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SchlüchternerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 97.

Mittwoch, den 5. Dezember 1906.

57. Jahrgana

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t Zur gest- Beachtung! z I W^ Im Interesse einer schönen und | $ zweckmäßigen Ausstattung der Anzeigen werden | t unsere verehrten Kunden ersucht, größere | I Anzeigen für die Sonnabendausgabe möglichst I r frühzeitig aufgeben zu wollen. | | Erpedition derIchlüchterner Zeitung". |

Amtliches.

J.-Nr. 9976H. Die Herren Bürger­meister und Gutsvorsteher werden an die pünktliche Einhaltung des für die Ein­sendung des Viehzählungsmaterials festge­setzten Termins mit dem Hinzufügen erinnert, daß dasjenige Zählmaterial, welches bis )UM 10. d. Ms. micht hier eingegangen ist, am nächstfolgenden Tage auf Kosten der Säumigen durch einen Eilboten abgeholt werden wird.

Schlüchtern, den 3. Dezember 1906.

Der Königliche Landrat: Valentiner.

J.-Nr. 10518. Nachdem an einem in Schlüchtern verendetem Hunde durch das Königliche Institut für Infektionskrankheiten zu Berlin festgestellt worden ist, daß dieser Hund au Tollwut gelitten bat, werden die Ortspolizeibehörden und Gendarmen des Kreises hierdurch noch besonders angewiesen, die Durchführung der von dem Herrn Re- gierungs-Präsidenten unter dem-i^^^d. Js. angeordneten Schutzmaßregeln Kreis-

blatt Nr. 52

aufs strengste zu über-

Wachen und jeder Zuwiderhandlung gegen die bestehenden Vorschriften entgegenzutreten.

Schlüchtern, den 3. Dezember 1906.

Der Königliche Landrat: Valentiner.

Deutsches Reich.

Der Reichstag erledigte am Dienstag vergangener Woche zunächst einige Rechnungssachen und setzte dann

Iaksche Ireunde.

Roman von Elwiu Starck.

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Al» sie, die letzten, au dem Wirtshaus anlaugten, war eS voll und alle Tische besetzt. Karl irrte^von einem Platz zum andern und suchte vergeblich nach Stühlen.

Da kam Kleinau auf ihn zu.Ihr Vater ist milde, kommen Sie, Geißler, an unserm Tisch ist noch Platz, se­hen Sie, dort hinter den Kastanien steht er.

Als sich die Herren dem Platze näherten, stand das junge Mädchen ein wenig verlegen auf, und Kleinau stellte Vor:Fräulein Grote" _ .. -

Der alte Herr richtete ein paar Worte an sie, sie sie jedoch nur kurz und schüchtern ermtberte.

Etwa» ängstlich blickte sie auf Kleinau, der sich sehr eifrig mit Karl unterhielt und ihre Anwesenheit wie e» schien-darüber gänzlich vergaß.

Endlich fing er einen ihrer flehenden Blicke auf.Wir haben die Absicht, »och einen kleinen Spaziergang zu ma­chen," sagte er,Fräulein Grote wünscht die nähere Um» pegend kennen zu lernen. Wie ist'», Herr Rendant, darf ich Sie aufforderu, sich uns anzuschließen? -

Der Rendant war müde, auch Karl lehnte seine -oe- So brachen Kleinau und daS junge Mädchen allein auf, um, wie die meiste» Au»flügler, den Weg nach dem See KaU^bestellte sich ein neues Gla» Bier.Nun, Ba^r, tote findest Du e» hier?" fragte er im Laufe des Gesprächs.

Ganz nett, Karl. Warum hast Du Deiuen Freund nicht begleitet? Du hast Dich doch meinetwegen nicht davon ao halte» wffe»? Auf mich nimm keine Rücksicht, ich bin gern

Karl lachte kurz auf.Ich wollte mich dem Paar nicht ^Dcr Alte schüttelkeVen Kopf.Kleinau ist doch kein «tudent mehr. WaS denkt er sich eigentlich von dem hiiltni» mit einer Verkäuferin?"

