SchWernerMung
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•M 94. Samstag, den 24. November 1906. 57. Jahrgang.
Zum Totenfest.
Der Erde größter Jammer Das ist der Trennungsschmerz, Der wie ein eh'rner Hammer Zermalmt das Menschenherz.
Er schont in seinem Wüten Nicht Jüngling, Mann und Greis,
Er tötet alle Blüten
Am grünen Lebensreis.
Des Himmels größte Wonne
Das ist das Wiedersehn
Im Strahle jener Sonne,
Die nie wird untergehn.
Es grüßt aus tausend Welten
Herab ins Erdental,
Wird jedes Weh vergelten
Mit Freuden ohne Zahl.
Drum, Pilger hier im Staube,
Nur Mut, nur unverzagt!
Dies sei dein Heil'ger Glaube:
Ein Wiedersehen tagt.
Wie viele dir geschieden,
. Wie viele du beweint —
Einst hat des Himmels Frieden Mit allen dich vereint._________________
Totensonntag.
„Am Ruheplatz der Toten, da pflegt es still zu sein —." Und auch an dem einen Tage im Jahre, an den, wir unserer teuren Dahingeschiedenen gedenken, ist es still und ruhig, am Totensonntag, dem letzten Sonntag im Kirchenjahr. Trüb und still ist's in der Natur, Blatt auf Blatt fällt von Baum und Strauch zur Erde nieder, alles predigt die ergreifende Sprache des Vergehens, still ists und weh im Herzen der Menschen, die hinauspllgern zur Stätte des Friedens, an den Gräbern ihrer Lieben in wehmütiger Erinnerung und schmerzlicher Trauer zu weilen, sie mit Kränzen und Blumen zu schmücken als Zeichen der Liebe, die den Tod überdauert und die im Anblick der Natur verstehen: daß unser Leben und Streben so unheimlich kurz ist, eine kleine Spanne Zeit nur, ein Tropfen im Meer der Ewigkeit. Jäh bricht manche alte und kaum vernarbte Wunde an den Gräbern von neuem auf, mancher Seufzer, manche stille Selbstanklage kommt über die Lippen der an Gräbern Trauernden — wohl uns, wenn wir dann sagen können, daß wir den von uns Geschiedenen nichts ab- zubitten, daß wir unsere Pflichten ihnen gegenüber treu erfüllt haben und daß das Band der Liebe
Falsch« Ir«««-«.
Roman von Elwin Starck. 4
Hub wieder rollte und lärmte e» Straßen auf, Stra- se» ab, die Menschenflut schob und drängte unaufhörlich »orwärt». Alle» war in Hast und Eile, alle» drängte und tagte.
Karl sprach auf seinen Vater ein.
Doch dieser schüttelte abwehrend den Kopf. „Nicht letzt, mein Junge, man kann ja sein eigen Wort nicht verstehen.
„Wie gefällt Dir da» Berliner Leben?" lächelte Karl.
„Fürchterlich, dieser Lärm, diese ewige Hetzjagd " „DieLeute haben eben alle keineZeit," entschuldigteKarl.
„Kann sein, ich verstehe e» nur nicht, daß man teilte Zeit haben kann. Freilich, ich habe die Ewigkeit vor nur
Da öffnete Karl die Tür eines Restaurant» und schob den alten Herrn hinein. .
Der kleine Speisesaal machte mit seinen einladend gedeckte» Tischen, den flammenden Gaskronen und der vornehmen Ruhe, bei allem Verkehr, dessen sich da» Lokal erfreute, einen behaglichen Eindruck. ~
„Gelandet," lächelte Karl, sich an der Leite seine» Vater» in ein bequemes Ecksofa drückend, „und nun können wir hier in Ruhe plaudern.
„He, Kellner, die Speisekarte!"
WaS sollte der Junge werden?
Al» Karl in dem glücklichen Alter stand, wo der Mad- cheukittel mit den ersten Höschen vertauscht wird, wuroe bereits diese Frage erörtert, da» heißt, er erörterte sie zwar nicht, aber sie bildete den unerschöpflichen Gesprächsstoff zwischen Vater und Mutter. .
Nach fast zehnjähriger, kinderloser Ehe war Herrn Ge,y- ler und Frau nur dieser eine Sprößling geschenkt worden, und so wurde schon da» Kommen beS kleinen ^Leu- bürger« gleichsam als Wunder anfgefaßt. Und so, wie er da» Licht dieser Welt schaute und die weise grau dem er- freuten Vater den strammen Buden verkündete, gab e» na
zwischen ihnen und uns durch den Tod nicht zerrissen ist. Sind auch die Augen geschlossen, die so liebend und sorgend einst auf uns ruhten, sind auch die Lippen verstummt, die so manches liebe und gute Wort uns gesagt, die Hände kalt, die wir so innig einst erfaßt und das Herze still, das so treu für uns geschlagen, die teurrn Toten, sie leben in unserem Herzen fort, sie weilen ungesehen und segnend unter uns und unser Glaube ist unser Trost: daß sie nur schlafen und dereinst auferstehen werden am jüngsten Tage, daß wir sie Wiedersehen in jenen lichten Höhen, da alle Not, aller Kampf und Streit ein Ende hat.
