SchlüchternerAitung
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100. Samstag, den 15. Dezember 1906. 57. Jahrgang.
Erstes Statt
Die Bevölkerung des Deutschen Reiches um
1. Dezember 1905 nach Größenzahl, Wachstum und Dichte.
Nach den vom Kaiserlichen Statistischen Amt im IV. Heft der Vierteljahrsheste zur Statistik des Deutschen Reichs veröffentlichten ersten endgültigen Ergebnissen betrug die ortsanwesende Bevölkerung des Deutschen Reichs am 1. Dezember 1905 60 641 278 Einwohner. Davon entfielen auf das männliche Geschlecht 29 884 681 Personen, während das weibliche Geschlecht 30 756 597 zählte, so daß auf je 100 Männer 102,9 Frauen kamen. Gegenüber den bereits veröffentlichten Zahle», die als vorläufige Ergebnisse bezeichnet waren, bedeutet die endgültige Ziffer ein Mehr von 36 095 Personen.
Demnach ist die Bevölkerung seit der vorhergehend den Volszählung am 1. Dezember 19OO um 4 274100 Personen oder 7,58 v. H. gewachsen. Diese Zunahme setzt sich zusammen aus der' natürlichen Bevölkerunngs- vermehrung, dem Neberschuß der Geburten über die Todesfälle in dem Zeitraum vom 1. Dezember 1900 bis zum 30. November 1905 und aus einem Wanderungsgewinn von 52 307 Personen. Ein solcher — und zwar größerer — Gewinn durch Wanderung hatte sich schon 1900 (nämlich 94 125 Personen) herausgestellt, während vor dem Jahrfünft 1895 bis 1900 stets Wanderungsverluste zu verzeichnen waren.
Im Vergleich zu der vorletzten Zählungsperiode, die den höchsten bis dahin erreichten Grad des Wachs tums aufwies, hat die Zuwachsstärke ein wenig nach gelassen, doch überagt sie erheblich die Wachstumskraft aller Jhrfünfte vor 1895 und beträgt noch über das Doppelte der niedrigsten Zunahme, die sich in den Jahren 1880 bis 1885 zeigte.
Die Fläche des Reiches umfaßt nach den neuesten Ermittelungen 542 073,8 qkm. Das sind 1331 qkm mehr, als 1900 angegeben worden sind, doch beruht dieses Mehr nicht auf Gebietserweiterung, sondern auf neueren genaueren Feststellungen (hauptsächlich der Fläche der Provinz Ostpreußen).
Ergab sich 1900 im Durchschnitt eine Bevölkerungsdichte von 104,2 Einwohnern auf jedes Quadratkilometer des Reichs, so zeigt sich 1905 wiederum eine bedeutende Steigerung der Dichtigkeit. Sie beträgt jetzt 111,9 Einwohner auf 1 qkm.
Für das deutsche Zollgebiet beläuft sich die Be-
Iaksche Ireunde.
- Roman von Ellvin Starck. 15
„So, so, Karl, nun, Du weißt, wie ich über Deinen beabsichtigten Austritt aus der ElSnerschen Fabrik denke, doch kein Wort mehr darüber. Du bist Herr Deiner Handlungen. Also Möller .." Er fuhr mit der Hand über die kahle Stirn. „Wo wird denn die Fabrik gebaut?" fragte tr nach einer Pause. _ _ ,
„Außerhalb Berlins, auf dem Gute einer BarouSWah- lenbura, aller Wahrscheinlichkeit nach.Weißt Du, eS ist ganz in der Nähe der Station Waldau, wichin wir neulich den Ausflug unternahmen. Du erlaubst, Vater?"
