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SchlüchternerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 98.

Samstag, den 8. Dezember 1906.

57. Jahrgang.

Erstes Blatt.

Aas Deutschtum in Südrußland

rührt und regt sich in einer Weise, wie man es vor Jahr unb Tag nie und nimmer zu hoffen gewagt hätte. Mitten unter den Wirren der Revolution ist dieses nationale Empfinden und seine Betätigung aufgegangen ; mit dem allergrößten Interesse müssen wir seine weitere Entwickelung verfolgen. Wenn je, so ist jetzt der Augen­blick gekommen, wo die Hoffnung vorhanden ist, den Deutschen Südrußlands ihr Volkstum zu retten durch engen Zusammenschluß zu gemeinsamer Abwehr aller künftigen Gefährdungen ihrer nationalen Eigenart. Wie dieMitteilungen des AUgem. Deutschen Schulvereins" berichten, bildete sich zu diesem Zwecke schon zu Beginn dieses Jahres in Odessa diesüdrussische deutsche Gruppe" mit dem Zwecke, zu den Dumawahlen Stellung zu nehmen und einen beständigen Zusammenschluß aller Deutschen Südrußlands anzubahnen. Die von dieser Gruppe ausgearbeiteten Statuten einessüdrussischen deutschen Vereins" sind nunmehr obrigkeitlich bestätigt worden. Dersüdrussische deutsche Verein* verfolgt hauptsächlich kulturelle Zwecke, indem er darauf hin- arbeitet, die deutsche Sprache in Haus und Schule zu pflegen, das wirtschaftliche Leben der , Deutschen zu stärken, den Armen, Kranken und wirtschaftlich Schwachen zu Hülfe zu kommen und die Bestrebungen anderer ähnlicher deutscher Vereine im Reiche zu unterstützen. Außerdem soll der Verein aber auch politisch erziehend wirken. In den Statuten des Vereins ist es vorgesehen, daß Mitglied des Vereins jeder russische Untern deutscher Rationalität ohne Unterschied des Geschlechts werden kann, sofern er mündig und gerichtlich unbe­scholten ist. Um den Beitritt möglichst vielen zugäng­lich zu machen, ist der Mitgliedsbeitrag auf einen Rubel festgesetzt worden. Die Tätigkeit des Vereins _ kann sich laut Statuten über den ganzen Süden Rußlands und auf den Kaukasus erstrecken, wofern sich dort Ab­teilungen des Vereins bilden sollten. Das Komitee des Vereins wendet sich nunan alle diejenigen Deutschen russischer Untertanenschast, die ihre, Liebe zu ihren Stammesgenossen und ihrer Muttersprache noch nicht verloren haben, und die sich noch mit Stolz zu Gliedern eines Volkes zählen, das auf allen Gebieten des mensch­lichen Lebens Großes und Unvergängliches geleistet hat, mit der Aufforderung, beut Verein beizutreten, um mit Rat und Tat an den großen Aufgaben mitzuarbeiten,

Falsche Irermde.

Roman von Elwi» Starck.

Plötzlich hörte er den Sand des Weges knirschen, schläf- rig blinzelnd hob er die Augen. Etwa» Weiße», Lichte», sah er hinter einem dichten Fliedergebüsch hervortreten.

«in junge» Weib im leichten Sommerkleidestand vor Karl und schaute mit großen, grauen Augen ihin kühl und prüfend in» Gesicht. ...

Karl sprang sogleich auf, entschuldigte mit einigen et­wa» hastig gestammelten Worten sein Eindringen und stellte sich vor Da tnar es ihm,,al» ob die kühlen Augen den sei­nen feindselig begegneten. .

Doch dann blickte sie an ihm vorüber und eine dunkel gefärbte Stimme sagte ruhig:ES ist nicht notwendig, baß Sie sich entschuldigen, mein Herr. Wanderern bie in der Natur Erholung suchen, steht unser Park stet» offen.