Laß sie ruhn, die teuren Toten,
Zähmt den Schmerz, das herbe Weh, Fern auch, sind sie Euch doch Boten Treuer Liebe in der Höh.
Wie sie lebten, wie sie litten, Ost denkt noch an sie zurück,
Wie sie sümpften, wie sie stritten Bis zum letzten Augenblick.
Wahrer Trauer, wahrem Schmerze Gebet Raum am stillen Ort, Fest die Hand aufs wehe Herze, Lebt in ihrem Sinne fort!
Deutsches Reich.
— Zum Gedächtnis der Botschaft Kaiser Wilhelms I. an den deutschen Reichstag vom 17. November 1881 hat der Kaiser im „Reichs- und Staatsanzeiger" eine bemerkenswerte Kundgebung erlassen, deren Wortlaut wir folgen lassen: Der heutige Tag, an welchem vor 25 Jahren der in Gott ruhende Kaiser und König Wilhelm der Große seine unvergeßliche Botschaft erließ, gibt mir willkommenen Anlaß, mit dem deutschen Volke m ersurchtsvoller Dankbarkeit dieses Friedenswerkes zu gedenken, durch welches mein erlauchter Ahnherr zum Schutze der wirtschaftlich Schwachen der Gesetzgebung neue Bahnen wies. Nach seinem erhabenen Willen ist es unter freudiger Zustimmung der verbündeten Regier ungen und der verständnisvollen Mitwirkung des Reichstags gelungen, den schwierigen und weitverzweigten Ausbau der staatlichen Arbeiterfürsorge auf dem Gebiete der Kranken-, Unfall- und Invalidenversicherung so zu fördern, daß die Hülfsbedürftigen in den Tagen der Not einen Rechtsanspruch auf gesetzlich geregelte Bezüge besitzen. Die Arbeiter haben damit, dank den umfassenden Leistungen des Reichs und ihrer Arbeitgeber, sowie auf Grund ihrer eigenen Beiträge eine erhöhte Sicherheit für ihren notwendigen Lebensunterhalt und für den Bestand ihrer Familien erreicht. Die großen und werbenden Gedanken der kaiserlichen Botschaft
türlich neue Wunder. Wie er schrie, gedieh, gehen und sprechen lernte, da» alle» geschah mit Abweichung vom Herkömmlichen, war in der Meinnng der Eltern eben noch nie dagewesen.Trotz alledem aberentwickelte sich daLBürsch- chen ganz normal und wurde ein ungezogener Schlingel, der sich just so wie andere Kinder in Wald und Feld um- hertrieb, Vogelnester anSnahm und abends mit Löchern in der Jacke und einem stannenerregenden Hunger heim tarn.
Frau Geißler aber erzählte noch immer ganze Bände über die Eigenschaften ihre» Wunderkindes und wurde et- waS pikiert, wenn Frau Fuchs, die Bürgermeisterin, die schon sechs aufgezogen hatte, sie mit ihrem Jüngsten, Franz, der mit Karl in gleichem Alter stand, übertrumpfen lvollte.
Frau Rendant ging seitdem nur sehr ungern in die Kaffees der Bürgermeisterin, die ihren Kuchen, wie siebehaup- tete, mit zuviel Bärme ausschte, welcher ihr infolgedessen nicht betonte.
Die beiden Männer, Bürgermeister Fuchs und Nen- daut Geißler, kümmerten sich selbstverständlich nicht um Kinderstilbenangelegenheiien, doch das gute Einvernehmen zwischen ihnen war durchdieBerschiedenheit ihrer politischen Ansichten getrübt worden. Der spanische Kronprätendent, Carlos von Spanien, hatte nämlich int Bürger- Meister einen unerwarteten, wenn auch nicht einflußreichen Freund und Anhänger gesunden, der ihm am Biertisch lange Reden widmete, während sich Geißler ganz entschieden auf die Seite des Königs AlphonS stellte Wenn den Männern AlphonS mib Carlos die Galle erregte, erweck- tett in den Frauen Karl und Emil eifersüchtige Gefühle Bürgermeisters skrophulöfcr Emil und ihr Karl, da war doch gar kein Vergleich, meinte Frau Rendant.
WaS sollte der Junge werden?
