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Mittwoch, den 28. November 1906.
57. Jahrgang.
Nachrichtendienst des Dentschen Handwerks- und Gewerbekammertages.
Am 15. d. Mts. hielt der geschäftsführende Aus- schuß des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages in Anwesenheit mehrerer Mitglieder des Reichstags und des preußischen Abgeordnetenhauses eine Sitzung ab. Aus dem Geschäftsbericht ist hervorzuheben, daß der preußische Minister für Handel und Gewerbe eine Eingabe, in der ersucht wurde, dem Ausschuß die Ergebnisse der in 8 preußischen Regierungsbezirken ver- anstalteten Erhebung über die Zahl der in gewerblichen Großbetrieben beschäftigten, in Handwerksbetrieben ausgebildeten Arbeiter zugängig zu machen, aus grundsätzlichen Erwägungen abgelehnt hat. Dem Reichsjustizamt wurden in einer Eingabe die Stellung- nahme und die Abänderungswünsche der Handwerks- uud Gewerbekammern zu dem Gesetzentwurf bctr. die Erleichterung des Wechselprotestes übermittelt. Dem Bundesrate und dein Reichstag wurde gemäß den Beschlüssen des Nürnberger Kammertages eine Eingabe unterbreitet, die sich gegen die von der XL Reichstagskommission angenommene Resolution betr. Erlaß von Verordnungen zum Schutze der Bauarbeiter aus Grund des §' 120e der Gewerbeordnung und Ausübung der Baukontrolle durch besondere Beamten (§ 139b R.-G.-O.) unter Hinzuziehung gewählter Vertreter der Arbeiter wendet. Mit der Firma J. Guttentag, Verlagsbuchhandlung G. m. b. H., Berlin, wurde ein Vertrag abgeschlossen, nach dem die „Mitteilungen des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages" vom 1. Januar 1907 ab in ihren Verlag übergehen und unter dem Haupttitel „Das deutsche Handwerksbb.it" als Monatsschrift erscheinen werden.
^Dir Bera.ungen des Ausschusses erstreckten sich n. a. nochmals auf den Gesetzentwurf zum Schutze des Bauhandwerks, der den Reichstag demnächst in 2. Lesung beschäftigen wird. Der Ausschuß erklärte es als wünschenswert, daß im § 35 der Gewerbeordnung ausdrücklich bestimmt wird, daß die Untersagung des Gewerbebetriebes für das ganze Reichsgebiet Geltung haben soll, da einzelne Gerichte den Bereich der Untersagung nur für das betreffende Staatsgebiet angenommen haben. Vor allem sei jedoch noch erforderlich, daß die Möglichkeit, die auf Grund des § 35 erfolgte Untersagung des Gewerbebetriebes durch die Gründung einer juristischen Person zu umgehen, ausgeschlossen werde, da sonst der Zweck des Gesetzes illusorisch werde. — Als dringend notwendig wurde ferner eine endgültige Klärung der Frage der Eintragsfähigkeit von Handwerkern in das Handelsregister
Iatsche Irennd«.
Roman von Elwin Starck.
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Geißler machte große Augen. Und mit dem Besitzer bietet Herrlichkeiten hatte er einst die Schulbank gedrückt, ja Elsner galt nicht einmal für besonders begabt, er, der Renbant, hatte ihn oft da» Lateinische abichrelbe» lagen.
