infolge der Niederlage der Sozialdemokratie am 25. Januar, bei der Stichwahl die Zahl der sozialdemokratischen Stimmen gegenüber der Hauptwahl erheblich zurückgegangen.
Und trotz alledem erscheint es uns als nationale Pflicht, mitten in dem berechtigten Freudenjubel unser Volk vor falscher Sicherheit zu warnen. Man täusche sich nicht : die Sozialdemokratie bildet nach wie vor eine gewaltige, gar nicht ernst genug zu nehmende Gefahr für unser Vaterland. Noch haben 3'/. Milli
Ialsche Ireunde.
Roman von Elwin Starck. 39
„So, so. ginn Karl, was ich von Müller gehört habe, kann mir nicht sonderlich gefallen."
Der junge Mann hatte den letzten Federstrich getan, strich das blonde Haar aus der Stirn und legte die kraftvolle Gestalt in den Sessel zurück.
„Nun, Vater, was hast Du von ihm gehört?" fragte er lächelnd. „Was fürchtest Du eigentlich?"
„Ich fürchte, Müller gehört zu jener Sorte Menschen, die ohne Mühe verdienen wollen und können."
Karl nickte. „Da hast Du recht, Vater, aber eS innß auch solche Menschen geben. Wer wagt, gewinnt."
„Nicht immer, Karl, nicht immer. Dieser Möller, der mit der Arbeit anderer Leute spekuliert, gefällt mir nicht. Seine Art macht mich unsicher und verwirrt mich. Du hättest Dich nicht mit ihm einlassen sollen."
„Warum nicht? Ein seiner Kopf, Vater. Siehst Du, jeder muß arbeiten, mie er kann, ist's nicht mit der Faust, so ist's mit dem Kopf. Glaube mir, spekulieren ist eine Kunst die gelernt sein will, und Möller versteht sie. Er sagt nicht umsonst: Jeder ist sich selbst der Nächste."
„Ein schlechter Grundsatz, Karl."
„Aber erlaube, Vater . . ."
„So ein neumodischer," fuhr der Vater unbeirrt fort, „den die Sucht nach Verdienst und Genuß in die Welt gesetzt hat. Früher wußte man nichts von solchen Grundsätzen."
„Meinst Du?" fragte Karl, während ein eigentümliches Lächeln seine Lippen umspielte, „meinst Du wirklich, daß diese Worte eine Erfindung der Neuzeit sind? Handelt nicht jeder danach? Blicke Dich auf Deinem Lebenswege um, Du wirst die gleichen Erscheinungen finden, Vater."
„Du übertreibst, Karl. Daß der SelbstunterhaltungS- trieb im Menschen steckt und eine gewisse Berechtigung hat, leugne ich nicht. Den Schiffbrüchigen, der in Todesangst nach der rettenden Planke greift, ob er sie gleich seinem
onen Wähler sich zu der roten Fahne, d. h. zu der Idee des Umsturzes der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung bekannt. Dazu kommt, daß die Sozialdemokratie in demselben Maße, in dem sie Mandate verloren, aller Voraussicht nach an revolutionärer Stoßkraft gewonnen hat. Die Mitläufer haben das sozialdemokratische Lager wieder verlassen, und was übrig geblieben ist, das ist die Masse zielbewußter, entschlossener, durch und durch revolutionär gesonnener Anhänger. Das rote Gespenst erhebt also auch in Zukunft drohend das Haupt.
Darum — wir wiederholen es mit allem Nachdruck und mit aller Entschiedenheit —: nur keine falsche Sicherheit! Gönnen wir der Siegesfreude ihren berechtigten Raum, aber wehren wir uns mit aller Macht gegen die ermattenden, einlullenden und einschläfernden Wirkungen, die der Siegestaumel nur zu leicht haben kann. Glauben wir nicht, daß, weil vor der Macht des nationalen Gedankens der revolutionäre Heerbann diesmal in den Staub gesunken ist, wir nunmehr für alle Zukunft mit der Sozialdemokratie spielend fertig werden könnten. Nehmen wir die diesmaligen Wahl- siege vielmehr zum Ausgangspunkte für eine fortgesetzte, intensiv gesteigerte nationale Organisations- und Ag tations-Arbeit. Die Aufklärung über die volksvergistende und Volksverderbende Tätigkeit der Sozialdemokratie muß auch in der wahlfreien Zeit mit unvermindertem Eifer ohne Unterbrechung fortgesetzt werden. Erst dann werden die Wahlsiege vom 25. Januar und 5. Februar zum Hebel und zur Staffel weiterer Erfolge werden und sich als eine Quelle nachhaltigen und dauernden Segens für unseres Vaterlandes und Volkes Zukunft erweisen.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser empfing im Beisein der Kaiserin behufs Vorlage der Pläne zur Zentralanstalt zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit vom Geschästs- ausschuß die Geheimräte Dietrich, Heubner und Hoff- mann und Professor Messet. Dienstag mittag empfing der Kaiser die Deputation der rheinisch-westfälischen Maltesergenossenschaft zur Ueberreichttng der Jnsignien des Großkreuzes und der Würde eines Ehrenbailtis.
