SchlüchternerZeitun g
mit amHichemMreisblatt.
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Samstag, den 19. Januar 1907.
58. Jahrgang.
© AM!
Ununterbrochen sendet die Hauptsammelstelle der Deutschen Vereine vom „Rvten Kreuz" Materialsendungen sowohl für die Verwundeten und Krankenpflege, als auch Labe- und Stärkungs Mittel an unsere tapferen
Arieger in Südwest-Afrika.
Diese Leistungen in so fernen Ländern erfordern zu ihrer erfolgreichen Durchführung erhebliche Mittel. Die Gebefreudigen bittet der Vorstand des hiesigen Zweigvereins Vom Roten Kreuz erneut um Gewährung von Geldspenden aus allen Volkskreisen.
Gaben werden entweder an den Schatzmeister des Vereins, Herrn Reutmeister Pfalzgras, oder an den Herrn Landrat Valentiner oder Herrn Kreisausschuß« sekretär Schäfer erbeten.
Zusendung kann auch in Briefmarken erfolgen.
Schlüchtern, den 18. Dezember 1906.
Der Vorstand des Zweigvereins vom Roten Kreuz.
Die Zahl der nationalen Katholiken
scheint immer «lehr zu wachsen. Aus den verschiedensten Zentrumskreisen hört man von Aeußerungen der Unzufriedenheit zahlreicher Katholiken über den bisherigen Zentrumskurs. Das ist dem Zentrum, das behauptet, allein die katholischen Interessen vertreten und die katholische Kirche vor einem Kulturkampf schützen zu können, sehr unbequem. Man sucht die Sache abzuleugnen. Das hilft aber nicht viel. Weitere katholische Kreise wollen anscheinend mit der Partei eines Erzberger und Roeren brechen. So ist es auch jetzt im Wahlkreise Roerens, in Saarburg-Saarlouis zu einer Spaltung der in Zentrumspartei gekommen. Dort ist ein Gegenkandidat ausgestellt worden, der mit der Regierung gehen will. Auch die deutschen Katholiken der Ostmark wollen von der Zentrumspolitik nichts wissen. In ihrem Organe, der „Katholischen Rundschau", heißt es u. a.: „Wir sehen in bem ablehnenden Beschlusse der Zentrumsfraktion ein sehr bedauerliches Zeichen dafür, daß in dieser Fraktion der Sinn für die Bedeutung nationaler Fragen nicht in der Weise entwickelt ist, wie dies für eine Partei, welche im deutschen Reichstage eine führende Rolle spielen will, als unbedingte Notwendigkeit gelten muß, und sind der Regierung dankbar, daß sie dem
. Falsche Freunde.
, Roman von Elwin Starrt. 30
Sah sie recht, sah sie wirklich eine Gestalt in dem weiß lichen Nebel auftauchen? Atemlos lauschte sie, von kindischer Furcht gepeinigt.
Sie wartete umsonst. Niemand kam. Doch die Wirren Gedanken des fieberisch erregten Mädchens hatten Gestalt angenommen und umringten sie Ihr wurde schwindelig, eine unbeschreibliche Angst und Furcht raubten bent armen Mädchen die Besinnung. Plötzlich gab eS im Wasser einen leichten Schlag, dem ein halb erstickter Schrei folgte. Die Flut warf stärkere Wellen und spritzte hoch auf. Dann wurde eS still, totenstill... Der Platz auf der Brücke war leer.
Nachdem Kleinau Elfe Lebewohl gesagt, hatte er sich in die Stadt zurückbegeben; der Abschied von ihr, den sie so schwer nahm, hatte ihn mehr erregt, als er sich eingestehen mochte. Armes, kleines Ding! Sie hatte so schwer- mutig ausgeschaut, daß er sie von Herzen bemitleidete. Sie hatte die Sache viel zu ernst aufgefaßt. DaS war fatal, sehr fatal, und er fühlte wirklich so etwa» wie Gewissensbisse, wenn er bedachte, daß sie sich seinetwegen in einer unsicheren Lage befand, und daß er diese mittelbar • mit verschuldet hatte.
■ Aber da» Menschengewühl in den belebten Straßen regte seine abgespannten Nerven wohltätig an, die bedrückte Stimmung schwand. Er hatte zuerst die Absicht'ge- habt, nach Hause zu gehen, allein, er verwarf die Idee. WaS sollte er auch dort? In seinen oben vier Pfählen sitzen und sentimentalen Gedanken nachhäugen? Pah, damit änderte er die Dinge doch nicht, geschehen ist geschehen. Bei Grübeleien kommt nichts heraus und beim Gril- lensangen erst recht nicht. Du lieber Himmel, mal würde sie die Angelegenheit doch auch überwinden.
