SchWernerZeitung
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M 99.
Mittwoch, den 12. Dezember 1906.
57. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der Reichstag beschäftigte sich am Donnerstag mit einer Interpellation des Zentrums über die Anwendung der Zollsätze bei der Einfuhr von Gerste. Reichsschatzsekretär Frhr. v. Stengel, der die Interpellation sofort beantwortete, führte aus, daß es der Regierung ausschließlich um ein Auseinanderhalten von hochwertiger und minderwertiger Ware zu tun gewesen sei. Zur Vermeidung von Zollunterschleifen werde die Regierung alles Mögliche tun, ein allge» meines Denalurieruilgsverfahren aber bedeute nur eine unnötige Ausgabe, da man ganz minderwertige Gerste auf den ersten Blick unterscheiden könne. Den gleichen Standpunkt nahm im allgemeinen auch der preußische Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben ein. An der Besprechung beteiligten sich die Abgg. Südekum (Svz.), Paasche (natl.), Kämpf (fr. Vp.), Gothein (sr. Vg.), Stauffer (wirtsch. Vg), Kohl (Z.) und Nießler kons.). — Am Freitag wurde zunächst in erster und zweiter Lesung die Algeciras-Akte ratifiziert, deren Bestimmungen nach der Erklärungen des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Frhrn. v. Tschirschky die Grundlage für eine gesunde Weiterentwickelung Marokkos bilden sollen, ausgehend von der Souvernität des Sultans und der vollständigen Gleichberechtigung sämtlicher fremder Völker. Zu dem spanisch-fran- zösischen Vorgehen erklärte Staatssekretär Frhr. v. Tschirschky, daß Frankreich und Spanien wohl Kriegsschiffe zur Aufrechterhaltung der Ordnung nach Tanger geschickt hätten, daß die beiden Staaten jedoch in einer Note ausdrücklich erklärt Hütten, nur im Geiste der Algeciras-Akte zu verfahren. Die Zentrumsinterpellation betr. die Verhinderung der Einschränkungsbestimmungen in der Ausfuhr schwedischer Erze beantwortete Staats« sekretär Graf Posadowky dahin, daß er bereit sei, Schritte einzuleiten, damit der ungehinderten Ausfuhr der schwedischen Erze keine Hindernisse in den Weg gelegt werden.
— Der preußische Landeseisenbahnrat hat mit großer Mehrheit der Vorlage der preußischen Regierung über Ermäßigung der Stückgut- und Wagenladungsfrachten für Fleisch und frisch geschlachtetes Vieh zugestimmt.
— Die Personentarisreform, über die jetzt vollständige Einigung erzielt worden ist, wird voraussichtlich am 1. Mai n. J. in Kraft treten.
— Die württembergischen Landtagswahlen haben folgendes Ergebnis gehabt: Es wurden gewählt 19 Kandidaten des Zentrums, 8 Kandidaten der Volkspartei, 8 Kandidaten der deutschen Partei 8 und
Kandidaten oes Bundes der Landwirte, sowie 5 Sozial-1 demokraten. Es haben 27 Nachwahlen stattzufinden. Der Bauernbund hat zwei Sitze, das Zentrum einen Sitz gewonnen, die Volkspartei drei Sitze verloren. Die deutsche Partei hat einen Sitz von der Sozial- demokratie gewonnen. Die Parteiführer wurden durchweg wiedergewählt. Daniit sind die Wahlen aber noch nicht abgeschlossen; .es folgen noch die Pro- portionalwahlen.
— Bei den Bürgermeisterwahlen in Haniburg für das Jahr 1907 hat der Senat den Bürgermeister Dr. Stammanu zum ersten Bürgerineister und den Senator Dr. Mönckeberg zum zweiten Bürgermeister gewählt.
— Zum regierenden Bürgermeister von Lübeck ist der Senator Dr. Schön für die übliche Amtsdauer von zwei Jahren gewählt worden.