Frau Geißler, die einer alten Patrizierfamilie ent- stammte und welche einen uucudlichenRespekt vor dem geistlichen Stande empfand, begeisterte der Gedanke, ihrenJun- gen dereinst auf der Kanzel zu sehen. Welche Wonne, wenn ihr Sohn in dem Kirchlein predigte, in der sie so oft geweilt. , . ^
haben diesen Erfolg aber nicht nur in unserem eigenen Vaterlands gezeitigt, sondern wirken auch weit über dessen Grenzen hinaus vorbildlich und bahnbrechend. Leider wird die Erreichung des höchsten Zieles der kaiserlichen Botschaft gehemmt und verzögert durch den andauernden Widerstand gerade von der Seite, welche glaubt, die Vertretung der Arbeiterinteressen vorzugsweise für sich in Anspruch nehmen zu können. Gleichwohl vertraue ich auf den endlichen Sieg gerechter Erkenntnis des geleisteten und auf wachsendes Verständnis für die Grenzen des wirtschaftlich Mögliche» in allen Kreisen des deutschen Volkes. Dann wird sich auch die Hoffnung Kaiser Wilhelnis erfüllen, daß sich die Arbeiterversicherung als dauernde Bürgschaft inneren Friedens für das Vaterland erweisen möge. In dieser Zuversicht ist es mein fester Wille, daß die Gesetzgebung auf dem Gebiete der sozialpolitischen Fürsorge nickt ruhe und in Erfüllung der vornehmsten Christenpflicht auf den Schutz und das Wohl der Schwachen und Bedürftigen fortgesetzt bedacht sei. Durch gesetzliche Vorschriften und Leistungen allein ist indes die Aufgabe im Geiste der kaiserlichen. Botschaft und ihres erlauchten Schöpfers nicht zu lösen. Ich erkenne es an dem heutigen Tage gerne an, daß es im deutschen Volke nie an Männern und Frauen gefehlt hat, die freiwillig und freudig ibre Kraft in den Liebesdienst am Wohle des Nächsten stellten, und sage allen, die sich dem großen sozialen Werke unserer Zeit selbstlos und opferwillig widmen, meinen Kaiserlichen Dank. Ich beauftrage Sie, diesen Erlaß zur allgemeinen Kenntnis zu bringen.
Gegeben Donaueschingen, den 17. November 1906. Wilhelm I. R.
Bülow.
An den Reichskanzler.
Aus diesem Erlaß spricht wieder das warme sozialpolitische Empfinden unseres Kaisers, das er schon bei vielfachen Veranlassungen kundgegeben hat. Ein Monarch, der so um das Wohl der Arbeiter besorgt ist, hätte sicher den Dank der deutschen Arbeiterschaft verdient. Von besonderer Wichtigkeit ist die Stelle des Erlasses, die von der Fortführung der sozialpolitischen Reformarbeit redet. Mit ganz besonderer Geflissentlich- feit hat die Sozialdemokratie seinerzeit das apokryphe Wort von der „vollen Kompottschüssel" verbreitet, um daraus den Beweis zu führen, daß an der maßgebenden Stelle keine Neigung mehr vorhanden sei, auch weiterhin sozialpolitisch tätig zu sein. Dieser Entstellung der kaiserlichen Absichten wird aufs deutlichste widersprochen durch den Erlaß, in dem es der Kaiser als seinen festen Willen bezeichnet, daß die Gesetzgebung
Er, der Rendant, widersprach seiner Frau zwar nicht, wenn sie solche Luftschlösser baute, indessen war er mehr für das RechtSstndinm. Einem Juristen steht die ganz« Welt offen, Pflegte er zu sagen, und war mich da» Studium ein wenig teuer, Gott sei Dank! er hatte es ja dazui Ja, es gab Stunden, in denen ehrgeizige Träume den Ren- dauten verleiteten, den Sohn auf dem Ministersessel zu sehen.
Karl ahnte nicht, zu welch' hohen Würden er von den Eltern bestimmt war, ging unbeirrt seinen Weg, der weder auf die Kanzel, noch in das Ministerhotel führte, und überraschte eines Tages die Eltern mit beut AuSspruch, daß er sich den technischen Wissenschaften widmen wollte. Karls AuSspruch setzte die Eltern in Staunen und grenzenlose Verwunderung, und bann . . dann gab e» eben andere» zu bereden.
Der Kommerzienrat ElSner in Berlin, den die Stadt mit Stolz zu ihre» Söhnen zählte, feierte eines Tage» mit Glanz und Pracht und Herrlichkeit das 25jährige Be- stehen seiner Maschinen-und Eisenfabrik, und aus Anlaß dieser Ereignisses ernannte ihn die Stadt zu ihrem Ehren- bürger. Zu den Ueberbringern dieser, mit viel gutem Willen und wenig Geschmack ausgeführten Adresse, gehörte unter anderen auch Rendant Geißler.
Elsner legte beim Empfang der Deputation seine tont« merzienrätliche, stark nach Hochmut schmeckende Würde ab und zeigte sich so jovial und herablassend, daß es die Vertreter der Stadt fast wie Rührung überkam, als er von seiner glücklichen Jugend erzählte, und sich dabei all seiner Schulkameraden halb mitleidig, halb freundschaftlich erinnerte, wobei er sich zugleich nach ihren näheren Ber- Hältnisse» erkundigte.
„Was nticfj anbetrifft, meine Herren, so sehen Sie ja daß ich so leidlich vorwärts gekommen bin," witzelte et •mb führte die Ueberbringer des EhrenbürgertitelS durch seine Wohnung, deren Einrichtung von wirklicher Vornehmheit sich nur durch die etwa» zu dick aufgetragene Vergoldung unterschied. 135 ^
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