1 -.Der fidele Keller" machte seinem Namen Ehre. Der
Lande gegenüber klar und deutlich ausgesprochen hat: mit einer solchen Partei kann ich nicht regieren und will ich nicht paktieren!" Der Wahlkampf sei nicht ein Zeichen, daß die Regierung die Katholiken unterdrücken wolle. Auch die katholischen Regierungen hätten ja für die Reichstagsauflösung gestimmt. „Ob Anli- zentrumstendenzen mitgesprochen haben, das ist freilich eine andere Frage. Aber Zentrum ist nicht Katholizismus, so sehr man auch zentrumsseitig bestrebt sein mag, zugunsten der Wahlerfolge diese beiden Begriffe zu identifizieren und im niederen Volke damit auch Glück hat. Wenn der Reichskanzler mit der Auflösung dem Zentrum den Fehdehandschuh hingeworfen hat, dann hat er es nicht getan aus Feindschaft gegen den Katholizismus, nicht deshalb, weil das Zentrum die katholischen Interessen vertritt, sondern weil es sich nicht hat versagen können, die ausschlaggebende Stellung, die es, dank dem Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen, im deutschen Reichstag^gewonnen hat, in kleinlicher, parteipolitischer und unpatriotischer Weise zu mißbrauchen. Die „Katholische Rundschau" weist endlich noch darauf hin, daß seit der Beendigung des Kulturkampfes „das Zentrum Pfade gewandelt ist, mit denen die nationaldenkenden Katholiken immer weniger einverstanden sein konnten", ja sie geht so weit, festzustellen: „Durch diese Politik hat das Zentrum die katholischen Interessen schwer geschädigt." Deshalb die Parole: Los vom Zentrum.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser als Souverän und Oberhaupt. des hohen Ordens vom Schwarzen Adler hat am Freitag, den 18. Januar, mit den anwesenden kapitelfähigen Rittern im Königlichen Schlosse zu Berlin die feierliche Investitur des Prinzen Oskar von Preußen, des Fürsten zu Waldeck und Pprmont, des Prinzen Adalbert zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, des Generals der Infanterie z. D. v. Lesczcpnski, des Fürsten zu Eulenburg und Hertefeld, des Botschafters W. H. R. v. Nadowitz, des Admirals a la suite ,des Seeoffizier- korps Generaladjutanten Freiherrn v. Senden-Bibran, des StaatSministers Dr. v. Studt, des Oberpräsidenten Staatsministers Dr. Grafen v. Zedlitz-Trützschler, des Kardinal-Fürstbischofs Dr. v. Kopp, des Herzogs von Ratibor, Fürsten von Corvey, und des Generals der Infanterie z. D. v. Stülpnagel vorgenommen und ein Kapitel abgehalten.
— Das preußische Abgeordnetenhaus beendete am vergangenen Sonnabend die erste Etatsberatung. Abg.
Ecktisch war tute immer für die Gesellschaft, der auch Klei- nau allgehörte, reserviert. Der bekannte Kreis war voll- zählig versammelt, nur er hatte noch gefehlt. Und als jetzt der junge Ingenieur die Freunde mit ein paar scherz- hasten Worten begrüßte, wurde er mit offenen Armen ausgenommen. Heilte war Stimmung in dem gemütlichen Kreise.
Der Maler, der nicht mehr nüchtern war, erzählte Schnurren und machte Witze, gute, doch auch sehr schlechte und Äleinau belachte beide. Bor ihm stand wie vor den anderen ein Glas feurigen Weines und von allen Seiten wurde ihm zugetrunken.
Kleinan tat Bescheid und wurde gesprächig.
Man fragte, too er gewesen war, wollte eS nicht gelten lassen, als er antwortete, daß er zu Hause fleißig bis zu dieser Stunde gearbeitet habe, und schloß auf eine Zu- sammenkunft.
„He, Kleinau, heraus mit den Geheimnissen," lachte der Maler, „unter guten Freunden kann man offen sein. Wir verraten nichts."
Kleinau ging bereitwillig aus die Scherze ein, lachte übermütig mit, wenn die anderen lachten, und doch war ihm mehr denn einmal, als schaue über den Rand seines Glases ein blasses, verhärmtes Gesicht, und als höre er inmitten der leichtfertigen Worte, die ihn von allen Seiten umschwirrten, eine tränenerstickte Stimme, wie sie ihm zuflüsterte: „Oskar, werde glücklich."
Nun wollte er das traurige Gesichtchen nicht mehr sehen, er wollte die Worte nicht mehr vernehmen.
Und so stürzte er ein Glas nach dem andern hinunter, um die Episode, die ihm traurige Erinnerungen weckte, in dem traurigen Naß zu ertränken. Weg mit den quälenden Gedanken, die ihn peinigten und das Herz nutzlos beschwerten.
Er hatte recht getan, daß er die Sache mit dem kleinen Mädchen zu Ende gebracht hatte. Was hätte daraus werden sollen? Elfe hätte schließlich noch an eine Heir«t gedacht!
