Wichtemer^eltung
Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
3? 96. Samstag, den 1. Dezember 1906. 57. Jahrgang.
Erstes Blatt.
Die Besudelung des deutschen Chrenschitdes.
Gegen die Schande der Besudelung des deutschen Ehreüschildes im eigenen Lande wendet sich Generalmajor a. D- v. Zepelin in der „Kreuzzeitung" mit flammenden Worten. Der Artikel schließt: Der „deutsche Leutnant", von dem Bismarck mit solch treffendem flolzeit Worte sagte, ihn mache uns niemand nach, er wird ja vom Reichstagsabgeordneten bis zum elendesten Zeilenschreiber herunter zur Karikatur gemacht, er, der als selbstloser Held, ohne Anspruch auf Anerkennung und Dank für sein Baterland zu sterben weiß im fernen Afrika, einer gegen Hunderte, als aufopfernder Kamerad seiner Reiter. Davon lesen wir in den Zeitungen dieser Richtung nichts, finden wir in den schmählichen Witzblättern, die wie Giftpilze aufschießen und sicheren Absatz finden, nichts. Für diese ist der deutsche Offizier nur der brutale Geck, der den edlen, in der Schule der revolutionären Sozialdemokratie vorgebildeten Sohn des Volkes peinigt und schindet — zu seinem ganz besonderen Vergnügen. Sind die Revolutionäre aber allein die Schuldigen an diesem schmachvollen Treiben? Nein, alle im deutschen Volke, wes Standes und welcher Parteirichtung sie auch sind, welches ihre Motive auch sein mögen, die es ermöglichen, daß, unsere Bühnen, die Schaufenster unserer Buchläden, die Bestände unserer Leihbibliotheken mit diesen Erzeugnissen literarischen Freibeutertums ausdauernd ausgestattet werden. Gewiß ist es bei vielen nur die gedankenlose Freude an prickelnder ' Lektüre, am Skandal und an dem Herabziehen des Glänzenden in den Schmutz, bei anderen die träge Gleichgültigkeit, bei noch anderen endlich der geheiine Neid auf die ihrer Ansicht nach unberechtigte und doch mit so viel Blut auf dem Schlachtfelde, mit so viel Blud auf dem Schlachtfelde, mit so viel entsagender Pflichterfüllung und Selbsterziehung im Frieden verdiente geachtete Stellung des Offiziers, die hier diese Giftpflanzen züchten hilft. Aber ist deshalb ihre Mitschuld geringer? Nein, sie allein ermöglicht ja eben nur das schmachvolle Treiben jener, ebenso wie die gedankenlosen Mitläufer der Sozialdemokratie dieser die Mittel verschaffen, weche die Genossen um Bebel und Singer zur Förderung der Revolution verwerten, die allein ihre Ziele fördern kann. Wir wissen, daß wir vielen unserer Leser nichts Neues sagen, aber wir glauben auch, daß in einer so ernsten Sache, bei der es sich um das Fundament des Schildes handelt, der
vor ernsten Zeiten uns bewahren und, sollten diese kommen, unser Baterland schützen soll, es Pflichl ist, ohne Scheu aus die Gefahr, die uns droht, und auf die Mitschuld aller Kreise unseres Volkes hinzuweisen, die sie trifft, wenn sie nicht diesem Treiben ein Halt gebieten,' sondern es mittelbar oder unmittelbar unterstützen. Möge sich das deutsche Volk auch nach dieser Richtung ermannen und aus sich selbst besinnen!
Deutsches Reich.
— Der Kaiser nahm am Dienstag Mittag im Kieler Schlosse die Einstellung des Prinzen Sigismund von Preußen, des jüngsten Sohnes des Prinzen Heinrich von Preußen, als Offizer des ersten Garderegiments z. F. und Stellung desselben a in Mte der Marine in feierlicher Weise vor in Anwesenheit der direkten Vorgesetzten des ersten Garderegiments, von Marineoffizieren und der Herren des Gefolges sowie des Prinzen Eitel Friedrich als Führer der Leibkompagme.