Unser Park!" dachte Karl.Aha, fielst also die Frau des Besitzer».",

Sie sind sehr gütig, gnädige Frau," sagte er, ,,'chhabe Von Ihrer liebenswürdigen Erlaubnis schon vorher anS- giebigen Gebrauch gemacht. Und jetzt, da eS mit ver­gönnt war, Ihnen dafür zu danken, möchte ich mich emp- fehlen." . ,

Wollen Sie zur Station?" fragte sie, unb als er be« lahte, fuhr sie fort:Kommen Sie mit, tc^jetge dicht am Hause einen Fußpfad, der Sie durch den Wa führt. Sie ersparen sich dadurch den langen Weg zurl c! durch den Park." .-, . .

Er verbeugte sich dankend, und bann wanderten gemeinsam durch die Lindenallee, deren süßer Duft beinah berauschend die Sinne umschmeichelte. _

Karl blickte seine Begleiterin von der Seite an. hatte den schützenden Strohhut vöm Haupt genounneu, und« hatte Gelegenheit, ihr reiches, blonde» Haar zu ve- wunder»..Der feine Kopf erschien fast zu klein für Die stattliche Figur. Ihr Gesicht hatte, ohne gerade schon zu J$t% cOva» sehr Angenehme», uud die Ruhe und «nchcr-

die sich der Verein gesetzt hat". Ganz besonders rechnet der Verein auf den Beitritt deutscher Frauen, denen sich hier ein weites Tätigkeitsseld eröffnet; ihr Einfluß auf die Heranwachsende Jugend sei ja ausschlaggebend. Das treffliche Odessaer BlattDeutsches Leben", das die Deutschen zum Anschluß aufruft, schließt seine Auf­forderung mit den Worten :Alle, die in ihrer deutschen Eigenart ein teuerwertes Gut erblicken, das sie auf ihre Kinder und Kindeskinder vererben wollen, müssen sich zusammenschließen; denn nur Einigkeit macht stark, Zersplitterung aber ist nationaler Tod."

Deutsches iUidj.

In Darmstadt fand Dienstag vormittag 11'/, Uhr im Neuen Palais die Taufe des am 8. Nov. geborenen Erbgroßherzogs statt. Der Kaiser als Pate war ver­treten durch den Prinzen Eitel Friedrich. Den Tauf- akt vollzog Oberhofprediger Erhardt. Während der Taufe hielt Prinz Eitel Friedrich den Täufling, der den Rufnamen Georg erhielt.

Eine Sonderausgabe des Amtsblatts des Reichs- postamtS veröffentlicht einen Erlaß des Kaisers, worin der Kaiser dem Staatssekretär und den Beamten der Postverwaltung für die erfolgreiche Arbeit während der Etatsjahre 1901=1905 seinen Dank ausspricht. Der Kaiser hebt hervor, der Bericht habe gezeigt, daß das Post- und Telegraphenwesen im deutschen Reiche sich in stetiger fortschreitender Entwicklung befinde und daß Maßregeln getroffen seien, um den von Jahr zu Jahr wachsenden Ansprüchen des Verkehrs gerecht zu werden. So sei die Postverwaltung nicht nur bestrebt gewesen, das Netz der Postanstalten und Telegraphenlinien im Mntterlande zu verdichten, sondern es sei ihr auch ge­lungen, die Kolynien, insbesondere das Innere, mehr wie bisher, dem Post- und Telegraphenverkehr zu er­schließen. In besonderem Maße sei der Kaiser auch erfreut, über den außerordentlichen Aufschwung, den das Fernsprechwesen sowie die Fmikeutelegraphie ge­nommen habe.

- Kommerzienrat Sanden, der frühere langjährige Direktor der Preußischen Hypotheken-Aklien-Bauk, dessen Verurteilung zu 5 jähriger Gefängnishast vor einigen Jahren so viel Aufsehen machte, ist im Alter von 64 Jahren gestorben. Er war im September v. Fs. nachdem er mehr als zwei Dritteile seiner Gefängnis haft verbüßt hatte - aus der Plötzenseer Strafanstalt beurlaubt worden, weil er nach einigen leichteren Schlag- anfälleu schwer erkrankt war. Mit Genehmigung der Staatsanwaltschaft, als Aufsichtsbehörde der Gefängnis- verwaltung, wurde er zu seinen Verwandten nach Wil-

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Heit ihres Auftretens bestärkte ihn in der Meinung, daß sie bereits verheiratet sei.