Damit nahm er eine Zeitung, die auf dem Tische lag, in die Hand. Er wollte sienur überflicgen, um sich über die neuesten Ereignisse zu orientieren, als er aufemenAr- tikel stieß, der überschrieben war: „Ein Fehler unserer modernen Gesetzgebung." Schon nach den ersten Zeilen wurde " stutzig. Zu seiner Verwunderung erkannte er, daß ein Vorgang, der sich in der ElSnerschen Fabrik zwischen emem Werkführer und einem Arbeiter abgespielt, bei dem der Werkführer ganz mit Recht den Vorteil seines Herrn gewahrt hatte, in gehässigster Weise zu Gunsten deS Arbei- ler» verwendet worden ivar. . .
Während er den Aufsatz laS, stieg ihm die Rdte deS Unwillen» ins Gesicht. Wer hatte ihn geschrieben? Und vor allem, wer hatte ihn inspiriert? Er dachte eine Weile "ach, allein da ivar niemand, dem er eine derartige JudlS- ’ntion zutrauen mochte. ,,
. Mit gerunzelten Brauen warf er da» Blatt hin. Allerdings war die Zeitung beim besseren Publikum ein wt- Wg anrüchig; sie gehörte zu denen, die dem Sensation»- bedürfni» der Menge mehr denn nötig entgegenkommen. , . »Hast Du den Artikel gelesen, Vater?" fragte Karl und wie» au : Der Re» »ine# Herrn -kwrat?"
s die Spalte. „ „ ,
baut nickte: „Ja, eS ist darin von der Fabrik E. die Rede. Geht das auf unseren Kommer-
Völkerung auf 60 871 554 Einwohner. Davon entfielen I auf das Großherzogtul» Luxemburg 246 455 Köpfe. Die Zollausschlüsse zählten zusammen 17 588 Personen.
Deutsches Reich
— Im Reichstage wurde der Kolonial- nachtragsetat für Südwestafrika abgelehnt. Darauf erhob sich der Reichskanzler und verlas eine kaiserliche Botschaft, durch welche der Reichstag aufgelöst wird.
— Der Kaiser fuhr am Mittwoch morgen mit dem Fürsten Georg, dein Erbprinzen Adolf und dem Prinzen Wolrad zu Schaumburg Lippe im Automobil nach dem 6 Kilometer von Bückeburg entfernten Schaumburger Wald zur Jagd auf Hochwild. Um 12 Uhr fand im Jagdschloß „Baum" Frühstttckstafel statt, zu der in- zwische» auch das kaiserliche Gefolge und die übrige Jagdgesellschaft eingetroffen war. Nach beut Frühstück fand für das Gefolge und die Jagdgesellschaft ein eingestelltes Jagen auf Hochwild statt. Der Kaiser fuhr dann mit dem Fürsten Georg und dem Erbprinzen Adolf um 1 Uhr nach dem etwa 10 Kilometer vom Jagdschloß „Baum" entfernten Jagdrevier Drandshof am Buccekberg. Auf der Fahrt waren in allen passierten Ortschaften die Schulen und die Kriegervereine aufgestellt ; Frauen und Mädchen waren in Nationaltracht erschiene». Kurz vor 4 Uhr trafen der Kaiser und Fürst Georg wieder in Bückeburg ein. Die Strecke des Kaisers wurde »m 8 Uhr vor dem Residenzschloß bereitet und besichtigt. Um 8 Uhr fand Jagddiner im Schlosse statt, zu dein außer dem Gefolge die zu dieser Jagd geladenen Herren geladen waren.
— Deutschlands Handelsflotte ist im letzten Jahre wieder um 225 000 Tonnen gewachsen und behauptet damit die zweite Stelle, während England die erste entnimmt. Die Zahl der deutschen Dampfer beträgt 1350, der größeren Segelschiffe 1000.
— Der Reichstag erledigte am Montag zunächst die dritte Lesung der Algesiras-Akte durch en blok= Annahme. Ebenso schnell wurde eine Rechnungsangelegenheit betr. den Landeshaushalt von Elsaß-Lothringen und den Haushalt der Schutzgebiete für 1906 erledigt. Dann folgte die dritte Lesung des Urheberschutzgesetzes an Werken der Photographie und der bildenden Künste. Irgend welche Anträge von Belang lagen nicht vor, nur die Sozialdemokraten versuchten noch einmal, dem Photographieren für polizeiliche Zwecke Schwierigkeiten zu machen, und holten einen alten Antrag wieder hervor. Sie hatten keinen Erfolg damit,
„Gewiß, zu gieinem lebhaften Bedauern . ."