— Der Kronprinz übernahm das Protektorat für die deutsch-nationale Kunstausstellung im Jahre 1907 in Düsseldorf.
— Das neu vermählte Paar, Prinz und Prinzessin Johann Georg von Sachsen hielt am Montag nachmittag unter dem Jubel der Bevölkerug seinen Einzug in die Residenz Dresden Nachdem aus dem Bahnhof großer militärischer Empfang staltgesunden hatte, wurden die Neuvermählten vor dem Rathaus namens der Stadt durch Oberbürgermeister Beutler mit einer Ansprache begrüßt. Nach kurzen Dankesworten des Prinzen bewegte sich der Zug nach dem Schloß, wo die Begrüßung durch den König und die übrigen Mitglieder des königl. Hauses erfolgte.
— Anläßlich des Einzuges des Prinzen und der Prinzessin Johann Georg hat der König nach dem Vorschlag des Justizministeriums etwa 120 Personen, die wegen in Not begangener Vergehen gegen die Ver- mögensordnuug zu Geld- oder Freiheitsstrafen verurteilt waren, die Straseii im ganzen oder teilweise erlassen.
— Der Reichstag setzte am vergangenen Sonnabend die erste Beratung des Gesetzentwurfs über die Rechts Fähigkeit der Berufsvereine fort. Die Abgg. Schickerl (kons.) und Bokelmann (Rp.) erklärten sich im wesent licheu mit der Vorlage einverstanden, während die Abgg. Wassermann (natl.), MÜgdan (frs. Vp.) und Schack (Wirtsch. Vg.) Bedenken gegen die Vorlage vorbrachten. Staatssekretär Graf Posadowsky führte aus, daß man bei Beurteilung des Entwurfs von dem Bürgerlichen Gesetzbuch ausgehen müsse, zu dem er eigentlich eine Novelle darstelle, und er schloß mit dem Appel an die bürgerlichen Parteien, das Gesetz nicht scheitern zu
lassen. — Am Montag ehrte das Haus zunächst das Andenken des verstorbenen Abg. Dreesbach (Soz.) durch Erheben von den Sitzen und setzte dann die Beratung des Gesetzentwurfs über die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine fort. Abg. Pachnicke (frs. Vp.) bekämpfte den Entwurf, Abg. Giesberts (Z) trat für das Koalitionsrecht der Landarbeiter ein und Abg. Heine (Soz.) erklärte im Namen seiner Partei die Hauptbestimmungen der Vorlage für unannehmbar.
— Plötzlich und unerwartet ist infolge Herzschlags der Erzbischof von Gnesen-Posen und Primas von Polen Dr. Florian v. Stablewski gestorben. Er hat ein Alter von 65 Jahren erreicht. Am 16. Oktober 1841 in Fraustadt in der Provinz Posen geboren, absolvierte erjeine theologischen Studien zunächst am bischöflichen Seminar in Posen, dann an der Universität ^tünchen. Im Jahre 1865 zum Priester geweiht, wirkte er vorübergehend als Seelsorger in seiner Heimat und nahm dann eine Stelle als Religionslehrer am Gymnasium in Schrimm an, welches Amt er bis 1873 bekleidete. Zum Propst in Wreschen ernannt, wurde er 1876 in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt, wo er sich der polnischen Fraktion anschloß. Seine Ernennung zum Erzbischof von Gnesen-Posen erfolgte im Jahre 1891. Pole von Geburt und Erziehung, hatte Stablewski als preußischer Bischof manchen Konflikt durchzukämpfen, und eben jetzt erst war er in den Wirren des polnischen Schulstreiks, dessen Urhebern er bis zu einem gewissen Grade recht geben zu müssen glaubte, wieder in den Vordergrund des öffentlichen Interesses getreten. Nun hat ihn ein Schlaganfall dahinq-raffl.
