ZllMchternerMung
mit amtlichem Kreisblatt, Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. -- Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
«M 5. Mittwoch, den 16. Januar 1907. 58. Jahrgang.
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Monarchie und Wahlampf.
Das Zentrum merkt, daß es bei seinen monarchisch suhlenden Anhängern wegen seiner Abstimmung vom 13. Dezember viel verlieren könnte. Deshalb ist es eifrig bemüht, seine monarchische Gesinnung zu zeigen. Noch jüngst ist Herr Mathias Erzberger in Berlin Herauf zu sprechen gekommen und hat mit schönen Worten versichert, daß das Zentrum für die Monarchie eintrete. Wenn man's so hört, möchte es leidlich scheinen, und doch hat gerade die Abstimmung des Zentrums am 13. Dezember gezeigt, daß diese Partei die Rechte der Monarchie kürzen will. Das wichtigste Recht des Monarchen ist die Kriegführung. Um was handelte es sich nun am 13. Dezember? Um nichts weniger, als darum, daß das Zentrum das Krie^s- sührungsrecht des Monarchen beschneiden wollte. Es wollte nur eine bestimmte Truppenzahl bewilligen, >, während die kompetentesten militärischen Stellen eine größere Zahl als nötig erachteten. Mit anderen Worten, nicht der Monarch, sondern eine parlamen- t arische Partei wollte über die Kriegführung entscheiden. Das war doch selbst den linksliberalen Parteien, die nach größeren Rechten des Parlaments streben, zu viel. Sie schlössen sich diesmal der Monarchie an, weil sie sich ganz richtig sagten, daß Kriege nicht vom Parlamente, sondern von den Militärs unter dem Kaiser geführt werden müssen, und daß eine parla- inentarische Partei gar nicht im Stande ist, die richtigen Entscheidungen in Sachen der Kriegsführung zu treffen. Wenn also das Zentrum eine monarchische Partei sein Will, so doch nur unter recht bedenklichen Vorbehalten.
Und gerade weil es sich etwas hat leisten wollen, das ihm nicht zusteht, ist die Reichstagsauflösung erfolgt. Die Wahrheit hier nicht verwischen zu lassen, liegt im Interesse der gegen die schwarz-rote Koalition kämpfenden Parteien. Daß die Sozialdemokratie das soeben geschilderte Vorgehen des Zentrums unterstützte, war selbstverständlich. Die Partei der Bebel und Singer ist überall zu finden, wo dem Deutschen Reiche und namentlich der Monarchie Abbruch geschehen soll. Sie hat ja auch in ihrem Programm die Errichtung der Republik als Ziel proklamiert. Bei ihr weiß man also, woran man ist. Alles, was monarchisch fühlt, kann mit ihr nicht zusammengehen. Jedoch das wußte man schon früher. Was durch die Abstimmung vom 13. Dezember erst Hat geworden ist, daß das Zentrum gleichfalls die Rechte der Monarchie beeinträchtigen möchte. Und dies muß den Wählern vor dem 25. Januar möglichst eindringlich vor Augen geführt werden. Auf der einen Seite stehen alle diejenigen Parteien, die am 13. Dezember für die Forderung der Regierung gestimmt haben und die dadurch bekunden wollen, daß das Recht der Kriegführung dem Kaiser voll zusteht, auf der anderen stehen Sozialdemokratie und Zentrum, die dieses Recht beseitigen oder einschränken möchten. Wer gedient hat, wird wissen, daß ein Krieg nicht von einer viel köpfigen Partei geführt werden kann, er wird sich also mit aller Macht den Bestrebungen, die den Parteien die Bestimmung hierüber verschaffen wollen, widersetzen und durch feinen Stimmzettel am 25. Januar seiner Ueberzeugung Ausdruck geben. Nichts wäre verkehrter, als zu glauben, es handle sich bei dem jetzigen Wahlkampfe lediglich darum, ob ein Paar Millionen Mark zu bewilligen ode< abzulehnen sind. Weit wichtigere Fragen sollen entschieden werden. Das Zentrum hat sich mit der Zeit in die Position einer Nebenregierung eingelebt. Es hat überall mitregieren wollest, es hat sogar gedroht, im Reichstage Rache zu nehmen, wenn man seinen Wünschen nicht willfahre. Am 13. Dezember endlich fand es entschlossenen Widerstand und nicht blos bei der Re gierung, sondern bei allen Parteien, die ihr Vaterland lieben und wissen, daß es verloren ist, wenn parlamentarische Mehrheiten die Kriegführung bestimmen können. Wer sein Vaterland lieb hat, wer will, daß, wie bisher das deutsche Heer auch ferner vom Kaiser geführt wird, der muß am 25. Januar gegen Sozialdemokratie und Zentrum stimmen.
Deutsches Reich.