— Der Kaiser wird Mitte April zur Teilnahme der Silbernen Hochzeit des Fürsten und der Fürstin zu Schaumburg-Lippe in Bückeburg anwesend sein und sich von dort auf einige Zeit nach Homburg v. d. H. begeben.
— Die Prinzessin Mathilde zu Lippe-Detmold, ge
Bruder entzieht, kann ich begreifen. Aber erst die Neuzeit hat das Wort zum Gebot erhoben."
Karl schüttelte den Kopf.
„Nein, Vater, Du irrst. Warum glaubst Du mir nicht? Du bist empört über Möller, allein ich kann Dir beweisen, daß es früher genau so war, wie eS heute ist."
Der Rendant setzte sich in den Lehnstuhl und blickte den Sohn nachdenklich an. „Aber doch nicht in dem Maße, Karl," sagte er nach einer kleinen Pause.
„Genau so, Vater, ich erinnere Dich nur an Elsner."
„An den Kommerzienrat?" fuhr Geißler auf. „WaS weißt Du von ihm?"
„Genug, Vater, übergenug, um an der Ueberzeugung festzuhalten, daß er sich uns gegenüber schlecht betragen hat. Du hast ihn immer zu Deinen Freunden gezählt, ihn als unseren Wohltäter betrachtet, aber daß er, sagen wir, die moralische Verpflichtung fühlte, sich seiner Schuld nur ein klein wenig zu entlasten, das ahnst Du nicht. Vater, weißt Du nicht, daß er Deine unglückliche Schwester in den Tod getrieben hat?"
„Karl!" Geißler senior war aufgesprungen und stand totenbleich, zitternd vor seinem Sohne. „Karl, daS ist nicht wahr," röchelte er. „ElSner, meine Silvester . . das ist nicht wahr. Du lügst, bist belogen worden, meine . . ."
„Ich weiß, Vater, daß es schwer halten wird, Dich zu überzeugen," sagte Karl ernst und drückte den alten perru wieder in den Sessel. „Errege Dich nicht," fuhr er fort, seinen Stnhl dicht an den des Vaters rückend, „sieh, ich wünsche nur, daß Du nicht länger in Deinen alten Vorurteilen verharrst. Ich hätte längst versucht, Dich aufzu- klären, allein ich hatte nie Glück mit meinen Mitteilungen. Vielleicht ist mir der heutige Tag günstiger. Bitte, höre mir unbefangen zu und versuche wenigstens in meine Worte keinen Zweifel zu setzen. Versprichst Du mir das?"
„So feierlich, Karl?" rief der Rendant, durch die Vor- rede verwirrt. „Wo soll das hinaus?"