die Beratung des Gesetzentwurfs über die Rechtsfähig­keit der Berufsvereine fort, der schließlich einer be­sondern Kommission überrieselt wurde. Am ver­gangenen Mittwoch begannen in Anwesenheit des Kronprinzen die Kolonialdebatten. Der Reichskanzler Fürst Bülow gab zunächst ein Exposö über unsere Kolonien und unsere KolonialverwaUung und bezeichnete die Errichtung eines selbständigen Kolonialamtes als eine Notwendigkeit. Dann ergriff der neue stellver­tretende Kolonialdirektor Dernburg das Wort. Er bezeichnete die Aussichten für die Zukunft unserer Kolo­nien als gut, erklärte aber die Schaffung neuer Ver­kehrswege durch Eisenbahnen für notwendig und schloß mit den Worten:Vom ethischen wie vom materiellen Standpunkte erhoffe ich vom deutschen Kolonialbesitz eine neue Betätigung deutschen Geistes, deutscher Tüch­tigkeit, deutscher Kultur." Abg. Schädler (Z.) bezeichnete die Ausführungen des Kolonialdirektors als zu opti­mistisch, erkannte mit dem Reichskanzler den Heldenmut unserer Schutztruppe an und gab schließlich die bemerkens­werte Erklärung ab, daß sich das Zentrum nicht mit dem Abg. Erzberger und seinen kolonialenEnthüllungen" identifiziere. Abg. Ledebour (Soz.) erging sich in den üblichen Phrasen und Tiraden und nannte die von dem Kolonialdirektor ausgestellten Berechnungen und Zahlen Jnventurkunststücke des neuen Kolonialchefs. Als er inbezug auf diese Berechnungen von planmäßger Täuschung des Reichstages sprach, unterbrach ihn der Präsident, und als der Abg. Ledebour hierauf für den Ausdruckplanmäßige Täuschung" das Wort Riccauts de la Merlinivrescorriger la fortuue gebrauchte, wurde er von dem Präsidenten Ballestrem zur Ordnung gerufen.

Der Reichstag setzte am vergangenen Donners­tag die Debatte über die beiden Kolonial-Nachtrags- etatS fort. Abg. Dr Seniler (natl.) trat energisch für den Bau von Eisenbahnen iu Südwestafrika ein und Dr. Arendt. (Rp.) stimmte ihm bei. Ebenso trat Freiherr v. Richthofen (kons) für die Kolonialpolitik ein Kolonialdirektor Dernburg kündigte ein Eisenbahn- Bauprogramm, eine Wehrordnung, eine Steuerordnung, eine Vorlage über die Unterstützungen für die Farmer an. Abg. Kopsch (fr. Bp ) konnte nicht unterlassen, in seiner gewohnten Weise die Kolonialpolitik zu be- kämpfen. Au, Freitag sprach als erster Redner Abg Lattmann (Wirtsch. Vg.) die Sympathie seiner Partei für den zur Verhandlung stehenden Bahnbau aus, auch Abg. Schrader (fr. Vg.) erklärte, feine Partei werde für die Bahnvorlage eintretcn. Abg. Erzberger (Z.) hielt eine zwei Stunden lange Rede, um alles vorzu- bringen, was er im Laufe des Sommers an konialem

Natürlich nichts," entgegnete der junge Mann mit ruhiger Uebcricgenheit.

Aber ivenn sich das Mädchen die Sache zu Herzen nimmt?"

So töricht ist sie nicht, darauf verlaß Dich. Ja, Va- ter, Du kennst nicht das Leben, vor allem nicht da» in der großen Stadt und weißt nicht, wie die Menschen e» treiben Uehrigens ist die Sache ja auch noch harmlos ge­nug ; beide verleben ein paar freie Nachmittage in ange- nelnner Gesellschaft.

Was ist am Ende dabei ? Führt Kleinau das Mädchen nicht aus, so tutr sicher ein anderer. Da» kleine Ding ist wirklich niedlich und null auch einmal ein Vergnügen ha­ben. Was siehst Du mich so sonderbar an?"

Na, ich frage mich eben, ob Du nicht auch eine andere Begleitung lieber hättest al» die Deine» alten Vaters? He, mein Junge, sei ehrlich!"

Eine andere Begleitung lieber ?" entgegnete Karl, und seine schönen, ruhigen Augen leuchteten hell auf, indem er den, alten Herrn bte Hand entgegenstreckte.Nein, Vater, da kennst Du mich doch schlecht." Er nahm den Strohhut ab und lächelte ein wenig.Sieh, derartigen Streichen ist unsereiner doch schon entwachsen," sagte er

So meine ich eS nicht," antwortete der Rendant.End- gültig entwachsen . . hm hm! Zu meiner Zeit waren der­artige Sachen überhaupt nicht mode, lieber Junge. Sei überzeugt daß ich Dir Kleinau in keiner Weise zum Vor­bild setzen will. Aber wie steht eS mit dem Heiraten? In Deinen Jahren solltest Du an die Gründung eines eige- nen Hausstandes denken ; ich rate zu Deinem Besten."

Vater ich habe auch schon daran gedacht," meinte Karl*aedankenvoll.ES wird Zeit. Ich kenne verschiedene aanz nette Mädchen, aber zu meiner Frau möchte ich keine machen. Die Verhältnisse passen gar nicht "

Der Alte mürbe ungeduldigWenn Du da» Mädchen wirklich lieb hättest, würden auch die Verhältnisse paffe». <^ch war mit Deiner Mutter sieben Jahre verlobt, sieben Jahre habe ich warten müssen, ehe ich an die Hochzeit

Klatsch zusammmgerräge« hat. Dem Abg. E antwortete Kolonialdirektor Dernburg, nachden noch der Reichsschatzsekretär Freiherr v. Sie hatte, daß die Mittel für die Etatsüberstl die sudwestafrikanisch Erpedition aus den ' der Reichshauptk. m

Bei der

Wahlkreise erhic . . i

Sagan (frs.Bp . oa.^t Leoel^uc (Soz.) 1114 .... . y.ruujali Ulrich (kons.) 211 Stimmen. Er fi.met sonach Stichwahl zwischen Lede- bour und Müller-Sagan statt. Bei der Landtagswahl im Jahre 1903 stimmten im ganzen 2603 Wahlmänner, und zwar 1311 für den freisinnigen Dr. Zwick, 1100 für Ledebour und 180 für den konservativen Kandidaten.