— Prinz Friedrich Leopold von Preußen, General der Kavallerie, ist als Nachfolger des verstorbenen Prinzen Albrecht von Preußen zum General-Inspekteur der. ersten Armeeinspektion ernannt worden.
— Die Kaiserin wird im Laufe des Sommers mit der Prinzessin Viktoria Luise und dein Prinzen Joachim einen längeren Aufenthalt an der See nehmen. Ueber die Wahl des Ortes schweben noch die Verhandlungen. Eventuell dürfte ein Badeort an der englischen Küste in Frage kommen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus wählte am vergangenen Freitag sein bisheriges Präsidium wieder und trat dann in die erste Etatsberatung ein. Als erster Redner sprach Abg. Frhr. v. Erffa (kons.) seine Befriedigung über die allgemeine und die Finanzpolitik der Regierung aus und zollte dem früheren Landwirtschaftsminister Worte der Anerkennung. Graf Praschma (Z.) äußerte Bedenken gegen die Eisenbahntarifreform sowie gegen die Auslegung des § 23 des Einkommensteuergesetzes, wonach die Arbeitgeber der Steuerbehörde Listen der bei ihnen beschäftigten Personen geben sollen. Abg. Dr. Friedberg (natl.) warf dem Kultusminister bureaukratische Verwaltung vor und erinnerte an einzelne Fälle. Kultusminister Dr. Studt wies die Angriffe des Vorredners, die er als unzutreffend bezeichnet, zurück. Abg. Frhr. von Zedlitz (fk.) gab dem Wunsche nach einer einheitlichen Leitung des Staatsministeriums und der Uebernahme der Verantwortlichkeit durch jeden Ressortminister Ausdruck. Abg. Stychel (Pole) klagte über die Behandlung der Polen und ging dann auf den Streik der polnischen Schulkinder ein. Minister Dr. Studt trat auch diesem Redner entgegen und erklärte, daß in dem Schulkinderstreik diejenigen eine Niederlage erleiden würden, die ihn verursacht haben.
— Zur Erleichterung der Wahlpflicht für die Beamten sind seitens der Behörden die nöligen Anordnungen getroffen worden. So ist ein Erlaß des Inhalts, daß den staatlichen Beamten und Bediensteten die erforderliche Zeit für Ausübung ihres Wahlrechts bei den bevorstehenden Reichstagswahlen zu gewähren sei, vom Eisenbahnministerium sowie auch von den Ministerien des Innern, der Finanzen und dem Kriegsministerium an die unterstellten Behörden ergangen. Das Kultus- minifterium hat angeordnet, daß an den Wahltagen in allen dem Ministerium untergeordneten Schulen und Unterrichtsanstalten der Unterricht ausgesetzt werde;
Falsche Freunde.
Roman von Elwin Starck.
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Einige Minuten stand er unentschlossen vor ihr, endlich sagte er: „Lebewohl, Elfe! Nimm den Abschied nicht zu schwer, und werbe noch einmal recht, recht glücklich. Das wünsche ich Dir von ganzem Herzen."
„Lebewohl, Oskar! Ich wünsche Dir auch alles Gute."
Ein kurzer Händedruck, dann hörte sie in der Ferne verhallende Schritte, und der Nebel hatte die schlanke Gestalt des Mannes verschlangen.
♦ •
Noch lange saß Elfe traumversunken auf der Bank und blickte starr vor sich hin.
Da fuhr ein Windstoß durch daS nahe Gebüsch und schreckte sie aus ihrem dumpfen Hinbrüten auf.Sie schauerte leicht zusammen, und hüllte sich in das Tnch, das sie zum Schutz gegen die Abendkühle mitgenommen hatte. Aber sie fröstelte trotzdem.
Endlich erhob sie sich, um den Rückweg anzutreten, ihre Bewegungen waren matt und schlaff. Bon einem Kirchturm gab die Uhr die zehnte Stunde an; Elfe zählte die Schläge. So spät schon? Es war die höchste Zeit, »ach Hause zu gehen.
Als sie jedoch einige Schritte getan hatte, machte sie Halt. Warum ging sie heim? Was war ihr Zuhause? Ein Kämmerchen.vierTreppen hochin einem Hosgevaude, wohin sich die Sonne nie verirrte, und in dem das Recht zu wohnen sie sich mit ein paar Mark, und doch teuer genug erlauft hatte. Und in wenigen Tagen, wenn dies Recht verwirkt war, und sie die Wohnung, weil sie die Miete nicht mehr erschwingen konnte, räumen mußte, was dann? Die Wirtin hatte sie schon heute, weil sie den ganzen Tag zu Hause gesessen, so eigentümlich angesehen und sie gefragt, warum sie nicht arbeite?