„Ich will für meine vorige Behauptung nur Beweise bringen," sagte Karl, „bitte, gib mir Gehör. ElSner hat
boren am 27. März 1875 zu Oberkassel, die jüngste Schwester des Fürsten Leopold zu Lippe-Detmold, ist nach einer Operation sanft entschlafen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus verhandelte am Sonnabend die nationalttberale Interpellation wegen des sogenannten „Breniserlasses" ches Kultusministers Dr. v. Studt gegen die von einzelnen Stadtgemeinden vorgenommene oder geplante Gehaltserhöhung der Volksschullehrer. Die von dem Abg. Schiffer snatl.) begründete Interpellation wurde vom Kultusminister sofort beantwortet, indem er ausführte, daß die tiefe Erregung über den Erlaß auf unzutreffenden Voraussetzungen beruhe. Die preußische Volksschule sei ein einheitlicher Organismus, daher könne der Staat den Gemeinden nicht die Entscheidung über die Besoldung der Lehrer allein überlassen, dabei könne es ohne eine gewisse Beschränkung der Selbständigkeit der Gemeinden nicht abgehen. Der Erlaß habe nur die bestehende Praxis aufs neue einschätzen wollen. Bei der Besprechung der Interpellation griff Ministerialdirektor D. Schwartz- kopff wiederholt in die Debatte ein und wies insbesondere darauf hin, daß in der Kommission seinerzeit verlangt worden sei, daß gebremst werden müsse, wenn die Ge- meinden durch höhere Gehälter die Landflucht der Lehrer begünstigen würden. — Am Montag wurde das Wander- werkstätten- Gesetz beraten. Minister des Innern v. Bethmann-Hollweg erklärte, der vorliegende Gesetzentwurf wolle Fürsorge treffen für die mittellosen arbeitsuchenden Wanderer, diese von der Landstraße entfernen und auf die Eisenbahnen hinüberschieben, zumal der Eisenbahnminister sich bereit erklärt habe, den Beförderungspreis für Wanderarme auf einen Pfennig pro Kilometer herabzusetzen. Nach kurzer Debatte wurde der Gesetzentwurf einer Kommission von 21 Mitgliedern über» wiesen. Dann setzte daS Haus die Beratung des landwirtschaftlichen Etats fort.
— Im Zirkus Busch in Berlin fand unter starker Beteiligung die diesjährige Generalversammlung des Bundes der Landwirte statt, die von dem ersten Bundesvorsitzenden Frhr. v. Wangenheim eröffnet wurde. Den Geschäftsbericht erstattete Reichstagsabgeordneter Dr. Hahn und konnte konstatieren, daß die letzten Reichstagswahlen ein erfreuliches Wachstum des Bundes gebracht hätten. Dr. Roesicke erklärte die Brot- und Fleischteuerung für eine sozialdemokratische Phrase. Kammerherr v. Oldenburg-Januschau sprach über „Heimatpolitik und Kolonialpolitik' und Chefredakteur Dr. Oeriel über die endgültige Regelung der deutschen Handelsbeziehungen zum Auslande.
als junger Mann viel im Hause Deiner Eltern verkehrt, und ist dabei auch Deiner Schlvester näher getreten. DaS gibst Du zu, nicht wahr?"
.„Das ist richtig, Karl," bestätigte Geißler, der den Worten deS Sohnes aufmerksam gefolgt war, „ElSner hat bei unS verkehrt und ist viel mit Ottilie in Berührung gekommen. Sie sind auch in anderen Familien zusammen getroffen, kurz, sie haben sich oft gesehen. Du lieber Himmel, in einer kleinen Stadt ist das eben nicht anders möglich, doch wenn auch ein junger Mann intim oder sagen wir freundschaftlich mit einem jungen Mädchen verkehrt, so ist eö durchaus nicht notwendig, daß daraus immer Liebe entstehen muß."
„Aber sie war aus deinVerkehr entstanden, darauf ver- laß Dich, Vater. Ja, noch inehr, das Paar Verlobte sich in aller Form, wechselte Ringe und..."
„Karl, woher weißt Du das alles?"
„Genug, daß ich eS weiß," entgegnete Karl, „nachher mehr davon. Erlaube, daß ichfortfahre. Elsner trat, wie Du weißt, als Geschäftsführer in eine Berliner Fabrik ein. Nach einem oder mehreren Jahren kehrte er mit längerem Urlaub in die kleine Stadt zurück, es war das erste und zugleich das letzte Mal, daß er seinen Geburtsort wieder- sah. Die Liebe der jungen Leute war durch die Trennung gewachsen, sie schlug beim Wiedersehen in Hellen Flammen empor. ElSner versprach der Braut die Ehe, und Deine Schwester glaubte ihm. Warum er da» Verhältnis nicht veröffentlicht hat, fragst D» mich? Ich weiß eS nicht. Wahrscheinlich hatte er die Absicht, sein Versprechen zu erfüllen. Nun höre weiter, Vater, der Schluß meiner Ge- schichte folgt bald."
„Als Elsuer wiederum nach Berlin zurückkam, lernte er die Tochter seine» Prinzipals kennen, es war ein junges, unreifes, verwöhntes Ding, dem allerlei Romane den Kopf verwirrt hatten, und das alsbald eine Vorliebe für Els- ner faßte, der ein sogenannter schöner Mann war und Glück bei den Frauen hatte." 135,18