Er sprach seine Bewunderung über den Park auS, wa» sie, wie eS schien, gern hörte.

Sehen Sie, das hier ist der sogenannte tote Kirchhof," sagte sie und zeigte auf das verwilderte Buschwerk, daS ihm schon vorher ausgefallen war.Der alte Friedhof sollte auS verschiedenen Gründen eingehen, und deshalb wurde ein neues Stück Land als Friedhof eingeweiht, das jenseits deS Dorfes und in der Nähe der Kirche liegt. Die alte ist nämlich vor Jahren abgebrannt," schaltete sie ein, ,und man baute sie nicht wieder da auf, wo sie gestanden hatte, sondern in der Nähe deSTorseS, das drüben liegt. Den Platz gab das Gut und hat dafür den alten Friedhof eingetanscht."

Diejunge Dameblieb stehen und Karl entdeckte auf ein- gesunkenenHügelnnoch einzelne Krenzchen und Grabsteine.

Späterhin soll daS Land hier geebnet und frisch ange« pflanzt werden," fuhr sie in ihrer Erklärung fort,vor­läufig haben wir versprechen müssen, nichts anznrühren. Hin und wieder findet man an den verwitterten Tafeln ein Kränzchen an» Totenblnmen oder einStränßchenBergiß- meinnicht. Abernurscheu und heimlich werben diese Erin- nernngszeichen hier niedergelegt, es ist fast, als schämte» sich die Geber ihrer Gaben, weil der offizielle Platz für Tränen und Trauer auf der anderen Seite liegt/

Karl blickte sie nachdenklich an. Ein Sonnenstrahl spielte auf dem weißen Gesicht und gab den regelmäßigen Zügen, die zu Zeiten fast etwas Herbes hatten, einen weichen Aus­druck. Da sah er zu seinen Füßen am Boden ein Sandstein- kreuz liege», und er laS nach einigem Mühen die halb verlöschte Inschrift:Die Rnh' ist woht daS beste von allem Glück der Welt."

DaS steht hier geschrieben," sagte der junge Mann, unb wenn ich anch nicht Philosoph bin, um die Wahrheit dieses Satzes mit Gründen zu belegen, so bin ich gern bereit, sie anzuerkennen. Wie gut Sie haben, gnädige

I Frau," fuhr er, sich umblickend, fort, »an welch' friedlicher

mersdorf gebracht, wo er im Kreise seiner Familien« angehörigen langsam seinem Ende entgegensiechte.

Der Köpenicker Hauptmann wird auch den deutschen Reichstag beschäftigen! Die naiionalliberale Fraktion will im Reichstage eine Interpellation ein­bringen, die sich gegen die Ausweisungspraxis der Polizeibehörden richtet, wie sie im Verlauf des Prozesses gegen den falschen Hauptmann von Köpenick geschildert werden. Es ist Aussicht vorhanden, daß diese Inter­pellation bald nach den Weihnachtferien zur Besprechung gelangt.

Wie dieVolksztg " erfährt, wird der Besuch des Königs von Norwegen nicht in Berlin vor sich gehen. Völlig Haakon wird vielmehr als Gast des Kaisers im Neuen Palais bei Potsdam wohnen, wo bereits Vorbereitungen für den Besuch getroffen werden.

