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Mittwoch, den 21. November 1906
57. Jahrgang.
Amtliches.
J.'Nr. 10131. Nachdem an einem aus Schlüchtern stammenden nach Altengronau entlanfenen und dort getötetem Hunde der Verdacht der Tollwut festgestellt worden ist, bestimme ich, daß
1. alle in Schlüchtern, Altengronau, Ahlersbach, Elm Herolz, Hohenzell, Niederzell, Jossa und Neuen« gronau und den zugehörigen Gemarkungen vorhandenen Hunde bis zum 15. Februar 1907 durch Anketlung oder Einsperrung festzulegen sind. Der Festlegung gleich zu achten ist das Führen der mit einem sichern Maulkorbe versehenen Hunde an einer festen Leine;
2. die Benutzung von Hunden zum Ziehen nur unter der Bedingung gestattet wird, daß sie fest angeschirrt mit einem sichern Maulkorb versehen und außer der Zeit des Gebrauchs festgelegt werden;
3. die Verwendung von Hirtenhunden zur Begleitung der Herde, von Fleischerhunden zum Treiben von Vieh und von Jagdhunden bei der Jagd nur unter der Bedingung gestattet wird, daß die Hunde außer der Zeit des Gebrauchs beziehungsweise außerhalb des Jagdreviers zuverlässig festgelegt oder mit einem sichern Maulkorb versehen an dauerhafter Leine geführt werden;
4. aus dem Sperrgebiet nur mit Genehmigung der Ortspolizeibehörde, Hunde ausgeführt werden dürfen, wenn der Besitzer durch kreistierärztliches Zeugnis nachweist, daß der Hund weder tollwut- krank, noch tollwutverdächtig noch ansteckungsver- dächtig ist. Die Identität des vom Kreistierarzt untersuchten Hundes mit der des aus den Sperrgebiet auszuführenden Hundes muß sich aus dem Zeugnis ersehen lassen.
Zuwiderhandlungen gegen diese Verfügung und die sonstigen Vorschriften zur Abwehr und Unterdrückung der Tollwut werden mit den gesetzlichen Strafen geahndet werden. Wer im Sperrgebiet Hunde den Vorschriften zuwider frei umherlausen läßt, hat außerdem zu gewärtige», daß die Hunde getötet werden.
Die Ortspolizeibehörden haben diese Verfügung sofort lind wiederholt in ortsüblicher Weise zu veröffentlichen und streng darüber zu wachen, daß die gegebenen Bestimmungen beobachtet werden.
Schlüchern, den 20. November 1906.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
J.-Nr. 3360. K.-A. ES wird hierdurch zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß die Wählerlisten für die
Iatsche Ireunds.
Roman von Elwin Starck.
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„Immer noch der alte Ungestüm, Karl, Du erdrückst mich," sagte Rendant Geißler, sich auS de» Armen des Sohne» befreiend. Die Worte sollten vorwurfsvoll ihm gen, aber das ganze Gesicht lachte dabei, er saunte ja seinen Jungen. .. „ , , .
„Und nun laß Dich in der Nähe beschauen, fuhr der Rendant fort und legte seinem Karl die Hand auf dre Schulter. „Wie siehst Du eigentlich an» ? Unverändert dünkt mich, biS auf den Vollbart. Ja! Nur da» Gesicht finde ich etwa» hagerer geworden. WaS meinst Du? DaS kommt vom Berliner Lebe», wie Karl?"
Damit ließ er sich zum Sofa führen, setzte sich in eine Ecke und Karl mußte erzählen.
„Und nun bleibst Du hoffentlich für immer hier und bei mir, Vater," sagte er und drückt« dem alte» Herrndie Hand. „Sieh mal, wenn Du in dem kleinen Neste, m War- Burg meine ich, wohnen bleibst, haben wir ja gar nichts von einander. Und wir beide gehören doch einmal zusam- """„Da hast Du recht, Karl. Seitdem Deine gute Mutter tot ist, fühle ich mich auch recht einsam, und da Du nicht zu mir ziehen kannst, ziehe ich ju Dir unb will versuche,, ob ich mich hier einieben kann. Ein alter Baum verpflai z
ÄSufig ist er ein Versuch, aber er wird schon glük- hn,N lachte Karl. ,
Der Rendant sah sich aufmerksam tm Bi»11““ „Wa» hast Du für eine prächtige Einrichtung, meil’3?'10^ sagt« er bewundernd. „Ich verstehe mich zwar in rauf, solche Sachen zu schätzen, aber ich glaube, I präsentiert einen Wert. Wenn Deine Mutter sie doch noch gesehen hätte! Dir Gute hatte solche Freude^^ an vielen Dingen!" Er seufzte ein wenig. „Ja, alter Sohn, sag« , »» geht Dir wohl eigentlich recht gut?" E,t
; s «RM nyi, Pgttr, ^ M W W"Sl!^ t-usjubel.
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in diesem Monat stattfindenden Kreislagsergänzungs- des Fürsten Bülow ergriff der Staatssekretär • von -
Wahlen ' '
a, der Wahlbezirke III. V. VII. VIII. und X.
b, des Wahlverbandes der größeren Grundbesitzer in meinem Bureau während der Dienststunden zu Jedermanns Einsicht ausliegen.