— Der Redakteur des Polenblattes „Postemp" Troca in Posen ist wegen Fluchtverdachtes verhaftet worden. Es schweben gegen ihn mehrere Anklagen wegen Aufreizung zu Gewalttätigkeiten usw, begangen durch Artikel in Sachen des polnischen Schulstreiks.
Ausland»
— Dr. Lapponi, der Leibwrzt des Papstes, ist nach längerem Leiden in Rom gestorben.
— Die Flottenexpedition nach Tanger ist nunmehr von dem französischen und dem spanischen'Botschafter in Berlin durch eine Note ihrer Regierungen offiziell angezeigt worden. Eine Landung der Truppen soll nur im Falle der Not vorgenommen werden.
— Im englischen Oberhause wurde die dritte Lesung des Unterrichtsgesetzes mit 105 gegen 28 Stimmen angenommen. Die Minorität setzte sich aus den römisch-katholischen und den der äußersten anglikanischen Richtung angehörenden Mitgliedern zusammen. Der Ton der Reden des Lordpräsidenten des Geheimen Rats Earl of Crewe und des Marquis of Landsdowne scheinen anzudenten, daß eine Einigung beider Häuser schließlich erzielt werden dürfte.
— Die Selbständigkeitsbestrebungen Islands haben in jüngster Zeit an Schärfe zugenommen. Während man anfangs das Verlangen stellte, König Fredcrik solle sich „König der Isländer" nennen und dem Lande einen Vizekönig oder Gouverneur geben, hallt jetzt die isländische Presse jeder Parteirichtung immer lauter von dem Rufe wieder: „Los von Dänemark!" Vor einigen Tagen ging durch alle dortigen Blätter ein Aufruf, der energisch dafür eintrat, Island solle ein „Bundesstaat im dänischen Reiche" werden und
eine eigene Nationalflagge führen. Wie sehr sich die Isländer bereits in ihre Selbständigkeitsideen eingelebt haben, beweist aufs beste, daß sie die in ihren Gewässern Fischerei betreibenden Dänen als „Ausländer" behandelt wissen wollen. Auch wollen sie, um von Dänemark wirtschaftlich unabhängig zu werden, einen eigenen Schiffsverkehr mit England und Deutschland ins Leben rufen.
— In der spanischen Deputiertenkammer stellte Ministerpräsident Vega de Armijo das neue Ministerium vor und wies aus die Dringlichkeit der Ratifizierung der Akte von Algeciras hin. Er erklärte, daß die Regierung an dem Plane festhält, das Octroi abzu- schaffen. Das Vereinsgesetz müsse sorgfältig erörtert werden, denn es habe politischen und religiösen Charakter. Die Kammer beschloß, die Demission ihres Präsidenten Canalejas abzulehnen.
— Wieder hat es neue Arbeiterunruhen in Lodz, der größten Fabrikstadt Russisch-Polens, gegeben. Die Ermordungen vonArbeitern dauern fort.EinArbeiterwurde auf der Straße schwer verwundet, ein anderer Arbeiter wurde im Wirtshause durch Revolverschüsse getötet. — In Wilna hat die Polizei zwei Waffenlager der örtlichen Kampforganisation entdeckt. 150 Revolver sind beschlagnahmt worden.
— Das Bandenunwesen in Mazedonien steht noch immer in Blüte. Bulgaren haben int Bezirke Kuma- nova eine 200 Mann starke Bande gebildet, einige serbensreundliche Dörfer überfallen und in einem Dorfe 60 dort angetroffene Soldaten entwaffnet.
Lokales und Drovinsielles.
Schluchten«, 11. Dez. 1906.
