mit amtlichem Kreisblatt, Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, ben 2. Januar 1907. 58. Jahrgang.
werden Bestellungen auf die
Schlttchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt
von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
finden in der Schlstchterner IIIOVl Zeitung den meisten Erfolg, da sie die geötzte Austage der im Kreise Schlüch- tein erscheinenden Zeitungen besitzt.
Reujahrsmorgen.
Vorbei auch das! Des Jahres jungem Morgen Klingt von den Türmen hell das Wiegenlied. Unb in den Glocken tönen Lust und Sorgen, Und Freud' und Leid; was bleibet und was flieht, Das künden sie dem Herzen, dem im Horchen Des Lebens bunter Traum vorüberzieht: Ein unstet' Haben, ungestilltes Sehnen, Halb wahres Glück, halb nur ein glücklich Wähnen.
Und „wandern, wandern!" tönt's. All lvas gewesen, Es kommt und geht, wie Tag und Nacht erscheint; Es trennen, es begegnen sich die Wesen, Der Mensch, er jauchzt und trauert, lacht und weint, Und auf des Pilgers Hügel ist zu lesen: „Hier ruht er". Was die Liebe zart geeint, Zerriß der Tod, und nach nur kurzen Jahren Ist keiner mehr von allen, die da waren.
Doch hoch den Blick in jene Sternenhelle, Die über beut Gewirr holdselig lacht, Wo ob der Meerflut sturmgepeitschter Welle Der stille Mond in heil'ger Ruhe wacht. Hinauf zu deines Vaterhauses Schwelle, O Menschcngeist, entschwing dich durch die Nacht! Du bist ein Bürger jener schönen Ferne Und nennst dein Heimatland die lichten Sterne. —
Vorbei auch das! So jubeln wir, we.nn trübe Die alte Erdennacht entweicht, wenn licht Des Himmels Neujahr in das Reich der Liebe Mit holdem Engelsgruß uns ruft. Dann bricht Die Kette, und fort aus der Welt Getriebe Schwingst du dich aufwärts zu der Wahrheit Licht. Drum sei getrost trotz aller Müh' und Sorgen, Einst leuchtet dir ein ew'ger Neujahrsmorgen!
Reujahr.
Ein neues Jahr christlicher Zeitrechnung, das gestern begonnen hat! Was ist es uns wert? Oder fragen wir zunächst: Was ist uns diese Zeitrechnung wert? Was kann sie uns geben und nützen? Tausende werden mit der Antwort nicht lange zurückhalten: Nichts; nicht mehr als ein Erkennungszeichen wie andere gelten mir die Zahlen ihrer Jahre, nicht mehr als die Nummer des Hauses, in dem ich wohne, oder der Name der Straße, in der es steht. Was sollten auch etwa geplagte Zahlenmenschen, was sollten geldgierige Rechner nach einer tieferen Bedeutung der Jahreszahl am Kopf des eben beschriebenen Blattes zu fragen haben? Selbst idealer gerichtete, geschichtlich denkende Leute werden sie in der Regel kaum anders denn als eine mehr oder weniger gefällige Aeußerlichkeit.
Ein neues Jahr christlicher Zeitrechnung! Gewiß — werden manche zugeben — ein neues Merkmal für das Fortbestehen der diese Zahlung gebietenden Weltmacht, das in der unwidersprochen herrschenden Ziffer sich millionenfach kundgibt. Eine neue Münze, deren Prägung jeden Denkenden auf das Alter einer Religion Hinweisen sollte, die unter den gesitteten Völkern immer noch als die vornehmste anzusprechen ist.
Ein neues Jahr christlicher Zeitrechnung! Nur dem Christen kann es bedeuten, was es seinem Namen, feinem Wesen nach bedeuten soll. Wem das Christentum mehr ist als eine Religion unter anderen, mehr als eine mit Recht oder Unrecht sogenannte Staatsreligion, auf die er als Staatsbürger gewisse Rücksichten nimmt, wem es die Rettgion ist, feme-3 Tn»Z und Lebens Richtschnur und Maffquelle, der muß unsere christliche Zeitrechnung anders einschätzen. Der darf die Kilometerzahl am Jahreswechsel nicht ohne die Erinnerung an den Ausgangspunkt betrachten, der für das Leben seines Heimatplaneten und seinerMenschen- seele einen Wendepunkt ohnegleichen bedeutet. Der redet nicht nur von einer alten Religion und ihrein großen Stifter. Der rühmt sich, diesen Großen zu kennen, der sieht ihn dastehn am Anfang und am Ende aller Jahre aller Zeit. Der weiß alles, was War und ist und kommt in dieses Einen treuen Händen, auch den Zeitraum, der gestern begann.
Christliche Zeitrechnung im rechten Sinn ist eine solche, die nach Christus rechnet, weil sie mit ihm rechnet in dieser Zeit. Was eine solche Zeitrechnung uns wert ist, davon hängt es ab, was dieses Jahr
uns wert ist und wert sein darf. Wohl uns, wenn wir's erkennen und grüßen und nützen als das, was es werden soll, — ein „angenehmes Jahr des Herrn"!
