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WüchternerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.

M 91

Mittwoch, den 14. November 1906

57. Jahrgang.

Fortwährend

werden Bestellungen auf die

Schlüchterner Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expeditivit entgegengenommen.

finden in der Schlüchterner

Zeitung den meisten Erfolg, da sie die. größte Austage der im Kreise Schlüch- tein erscheinenden Zeitungen besitzt.

Amtliches.

Nach dem Erlasse der Herren Minister für Land­wirtschaft, Domänen und Forsten und des Innern vom 20. v. MtS. findet im preußischen Staate am 1. De­zember d. I. eine außerordentliche Viehzählung kleineren Umfanges statt.

Ich rechne auf die Mitwirkung der selbständigen Ortseinwohner bei der Austeilung, Ausfüllung und Wiedereinsammlung der Zählpapiere und hege die Erwartung, daß bei der Wichtigkeit dieser Zählungen für die Staats- und Gemeinde-Verwaltung, wie für die Förderung wissenschaftlicher und gemeinnütziger . Zwecke allerorts die Haushaltungs-Vorstände die für das Zähleramt bestimmten Personen bereitwillig unter ' stützen werden.

Ich weise wiederholt darauf hin, daß die unter der Bevölkerung noch immer verbreitete Annahme, die Aufnahme erfolge zu steuerlichen Zwecken, durchaus irrig ist. (A.III. 4081.)

Cassel am U. November 1900.

Der Regierungspräsident. Graf. v. B er n st o rsff

Deutsches Deich.

Der Kaiser wird im Mai 1907 nach Wiesbaden zur Einweihung des neuen Kaurhauses kommen. Im Hoftheater sollen aus diesem Anlaß wieder Maifestspiele stattfinden.

Die Einberufung des preußischen Landtages ist zum 8. Januar 1907 in Aussicht genommen.

Der offizielle Besuch des dänischen Königspaares am Berliner Hofe wird am 19. November stattfinden. Zum Empfang auf dem Bahnhöfe wird eine Ehren- kompagnie des 2. Garde Regiments zu Fuß anwesend sein. Vom Brandenburger Tor bis zum königlichen Schloß wird von den Truppen der Garnison außer­halb des Brandenburger Tores durch Schulen, Innungen

lt. s W. Spalier gebildet worden. An der Innenseite des Brandenburger Tores findet eine Begrüßung durch den Oberbürgermeister statt.

Die Geburt eines hessischen Thronfolgers hat im ganzen Großherzogthum große Freude hervorgerufen. Die erste Gemahlin des Großherzogs von Hessen, die vor einigen Jahren von ihm geschieden wurde, hatte ihm nur eine Tochter geboren, die, wie noch erinnerlich sein dürste, bei einem Besuch in Rußland ein tragisches Ende fand.

Aus Hamburg wird das Ende des Binnen­schifferstreiks gemeldet. In einer dort abgehaltenen Versammlung der ausständigen Binnenschiffer wurde nach langer Debatte mit 107 gegen 9 Stimmen be­schlossen, den Ausstand zu beenden und die Bedingungen der Vereinigten Elbschiffahrts-Gesellschaften vorbehaltlich der Zustimmung der an verschiedenen Elbeplätzen tagenden Versammlungen der Ausständigen anzunehmen.

Zur Verhinderung der polnischen Schulkinder­verhetzung hat der Landrat des Kreises Moglino eine kräftige Maßregel unternommen. Er hat 48 Ge­meindevorsteher, Schulvorstandsmitglieder und Gemeinde­schöffen von ihren Aemtern abgesetzt, weil sie ihren Kindern verboten, im Religionsunterricht deutsche Ant­worten zu geben. Wie die polnischen Hetzer auch vor den schwersten Verbrechen nicht zurückschrecken, beweist eine Meldung, nach der in Kruschwitz Dorf im Kreise Strelno polnische Fanatiker versuchten, den Schullehrer in den Goplo-See zu werfen, was aber durch das Hinzukommen eines Kriegsveteranen vereitelt wurde. Und solche Menschen begeistern sich für Religion in der Muttersprache!

Zur Seßhaftmachung ländlicher Arbeiter be­absichtigt der Landwirtschaftsminister, auf Königlichen Domänen in größerem Umfange Arbeiterstellen zu gründen, um dadurch den besseren Arbeitern Gelegen­heit zur Erlangung von Landeigentum zu geben. Die Domänenpächter sind zum gutachtlichen Bericht über die beabsichtigte Maßnahme aufgefordert.

