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M 87.
Mittwoch, den 31. Oktober 1906.
Fortwährend
werden Bestellungen auf die
Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kretsblatt von allen Postanstalten, Laudbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
I ncAmaiA finden in der Schlüchterner ■ Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Deutsches Keich.
— Der Kaiser hat wegen einer leichten Erkältung den für Montag beabsichtigten Besuch bei dem Fürsten von Eulenburg-Hertefeld in Liebenberg (Mark) aufgegeben.
— Der Kaiser hat den Präsidenten des Reichs- militärgerichts, General der Infanterie Linde, mit der Stellvertretung des Reichskanzlers im Bereiche der Militärjustizverwaltung hinsichtlich des Reichsmilitärgerichts und der Militäranwaltschast beauftragt.
— Der bisherige Bezirkspräsident von Colmar, Prinz Alexander zu Hohenlohe, ist vom Kaiser einstweilig in den Ruhestand versetzt worden.
— In Leipzig kam in der Eröffnungssitzung der Versammlung des Vorstandes der Deutschen Kolonial- gesellschaft der Präsident der Gesellschaft Herzog Johann Albrecht auf die in jüngster Zeit gegen die Kolonial- verwaltung erhobenen Klagen zu sprechen und sagte: Fern liegt es jemand von uns, einen wirklich Schuldigen in Schutz nehmen zu wollen. Front machen müssen wir aber yt entschiedener Form gegen die Art und Weise, wie Anklagen erhoben werden. Deshalb, fuhr der Herzog fort, trete er für den tüchtigen Beamten und Offizier, für den fleißig arbeitenden Kaufmann und Farmer ein und gegen gemeinen Klatsch hier und draußen und die untätigen Personen und Gesellschaften. Es müsse durch Vergangenes ein Strich gemacht, der Blick frei und offen in die Zukunft gerichtet und positive Arbeit geleistet werden. Man könne nicht ernten, kaum daß man gesäet habe.
— Der polnische Schulkinderstreik hat an Ausdehnung zugenommen. Wie jetzt festgestellt ist, haben in 21 Kreisschulbezirken des Regierungsbezirkes Bromberg 20 000 polnisch-katholische Schulkinder im deutschen Religionsunterricht den Gehorsam verweigert. In das Schulhaus zu Bendzikowo wurde eine mit Petroleum
An Ketten der Kieke.
Roman von Seta v. Starkenstein.
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Man trennte sich für den Abend.
Am folgenden Morgen war Wallys Fuß bereits viel besser und Richard gab ihr die Versicherung, daß ein weiterer Tag der Ruhe sie völlig herstellen werbe. •
„Ich hoffe, wir werden Dienstag abreisen können," bemerkte Frau Root im Gespräch mit ihrer Nichte, „denn wir sollen ja Mittwoch bei Battersees eintreffen. Ich habe, während Du neulich jene Partie mit schlimmem Ausgang machtest, einen Brief bekommen, da, lies ihn!"
Sie reichte Wally ein Kuvert und begab sich nach dem entgegengesetzten Ende deS Zimmers.
Wally blickte nach der Handschrift auf dem Kuvert und ward dunkelrot, denn sie sah, daß der Bries von Howard Gilman sei. Sie öffnete ihn hastig, doch zitterten ihre Fin- ger dabei und die Flamme der Entrüstung leuchtete in ihren schöuenAngen anf.DaSSchreibcn enthielt nicht vieleWorte; sie ward n demselben nur gebeten, ihren Entschluß nochmals zu überlegen, und da sie noch immer frei sei, die Hoffnung ihm nicht ganz zu rauben, daß sie sich doch noch einmal entschließen könne, die Seine zn werden.
Wenn Wally in Wirklichkeit die Kokette gewesen wäre, für welche man sie hielt, so hätte dieserTrinmph ihr Herz in stolzem Glücksempfinden anschwellen lassen müssen; hätte sie Freude darüber empfunden, daß dieser Mann, den sie um einer höheren Preises willen anfgegebcn, sich nun »um zweitenmal im Staube vor ihr demütigte.
Wally aber zerknitterte da» Schreiben in der geballten Hand. Sie biß die Zähne aufeinander, um ihrer Entrüstung nicht in lauten Worten Ausdruck geben zu müssen.
Frau Root, die am Fenster stand und sich Williberte, Wally immer noch kein Wortsprach, wandte sich endlich um.
Haber»?" '^ sollst Du zu der Beständigkeit Deine» Lieb
gefüllte Bombe geworfen, die Schule ist niedergebrannt. Die Regierung hat eine Belohnung von 500 Mark auf die Ergreifung der Täler ausgesetzt.
— Zur Lohnbewegung der Bergarbeiter im Ruhr- gebiet wird aus Saarbrucken gemeldet: Mit Rücksicht auf die herrschende Teuerung hat die Saarbrücker Bergwerksdirektion eine allgemeine Lohnaufbesserung (20 bis 30 Pf. für die Schicht) bewilligt, die sofort in Kraft treten soll- Aus Essen wird berichtet, daß Zechenverwaltungen die Arbeiterausschüsse eingeladen haben, um mit ihnen über die Lohnfrage zu beraten.