Deutsches Reich.
— Am Berliner Hofe werden im Laufe des Monats Januar folgende offizielle Festlichkeiten stattfinden: Am Freitag, 18. Januar, ist das Fest des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler, auf das am Sonnabend die Zivilcour folgt. Am Sonntag, 20. Januar, findet die Feier des Krönungs- und Ordensfestes und am darauf folgenden Sonntage, 27. Januar, die des Geburtstages des Kaisers statt.
— Der preußische Landtag ist auf den 8. Januar 1907 einberufen worden. Eine offiziöse Abfertigung der Polenagitativn findet sich in der „Nordd. Allg Ztg.", welche schreibt: In den östlichen Wahlkreisen wird vielfach mit der Behauptung agitiert, daß die Ostmarken- Politik der preußischen Regierung nicht nur politische, sondern auch konfessionelle Zwecke verfolge. Den Katholiken der Ostprovinzen rufen wir aus den zahlreichen Aeußerungen des Reichskanzlers über diesen Gegenstand die Worte ins Gedächtnis, mit denen Fürst Bülow am 17. März 1905 des Reichstags Besorgnisse zurückwies, die der Abg. Spähn vorgebracht hatte. Fürst Bülow sagte: „Es wundert mich, meine Herren, daß solcher Vorwurf hat erhoben werden können, wo ich doch so oft betont habe, mit wie großem Ernst ich Gerechtigkeit beiden Konfessionen gegenüber anstrebe. Den Gedanken, daß unsere Ostmarkenpolitik sich gegen das katholische Bekenntnis richten soll, fei es. gegen das katholische Bckenwtms inruitgentWen iti uH]^ vstlichenProvinzeu, fei es auch gegen das katholische Bekenntnis der polnischen Bevölkerung, Weise ich mit Entschiedenheit zurück!"
— In Potsdam ist der frühere kommandierende Admiral der deutschen Flotte, Freiherr von der Goltz gestorben. Er hat ein Alter von 68 Jahren erreicht. Max von der Goltz trat mit 15 Jahren als Seekadett in die damals noch in den Kinderschuhen steckende preußische Marine ein, deren gesamte Entwickelung er somit durchlebt hat. 1883 zum Kontreadmiral ernannt, übernahm er den Befehl über das ostasiatische Geschwader und wurde nach der Rückkehr in die Heimat zum Direktor der Admiralität ernannt. Nach vierjähriger Tätigkeit trat er als Nachfolger des Grafen Monts an die Spitze des Kommandos bet Nordseestation, und wurde dann nach dem Tode des Grafen Monts kommandierender
Ialsche Irermde.
Roman von Elwiu Starts. 26
„Sagen Sie* trauten Sie mir eigentlich zu, die Notiz inspiriert zu haben?"
Kleinau zuckte die Achseln. „Aber ich bitte Sie, lassen Sie sich über die Angelegenheit keine grauen Haare wachsen. Ist sie nicht glücklich genug abgelaufen ? Warum sor- gen Sie sich? Bei Elsner konnte Ihres Bleiben» nicht mehr lange sein. Sie haben also erreicht, was Sie wollten : einen ehrenvollen Abschied."
„Einen ehrenvollen?" fragte Karl zweifelnd. „Sehen Sie, da bin ich meiner Sache doch nicht ganz sicher. Also, Kleinau, Sie glaubten wirklich, ich habe die Zeitungsnotiz veranlaßt?" setzte er nach einer kleinen Pause hinzu.
„Ganz unmöglich erschien es mir wenigstens nicht," meinte Kleinan. „Warum wollten Sie auch nicht zu Möllers Fahnen übergehen, da er Ihnen eine glänzendere Stellung bietet, als der Kommerzieurat? Jede» ist sich selbst der Nächste!"
Geißlerbiß die Zähne fest aufeinander. DerAusspruch war ihm zwar auch geläufig, dennoch war er heute nicht damit einverstanden. Und als ihm Kleinau freundschaftlich vorschlug, ihn in den „fidelen Keller" zu begleiten, hatte er darauf eine so unhöflich kurze Erwiderung, daß der Gast fühlte, es sei das beste sich zu empfehlen. Er ging und niemand nötigte ihn zum Bleiben.
Ein Stündchen später, es dämmerte bereits,kehrte der Rendant von seinem Ausflüge zurück. Er war in Waldau gewesen, hatte sich den Platz angesehen, auf dem die Fabrik errichtet wurde, und staunte über die Großartigkeit der Anlagen.
„Haben sie Dir gefallen?" fragte Karl.