—* Da erfahrungsgemäß um diese Zeit die Fälle von Infektionskrankheiten im Kreise an Zahl zunehmen, so wird auf die Bestimmungen, welche das Gesetz vom 28. August 1905 über die Bekämpfung dieser Krankheiten gebracht hat, besonders hingewiesen. In den §§ 1—5 dieses Gesetzes ist die Anzeigepflicht geregelt worden. Es sind hiernach bei der Ortspolizeibehörde anzuzeigen alle Fälle von: Diphtherie, Scharlach, Typhus, llebertragbarer Genickstarre, llebertragbarer Ruhr, Kindbettfieber, Körnerkrankheit, Rückfeltfieber, Milzbrand, Rotz und Tollwut, sowie auch Bißverletzungcn durch tolle, oder der Tollwut verdächtige Tiere, Fleisch-, Fisch- und Wurstvergiftung, Trichinose und weiterhin jeder Todesfall an Lungen- und Kehlkopfstuberkulose. Wechselt der Erkrankte den Wohnsitz, so ist dies inner« halb 24 Stunden nach erfolgtet Kenntnis bei der Polizeibehörde, bei einem Wechsel des Aufenthaltsortes auch bei derjenigen des neuen Aufenthaltsortes, zur
Jauche Ireund-.
Roman von Elwin Starck. 14
Als Karl nach seinem Hute griff, öffnete sich plötzlich eine Flügeltür, in der sich ein schwarzhaariger Mädchen- kopf zeigte, und gleich darauf stand eine junge Dame aus der Schtvelle, die den blonden Ingenieur mit einem kameradschaftlichen Handschlag begrüßte.
E» war ein seines, brünettes Gesicht, mit dunklen An- gen und einem Munde, dessen leicht aufgeworfene Lippen den Pikanten Reiz erhöhten. DaS zierliche Figürchen steckte in einem Kostüm, das in Farbe und Form derartig extravagant war, daß es eben nur Toni Möller, die vielbe- wunderte Nichte des bekannten Direktor» tragen konnte. Allein sie konnte es tragen und erregte Bewunderung ba« tin. _ .,
„Siehba.HerrJugenieur," sagte dieMige Dame, ,^ch komme, um meinen vergeßlichen Onkel zu korrigieren sicherlich vergaß er, Sie zu bitten, unsere langweilige Mst- tagSgesellschaft zu vervollständigen. Unb paßt er Ihnen, können wir am Abend einen kleinen Ausflug uuterneh- meu. Es ist wirklich unverantwortlich, daß man sie selten zu Gesicht bekommt."
„Und sehr liebenswürdig und mir >ehr schmeichelhaft, daß Sie mich unbebeutenben Sterblichen sckM"bar etwa vermißt haben," entgegnete Karl. „Aus soviel Güte war ich nicht gefaßt. Aber leider bin ich, wie ich bereit« Ihrem Herrn Onkel mitteilte, verhindert, die Aufforderung an«
»Warum, ich meine, was haben Sie vor?" fragte sie rasch.
„Eine Berabrebung," log er. ,
„Da» ist töricht von Ihnen," schmollte Toni.,.Ich gchc nie Verabredunge» ein, denn sie stören immer. Wenn man nicht mehr Herr über seine Zeit ist, waS bleibt einem denn in dieser elenden Welt? Freiheit über alles!"
„Sie befinden sich eben in einer beneidenswerten Lage, ,vietn gnädige» Fräulein," dozierte Karl. „Unsereiner h
gegen ist stets abhängig. Berns und Stellung bringen es so mit sich." .
Sie lachte Hell auf. „Sie sprechen ja ganz tragpch, Herr Ingenieur. „Wenn ein junger Mann nicht frei ist, wer ist es denn? Wir armen Mädchen sind in dieser Beziehung weit schlechter fortgekommen, als die Herren der Schöpfung."
„Nur in gewisser Weise, mein gnädige» Fräulein, durch den Dienst und die Arbeit miib nus die gerühmte Freiheit auf ein bescheidenes Maß eingeschränkt."