„Selbstverständlich ist a» der Sache kein wahres Wort," rief der alte Herr.
„Selbstverständlich," entgegnete Karl, „selbstverständ- lich, daS heißt, die Worte, die der anonyme Schreiber die- ses famosen Aufsatzes anführt, sind gefallen, aber doch sind die Tatsachen derartig verfälscht, daß sich die Angelegen- Heit wesentlich anders darstellt, als sie hier beschrieben wird. Der Konnnerzicnrat muß den Urheber dieses Artikels ergründen und auf der Redaktion Erkundigungen einziehen. Ich gestehe, mir ist die Sache widerwärtig." Mit finsterer Stirn stürzte er den Rest seines Glases Himm- ter, dann erhob er sich.
„Mir ist der fernere Aufenthalt hier im Lokal verdor- ben, Vater," sagte er, „und da ich auch noch allerhand Ar- beiseit zu erledigen habe, möchte ich nach Hanse gehen. Willst Du noch hier bleiben?"
„Dummes Zeug, ich gehe mit Dir, Karl. Natürlich, ^Schwelgend wanderten die Herren durch die heißenStra- ßen ihrer Wohnung zu.
Ei Tello, Du allerliebster Kerl," begrüßte die junge Dame den freudig an ihr emporsprmgcnden schwarzen Teckel, „da bist Du ja Und wo Du erscheinst, ist auch Dem Herr nicht weit. Sieh da! Junker Martin. Guten Mor- gen, mein Herr."
„Guten Morgen, teuerste Cousine."
Ach waS, Cousine . . dritten oder vierten Grades, da hört die Verwandtschaft einfach auf. Der Stammbaum bet Wahlenburg» bedankt sich und läßt sich den auS der Art geschlagenen Zweig nicht so ohne weiteres aufpfrop- fen «erstanden, Herr v. Wahlenburg."
Martin lachte. Sein feines Gesicht zeigte bei Weitem mehr den Typn» deS Stubengelehrten, denn den des Land- iunkerS Blaß, schmal, und vor den sympathischen Augen die goldene Brille. «Also wieder einmal nach allen Re-
das Gesetz wurde im wesentlichen nach der Fassung der zweiten Lesung ohne erhebliche Debatte angenommen. Der Rest der Sitzung galt dem Entwurf, der eine Neuregelung verschiedener Angelegenheiten im Baugewerbe bezweckt In der Debatte wurden neue Gesichtspunkte kaum vorgebracht und die Gesamtabstinimung ergab die Annahme des Gesetzes in dritter Lesung.
— Die Arbeiterfürsorge der Firma Krupp geht aufs neue daraus hervor, daß sie ihren Angestellten wegen der zur Zeit herrschenden Teuerung eine Zulage in der Höhe eines vollen Monatsgehalts gewährt hat. Das bedeutet für sie eine Aufwendung von rund zwei Millionen Mark.
— In einem Hirtenbrief des Posener Weihbischofs Likowski heißt es zum Schluß: „So lange ich das Amt eines Verwesers ausüben werde, hoffe ich, daß man mir das gegenwärtig doppelt schwierige Amt nicht noch erschweren, sondern im Gegenteil durch Folgsamkeit gegenüber der Kirchenbehörde mich unterstützen werde. Im besonderen lege ich euch die Empfehlung des verstorbenen Erzbischofs aus Herz: Daß ihr, geliebte Brüder im gegenwärtigen Augenblicke, wo die Sinne angespannt sind, die nötige Ruhe und Ueberlegung in allem bewahren mögt, und eure Schäflein sollt ihr warnen, daß sie sich nicht zu irgend welchen illegalen Schritten hinreißen lassen mögen, die mit traurigen Folgen verbunden sein könnten."