„Sehr gut, soweit ich sie eben beurteilenkokmte," ent- gegnete der Rendant. „Ein Heer von Arbeitern hantierte auf dem Platze, wie in einem Ameisenhaufen kribbelte es durcheinander. Es war wirklich amüsant Gegen Mittag erschien eine kleine Gesellschaft, aus zwei Herren und zwei
Damen bestehend,und derLeiter dieser wimmelndenMensch- heit ließ es sich nicht nehmen, die Herrschaften umher zu führen und, wie es schien, die nötigen Erklärungen zu geben "
Geißler horchte auf. „Wahrscheinlich war es die Familie des Barons Wahlenburg," sagte er. „Hast Du Dich nicht nach dem Namen der Herrschaften erkundigt?"
Der Alte nickte. „Ja, ich fragte; der ältere Herr, wurde ich belehrt, sei der Besitzer von Waldau."
„HastDuanch die Damen gesehen ?" wollte Karl wissen.
Der Rendant, der sich anfs Sofa gesetzt und es sich bequem gemacht hatte, lächelte behaglich. „Jawohl mein Junge, und es zugleich bedauert, daß ich kein Jüngling mehr bin. Ein schönes, blondes Mädchen ist mir besonders ausgefallen. War sie die junge Dame, mit der Du die Begegnung im Park hattest?"
Der Sohn nickte: „Wenn DuFränlein vonWahlen- burg meinst, ja, so war sie es."
„Ich dachte es mir. Schade, Karl."
„Wieso schade, Vater?"
„Ich bedauere, daß sie nicht aus bürgerlichen, will sagen, aus Kreisen stammt,die uns näher stehen," meinte der Rendant. „Sie hat ein so sympathisches Gesicht, ich würde ihr gern näher treten. Haft Du nicht die Anziehungskraft dieses seltenen Mädchens empfunden, mein Sohn?"
Karl lachte kurz auf. „Auch ich habe Dir eine Mitteilung zu machen," sagte er, „aber sie ist anderer Art, als Dein heutiges Erlebnis. Kommerzienrat Elsner hat mich aus dem Verband seiner Beamten entlassen."
* *
*
Kleinau ging die Treppe hinunter und blieb dann an einer Haltestelle der Straßenbahn stehen. Er wollte auf den Wagen warten, der ihn in die Nähe des „fidelen Keller" führen sollte; noch während er wartete, fiel ihm etwas ei», was seinen Gedanken eine andere Richtung gab. Er zog einen Brief aus seiner Tasche, entfaltete und über« las ihn flüchtig, wie es schien, nur auf einer Stelle weilten seine Augen ein wenig länger.
Liebkosend strich er über die Spitzen seines weichen, glänzenden Schnurrbart», und ein leichter Schatten zeigte sich in den hübschen, etwas weichlichen Zügen. „Also heute," murmelte er, „fast hätte ich es vergessen. „Hol'S . ." er stieß eine kräftige Verwünschung aus, „die Szenen nehmen gar kein Ende. Wo will sie mich treffen? Im Tiergarten ? Weiß der Himmel, sie hätte es auch bequemet einrichten können. Bis ich von dort wiederin die Kneip» komme, vergeht eine halbe Ewigkeit."
Er steckte das Papier ein und stieg in einen Wagen, der soeben hielt. Etwas ungeduldig sah er nach der Uhr. Ich werde zur rechten Zeit dort sein," murmelte er, „und dann?" Er pfiff dnrch die Zähne. „Nur kurz, kurz. Wa» wir zu sagen haben, ist bald gesagt. Gott Lob, eS geht ja, alles vorüber."
Mit dieser tröstlichen Versicherung, die er sich selber gab, schien feine Verstimmung etwas zu weichen. Er stand draußen auf der Plattform des Wagens und blickte gleich, gültig auf die Straße. Ihm bot sich das alte Bild, daS er zur Genüge kannte. Zu Fuß und zu Wagen die ha- steude, unruhige, dem Ziele eutgegenstrebendeMenschheit. In dem bewegt flutenden Strome keine Ruhe, kein Halt.
Plötzlich wurden seine Blicke von einer Equipage gefesselt, die ihm bekannt vorkam; in dem Gewühl eines Straßenkrenzungspunktes konnte sie sich nur langsam vor- wärts bewegen, und nun faßte er sie schärfer ins Auge. I» den seidenen Polstern sah er zwei Damen, eine ältere und eine jüngere. Sind sie es? dachte er. Richtig sie wa« ren eS, nämlich Toni Möller und ihre Gesellschafterin.
Kleinau musterte sie genau. Die Gesellschafterin, ein Muster von Korrektheit, niemals hervortretend, sich im- wer in den Grenzen ihrer bescheidenen Stellung haltend und doch stets eingedenk der Verantwortung, die auf ihr als Gesellschafterin einer viel umschwärmten, jungen Er- bin lastete, sah genau so blaß und gelangweilt aus wie immer, und hatte wie immer ihre Lippen zu dem stereo- typen, seelenlosen Lächeln gezwungen. 135,18