Dr. Wieiner (frs. Vp ) bekritelte die allzu vorsichtigen Schätzungen der Etatsaufstellung und wandte sich gegen die angebliche Thesaurierungspolitik der Regierung, einen Vorwurf, den Fiuanzminister Frhr. v. Rheinbaben energisch zurückwies. Eisenbahnminister Breitenbach erklärte, daß er sich mit den übrigen Verwaltungen in Verbindung setzen werde, um durchzusetzen, daß die Tarife für die Zonen herabgesetzt würden, die früher gebührenfrei gewesen seien. Den Schluß der Sitzung füllte die Rede des Abg. Broemel (frs. Vg.) aus, der den Etat im Sinne des Abg. Dr. Wiemer kritisierte. Darauf wurde gegen die Stimmen der Freisinnigen ein Schlußantrag angenommen und der Etat der Budgetkommission überwiesen, worauf sich das Haus bis zum 7. Februar vertagte.
— Auf Veranlassung des Staatssekretärs des Innern hat am 4. d. Mts. im Kaiserlichen Gesundheitsamt eine Besprechung von Sachverständigen aus verschiedenen Bundesstaaten über die Blinddarmentzündung und ihre Ausbreitung stattgefunden. Die überwiegende Auffassung ging dahin, daß eine Zunahme der Blinddarmentzündung in den letzten Jahren, wie sie in weiten Kreisen angenommen wird und zu einer gewissen Beunruhigung geführt hat, wissenschaftlich nicht erwiesen ist, vielmehr vermutlich nur scheinbar vorliegt. Viele Fälle von Blinddarmentzündung seien wahrscheinlich früher mit der Sammelbezeichnung „Unterleibsent» zündung" oder „Bauchfellentzündung" oder einem ähnlichen Namen belegt oder nicht genau erkannt worden oder überhaupt nicht zur ärztlichen Behandlung gelangt. Um >ndes die Frage der zunehmenden Häufigkeit der Erkrankungen näher prüfen zu können, wurde befürwortet, in der Todesursachen- und in der Heilanstaltsstatistik des Deutschen Reiches künftighin eine besondere Gruppe einzuschalten, in der ausschließlich die Fälle von Blinddarmentzündung aufgezählt werden. Weiterhin wurden die Punkte besprochen, welche bei einer gegebenenfalls über das gesamte Reichsgebiet zu erstreckenden statistischen Erhebung über die Blinddarmentzündung zu berücksichtigen sein wurden.
— Über eine bedeutungsvolle Rede des Großherzogs von Baden wird aus Karlsruhe berichtet. Dort ergriff beim 75. Stiftungsfeste des Gewerbevereins der Groß- Herzog selbst das Wort, erinnerte an die Gründung der Bürgerwehr, durch die in schwerer Zeit Ruhe und Ordnung eingetreten seien, und gedachte dann der Gründung des Gewerbevereins. Der Großherzog schloß mit den Worten: „Wir müssen national sein, national im höchsten Sinne des Wortes. Nichts anderes als
Wenn Direktor Möller ihm wohlwollte, wenn er glaubte, Tonis Hand erringen zu können, und sich um sie bemühte, so mußte er unter allen Umständen das Verhältnis mit Elselösen. Es hätte, so unschuldig es auch war, seine Zu- kunst gefährden und seinen Plan vernichten können. Und jeder ist sich schließlich selbst der Nächste.
Als die Gesellschaft aus der Kneipe kam, war «S sehr spät oder vielmehr sehr früh am Tage, und Pferdebahnen und Omnibusse waren außer Betrieb gesetzt. Die Herren mußten gehen, sofern sie nicht vorzogen, sich eine teure Nachtdroschke zu nehme». Allein dazu entschlossen sich die wenigsten.
Der Maler, der einen ganz gehörigen Rausch hatte, und sich nicht sicher auf den Füßen fühlte, hing sich zärtlich an Klcinaus Arm.
„Kommen Sie mit mir, mein Kerlchen," lallte er, mit weinschwerer Stimme, „die Nachtluft wird Ihnen gut tun. Mein Weg geht durch den Tiergarten."
Wieder durch den Tiergarten wandern ?Kleinau sträubte sich energisch, die Szene mit Elfe stand wie mit einem Schlage vor seinem Gedächtnis.
„Nein, nein," rief er, indem er eS versuchte, sich des Künstlers Arm zu entledigen, der wie eine Klette an ihm hing. „Ich komme nicht mit, auf keinen Fall, ich kann nicht; ich kann nicht!"
„Aber Mensch, was haben Sie?"
Oskar stieß den Arm des Trunkenen von sich, er zuckte zusammen. „Mein Gott, ein Schrei! Hört Ihr nichts? Wer ruft mich?"
Der Maler lehnte sich schwer an die Mauer und lallte: „Gut, sehr gut! Der Mensch ist total betrunken. Ersieht Gespenster, oder vielmehr er hört sie." Und er kicherte und lachte und konnte sich nicht halten: „Total betrunken..
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Durch den Park des väterlichen Gutes ging Paula von Wahleuburg; sie machte den gewohnten Morgeuspazier- gang. 135,18