Der Konmierzienrat aber, dem am Knopfloch ein 011^11- deS Sternlein glänzte, das ihm heilte allerhöchsten Orts in Würdigung industrieller Verdienste geworden war, über-
»Geißler mit Aufmerksamkeiten aller Art plauder^ ächlich mit ihm, unb erkundigte sich ausführlich nach Karl, für den er sich, wie er sagte, beionderS luteressterte^
Die auffallende Bevorzugung Geißler- von selten des Kommerzienrat» verletzte denBürgermeffter, der als Ob - Haupt der Stadt alle Ehren gern für sich allem beansprucht ^Beim Festdiner in der kommerzienrätlichen Villa trank er infolge der Verstimmung mehr Champagner als er vertragen konnte, unb gab seinen Gefühlen AuSdr
„Lieber Freund," sagte er, sie ben Sektschaum vo n Bart streichend, zn seinem Nachbar dem Nendantc , „»uu, wa» sagen Sie zu dieser Feier, großartig waS? Und der Herr Gastgeber ist äußerst liebenswürdig zu JH' e>>? H n
.man sagt, er wäre fast Ihr.Schwager g° ^ Stimmt'» ?Al»juuErMann hat er ja wohl viel im Hause Ihrer Eltern verkehrt?"
Geißler bejahte kurz.
„Ob e» denn wahr ist?"
„Wa» denn, Herr Bürgermeister?
„Daß er Ihrer Schwester nachgegangen ist / fragte Fuchs malitiö». ~
Geißler erregte sich über Ton und Frage. „Meine arme Schwester ist tot," sagte er kurz, „also bitte...
„Bitte, was?"entaegnetederBürgermeister,bereue roten Kops bekam. „Man wird doch nach solchen Sachen frage» töimen. Ein Geheimnis sind sie ">cht Die ganze «itadt hat von dem Berhältm» Elsner» zu Ihrer jetzt
und der Firmenführung durch Handwerker bezeichnet, da in dieser Hinsicht in letzter Zeit von einigen Handelskammern ein Standpunkt eingenommen werde, der die Interessen des Handwerks auf das Schwerste schädige. Mit der Weiterverfolgung dieser Angelegenheit wurde eine aus den Gewerbekammern Dresden und Hamburg und den Handwerkskammern Breslau und Erfurt bestehende Kommission beauftragt.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser hat dem Württembergischen Kriegsminister von Marchtaler den Kronenorden erster Klasse verliehen. ~
— Der Kaiser begab sich am Samsstag um 10 Uhr vormittags nach der kaiserlichen Werft in Kiel, um eine Besichtigung vorzunehmen.
— Die offizielle Ernennung des preußischen Land- wirtschaflsministers, Ritterschaftsrats Bernd von Arnim, Mitglied des preußischen Herrenhauses und Ritterguts- besitzer von Criewen, ist nunmehr erfolgt. Der „Reichsanz." melbet amtlich: „Der Ritterschafrsrat, Rittergutsbesitzer von Arnim aus Criewen ist zum Staatsminister und Landwirtschaftsminister ernannt worden. Der Minister des Innern von Bethmann- Hollweg ist von der Leitung des Landwirtschaftsministeriums entbunden worden." Exzellenz von Arnim wurde in Criewen am 20. Mai 1850 geboren und ist Leutnant zur See a. D. Er widmete sich der Bewirtschaftung seiner Besitzungen und später mancherlei öffentlichen Ehrenämtern; so ist er seit 1895 stellvertretendes Mitglied des Landeseisenbahnrats, seit 1902 Mitglied des Landesökonomiekollegiums. Seit 1896 ist von Arnim Direktionsmitglied der uckermärkischen Ritterschaft in Prenzmu. Im ymti d. J. wurde er als Vertreter des alten und befestigten Grundsitzes in der Uckermark auf Lebenszeit in das Herrenhaus berufen. Schon seit 1892 war Bernd von Arnim Vor- sitzender des Vorstandes der Deutschen Landwirlschafts
Gesellschaft.