Ausland

Jetzt macht man mit den Anarchisten in der Schweiz nicht viel Umstände mehr. Die Strafkammer des Bundesgerichts sprach einen Mann aus Wien namens Blazek schuldig, sich an der Herstellung von Sprengstoffen zu verbrecherischen Zwecken beteiligt zu haben, und verurteilte ihn zu einem Jahr Gefängnis und lebenslänglicher Verweisung aus dem Gebiet der Eidgenossenschaft I Von den Kriegsschiffen wurden Abteilungen gelandet,

Eine neue Schreckenstat der russischen Terroristen die zusammen mit anderen Marinemannschaften den wird aus Warschau gemeldet. Auf der Station Rogow Ruhestörungen ein Ende machten.

der WarschauWiener Eisenbahn wurden gegen einen Postzug drei Bomben geworfen, durch deren Erplosion zwei Wagen in Brand gesetzt wurden. Aus dem Zuge wurde annähernd eine Million Rubel geraubt. Ein Gendarmerieunteroffizier und sechs Soldaten wurden getötet; neun Soldaten und zwei Beamte sowie mehrere Reisende erlitten Verletzungen. Die Urheber des Verbrechens sind entkommen. Ein anderes Bombenattentat wurde in Tiflis verübt. Auf dem Golovinsky-Prospekt wurde eine Bombe geworfen, durch deren Erplosion ein Polizeikommissar, zwei Schutz­leute und eine vorübergehende Dame tödtliche Ver­letzungen erlitten. Auch der General Jewreinow und die Generalin Korganow sowie der Ingenieur Artasow sind verwundet worden. Letzterer ist gestorben.

Gegenüber den Meldungen der auswärtigen Presse über ernste Differenzen zwischen Deutschland und Serbien wird von maßgebender serbischer Stelle erklärt, daß der serbischen Regierung über irgendwelche Diffe­renzen zwischen Deutschland und Serbien nichts bekannt sei; im Gegenteil beständen die besten Aussichten für eine günstige Gestaltung der deutsch-serbischen Handels­beziehungen.

Das englische Unterhaus beschäftigte sich mit Marinefragcn Parker (kons.) fragte an, ob die Admi­ralität glaube, daß die Schiffe, die aus der in Dienst gestellten Flotte zurückgezogen und in Reserve gestellt oder der heimischen Flotte eingereiht werden, im Kriegs­falle sofort als schlagführende Streitmacht wirksam seien. Premierminister Campbell-Bannecman antwortete:

Ja, die Admiralität ist der Ansicht, daß die im Zuge befindliche Neueinteilung der Flotten die Schlagfertig­keit der Marine erhöht.

D-e Berichte über den Grund der Unruhen in der Marf^eka^me zu Portsmouth widersprechen ein- anoer, es scheint aber, daß die Vorgänge sich folgender­maßen abspielten; Die Marinebehörden fürchteten, daß Ruhestörungen bei der Heinikehr der beurlaubten Mann­schaften entstünden, und hatten um 10 Uhr abends die Tore schließen lassen, um die Zuspätkommenden auszuschließen. Diesen wurde bei der Rückkehr »ach der Kaserne gesagt, sie könnten nicht mehr hinein­gelassen werden und müßten außerhalb der Kaserne Unterkunft suchen. Die Zuspätgekommenen sammelten sich nun vor dem Kasernentor an. Ihre Rufe wirkten erregend auf die Mannschaften in der Kaserne, die nun mit den Draußenstehenden gemeinsame Sache machten. Die Aufrührer zertrümmerten Mobiliar.

4

I

Iatsche Ireuud-.

Roman von Elwin Starck. 1

(Nachdruck nicht gestattet.)

68 war abends 7 Uhr. Die Tore der rmg»um von rußgeschwärzten, düsterenGebäuden umgebenen Ersen- und Maschinenfabrik öffneten sich und nun strömte el in langen ^Sn blauen'Blusen, mit schwieligen Fäusten und Gesich­tern, aus denen meist ein verbissener, trotziger Zug läge , so gingen sie nach Hause, die da» Räderwerk der großen Javrik bi» jetzt in Gang erhalten hatten.

Oben int ersten Stock deS fuffteren Gebäude, lagen die Bureau« und die Zimmer der Ingen,eure, deren Türen sämtlich auf einen langen Gang mündeten. Die Strah en der schon tief im Westen stehende» Sonne hatten sich emen Weg durch dir mit einer Staubschicht bedeckten Fettsterschei- ben gesucht, spielten in allen Ecken und Wmkeln und z ten den weißgetüiichten Korridor w ^«'er Ruchter heit und Kahlheit Eine Treppe führte in bte««^

Da öffnete sich plötzlich eine der ?»«>» ^ Mann, den Strohhut aus den Kops gedrückt, trat hmau».

61 war einer der Ingenieure, der, wie eS schlen. sich bei bet Arbeit verspätet hatte und ""'"'!,gubcrdiekar renben Dielen schritt. Da wurde er »»erwartet ^

Geißler, stop! Gut, daß ich Sie noch treffe. Wollen Sie mitkoMmen?"

Sieh da, Kleinau! Auch »och hier? Wohin wenn man fragen darf?"

