mit amtlichem Kreisblatt, Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Sanistag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
12.
Patriotische Kundgebungen in Berlin. Ansprache des Kaisers.
Berlin, 5. Februar. Eine nach Tausenden zählende Menge zog auch heute in musterhafter Ordnung nach dem Reichskanzlerpalais und brächte dem Fürsten Bülow unter Absingen patriotischer Lieder begeisterte Ovationen dar. Als der Reichskanzler erschien, wurde er stürmisch begrüßt. Tiefe Stille trat ein, als er etwa folgendes sagte:
„ Ich danke Ihnen, meine Herren, für den patriotischen Sinn, der Sie hierher geführt hat. Als ich am 13. Dezember den letzten Appell an den Reichstag richtete, schloß ich mit den Worten, daß die Regierung ihre Pflicht tun würde im Vertrauen auf das deutsche Volk. Dieses Vertrauen hat nicht getäuscht. Was bei den Hauptwahlen gesiegt hat und heute bei den Stichwahlen weiter schöne Erfolge errungen hat, das ist der deutsche Geist, „der gekämpft hat allerwege, der noch kämpft zu dieser Frist und der darum nicht erliegt, weil er unsterblich ist." Wenn wir diesem Geist treu bleiben, wenn vor allem die deutsche Jugend an diesem Geist festhält und sich mit ihm erfüllt, können wir mit Ruhe und Frieden auf die Zunkunft des Vaterlandes blicken. Und nun stimmen Sie mit mir ein in den Ruf der Liebe und Treue bis zum Tode: Unser deutsches Vaterland lebe hoch!
Tausendfach ertönte das Hoch auf das Vaterland und entblößten Hauptes stimmte die Menge „Deutschland, Deutschland über alles" an.
Vom Reichskanzlerpalais zog die immer mehr an- wachsrnde Menge durch die Wilhelmsstraße und Unter den Linden nach dem Königlichen Schloß, wo nach wiederholten Huldigungen ein Marine-Offizer das Erscheinen der Majestäten ankündigte. In dieser Zeit erschienen die Prinzen Adalbert und August Wilhelm, denen ebenfalls Huloigungen dargebracht wurden. Am Fenster vor dem Weißen Saale erschien alsdann das Kaiserpaar, stürmisch begrüßt. Nachdem Ruhe einge- treten war, ergriff der Kaiser, der die Menge unausgesetzt grüßte, während die Kaiserin mit einem Tuche schwenkte, das Wort zu folgender Ansprache:
Ich danke Ihnen, meine Herren, herzlich für die Huldigung, die Sie mir heute dargebracht haben. Sie entspricht dem Bewußtsein, daß Sie dem Vaterland gegenüber Ihre Pflicht getan haben und daß das Wort des Reichskanzler, das er zu Ihnen gesprochen hat, wahr geworden ist: Deutschland kann reiten, wenn es will. (Stürmischer Beifall). Ich bin der felsenfesten
Samstag, den 9. Februar 190'
Ueberzeugung, wenn, wie bisher alle Stände hoch und niedrig, alle Konfessionen zusammenstehen, dann werden wir nicht nur reiten, sondern alles niederreiten, was sich uns entgegenstellt. (Hurrarufe). Nun will ich schließen mit dem Wort, das unser großer Dichter Kleist in seinem Prinz von Homburg gesprochen hat, als Kottwitz dem Großen Kurfürsten gegenüber tritt: „Was kümmert uns die Regel, nach der der Feind sich schlägt, wenn er nur nieder vor uns mit allen seinen Fahnen sinkt. Die Regel, die ihn schlägt, ist das Höchste. Die Kunst erlernten wir, ihn zu besiegen, und sind voll Lust, sie erner noch zu üben!" Deswegen soll dies nicht blos eine augenblickliche vorübergehende patriotische Erregung sein (Rufe: Nein, nein !), sondern ein fester Entschluß (Ruse: Jawohl!), auch fernerhin auf diesem Wege zu beharren." (Brausende Hurrarufe.)