— Der Reichstag führte am vergangenen Donnerstag die Beratung der Novelle zur Gewerbeordnung zu Ende. Die Debatte brächte wesentlich 'Neues nicht mehr. Staatssekretär Graf Posadowsky verwahrte sich nochmals mit allem Nachdruck davor, al» ob er für den Befähigungsnachweis im großen, den Ausschluß aller Handwerker von der Ausübung der Gewerbe, die nicht die Meisterprüfung bestanden hätte», zu haben sei. Das Gesetz fand im wesentlichen M der Form! , , , . _
ber Kommissionsbeschlüsse Annahme. Es folgte die zu welcher Zeit er die berühmte Rede Blsmarcks auch zweite Lesung des Gesetzes über den Schutz des Urheber->jn exteuso veröffentlicht habe.
verstorbenen Schwester gesprochen. Wenn td) auch nicht allen Klatsch glaube, so muß ich doch gestehen, daß mich ElsaerS Betragen Ihnen gegenüber stutzig macht
Geißler ruuzelte die Stirne. Elsners Freundlichkeit hat seinen Grund in alten Jiigeildbeziehungen," sagte er
Hm . . alte Jugendbeziehnngen! Diese Freundlichkeit ist verdächtig, sieht ganz danach auS, als 'volle er etwa«, na, um es kurz zu sagen, als wolle er etwas gut mache,t"
„WaS sollte er denn gut machen wollen ?" fragte Geiß-
Der Bürgermeister zuckte die Achseln. „Was? Mein Himmel, jeder Mensch hat doch ein Gewiße». Da sich Els- «er etwas vorzniversen hat, möchte er eS gern wieder wett machen. Weiter sage ich nichts. Geißler, weiter sage ich nichts. Ihre Schwester ist tot."
Ueber meine Schwester kein Wort mehr," brauste der Rendcmt auf. „Ich weiß, daß über sie, als sie an einem stürmischen Abend auf der Brücke verunglückte und tu dem durch den reißenden Bergbach stark angeschwvllenen Flup ihren Tod fand, viel gesprochen roorbeu ist. Du lieber Himmel die Lente glauben gern das Schlimmste, viel lieber als an einen einfachen Unglücksfall. Aber die -toten, die sich nichtverteidigenkönnen, soviel man sie auch schmäht, fuhr er seine Stimme dämpfend fort, „soll man rillen la,-
Schön," sagte der Bürgermeister bissig, „lassen mir sie ruhen. Prost Herr KvniMerzienrat!"
ElSner, der auf der andere» Seite der Tafel saß, hatte fein GlaS erhoben unb trank mit einer lannigen Bemerkung den Herren zu, und beide taten sich Zwang an, die Höflichkeit lächelnd zu erwidern.
AlS die Deputation nach Hause zurückkehrte, herrschte dort Bestürzung und Erregung. Den Bankier des Städtchens hatte man gestern als Leiche im Bett gefunden unb nleirf) hatte der Vertreter der Firma Konkurs angesagt. Man erzählte sich, daß bedeutende Summen fehlten, auch
rechts an Werken der bildenden Kunst und Photographie. Das Gesetz, das der Photographie und dem Kunstgewerbe den Urheberschutz bringt, dessen sie bisher entbehrten, fand allgemeine Zustimmung. Vor dem.einzigen strittigen Paragraphen, dem § 23, der den Umfang des polizeilichen Rechts bestimmt, jemanden wider seinen Willen zu photographieren, wurde die Debatte abgebrochen und auf Freitag vertagt. — Am Freitag wurde nach längerer Debatte auch der § 23 und schließlich die ganze Vorlage nach den KommiffionSvorschlägen angenommen. Dann wurde mit der ersten Lesung des Gesetzentwurfs über die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine begonnen. Abg. Trimdorn (Z.) erklärte, daß erst nach gründlicher Prüfung in der Kommission seine Partei ihre Entscheidung treffen werde. Abg. Regien (Soz.) vertrat den schroff ablehnenden Standpunkt der Sozial- demokratie und der freien Gewerkschaften.
— Im Reichstage ist eine Zentrumsinterpellation über den polnischen Schulstreik eingebracht worden. Sie geht unter dem Namen Graf Hompesch und Genossen.
