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SchlüchternerMun g

mit amtlichem Kreisblatt,

Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

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Amtliches.

Reichstagswahl.

J.-Nr. 58 l. Mit Rücksicht darauf, daß nach den Reichstagswahlen im Jahre 1903 zahlreiche Straf­verfolgungen wegen Wahlfälschung gegen Personen durchgeführt werden mußten, die unter falschem Namen oder mehrfach in verschiedenen Wahlbezirken gewählt hatten, weise ich daraus hin, daß die Wahlvorsteher berechtigt sind, von den zur Wahl erscheinenden Per­sonen bei Zweifel über ihre Jndentität eine Legitimation zu verlangen, und Wähler, die neuzugezogen sind oder von denen sonst anzunehmen ist, daß sie auch ander­wärts in die Wählerliste eingetragen sind, in geeigneter Weise darauf aufmerksam zu machen, daß jedermann nur in einem Wahlbezirke und bei der Haupt- und Stichwahl je nur einmal wählen darf. Jede Zu­widerhandlung wird zur Bestrasung gezogen werden. Schlüchtern, den 21. Januar 1907.

Der Kgl. Landrat: Valentiner.^

Reichstagswahl.

Die Herren Bürgermeister ersuche ich hierdurch nochmals, dafür zu sorgen, daß die Reichstagswahl- Verhandlungen alshald nach Beendigung des Wahl­aktes spätestens aber am 36. d. M, vormittags, an den Wahlkommissar, .Herrn Landrat Springorum zu Fulda abgesandt werden.

Zu den Wahlverhandlungen gehören die zweite Ausfertigung der Wählerliste, das Wahlprotokoll, die Gegenliste und diejenigen Stimmzettel bezw. Stimm­zettel-Umschläge über deren Gültigkeit oder Ungültig­keit es nach 8 13 des Wahlgesetzes einer Beschluß­fassung des Wahlvorstaikdes bedurft hat. Wählerliste, r' Wahlprotokoll und Gegenliste sind vor ihrer Ab- sendung von dem Wahlvorsteher, den Beisitzern und dem Protokollführer mit Unterschrift zu ver­sehen.

Schlüchtern, den 21. Januar 1907.

Der Königliche Landrat: Valentiner.

Mit gute Katholiken urteilen!

Die bereits kurz erwähnte Erklärung, die der Fürst Waldburg-Zeil-Trauchburg in der Heilbronner Neckar- Zeitung (in Ergänzung einer früheren Erklärung) gegen Erzberger und das Zentrum veröffentlicht, hat folgenden Wortlaut:

Nachdem nunmehr mein Name genannt worden ist im Zusammenhang mit meiner Stellungnahme gegen die Kandidatur Erzbergers, bezw. gegen die Stellung, welche die Zentrumspartei in ihrer Abstimmung vom 13. Dezember 1906 genommen hat, sehe ich mich ver­anlaßt, meinen Standpunkt öffentlich klarzustellen. Mein Standpunkt ist derselbe, welcher durch verschiedene hervor­ragende Katholiken des Rheinlandes am 10. Januar d. I. zu Düsseldorf festgelegt worden ist und auf welchen ich mich weiterhin beziehe. Ich bedauere lief, daß die Leitung des Zentrums sowohl bei der letzten Abstimmung im Deutschen Reichstag wie beim gegenwärtigen Wahl­kampfe eine Haltung eingenommen hat, welche das patriotische und monarchische Empfinden weiter Kreise schwer verletzt. Diese Haltung der Zentrumsleitung steht in direktem Widerspruch zu den Grundsätzen welche bei der Gründung des Zentrums und im Kampfe des Zentrums für die Rechte und Freiheiten der Kirche als maßgebend anerkannt worden sind. Diese Grund­sätze geben den Angehörigen der Partei alle Freiheit der Entschließung und Abstimmung in allen nationalen und wirtschaftlichen Fragen. Wenn jetzt Führer des Zentrums von ihren Wählern und Abgeordneten die unbedingte Heeresfolge auch dort verlangen, wo kirch­liche Interessen weder bedroht noch berührt erscheinen, dann fühle ich mich als Vaterlandsfreund verpflichtet, meiner Überzeugung gemäß zu handeln. Ist das Zent­rum, wie seine Führer und Sprecher es behaupten, eine politische und Volkspartei, dann muß es jedem Katholiken unverwehrt sein, auch durch die Abstimmung bei den Reichstagswahlen seiner abweichenden Ansicht in nationalen und kolonialen Fragen Ausdruck zu geben ; so möchte auch ich der Hoffnung Ausdruck geben, daß Gesinnungsgenossen in Süddeutschland und be- sonders auch in Württemberg dem Ausruf von Dussel-