Brausend ertönte in der klaren Winiernacht die Nationalhymne, während die Majestäten die Menge grüßten. Um V«! Uhr zerstreute sich die Menge.
Deutsches Reich.
— Die Kronprinzessin von Schweden ist in Karls» ruhe an Influenza unter starken Fieber-Erscheinungen erkrankt. Sie ist bekanntlich eine geborene Prinzessin von Baden.
— Aus Koburg wird berichtet: Die Großfürstin Kyrill wurde am vergangenen Sonntag Abend von einer Tochter entbunden.
— Während des Jahres 1900 sind 1555 Ehe- jubiläums-Medaillen verliehen worden. Davon entfallen auf die Provinzen : 1. Ostpreußen 41,2. Westprenßen 48, 3. Brandenburg mit Berlin 225, 4. Pommern 93, 5. Posen 50, 6. Schlesien 107, 7. Sachsen 178, 8. Schleswig-Holstein 104, 9. Hannover 175, 10. West» falen 136, 11. Hessen-Nassau 104, 12. Rheinland 292, 13. Sigmaringen 2, zusammen 1555. Von den mit der Medaille beliehenen Ehepaaren gehörten 1160 der evangelischen, 335 der katholischen Konfession an, 16 lebten in Mischehen, 4 gehörten der Mennonitensekk an, 40 Ehepaare waren mosaischer Religion, 33 Ehepaare feierten das 60jährige Ehejubiläum.
— Aus Berlin kommt die Kunde von dem Tode des früheren Präsidenten des Reichsversicherungsamtes Wirkl. Geheimen Oberregierungsrats Dr. von Bödiker. Am. 5. Juni 1843 zu Haselünne in Hannover geboren, arbeitete Bödiker zuerst im haunoverschen Justizdienst. 1871 wurde er als Hülfsarbeiter in das preußische Ministerium des Innern berufen. Durch seine Berufung zum Präsidenten des Reichsoersicher-
0 58. Jahrgang. ungsamtes wurde Bödiker, nachdem der Reichstag am 27. Juni 1884 das Unfallversicherungsgesetz angenommen halte, vor die bedeutsame Aufgabe gestellt, lie neugeschaffenen Organisationen zu leiten und zu überwachen. Unter der umsichtigen Leitung Bödikers wuchs bie Bedeutung des Reichsversicherungsamtes immer mehr, und die großen Verdienste Bödikers wurden anerkannt, indem ihm z. B. die philosophische Fakultät zu Leipzig, die juristische zu Breslau und die medizinische zu Göttingen die Ehrendoktorwürde verliehen. Im Juni 1897 schied von Bödiker aus seiner Stellung und trat als Generaldierektor in die Firma Siemens und Halste ein. Auch schriftstellerisch ist der nunmehr Verstorbene in seinem Fache vielfach hervorgetreten.
— In 15 Wahlkreisen haben am Montag Stichwahlen zum neuen Reichstag stattgefunden, die in der Hauptsache in süd- und westdeutschen Wahlkreisen aus- gefochten wurden. Leider hat die antinationale Haltung des Zentrums es fertig gebracht, einen Wahlkreis, der bisher noch nicht zum Besitzstände der Sozialdemokratie gehörte, Bielefeld-Wiedenbrück, den Sozialdemokraten in die Hände zu spielen, und einen andern, Speyer, der dem Bürgertum hätte zufallen können, wenn das Zentrum einigermaßen deutschnationale Gesinnung bewiesen hätte, der Sozialdemokratie zu erhalten. Wann endlich wird das deutsche Volk einmal klug werden?