— Der polnische Widerstand gegen den deutschen Religionsunterricht nimmt allmählich Formen an, die an das Versah« en der russischen Revolutionäre erinnern. Der Direktor und ein Lehrer des katholischen Lehrerseminars in Exin (Provinz Posen) erhielten vor einigen Tagen anontime Briefe, in denen ihnen angekündet wurde, daß sie für ihre Haltung im polnischen Schul- streik zum Tode verurteilt seien, und daß das Urteil demnächst vollzogen werden würde! Jetzt hat übrigens auch schon der polnische Nationaldichter Sienkiewicz, der bekanntlich seinen Deutschenhaß früher schon kräftig bewiesen hat, mobil gemacht. In einem langen Aufruf an den deutschen Kaiser protestiert er gegen das Verhalten der deutschen Beamten im Schulstreik. Nützen wird es ihm Wohl freilich nichts.
— Aus Breslau wird wieder ein deutscher Verlust an die Polen gemeldet. Das Rittergut Dalbersdors im Kreise Groß Wartenberg ist in polnische Hände Übergebungen. Es hat in kurzer Zeit dreimal seinen
in meiner
Falsche Freunde.
Roman von Elwin Starck. 6
Die Zeit verging, und Karl kam in bett 8enm nnch Hanse. In Berlin hatte er den Sohn des ehemaligen Bürgermeisters Fuchs getroffen, der Philologie studierte „Verkehrst Du mit ihm?" wollten die Eltern wiffem „Ein wenig, hin und wieder," entgcgnete Karl. „Ich in meiner bescheidenen Lage kann e» mit Emil nicht ans- nehmen, der in jedem Lokal das Geld int vollen Handei ausstreut. Und da ich dann nicht zurtckstehen mag u» kann, dränge ich mich selbstverständlich nicht dazu, m seine Gesellschaft zu kommen, ja ich lehne ab, wenn er mich aus- fordert, di« Abende gemeinsam zu verbringen.
„Wenn ihm da» Geld so leicht ou» den Fingern rollt, verdirnt er wohl schon?"
„Ein wenig, vielleicht," Karl zuckte die Achseln FnchS schriftstellert, so heißt eS, und er hat auch Verkehr m der Presse. Aber daS Füllen deS G-ldbeutcl» besorgt sei Vater, alle» wa» er erzählt, weist daraus hi», daß er von -an» an» wohlhabend ist!"
„Wie ist da» möglich!" staunt«der Reudaut „DerBür. germeister besaß keinen Pfennig Vermögenund von wem
gernieister besaß keinen Pfennig Vermögen nno von we Wille erauch etwa» geerbt haben? Sein Vetter, der Ba * kier, der für wohlhabend galt, ging mit Schulden ane Welt." , ...
Karl schüttelte den Kopf. „S'sagtman, allein ich have «och etwa» andere» gehört Backier Herzog so» si-MAr mögen heimlich, beim Bürgerin« ster deponiert haben, chen vorher, ehe der Konkurs» mgemeldct wurde.
„Ist den, so, ist's freilich uwegreiflich, daß sich Herzog das Leben nahm," meinte der >lte Geißler. „Dann J " wohl vor, mit dem Gelde 41 entfliehen?
„Wahrscheinlich, man mutnaßt e». Und er wäre sicher geflüchtet, wenn ihm nicht der Bürgermeister in M ^unde, und zwar, ehe erzumilSnerschen JndUanwich Httsin fuhr, dir Herausgabe einer Papiere verwuge
hätte. Da sah Herzog keine Rettung mehr für sich und machte seinem Leben ein Ende.
, Und der Bürgermeister . . der Bürgermeister," rief der Rendaut in maßlosem Erstaunen, „Du willst doch nicht sagen, daß Fuchs das Herzvg'che Swnögen für sich be- halten hat?" fragte er, den Sohn groß anftarrenb.
„Ja, daS wollte ich allerdings sagen," lautete Karls '"^Ab^r K^rh glaubst Du ivirklich, waS Du da sprichst ?"