Unwillkürlich faßte das junge Mädchen in die Tasche. Sie fühlte darin die Zeitung für Stellensnchende, die sie sich vor wenigen Stunden getauft hatte. Sie hatte aitch
Anzeigen gefunden, in denen auch Verkäuferinnen ihrer Art gesucht wurden, und morgen wollte sie sich in ver- schieoeuen Geschäften vorstellen . . morgen.
Als sie die Zeitung getauft, da hatte sie noch Mut und Hoffnung gekannt und Freude am Leben gefühlt. Jetzt? Sie seufzte schwer. Ihr ivar so weh, so sterbensweh zu Mute.
„Oskar, ach Oskar!" rang es sich von ihre» Lippen.
Sie hätte sich sagen sollen, daß er, dem zu Liebe sie sich in Widerspruch mit ihrem ganzen bisherigen Leben gesetzt, nur ein leichtsinniges Spiel mit ihr getrieben, nur für ein paar Sommermonate Unterhaltung gesucht, und daß er ihrer innigen tiefen Neigung nicht wert gewesen sei. Was wert? Ein Schuft war er, daß er sie jetzt, da sie durch feine Mitschuld in Slot geraten war, frei gab und sich jeder sorge für sie eutschlug. Aber das bedachte das Mädchen nicht. Im Gegenteil, ihr liebendes Herz suchte und fand tausend Entschuldigungen für den Ungetreue». Der Treuuungsschmerz überlaut sie, mit ihm die Liebe zu bem, der das Ideal ihrer Jugend gewesen war.
Und nun? Was sollte nun kommen?
Sie kouute ihr Leid nicht weiter tragen, wieder setzte sie sich auf eine Bank und starrte vor sich hin.
Wie sollte sich das Leben für sie ohne ihm gestalte» ? Bon früh bis abends würde sie in dumpfen Geschäfts- räurnen weiten, und sie verabscheute die stickige Luft und haßte die Stadt. Ohne den fröhlichen Trost des Wiedersehens mit ihm, der der Svnneufchein in dem grauen Einerlei ihrer Tage gewesen war, gab es für sie fortan nur Arbeit, Arbeit und immer wieder Arbeit.
Langsam, ohne recht zu wissen warm», ging sie weiter. Plötzlich erkannte sie, daß sie auf einer Brücke stand. Hell schien der Mond in das stille, klare Wasser. Sielehute sich über die steinerne Brüstung und verfolgte mit den Augen die silberne Bahn, mit der der stille Gefährte der Nacht seinen Weg zeichnete. Um sie herum war alles still, nur aus der Ferne drangen verworrene Klänge zu ihr herüber. Noch vibrierte» Pulse der Großstadt, aber die
Mitternacht übte doch auch auf sie ihre beschwichtigende Wirkung aus.
Elfe stand still und schaute selbstvergessen vor sich hin. Sie dachte an ihr bisheriges Leben, und es war ihr, als ob sie das gute Gesicht ihres Vaters in dem Herbstnebel, der sie umgab, erkannte.
Aber das Gesicht entschwand, und Oskar» dunkle Augen leuchteten sie an.
„Oskar, ach . . Oskar!"
Sie dachte nicht an die grausamen, egoistischen Worte, mit denen er ihr mitgeteilt, daß er sich um eine reiche Er- bin bemühe, und daß, so harmlos und unschuldig auch ihr Verhältnis gewesen, es doch für ihn angebracht sei, die Bekanntschaft weiter zu führen, da jedenfalls die Verwandte» der jungen Dame mit seinen Lebensgewohnheiten ein- ziehe» würden. Und sollte man ihn häufig an ihrer, ElseS, Seite finden, so könnte das ein schlechtes Licht auf ihn werfen, denn die Menschen seien geneigt, da» Schlechteste zu benten, und an ein rein freundschaftliches Verhältnis zwischen ihn, und ihr, wie es tatsächlich bestanden, würbe niemand glauben.
Diese Worte hatte das junge Mädchen vergessen. Sie dachte nur an die wenigen, ach so kurzen, glücklichen Stun- den, die sie in seiner Gesellschaft verlebt, an jene seligen Minuten, in denen er ihr gesagt, daß er sie liebe, in de- tien er sie geküßt, und wo sie gedacht, daß das Lebe» nach solchen Augenblicken ihr nichts Schöneres bieten oder bringen könne. Und jede Stunde, da sie mit ihm zusammen war, hatte ihr Glück vertieft, es vergrößert. . bis heute. Heute hatte feine Hand es zerschlagen, er hatte ihr Leben des Inhalts beraubt.
Der Nachtwind rauschte, kräuselte das Wasser in leichten Wellen auf und ging sacht über die welken Blätter. Plötzlich war es ihr, als ob Schritte hinter ihr erklangen. Kam da wirklich jemand?
Elfe schauerte zusammen und blickte mit Verängstigten Augen in das nächtliche Dunkel. 136,18