— Bei der Landtagsersatzwahl in Stolp wurde Geh. Regierungsrat von Schmeling-Berlin (kons.) mit sämtlichen 405 abgegebenen Stimmen gewählt.
— Eine demonstrative Spielerei leistet sich der Hauptagitator der extremen Weifen, Graf von der Schulenburg-Hehleu, auf seinem Schlosse im Kreise Holz- minben. Er läßt seit dem 18. Oktober die braun- schweigische Flagge aus Halbmast wehen und hat geäußert, er werde sie so lange in dieser Weise aushängen, bis das Land sich seines Landesherr» würdig" gezeigt haben werde. Es gibt doch noch harmlose Gemüter!
— Eine zeitgemäße Reform unseres amtsgericht- lichen Prozesses ist bekanntlich, so schreibt die „Nordd. Allg. Zlg.", von feiten des Reichskanzlers in die Wege geleitet. Zur Verstäudiguiig über die Grundlagen des neuen Verfahrens sind Delegierte des preußischen Justiz- lmd des preußischen Finanzministeriums, der bayerischen, sächsischen, württembergischen, badischen, hessischen 'Regierung, der Hansestädte und der Reichslande .zu einer mehrtägigen Konferenz im Reichsjustizamte zu- fammengetreten. ____________________
Ausland
— Die italienische Zeitung „Popolo Romano" veröffentlicht die ganze Reichstagsrede des deutschen Reichs- kanzlers nach dem amtlichen stenographischen Bericht und fügt hinzu, daß er mit der wichtigen Rede des Fürsten Bülow ebenso verfahre wie im Februar 1888,
die Sparkasse, die die Notgroschen vieler kleinen Leute enthielt, war leer.
Der Bürgermeister, dessen Vetter der Bankier Herzog war und auf dessen Rat man diesem einst die Verwaltung städtischer Gelder anvertraut hatte, die nun auch verloren waren, hielt es unter diesen Umständen für geraten, sein Amt niederzulegen.
Bald darauf verließen er und die Familie die Stadt
Fuchs zogen weit fort, hieß eS.
Zu den vorn Bankerott am
|ten ge-
hörte Reuduut Geißler, der sein gesamtes Heines Vermögen verloren hatte. Geraume Zeit dauerte eS, ehe er sich in den Verlust finden konnte, doch seine Frau überwand den Schlag nie. Den Hauptbestandteil der verlorenen Summe hatte einst ihr Vater mühselig in Groschen zusammengespart, unb sie hatte ihm redlich dabei geholfen und sich int Entsagen geübt. Die Mühe eines Lebens war dahin. Um das verlorene Gnt sorgte und grämte sie sich vielleicht mehr, als recht war, und darunter litt ihre Gesundheit. Sie kränkelte, und auch Geißler war sorgenvoll und gedrückt. Er konnte dem Sohne nicht, worauf er sich jähre- laug gefreut, eine flotte, fröhliche Studentenzeit verschas- fen, er überlegte, wie er mit seinen geringen Mitteln das Geld zum Studium des SohueS aufbrittgen sollte. Aufgebracht mußte eS merben, baS war keine Frage, aber mle? 135,18
Da, als Karl die technische Hochschule beziehen sollte, er hatte seinen Willen gegen den der Eltern durchgesetzt, kam unerwartet Hilfe. Kommerzienrat ElSner auS Berlin erbat von dem alten Freunde, wie er Geißler in seinem überaus herzlichen Schreiben nannte, die Erlaubnis, sich Karls ein weuig anuehmen zu dürfen, unb hatte gleichzeitig dem Briefe eine bedeutende Geldsumme beigefügr. Geißler war wirklich erfreut. Er nahm da» Geld nicht für sich, sondern für seinen Jungen, der eS dem Geber einst bei Heller und Pfennig zurückerstatten würde. Er schrieb in diesem Sinne an Elsner und stellte einen Schuldschein aus, der jedoch zerrissen unfeine Adresse zurückkehrte.