— Die Wahlbeteiligung bei der letzten Hauptwahl ist nirgend in Deutschland so gering gewesen wie in Groß-Berlin. Die Zahl der Wahlberechtigten betrug in den acht Berliner Wahlkreisen 851 037 Personen gegen "13 678 im Jahre 1903. Davon übten nur 673 907 ihr Wahlrecht aus. Es sind also rund 200 000 Wähler zu Hause geblieben. Am geringsten war die Beteiligung im 6. Berliner Wahlkreise mit 69 v. H. Die Lässigen waren leider hauptsächlich bürgerliche Wähler, denn Von den Arbeitern u. s. w. haben 95 und mehr v. H. gewählt.
— Der sozialdemokratische Stadtverordnete Vieler in Bernburg ist aus der sozialdemokratischen Partei ausgetreten und hat deshalb sein Stadtverordnetenmandat niedergelegt. Vieler ist Vorsitzender des dortigen Zimmererverbandes und war bis vor kurzem Lagerhalter des Konsumvereins in Bernburg. Die sozialdemokratische Partei, die er wohl gründlich kennen lernen konnte, hat demnach nichts Verlockendes mehr für ihn gehabt.
— Daß allmählig immer mehr Arbeiter einsehen, wie es mit der „Freiheit" im Zukunftstaate aussieht, beweist folgendes Vorkommnis. Während des Wahl- kampfes war im l 5. sächsischen Wahlkreise ein Flugblatt
Änliche Iremtde.
Roman von Elwin Stares.
35
Beide traten in das HauS und Geißler erkannte auf den ersten Blick, daß der Plan strikte nach der erste» Zeichnung ausgeführt würben war. Er sah, daß Möller die Verändernngen, die er, Karl, dringend anempfohle», unberücksichtigt hatte; all' seine Vorschläge waren unbeachtet geblieben.
Geißler war einigermaßen erstaunt und nahm sich vor, in Berlin sofort zu Möller zu gehen und mit ihm die Angelegenheit nochmals zu erörtern. Schließlich wandte er sich mit einigen diesbezüglichen Fragen an einen der jungen Aufseher, allein dieser war in derlei Sachen nicht be- wandert, tat mechanisch seine Pflicht und hatte sich um den Plan herzlich wenig gekümmert.
„Und wie steht es mit den Arbeitern ?" fragte Karl im Laufe der Gespräches.
Der junge Mann zuckte die Achseln. „Gott Weiß, von welchen Agenten der Direktor die Leute bezogen hat," sagte er. „Sie gefallen mir alle nicht, sind unzufrieden und bei jedem kleinsten Anlaß erregt."
Geißler schüttelte den Kopf. „Sie haben ganz recht," sagte er, „und vor einigen Tagen wohnte ich einem Auftritt bei, der auch schwer verdrossen hat. Warum in aller Welt hat sich Herr Müller diese Leilte verschreiben lassen?"
„Sie sind billiger als andere," sagte der Aufseher mit Betonung, „und Sie wissen ja, was billig ist, wird ge- nommen. In der Beziehung," er zuckte vielsagend die Ach- fein, „ist der Herr blind."
' Karl schwieg. Möllers Sparsamkeit in solchen Sachen war ihm mehr denn einmal unangeizehm ausgefallen.
Baron Wahlenburg war zu seiner Tochter getreten und flüsterte ihr einige Worte zu. Dann sagte er zu dem ^ Ingenieur: „Wirchhren jetzt nach Hanse, Herr Geißler.
Vielleicht haben Sie ein Stündchen Zeit übrig. Wenn Sie
nur begleiten können, würden wir uns freuen. Nicht wahr, Paula? Es ist jetzt sehr einsam bei uns."
Karl blickte Paula an. Sie hatte schon in der Tür gestanden, bei den Worten ihres Vaters wandte sie sich, und ihre Blicke wurzelten für die Dauer einer Sekunde in denen des jungen Mannes.
„Wenn Sie nichts Besseres vorhaben, Herr Ingenieur, werden Sie uns als Gast sehr angenehm sein," sagte sie und er verbeugte sich zustimmend.
„Wie schön sie ist, wenn sie lächelt!" dachte Geißler bewundernd.