Mittwoch, den 23. Januar 1907. 58. Jahrgang.

dorf beitreten möchten. Wie dieser Aufruf sagt, ent­scheiden die Neuwahlen zum Deutschen Reichstag nichr nur über das Schicksal der Forderungen der Reichs­regierung, deren Ablehnung durch das Zentrum und durch die Sozialdemokratie am 13. Dezember 1906 zur Auflösung des Reichstages geführt hat, sondern es handelt sich vielmehr bei diesen Wahlen vor allem um die Frage, ob aus ihnen eine Mehrheit hervorgehen wird, die im stande und bereit ist, die Reichsregierung in ihren Bestrebungen zur Erhaltung der Machtstellung des Deutschen Reiches und der Sicherheit und Ent­wicklung unseres Kolonialbesitzes rückhaltlos und dauernd zu unterstützen. Ich halte es auch für ausgeschlossen, daß ein ehemaliger Soldat, voran die Mitglieder der Kriegervereine, nach der Abstimmung vom 13. Dezember 1906 es mit ihrem Fahneneide und mit ihren kamerad­schaftlichen Gefühlen gegenüber der kämpfenden Truppe in Südwestafrika werden vereinigen können, durch ihre Abstimmung das Votum des Reichstages gutzuheißen. Ich glaube vielmehr, daß jedes Mitglied nach reiflicher Ueberlegung zu der Ueberzeugung kommen muß, welcher der Düsseldorfer Aufruf Ausdruck verleiht.

Fürst Waldburg-Zeil.

Jeder Kommentar würde diese mannhafte Kund­gebung nur abschwächen.

Nach einem Telegramm aus Stuttgart hat sich Fürst Quadt mit deni Vorgehen des Fürsteil Waldburg ein­verstanden erklärt.

Deutsches Reich.

Der Kaiser hat am vergangenen Sonntag das Krönungs- und Ordensfest in der üblichen Weise ab­gehalten und zahlreiche Auszeichnungen verliehen; An seinem Geburtstage, zu welchem auch der König von Württemberg nach Berlin kommen wird, wird der Kaiser der Weihe und Nagelung von Fahnen beiwohnen Neuerdings verlautet wieder, der Kaiser werde eine Frühlingsfahrt unternehmen ; das Reiseziel sei noch nicht bekannt, sei aber nicht Italien.

Als Terniin für den Zusammentritt des neuen Reichstags werden der 14. und 19. Februar genannt. Endgültige Beschlüsse können erst^ach den Wahlen gefaßt werden.

Die Königl. Eisenbahndirektion Berlin ist be« auftragt, wegen Uebernahme der Herstellung von weiteren 8565 Güterwagen verschiedener Gattung für das Etatsjahr 1907 mit den Wagenbauanstalten, die zurzeit für die preußische Staatsbahnverwaltung be­schäftigt sind, in Verhandlung zu treten. Die Anlieferung dieser Wagen muß bis zum 31. März 1908 beendet sein.

In Deutsch-Südwestafrika sind neue Fortschritte zu verzeichnen. In Swakopmund ist die Schulpflicht eingeführt worden. Der Ort hat auch elektrisches Licht erhalten. Aus dem britischen Gebiet sind derRund­schau" zufolge viele Deutsche eingewandert. Bisher ist kein Fall bekannt geworden, daß jemand enttäuscht, unzufrieden oder krank das deutsche Schutzgebiet wieder verlassen hat.

Ausland

Durch eine italienische Ordensauszeichnung des Kolonialdirektors Dernburg hat derselbe den italienischen Adel erhalten. Ihm ist nämlich ein hoher italienischer Orden, das Großkreuz des Ordens der italienischen Krone verliehen worden, mit dem für Italien der persönliche Adel verbunden ist. Kolonialdirektor Dern­burg hat diese Auszeichnung erhalten für die Gründung einer Gesellschaft zur Nutzbarmachung der pontinischen Sümpfe, die mit Erfolg durchgeführt wurde. Diese Tätigkeit Dernburgs liegt innerhalb seines früheren Wirkungskreises als Bankdirektor.

Nach der im Sommer erfolgten Auflösung der früheren evangelischen Gemeinde in Rom konstituierte sich unter der Mitwirkung des Geheimen Oberkonsistorial- rates Möller und unter starker Beteiligung der deutschen Evangelischen eine neue evangelische Gemeinde in Rom, die an die preußische Landeskirche angeschlossen werden wird.