Ingenieur Kleinau zwinkerte mit dei' lnstigen granen AugenWohin? Mensch! Ju den ^fidelen Keller. 3 ) habe Ihnen doch genug von meiner stamnitne^ es geht da merklich fidel zu Gemütlicher Lokal und -» Gesellschaft, aus Ingenieuren, Baumeistern und Student^ bestehend. Und jetzt hat sich ein Maler zu. un» g sj.^ Genie, sage ich Ihnen, mir schade, daß " bon d^ s l gen der Woche nur einen nüchtern ist. Also; tun St

Geißler zuckte die Schultern.Nein, bester Freund, und e, tut mir leid, allein heute habe ich keine Zeit. Mein Va­ter ist zu Besuch gekommen, und ich habe ihn noch nicht ^'so so, na, da will nicht stören. UebrigenS, Geiß­ler, was ich fragen wollte, Sie wissen doch, waS man spricht? Ich gratuliere herzlich. Es ist doch wahr?"

Wa» denn wahr?" fragte Geißler ein wenig unge- duldia.

Verstellen Sie sich doch nicht. Sie haben da etwa» aus dem Patentamt angemeldet, irgend eine neue Heiz- anlage oder waS weiß ich, kurz etwas, was unser Alter, den Kommerzienrat meine ich, für sein Leben gern er­werben möchte. Sie wollen . .hm . . Sie wollen sich ledoch Ihre Erfindung mit Gold aufwiegen lassen . . ivaS?"

Geißler zuckte gemächlich die breiten Schultern.Ihr Glückwunsch kommt jedenfalls viel zu früh,"sagte er.Aller- dinaS habe ich eine Arbeit auf dem Patentamt gehabt, doch habe ich sie wieder zurückgezogen, einer kleiner Ber- bessern»« halber. Und so lange die Sache nicht fertig ist, taun ich nicht gut über sie sprechen. Für unbedeutend halte ich sie übrigens nicht." ,

Kleinau war den MuSeinanbenebungen 'ehr ammert- fam gefolgtIm großen und ganzenstimmt's also," sagte er Die Angelegenheit sieht Ihnen ähnlich, alter Heuu- lichkeitSkrämer! Sie sprechen niemals über Ihre Proben unb Versuche, und mit einemmale ist die Entdeckung fertig. Aber schön ist'» nicht, daß Sie Ihre besten Freunde in Un- wissenheit lassen, Ihren Ruhm verschweigen."

Ach, dumme» Zeug, Ruhm hin, Ruhm her. Sie hören doch daß die Arbeit noch nicht fertig ist. Adieu. Kleinau!"

Damit sprang Geißler die Treppe hinab, während Klei- nau langsam folgte. --

Also e» ist richtig," nmrmelte er.Lieber Hinunel, wen"» doch unsereiner irgend etwas erfinden möchte, waS Geld rmbrächte. Da» bißchen Gehalt zerschmilzt einem ja unter den Fingern"

Damit fuhr er sich mit der Hand durch das dichte, dunkle

Kraushaar und sah so bedrückt aus, als ob ihm das elende Leben wirklich schon ernstliche Beschwerden gemacht hätte. Gleich darauf aber trällerte er eine Operettenmelodie und blickte mit regstem Interesse einer hübschen, kleinen Haud- schuhverkäuferin nach, deren scheue, freundliche Augen es ihm seit einiger Zeit angetan hatten. DaS junge Mädchen hatte den jungen Mann, nebenbei der beste Kunde bei Geschäfts, der sich bei jedem Einkauf direkt an sie gewandt und mit ihr geplaudert hatte, sofort erkannt, und als fu ihn über den Straßendanim auf sich zukonunen sah, stieg eine helle Röte in das zarte Gesicht.

Mein verehrtes Fräulein," redete er sie an,darf

ich eS wage», Ihnen Arm und Begleitung anzutragen, kennen doch Faust? .. Hei­

so sagt nämlich Faust. Hm, Sie ßen Sie vielleicht Gretchen?"

Die Kleine lächelte, halb geschmeichelt, halb verlegen.

Ich heiße Elisabeth und werde Elfe genannt."

So, Fräulein Elfe, ich freue mich, daß ich Sie treffe. Heute zum erstenmal. Wie kommt das eigentlich?"

Man hat mir erlaubt, heute eine Stande früher nach Hause zu gehen," erklärte daS junge Mädchen,ich habe so sehr unter der Hitze zu leiden."

Kleinau betrachtete sie aufmerksam.Wirklich, Sie se­hen ein wenig blaß au», mein Fräulein, Sie kommen ge- wiß selten an die Luft."

Sie neigte bejahend da» Haupt mit den schweren brau­nen Flechten.

Ich habe keine Zeit," senkte sie.

Aber doch des Sonntags," meinte der Ingenieur.

Die alte Verwandte, bei der ich lebe, geht nur selten aus, und so ganz allein . . ."

Kleinau durchfuhr ein Gedanke.

«Wie wär'», Fräulein Elfe, wenn ich Sie einmal be­gleitete ?" fragte er.Wir treffen uns auf irgend einem Bahnhof und fahren hinan» in die schöne Welt. Sie ha- beu nur zu bestimmen, wohin!" 135,18