— In einer Verfügung des preußischen Ministers des Innern vom 28. Mai d. I. heißt es über Frauen als Waisenpflegerinnen unter anderem: Die mit der Bestellung von Frauen zu Waisenpflegerinnen gemachten Erfahrungen sind so erfreulich, daß der gegen diese Maßnahme wohl mehr aus Vorurteil als aus fachlichen Gründen gerichtete Widerstand überwunden werden muß. Der hohe Wert des Waiseupflegeriunenamtes wird in den Berichten sowohl der Justiz- wie der Verwaltungsbehörden fast aller Provinzen bezeugt; unter dem zutreffenden Hinweis darauf, daß Frauen es besser als Männer verstehen, die zur Pflege junger Kinder ge eigneten Familen auszuwählen und Lebenshaltung und Erziehung der Kinder zu beaufsichtigen, wird namentlich von einem der Herren Oberpräsidenten über die er» freulichen Wirkungen berichtet, die sich aus der ausgedehnten Anwendung dieses Instituts ergeben haben. In größeren Städten der betreffenden Provinz ist jedem Stadtbezirke eine Waisenpflegerin zugeteilt; in kleineren Gemeinden unterziehen sich die Ehefrauen der Waisenräte der gleichen Aufgabe. Derartige Maß- nahmen werden sich zu allgemeiner Verbreitung eignen. In Anerkennung der Bewährung der Frauen als Waisenpflegerinnen hat der Herr Justizminister den Vormundfchaftslichtern empfohlen, Frauen häufiger als Vormünder zu bestellen.
Ausland.
— Nach Meldungen aus Wien gilt die österreichische Wahlrechtsreform für gesichert. Im Parlament herrscht allerseits Genugtuung darüber, daß ein Kompromiß in der letzten schwierigsten Frage der Wahlrechtsreform zustande gekommen ist.
— Die englische Admiralität hat beschlossen, eine besondere Heimatsflotte mit Sheerneß als Hauptquar- lier zu errichten, die aus in Dienst befindlichen und ans in Reserve befindlichen Schiffen zusammengesetzt sein wird. Die Verteilung der Schiffe der Kanalflotte, der Mittelmeer- und der Atlantischen Reserveflotte! wird geändert werden, um eine Verstärkung der Mann
„Liebhabers!" Wally wiederholte das eine Wort mit dem Ausdruck so unverhohlener Verachtung, daß Frau Root denn doch fühlte, es sei geboten, vorsichtig zu sein in dem, was sie rede.
„Nun, wie sollte ich ihn denn sonst nennen, liebe» Kind?"
„Wie sonst?" Das Mädchen zerriß das Schreiben. „Betörter Sklave!" sprach sie dabei mißachtend. „Nenne doch solche charakterlose Sklaverei nicht Liebe! Dieser Mann glaubt, das sagte er mir selbst, daß ich ihn zum besten gehabt, daß ich mit ihm kokettierte und einer besseren Partie wegen ihn aufgegeben habe. Und jetzt, wo erwähnt, es sei mir nicht gelungen, den Preis zu erhäschen, nach welchem ich die Hand anSgestrcckt, jetzt kommt er zu mir und Win- bet sich wie ein Wurm im Staube. Ein gepeitschter Hund hätte mehr Stolz, als daß er sich zu solchem Benehmen hinreißeu ließe."
Der Mann, von welchem ein Weib mit solch' maßloser Verachtung spricht, ist in keiner Lebenslage zu beneiden. Frau Root war blaß geworden.
„Ich hätte nicht gedacht, Wally, daß Du die treue Hingebung einer Ehrenmannes in so gehässigem Lichte anse- hen könnest. Du bist ungerecht gegen Gilman."
„Bitte, sprich nicht weiter von ihm!" rief daS Mädchen heftig. „Wenn er eine Antwort begehrt, magst Du ihm sagen, was ich mit seinem Briefe angefangen habe."
Frau Root ging mehrmals ruhelos im Zimmer auf und nieder und blieb dann vor Wally stehen, die ihren ernsten, strengen Blick ruhig auShielt, obschon sie ganzge- nau wußte, war ihr nun bevorstand.
Wally, ich sehe michgenötigt, klar und ernst mit Dir zu sprechen. Es ist für uns beide besser, daß wir in unge- schminkter Offenheit mit einander reden. Als Du Deine sogenannte Verlobung mit dem jungen Lister gelöst, geschah dies teilweise, weil Du ihn nicht liebtest; doch sähest Du auch ein, wie töricht eine Verbindung zwischen Dir
57. Jahrgang.
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schaftsstämme und der Organisation der Heimatsflotte zu ermöglichen. Die Aenderungen sollen allmählig vorgenommen werden.