Der Bahnbau in China macht Fortschritte. Ein belgisches Syndikat hat eine sechsprozenüge Anleihe von vier Millionen Taels für den Bau einer Eisen-

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bahn von Kiukiang nach Nantschang als ersten Teil der Kauflußbahn von Kiukiang nach Nantschang als ersten Teil der Kauflußbahn abgeschlossen. Eine frühere Verhandlung mit einem japanischen^Shndikat und später mit einer deutschen Firma waren ohne Erfolg. Die Meldung derMorning Post" über die Tibetbahn ist verfrüht. Gegenwärtig soll die Regierung von Peking mehr beschäftigt sein; erstens mit dem Anschluß der Verwaltung von Tibet an die chinesische Staatsver­waltung und zweitens mit den Fragen der Reichsver­teidigung.

Handelbericht.

Auf Veranlassung einer freien Vereinigung von Gelehrten und Künstlern, sowie auf Veranlassung des deutschen Handelstages hat der Wirkliche Geheime Rat Dernburg über die Zielpunkte des deutschen Kolonial- Wesens am 8. und 11. d. Mts. zwei Verträge gehalten, von denen der letzte mit nachfolgenden Worten schließt:

Meine Herren, die Entwickelung unseres deutschen Kolonialbesitzes ist demnach, vom handelspolitischen Standpunkte aus gesehen, nach folgenden vier Rich­tungen zu beurteilen:

1. Sie sichert der stetig wachsenden Bevölkerung unseres Vaterlandes, die mit Rücksicht auf das zur Verfügung stehende limitierte innerdeutsche Areal mehr und mehr sich der Industrie zuwenden muß und auf den Export angewiesen bleibt, zunächst große und sich steigernde Aufträge, also Arbeit. Daneben ermöglicht sie eine bessere Lebenshaltung dieser unserer deutschen Bevölkerung durch billige Produktion von Nahrungs- stosser'. der verschiedensten Art und ermöglicht es, diese Ernährung unabhängiger zu gestalten vom Ausland.

2. Kolonien, die richtig und zielbewußt geleitet sind, sichern der deutschen Produktion einen großen Teil derjenigen Rohstoffe, welche zum eigenen Verbrauch innerhalb der Nation und zunt Zwecke der Veredelung des Arbeitsmaterials vieler Millionen deutscher Arbeiter dienen.

3. Sie sichert dem deutschen Fabrikanten, dem deutschen Arbeiter einen Einfluß auf die Preisge­staltung dieser Rohmaterialien gegenüber monopolisti­schen Tendenzen des Auslandes, sei es in der Zoll- und Steuerpolitik der Staaten, sei es in den Kombinationen einzelner Individuen. Sie sind deshalb, da sich der Preis einer Ware auf beut Weltmarkt regelt, der Arbeitslohn, aber niemals mehr, als Weltmarktpreis minus Kosten des Rohmaterials betragen kann, ein wichtiger Regulator für den Preis unserer nationalen Arbeit.

4. Sie schützt und stärkt unsere nationale Zah­lungsbilanz, indem sie unsere Kapitalien und den Ueberschuß unserer Arbeit nicht zur Zahlung für Roh­materialien an das Ausland zu schicken nötigt, sondern denselben innerhalb unserer eigenen Bienenwirtschast erhält. Sie sichert damit gleichzeitig die Stabilität unserer deutschen Währung, vermindert die Gefahr des Abflusses von Edelmetall an das Ausland und vermag auf diese Weise auch in der eigentlichen deutschen Wirtschaft eine größere Stabilität für den Preis des Geldes zu erreichen.

Schließlich bildet sie ein kräftiges strategisches und taktisches Mittel in all denjenigen Fällen, wo für die deutsche nationale Wirtschaft-Verträge oder Verein­barungen mit anderen Weltnationen geschloffen werden müssen zur Sicherung des gegenseitigen Absatzes und Austausches von Roh- und Fertigprodukten.

Das ist die Bedeutung einer deutschen kolonialen Wirtschaft im Lichte der gegenwärtigen handelspoli­tischen Weltlage. Ihre Ausführung bedeutet demnach nicht mehr und nicht weniger, als die Frage der Zu­kunft der nationalen Arbeit, die Frage des Brotes vieler Millionen Industriearbeiter, die Frage der Be­schäftigung der heimischen Kapitalien im Handel, im Gewerbe, in der Schiffahrt.

Es wäre demnach nicht weniger als ein großes Vergehen an Deutschlang und seiner industriellen Zu­kunft, wenn nicht alle ernsthaften kaufmännisch ge­bildeten Deutschen dieser Frage ihr allergrößtes Interesse zuwenden würden, wenn sie nicht mit aller Intensität einer Regierung ihre Unterstützung leihen würden, welche diese Gesichtspunkte fest im Auge hat,