— Im polnischen Schulstreik hat die preußische Regierung eine Entscheidung von prinzipieller Bedeutung getroffen. Eine Anzahl Eltern aus Ostrowo hatten an die Regierung eine Beschwerde darüber gerichtet, daß streikende Kinder aus Anordnung des Kreisschul- iilspektors mit dem 14. Jahre nicht aus der Schule entlassen werden sollen. Die Regierung hat darauf den Bescheid ~-depen lassen, daß diese Anordnung rechtmäßig erfolgt sei. Uebrigens bezeichnet das „Pos. Tagebl." die Behauptung polnischer Blätter, daß gegen 120000 Schulkinder streiken, als plumpe Erfindung, die Zahl der noch ungehorsamen Kinder sei nicht halb so groß.
Ausland
— Die Wahlreformkommission des österreichischen Herrenhauses hat die Beratungen begonnen. Nadem Herr v. Plener die Bedenken eines großen Teils des Herrenhauses gegen die Wahlreform wiedergegeben und sich besonders für die Puralitat ausgesprochen hatte, ergriff der Ministerpräsident v. Beck das Wort, um in fast einftünbiger Rede auf die Notwendigkeit einer möglichst raschen Erledigung der Wahlreform hinzuweisen. Beck erklärte auch, daß die Gefahren, welche mit einer
geln der Kunst abgekanzelt, Fräulein Helene," neckte er. „Dergleichen verstehen Sie ausgezeichnet."
„Ich übe mich, wie eS einem Schulmeister geziemt." „Und warum warben Sie Schulmeister?" wollte er neu- gierig wissen.
„Warum? Weil ich mußte." /
„Kein Mensch muß müssen, und Sie auch nicht. Sie beliebte» nur Ihren allerhöchsten kleinen Trotzkopf auf- zusetzen, ihn mit allerlei nützlichen und auch mit unnützen Wissenschaften zu fülle» und Ihr Examen mit Glanz zube- stehen."
„Unsinn, das ist längst nicht alles," erklärte die junge Dame, die mit Martin von Wahlenburg im Waldauer Park lustwandelte. Damit nahm sie ihr Kleidchen in die Höhe, um es vor dem Morgentau, der funkelnd an Halmen und Gräsern hing, zu schützen und warf den niedlichen Kopf mit den braunen Haarzöpfen in den Nacken. „Sie haben vergessen hinznznfügen, daß ich allein in der Welt stehe, und daß es für mich notwendig war, einen Beruf zu wählen, da mir meine Mittel nicht gestatteten, ein Prin- zejsinnenlebeu zu führen, abgesehen davon, daß ich daS Dasein der bekannten Lilien auf dem Felde, die nicht ar- Veiten, für entsetzlich langweilig halte. DaS alle» haben Sie natürlich nicht bedacht, die Logik der Männer reicht bekanntlich nicht iveit." 135,18
„Gott bewahre, waS Sie anführen ist ja alle» dn'm- nie» Zeug," sagte Martin von Wahlenbürg und sein blasse» Gehcht bedeckie sich mit einer leichten Röte. „Warum spre- chen Sie von Beruf? Ein junges Mädchen kann sich überall nützlich machen, und das haben Sie auch hier getan. Warum wollen Sie unS, Ihre Verwandten, verlassen, um ir- gend eine Stellung im AnSlande anzunehmen? WaS in aller Welt haben Sie da für einen Srintb anzugeben?"
Ueber ihr Gesicht huschten tausend Spottgeisterchen. „WaS habe ichin diesem halben Jahre, in dein ich in Wal- dan weilte, getan ? Pilze gesucht nnd Blumen gepflückt und wenn auch nicht himmlische, so doch irdische Rosen in die Zlinuler getragen. Und das nennen Hie nützlich beschäftigt "