— Um der englischen Arbeiterpartei entgegenzu- tommen, hat der Kronanwalt den Entwurf eines Amen- dements zu dem Gesetze betreffend die gewerblichen Streitigkeiten fertiggestellt. Dieses Amendement stellt in klarer Weise fest, daß das Vermögen der Trades- Unions durch gerichtliche Klagen nicht zu Entschädigungen herangezogen werden kann, und daß ferner ein Verbot, demzufolge die Trades-Unions ihr Vermögen nicht zur Unterstützung von Ausständen verwenden dürfen, nicht durch eine gerichtliche Klage herbeigeführt werden kann. Das Amendement befriedigt die Arbeiterpartei.
— Aus Rußland wird gemeldet, daß die bisher nicht erfolgte Bestätigung der Partei der friedlichen Erneuerung keinerlei politische Bedeutung habe, da die Behörde sie nur aus formellen Gründen verweigerte. Der Beschluß, die Partei nicht zu bestätigen, ist kein Regierungsakt, sondern lediglich eine Verfügung der örtlichen Verwaltung. Sowohl die Satzungen der Oklobristen, wie auch die der Partei der friedlichen Erneuerung werden, da beide Parteien friedliche Ziele verfolgen, bestätigt werden, sobald die beiden Parteien allen gesetzlichen Forderungen genügt haben werden.
— Der serbisch-österreichische Zollkrieg veranlaßt Serbien zu einer ganz außergewöhnlichen Rührigkeit, um sich von dem großen Nachbar durch Erschließung neuer Exportwege und Absatzmärkte unabhängig zu machen. In der Sitzung der Skupschtina beantwortete Volkswirtschaftsminister Stojanowitsch eine Interpellation über die Verwendung des von der Skupschtina während ihrer lGten Tagung bewilligten Kredites von 500 000 Dinaren für die Ausfindigmachung neuer Handelswege. Der Minister führte aus, Serbien sei im Laufe des Sommers gezwungen worden, neue Absatzgebiete für seine Ausfuhrwaren aufzusuchen. Die Regierung beabsichtige, im uächüen Jahre in den größeren Hafenplätzen des Mittelmeeres Handelsmuseen zu errichten. Der größte Teil der serbischen Ausfuhrwaren vertrage den Seeweg.
Lokales und Provinzielles.
Schlächtern, 30. Okt. 1906.
— * Am Sontag Abend fand in der Turnhalle ein Vortrags-Abend des Zweigvereins des Evangelischen Bundes statt. Nach einer Eröffnungsansprache des Vorsitzenden trug der Seminarchor unter der meisterhaften Leitung seines Dirigenten eine Motette: „Die Güte des Herrn" von Ferreau vor. Alsdann sprach WmBDHMmaKnBftffiSKHBSSnBHBBHBHM
und ihm wäre. Damals ermutigtest Du Howard Gilman, und ich hoffte allerdings, daß Du sein Weib werden wollest. Die Verhältnisse änderten sich, und als Du Howard GilmanS Werbung zurückwiesest, war mir die» durchaus nicht unwillkommen. Doch die anderen Hoffnungen, welche ich hegte, sollten nicht in Erfüllung gehen. Wenn Oberst DeSmond auch was immer von Dir gedacht haben mochte, in Deiner Macht hätte eS gelegen, ihn Dir zu Füßen zu bringen, umfomehr, als ich fest überzeugt' bin, daß er warme Sympathie für Dich hegt. WaS Du für ihn emp- findest, ich will es nicht ergründen, jedenfalls aber ist er ein Mann, um dessen Willen manche Frau sogar gerne die Armut auf sich nehmen würde. Frau Briston ist nicht die einzige, welche ihn hinreichend geliebt hätte, um auch zu einer Zeit, wo er nichts besaß als seinen Gehalt, die Seine zu werden. Soviel ich sehe, ist aber heute ebenso wenig Aussicht, wie am ersten Tage unserer Herkunft, daß meine Wünsche für Dich in Erfüllung gehen. Und daß die Dinge so stehen und nicht ander», ist ausschließlich Deine Schuld. Ich bin bitterlich in Dir enttäuscht, Wally, ja, mehr als enttäuscht; ich habe alles für Dich getan, was irgend in meiner Macht gestanden und Du zahlst mir da» mit Launen zurück: Du verdienst den Namen einer Kokette und wa8 bezweckst Du damit? Wenn wir von hier fortgeben, wird man nur sagen, daß Du Howard Gilman um Richard DeS- mondS willen aufgegeben hast und daß dieser zu stolz ge- Wesen, um Dir zu erliegen. Wird es Dir angenehm sein, mit solchem Rufe wieder in Gesellschaft zu gehen! Du, die Du alles hättest erreichen können, Dir soll nicht» davon zu teil werden! Und heute, wo ein znrückgestoßener Verehrer um Deine Huld zum zweitenmal fleht, und Dir ein Triumph gesichert ist, stößest Du ihn zum zweitenmal zurück! Du verdirbst Dir Dein Dasein selbst, Wally; ich warne Dich, bevor eS zu spät ist, um eS ungeschehen zu niachen Denke doch auch an mich! Ich habe ein Recht es zu fordern, ein Recht, eS zu verlangen, daß Du, für die ich so große Opfer gebracht, aus die ich alle meine Hoffnungen gesetzt, „sich nicht allzu grausam enttäuschest." 128,18