"Warum nicht, Vater? Mir kommt die ganze Sache durchaus nicht unwahrscheinlich vor "
Eine» solchen Unrechts hätte sich der Bnrgermeister nicht schuldig gemacht, ich glaube es nicht, nein, ich glaube es nicht!" rief Geißler empört.
Lieber Vater, maS ist recht und was ist nurecht ? fragte Karl In Geldsachen hört bekanntlich die Geniütlichkeit auf von Sbclmut gar nicht zn reden. DaS Herzogiche Aer- möacn befand sichln den HändendeSBürgermeisters und dieser behielt eS nach dem Tode deS Bankiers gleichsam alS aeerbte» Gnt. War er doch HerzogS nächster Verwandter. Von seinem bißchen Pension konnte er doch auch nicht sechs Kinder ernähren und Erziehen."
' ivin nicht hoffen, mein Sohn, das Dn die Hand- lungSiveise des Bürgermeisters verteidigst?" brauste der ^"° Verteidige»? Wer sagt das? Nein, ich erkläre nur, dab 'ich sie immerhin verständli>h finde."
Ich verstehe den Jungen nicht mehr," sagte Geißler senior die Achseln zuckend, und alS er eines Tages auf KarlS Schreibpult ein Buch fand, das er zuerst achtlos durchblätterte, bis er anfmerksamer werdend, mit großem 9) Sagen darin laS, verstand er ihn erst recht nicht. Er hatte mit Karl eine lange Uiiterredung darüber
lieber solche Sachen wollen mir lieber nicht reden, „,„:",, d-r Student, den blonden Kopf in den Nacke«, iver- K Die Naturwissenschafthat in den letzten Jahren be- i nende Fortschritte gemacht, die ganze Weltanschauung SÄ »"d das ist selöstverstättdUch nicht
ohne Einfluß auf daS Gemütsleben, wozu auch der Glaube gehört, geblieben Wollen wir daS Gespräch darüber nichr lieber abbrechen?"
„Dn wirst mir doch antworten, Karl wenn ich Dich frage?" mahnte Geißler ernst
„Selbstverständlich, Vater, aber siehst Du die Natur- kräfte . .„
„Weiter, Karl, weiter."
„Ich meine, früher muhten die Menschen nicht, welche ttngehenereu Kräfte in der Natur schlummerten. Nach der Entdeckung tat sich eine wundersame Welt vor ihnen auf. Hub als sie nun die Wunder heben und gebrauchen lernten, da änderten sich auch notgedrungen die bisherigen, ich möchte fast sagen, kindlichen Anichanungen. Ihr Gesichtskreis ernoeiterte sich Sie drangen in das Wesen der Natnr ein, und mer die»Natur erkennt, der weiß, daß auf den einzelnen keine Rücksicht genommen werden kann. DaS Leben vollzieht sich nach Gesetzen."
„Rücksicht wird auf den einzelnen nicht genommen," wiederholte Geißler. „Hm . . hm, die Schöpfung laßt Ihr gelten, aber den Schöpfer nicht Habe ich recht, mein Sohn?"
„Wenigstens in gewisser Weise, Vater."
„Sieh, sieh, Karl. Also das ist Dein Glartbe. Nun, wir werden später, meint Du alter und reifer geworden bist und man Deiiw Ansichten ernst nehmen kann, aus unser Gespräch zurückkommen. Mit Deiner 3ngenb mag ich nicht streiten."
Karl biß sich auf die Lippen und schlvieg.
Al» der junge Mann nach einigen Jahren sein Examen mit AuSzeichunng bestanden, ließ ElSner abermals von sich hören. Er bot seinem Schützling eine Ingenieurs««!, hing in seiner Fabrik an, zugleich mit dein Bemerken, daß daS ohnehin auskömmliche Gehalt von Jahr jn Jahr steigen würde.
Selbstverständlich ging Karl au? den Vorschlag ein Sein Vater, der Sorge um die Zukunft seines Sohnes enthoben, mar stolz und glücklich, ihn in oem Dienst seine» Wohltäters zu wissen. 135 ig