Der Reichstag setzte am vergangenen Sonnabend die Kolonialdebatte fort. Zunächst nahm Kolonial- direktor Dernburg das Wort, um noch einige Auf­klärungen über die angeblichen Unregelmäßigkeiten bei den Lieferungen für Südwestafrika zu geben und weitere Ermittelungen zu versprechen. Dann sprach Abg. Bebel (Soz.). Seine Ausführungen waren nichts als eine Wiederholung alten Kolonialklatsches. Zuletzt kam er auf denFall Peters" und denFall Puttkammer", wobei er sich immer mehr in Wut redete und sich schließlich zu den maßlosesten Angriffen gegen die Regierung und einzelne konservative Abgeordnete ver­stieg, was eine Reihe persönlicher Bemerkungen zur Folge hatte. Am vergangenen Montag stellte zunächst Kolonialdirektor Dernburg fest, daß die von Bebel in der vorigen Sitzung vorgebrachte Geschichte über die Gründe der Entlassung Hellwigs erfunden ist, und gegenüber den Angriffem des freisinnigen Abg. Ablaß wies er nach, daß Pöplau, der an einer Art Queru- lantenwähns gelitten zu haben scheint, von seiner Vor­gesetzten Behörde sehr glimpflich und milde behandelt worden ist. Dann kramte der Abg. Roeren (Z.) aller­lei schon oft gehörte Schauergeschichten über die Miß­handlung von Eingeborenen aus. Das führte zu einem äußerst scharfen Zusammenstoß zwischen dein Abg. Roren und dem Kolonialdirektor Dernburg, der gegen­über den Angriffen Roerens auf Grund von Akten- maierial sehr bezeichnende Mitteilungen über das Ver­fahren des Zentrums in kolonialen Fragen machte.

Aus Karlsruhe kommt die betrübende Nachricht von dem Tod des Prinzen Karl von Baden, des jüngsten Bruders des badischen Großherzogs. Der Verstorbene hat ein Alter von 74 Jahren erreicht. Er war Präsi­dent der ersten badischen Kammer und General der Kavallerie. Seiner am 17. Mai 1871 mit Freiin

Stätte Ihnen Ihr Heini bereitet ist, abgeschieden von dem Trubel der Großstadt."

Und ich kann mir kaum denken, daß die Ruhe gerade dasjenige Gut ist, nach dem Sie sich sehnen," entgegnete sie Die Großstädter bedürfen der An- unb Aufregung, und wenn sie sich in Einsamkeit vergraben, so geschieht das im- mer nur auf kurze Woche». UebrigenS dringt die Berli- ner L»?t bis hierher, und gerade sie ist dem Z»sta»de, der Ihrer Meinung nach hier herrschen soll, nicht beson­ders günstig. Die Zeit der Idylle ist eben vorüber."

Da erklang die Glocke derDorskirche. Melodisch schweb­ten die Töne durch die reine, stille Luft und durch die Kronen der ehrwürdigen Buchen ging eS wie ein leises Rauschen

Und daS ist keine Idylle?" wiederholte Geißler und blickte fragend in die grauen Augen.

Vom Walde her ertönte der schrille Pfiff der Loko­motive. ES war, als wollten die Glocken das dumpfe Ge- brause übertönen, doch dann gingen die feierlichen Töne verloren, der Pfiff bet Eisenbahn überwältigte sie.

Die junge Dame war es, die Karl darauf aufmerksam machte.Der alte Kampf zwischen Stadt und Land," sagte sie,und um die Jetcrtagsstimmnugist e« geschehen "Auf dem Antlitz trat dabei wieder der herbe Zug hervor, der iveiche Ausdruck war verschwunden.

«Ganz ohne Kampf ist eben kein Leben, auch daS febr nicht," entgegnete Geißler. Diejunge Frau an seiner begann ihn zu interessieren.

Unterdessen hatte man da» Herrenhaus erre* dem offenbar der Park abschloß Es war ein lau. teS, zweistöckiges Gebäude, das durch die mit < sponneue Berauda, die >' » das Haus lief, etwas ehr i- heimelndeS erhielt P BlumenvarterreS umgaben e», und als Karl die i. e Farben,Zusammenstellung bemerkte und bewunderte, erzählte seine Begleiterin nicht ohne stolz, daß daS Bepflanzen der Beete ihr Werk ge­wesen sei; der Gärtner habe ihr nur dabei geholfen. Da- mit öffnete sie die Tür des eisernen Gitters und führte thu auf bie Landstraße. .,-. . 1354^