Er saß auf dem Rücksitz des offenen Wagens und betrachtete angelegentlül) das ansdrncksfähige Gesicht. Der Wind hatte ihre Wangen rot geküßt, zauste an den blonden Haaren, die der kleine Filzhut nicht ganz bedeckte, und spielte mit den Enden ihres hochgeschlagenen Schleiers, die auch zu Zeiten sein Gesicht streiften.
Alles, was sie sagte, ihre sicheren Urteile über Welt und Menschen waren ihm wie aus der Seele gesprochen. Angelegentlich unterhielt er sich mit ihr. Da erinnerte er sich der Worte seines Vaters, der, als er vor langen Wochen Paula zufällig auf dem Bauplatz getroffen, von ihrer äußeren Erscheinung bezanbert worden war und ihn ge- fragt hatte: „Fühlst Du nicht auch die Anziehungskraft dieses seltenen Mädchens?"
Karl war es, als ob er diese Anziehungskraft spüre, zugleich jedoch mit dem vollen Bewußtsein, sie dürfe nicht Macht über ihn gewinnen. Panla von Wahlenburg und er ? Die Verhältnisse paßten wieber nicht.
Er wurde einsilbig und gab zerstreute Antworten, mit Gewalt nahmerseineGedanken zusammen und erkundigte sich nach Martin.
„Er ist in Egypte». Um sein Buch zu vollenden, muß er seine Studien in dem alten Kulturlande der Pharaonen vervollständigen," erklärte Paula. „Ein eigenes Land dieses Egypte»! Mein Bruder schreibt begeisterte Berichte Von dort, und seine Schilderungen interessieren mich sehr."
„Mich nicht," warf der Baron brüsk ein, der sich an der Unterhaltung nur wenig beteiligt hatte. „Was habe ich davon, wenn ich erfahre, daß Napoleon die Schlünde seiner Kanonen gerade auf die Sphinx an den Königs- gräbern gerichtet und ihr dabei die Nase zertrümmert hat? Und wenn Martins Name in irgend einem gelehrten Blatte steht, pah, die Rangliste wäre mir lieber."
Der Wagen hatte inzwischen auf der Rampe gehalten, man war ausgestiegen und nahm int Gartensaal Platz.
Der Kaffeetisch stand bereit, unb Paula waltete ihrer Hansfrauenpflichten. Sie trug ein einfaches, blaues Kleid, das ihr in Schnitt und Farbe vorzüglich stand und die Formen der schön gewachsenen Gestalt voll zur Geltung brächte. Sie schenkte den Kaffee ein und bot den Herren die Tasse».
„Wie lange weilt wohl die Nichte der Herrn Möller im Hause ihres Onkels?" fragte sie Karl.
„Das weiß ich nicht, gnädiges Fräulein," antwortete der junge Mann, „ich selbst kenne Herrn Möller nicht län- ger denn ein Jahr. Aber ich glaube, daS Fräulein befindet sich bereits seit längerer Zeit dort."
„Welch eigentümliches Mädchen," sagte Paula.
„Eigentümlich . . wieso?"
„Ihre Augen haben so etwas FacinierendeS und dann ihre Bewegungen. Sie erinnert mich an jemand, wenn ich nur wüßte an wen? Ich glaube, ich habe die Dame auf der Bühne gesehen."
„Wie viel Patente haben Sie eigentlich schon angemeldet?" fragte der Baron unvermittelt. „Sie sollen Ihnen viel Geld eingebracht haben."
Karl schüttelte abwehrend den Kopf. „Aber ich bitte Sie, Herr Baron. Wer hat Ihnen denn davon erzählt?"
„Wer anders deunDirektor Müller," meinte der Gutsherr. „Ich entsinne mich, daß er über Ihre letzte Erfin- dung berichtete, eigentlich wohl aus der Schule plauderte, da die Sache noch nicht zur Anwendung gelaugt ist, und dabei des Lobes vollüber. sie war." 135.18