Schlüchtern, den 19. November 1906.
Der Kgl. Landrat: Valentiner.
Bußtag.
Nach Allerheiligen und Allerseelen der Bußtag. Das sind die Tage, die außer dem trüben, zur Melancholie ftimmenben Wetter und außer dem Totensonntag, dem 25. November, die Signatur geben. Die erstgenannten Tage und der letzte Sonntag dieses Monats sind dem Gedenken der Verstorbenen geweiht, der Bußtag mahnt die Lebenden zur Selbstprüfung und stiller Einkehr, das ganze Volk, jeden Einzelnen. Wir sollen bekennen daß wir allesamt Sünder sind und des Ruhmes ermangeln, den wir vor Gott haben sollten, wir sollen erkennen, daß die Schäden und Nöten unserer Zeit, die Gebrechen, unter denen Staat und Gesellschaft leiden, mit entstanden sind durch jedes Einzelnen Schuld und deshalb sollen wir Buße tun nicht mit Worten und Klagen und Beschuldigungen Anderer, sondern indem wir den festen Vorsatz fassen, uns der Verantwortung bewußt zu sein, die wir in unserem Wirken und Handeln der Gesamtheit gegenüber haben, und unser Tun und Lassen so einrichten, daß es unsern Mitmenschen zum Segen und somit dem ganzen Volke zum Heile gereicht. Also »ich: Pharisäerische Selbstüberhebung, sondern demütige Selbsterkenntnis, nicht leere Worte, sondern Taten. Und das in allen Kreisen unseres Volkes, nicht in den untern nur, nein, genau so auch in den hohen. Dann wird der Bußtag Früchte tragen für Zeit und Ewigkeit.
Deutsches Reich.
— Seine Majestät der Kaiser traf am vergangenen Samstag Abend 6 Uhr in Baden-Baden ein. Zum Empfange war Prinz Max im Aifflrage des Großherzogs von Baden am Bahnhof anwesend. Der Kaiser wurde int Schlosse vom Großherzog empfangen und in seine Wohnung geführt. Die Herrschaften verblieben dort bis zur Abendtafel, zu welcher die Prinzessin Wilhelm, Prinz und Prinzessin Max von Baden eingeladen waren. Die Abreise des Kaisers nach Potsdam erfolgte kurz vor 9 Uhr.
— Der Reichstag beendete am Donnerstag die Besprechung der Interpellation Wassermann. An Stelle
„Larifari, Karl, paffabel! Sei nicht nnznfrieden! Wer wohnt wie Du, leidet keine Not. Dein Gehalt.."
Nun wurde Karl ernst. „Von meinem Gehalt allein könnte ich allerdings das Leben, das ich führe, nicht be- streiten. Ich habe verschiedene Patente verkauft, die mir Geld eingebracht haben. EnisinnstDu Dich nicht, daß ich Dir darüber geschrieben habe?"
„Ja, ja, Patente!" Darauf verstand sich Rendant Geiß- ler nicht, obgleich er sich der Mitteilungen seines Sohnes entsann. „Also Deine Erfindungen haben sich fürDichsehr vorteilhaft erwiesen. So, so! Und ivas macht Dein hochverehrter Herr Chef?" fragte er weiter. „Er ist auch kein Jüngling mehr, ist genau so alt wie ich. Ja, Karl, jünger wird man nicht. Es geht ihm doch gut, wie?"
„Weiß nicht, Vater. Im Bureau habe ich den Kom- merzienrat längere Zeit nicht gesehen."
„So . . nun, ich werde mir die Freiheit nehmen, ihn zu besuchen. ES ist erstaunlich, welches Interesse er an uns nimmt, besonders an Dir, Karl," meinte Geißler und rieb sich behaglich die Hände. „Ich betrachte er als eine besondere Gnade deS Himmels, daß er Dir, sowie Dn von der Hochschule kamst, eine Stellung in seiner Fabrik gab. Er kannte Dich kaum, und dennoch sorgte er für Dich, der edle Mann! Ein echter und rechter Wohltüterist er uns
geworden."
„Aber, Vater,
" tief Karl dazwischen, „ich habe für ihn hat mich bezahlt! Bezahlt für daS, war
gearbeitet, und er I, . „ . ich.geleistet habe. DaS ist alles!
Der Alte strich mit der Hand über den Rockärmel und entfernte von ihm ein winziges Stäubchen. „Die Stellung, mein Sohn," meinte er ein wenig ungeduldig, „hätte ein anderer ebenso gut ausfüllen können wie Du. Und doch wählte er Dich dazu und gab Dir da» Brot, Dir und kei- nem anderen."
„Ja, mich nahm er auf," sagte Karl, „und warum er «r tat, nun .. na, ja, aber von Wohltaten darfst Du nicht sprechen"
Tschirschky das Wort, um den am Tage zuvor vom Abg. Wiemer (fr Vp.) gegen ihn gerichteten Angriffen entgegenzutreten. Aus dem Hause sprachen noch die Abgg. Liebermann von Sonnenberg (Wirtsch. Vg.),. i Golhein (frs. Vg.) und Zimmerniann (Refp.). Schließ- ■ .
lich wurden noch Wahlprüfungen erledigt.