Bei den Wahlen zum Landesausschuß von Elsaß- Lothringen wurden in 24 Stadt- und Landkreisen unter anderen die früheren oder jetzigen Reichstagsabgeordneten Winterer, Blumenthal, Welterle, Riff, Hoeffel und Jaunez gewählt. Die Klerikalen gewannen Kolmar- Land und Wanzenau, verloren jedoch Straßburg-Land. Die Sozialdemokraten verloren den einzigen Sitz Mül- hausen an die Demokraten.

Die Ausiedelungsksmmission hat die polnischen Rittergüter Murtschin, Wiewiorlschin und Kierzkowo für nahezu 3'/» Millionen Mark erworben. Dagegen gingen die Rittergüter Marienhöhe und Komor für 2 Millionen Mark an die Polen Filipinski und Prond- zynski über.

Köstlich wird die Rolle der Geistlichen beim polnischen Schulstreik durch folgendes Geschichtchen illustriert. In einer Bezirksschule der Stadt Posen, in welcher der Streik noch nicht eingesetzt hat, gibt der Lehrer seiner Verwunderung herüber Ausdruck. Und piompt und offenherzig erfolgt die Auskunft aus Kindes- mund:Der Propst hat uns noch nichts gesagt/' Ja dann freilich!

Ausland

Die Demission des spanischen Kabinetts ist zur Tatsache geworden. Morei ist vom König mit der Bildung des neuen Kabinetts beauftragt worden, das in folgender Weise zusammengesetzt ist: Borsitz Moret, Aeußeres Perez Caballero, Inneres Barrosu, Finanzen Eleutrio Delgado, öffentliche Arbeiten Gasset, Krieg Luque, Marine Alba, Justiz Barrosso: das Portefeuille des öffentlichen Unterrichts ist noch nicht vergeben.

In dem russischen Dorfe Senienow nahmen die von Agitatoren aufgereizten Bauern aus dem Gemeinde- Vorratshause sämtliches Getreide fort und entwaffneten zwei Wächter. Am folgenden Tage traf der Distrikts­

denken konnte . . allein ich wußte eS ganz genau, die wird Deine Frau oder keine andere."

Da hast Du eben Glück gehabt," meinte Karl.Du lieber Himmel! Agathe Hilbig, Du weißt, die Tochter de» Anitörichters hatte ich wirklich gern, aber als ich merkte, daß ihr Bruder allerhand Sachen anfing, Wechsel fälschte und^auf Rennbahnen verschiedene Scherzchen trieb, daß die Staatsanwaltschaft verlangend die Arme nach ihm aus- streckce, da, siehst Du, da war meine Liebe spurlos verflo­gen. Wahrhaftig! Dieser dunkle Ehrenmann hatte sie völ- lig absorbiert."

* *

Karl erhob sich, um gleichfalls noch einen kurzen Spa- ziergang zu nnternehmen. Er schlug einen schmalen Wald­pfad ein, damit er sicher war, dem jungen Paar nicht zu begegnen.

Als er ein Weilchen gewandert war, bog der Weg ab und führte dann an einer schnialen Feldsteinmauer ein- lang. Dahinter lag, so schien eS, ein verwilderter ungeeb- neter Garten. In buntem Gemisch Sträucher und niedri­ges Gebüsch, Brombeergestrüpp und rankende, wilde Ro- fen, bis die Wildnis in einen Park überging

Herr-

unbdazu

Als Karl ein Stückchen an der Mauer entlang aegan- gen war, überkam ihn die Luft näheren Einblick in bte grüne Herrlichkeit zu gewinnen; mit einem getvandten Sprunge setzte er über da» steinerne Schutzwerk. Nie- mand hatte sein Eindringen bemerkt, niemand war zu se- hen. Karl blickte sich aufmerksanr um; der Park eines märkischen Gutes in SomitagSnacfjmittagSftimmung. Herr­liche, alte Bäume, Sonnenschein, Vogelstimmen und dazu eine fast andächtige Ruhe und Stille.

Der junge Mann warf sich e»dlich in den Schatten einer knorrige» Eiche. Er nahm den Hut ab, blickte in das kraule grüne Geäst über sich, dann in die tanzenden Schacren die auf den Weg fielen und versank schließt ch in Trännle- rer, einen Zustand, der seinem Wesen im allgemeinen ziem- lich fremd war. . . 1351g