„Der Dienst," spöttelte sie, „der Dienst. Aber menn die Arbeit getan ist," fuhr sie fort, „dann sind Sie frei und könne» tun unb lassen, was Ihnen beliebt. 'Wir Ar- men hingegen müssen uns immer hinter den enggezogenen Grenzen bewegen, die Gewohnheit und Sitte um unser Geschlecht gezogen haben, und fühlen in jeder Lebenslage den Druck, den die sogenannte Gesellschaft auf uns aus- übt."
,Jch glaube kaum, gnädiges Fräulein, daß Sie auf das Urteil der Welt viel geben."
Sie schnippte mit den Fingern. „Nicht so viel gebe ich darauf."
„Nun also ..
„Nichtiger märe e» trotz alledem," sagte sie nachdem- lich Trotz alledem bleibt e» eine Kunst, die nicht so ohne weiteres zu Überdrücken ist." Dann streckte sie ihm die Heine Hand entgegen: „Ich will Sie nicht länger anfhal- teil'' Sie wollen gehen, also: aus Wiedersehen! Ich plane ein Somnierfest, dem Sie unbedingt beiwobnen müssen. Seien Sie Ende nächster Woche barauf gefaßt und halten Sie sich die Tage frei. Eine Absage nehme ich nicht an, hören Sie, unbedingt nicht."
höre und gehorche, selbstverständlich, mein gnädiges Fränleiu. Und tausend Dank im voraus." Er küßte bie kleine Hand, die noch immer in der seinen lag.
Lächelnd entzog sie sie ihm. „Nur unter diesem Verspreche» sind Sie für heute entlassen, mein Herr Sklave der Zeit."
Karl stieg die Marmortrcppeii hinab und kaute au den Spitzeil seines Bartes, ein Zeichen, daß ihn irgend etwas stark beschäftigte. Toni Möller hatte ihm bereits früher Beweise geliefert, daß er ihr nicht gleichgültig war, allein nie so deutliche, wie heilte. Er wäre ein Tor gewesen, wenn er ihr Entgegenkommen nicht gemerkt hätte, jede ihrer Miene» hatte es ihm verraten. Toni war ein schöne» unb kluge» Mädchen, und nicht allein da», ihre Stellung in dem Hause des Direktors Möller umgab sie mit einem eigenen Nimbus. Da Möller nicht verheiratet war, und die Welt annahm, daß er Toni zur Erbin seiner Reichtümer bestimmt hatte, galt sie nicht allein für eine Perle, sondern für eine in goldener Fassung. Wenn er, Karl, mie er bemerkt hatte und auch bemerkt habe» mußte, Toni nicht gleichgültig war, so war es seinem Ehrgeiz ein Leichte», allerlei Schlüsse daraus zu ziehen.
Nachdenklich verließ er das Hau». ,^
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E» war einige Tage später.
Karl saß mit seinem Vater in einem Weinrestaurant. Die Herren hatten ihr Mahl beendet, die Teller waren entfernt worden, nur die halbgefüllten Gläser stauben noch aus dem Tisch. Eilie behagliche Stimmung griff Platz, und die Zigarre» wurden entzündet. Der Rendant ließ sich her- bei, sich nach Möller zu erkundige»; eS tuar das erste Mal, daß dieses Namens, seitdem er zwischen Vater und Sohn Mißhelligkeiten erzeugt, Erwähnung geschah.
„Du nennst ihn Direktor, Karl; was dirigiert er denn eigentlich?" fragte der Rendant und ließ sich das Gla» noch einmal füllen.
„Warum er sich Direktor nennt? Ja, du liebe Zeit, so genau weiß man das nicht. Er hat nun einmal den Titel; in früheren Jahren stand er, glaube ich, einer Bank vor Möller ist im Begriff, eine Maschinen- und Eisenfabrik zu errichte», zu deren technischen Leiter ich aus ersehen bin. Vor Jahren hat er mir einmal ein Patent abgetanst, da- her hat sich unsere Bekanntschaft entwickelt." ' 135,18