Am '
Freitag wurden weitere Wahlprüfungen erledigt. Die <1 Wahlen der konservativen Abgeordneten Dietrich (Potsdam) und Atalkewitz (Köslin) wurden in namentlicher. i Abstimmung für gültig erklärt, ebenso die Wahl des -f Elsässers Wiltberger. Ueber die Wahl des konservativen 1 Abgeordneten Porzig (Altenburg) würben Beweis- . erhebungen beschlossen.
^ Aus Darmstadt wird ein neuer Gnadeakt des Großherzogs von Hessen gemeldet. Der Großherzog hat zahlreiche von der Amnestie ausgeschlossene Strafft gefangene der hessischen Strafanstalten bedingungsweise ' begnadigt.
— Die Jmmediateingabe des Erzbischofs von r Stablewski und der Domkapitel von Gnesen und Posen an den Kaiser mit der Bilte um Aenderung der Be- * stimmungen über die Unterrichtssprache des schulplan- | mäßigen Religionsunterrichts ist im Auftrage des Kaisers durch das Kultusministerium ablehnend beschieden worden. Die Regierung scheint demnach fest entschlossen, von ihrem kürzlich in der „Nordd. Allg." dargelegten Standpunkte in Sachen des Religionsunterrichts in
den Ostmarken nicht abzugehen.
— In Berlin ist die Gründung eines polnischen Gewerkschaftsverbandes für ganz Preußen in einer stark
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besuchten Polenversammlung beschlossen worden. Daß die neue Organisation lediglich einen nationalen und keinen gewerkschaftlichen Charakter trägt, beiveist schon der Umstand, daß sie Arbeitgeber und -nehmer umfaßt
und jede Fühlung mit den deutschen Gewerkschaften, auch den christlichen, abgelehnt.
— Nach einem Erlasse des Ministers der öffent* , lichen Arbeiten an die Eisenbahudirektionen soll fest- ■ gestellt werden, in welchem Umfange schon jetzt in größeren Städten im Bereiche der preußisch-Hessischen Eisenbahngemeinschaft durch kommunale und private, - dem Gesetze über Kleinbahnen und Privatanschlußbahnen vom 28. Juli 1892 unterliegende Bahnunternehmungen außerhalb des Stadtgebietes die Bedürfnisse des Nahverkehrs und insbesondere die der Verbesserung der Wohnungsverhältnisse befriedigt werden. Zu diesem Zwecke sind die Eisenbahndirektionen veranlaßt worden, bezüglich der größeren Städte des Bezirks, welche nach , Vororten führende Straßenbahnen oder nebenbahnähu- liche Kleinbahnen aufzuweisen haben, eine Zusammen-
„Es vcrletztDich," entgegnete der Rendant. „Na, laß gut sein, mein Junge, es scheint, daß Du in diesen Sache» v anders empfindest, denn ich. Du bist jung und ich bin alt, das ist der Unterschied."
Karl sah nach der Uhr und erhob sich. „Wollen wir essen gehen, oder soll ich da» Abendbrot holen lassen?" fragte er.
»Wie hast Du eS denn fürgelvöhnlich gehalten, Karl?" »Ich? Ich speise meistens auswärts."
„Nun, dann wollen wir es heute ebenso machen," sagte der Rendant gutmütig, dem Sohne die Hand hin haltend, ' „ich will sehen, ob ich mich an Deine Lebensweise gewöh- neu kann, mein Junge. Reiche mir den Hut herüber."
Auch Karl griff nach dem seinen, und schon nach weni- gen Minuten umfing sie daS Gebrause der Großstadt. Elek- irische und andere Bahnen, Omnibnsse, Droschken und Wagen rollten die Straßen entlang. Die Pfeifen gellten und die Glocken schrillten, ohne Rast, ohne Ruh, schoben die Wagen vorüber. Und Fußgänger kamen an ihnen vorbei, drängten vorüber unb überholten sie, und alle waren in Eile und trieben unb hetzten ihrem Ziele zu.
ES war Juni. Das Licht der Gaslaternen und daS bläuliche Licht der eben entzündeten elektrischen Lampen vermischte sich mit dem des scheidenden TageS. Der Asphalt, aus dem noch nnlängst die Sonne gebrannt hatte strömte eine wahre Glnt anS. Und nirgends ein Baum, nirgends ein Strauch, um der jagenden Menschenflut die blühende Jahreszeit inS Gedächtnis zu rufen. 91ur an den Straßenecken standen Blunrenverkäufer, große Körbe an den Armen.
„Stränßchen gefällig, mein Herr? Rosen, wer kauft Rv,en?"
So ivurde die Königin der Blumen au-geboten. und sie? Sie senkte traurig das müde Köpfchen, sie schämt« sich. Ihre blühende Schönheit ivar dahin, war in dem Stand mi^ der Hitze des Tages untergegangen, verwelkt in dem heißen Atem der Großstadt. " '•■“'’