SchlWernerMung
Erscheint Rlittwoch und Samstag. - Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 85. Mittwoch,24. Oktober 1906. 57. Jahrgang.
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Schlüchtorner Zeitung
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Ineanaio finden in der Schlüchterner Ill9vl <• Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlächtern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Deutsches Deich.
— Am Sonntag Vormittag bald nach der Ankunft des Kaisers in Potsdam unternahmen die Majestäten mit den Prinzen und der Prinzessin Viktoria Luise einen Spaziergang. Später empfing der Kaiser die Mitglieder der Konferenz für internationales Meßver- fahren unter Führung des Professors Busly und nahm die Meldung des Militärattachees in Rom, Majors Frhrn. V. Hammerstein, entgegen, der zur Frühstücks, tafel geladen wurde. Die Kaiserin nahm am Montag vormittag an ihrem Geburtstage die Gratulation des engeren Hofes entgegen. Mittags fand Familientasel und Marschallstafel statt.
— Der braunschweigische Landtag hat in vertraulicher Sitzung der Regierungsvorlage betreffend die Neuwahl eines Regenten im Prinzip zugestimmt. Doch soll die Wahl noch hinausgeschoben werden, um dem Herzog von Cumberland nochmals eine Frist zu einer definitiven Stellungnahme zu gewähren.
— Da es in letzter Zeit mehrfach vorgekommen ist, daß Lehrer nach ihrer Wahl in einen anderen Bezirk ihre alte Stelle kündigten und ihre Entlassung aus dem bisherigen Bezirk nahmen, ohne die Bestätigung für die neue Stelle abzuwarten, und daß diese Bestätigung dann versagt wurde, wird durch eine Verfügung des Kultusministers folgendes bestimmt: „Die Entlassung von Volksschullehrern und Lehrerinen aus der alten Stelle darf erst dann erfolgen, wenn die Bestätigung für die neue Stelle erfolgt und zugestellr ist. In neuerer Zeit sind zwei Fälle zur amtlichen Kenntnis gekommen, in denen die Hinterbliebenen verstorbener Volksschullehrer deshalb keinen Rechtsanspruch auf die Gewährung der gesetzlichen Bezüge erheben konnten, weil die Lehrer infolge ihrer Wahl in ein Schulamt eines anderen Bezirks aus ihrem bisherigen Ainte entlassen worden waren, bevor ibre neue An,
In Kette« der Kieve.
Roman von Seta v. Starkenstein. 67
„68 handelt sich jetzt wohl darum, Sie auf die best- möglichste Art nach Hause zu bringen," sprach er.
„$8 ist mir so peinlich, Ihnen so viel Mühe zu be- reiten," entgegnete dar Mädchen seufzend; „aber ich fürchte wirklich, daß ich nicht im stande sein werde, zu gehen."
Ich glaube auch nicht,daß ermöglich sein wird; wir wollen aber schon Hilfe herbeischaffen, ah, da kommt Caste-
Atemlos, mit einem mächtigen Kruge Wasser in der Hand, eilte der junge Mann herbei.
Wally lächelte ihm zu und bot ihm bte schlanke Rechte. „Seien Sie meinetwegen nicht gar so unglücklich," sprach sie lächelnd „Der heftige Schinerz hat mich nur für we- nige Augenblicke ohnmächtig werden lasten; fielen Dank für alle Mühe, die Sie sich meinetwegen geben!
„Nichts bereitet mir Mühe, was ich für Sie tun darf, entgegnete Castelar mit umflorter Stimme. „Leiden Sie heftige Schmerzen?"
„Ein wenig, nicht gar so arg."
Ihre Augen standen voll Tränen, nicht aus Schmerz, sondern vor innerer Bewegung. Sie nahm da» Wasser, welches er ihr bot und tat einige hastige Züge.
Castelar aber wandte sich an den Obersten: „Ich habe Frau Briston unten getroffen, sagte ihr aber, sie könne uns nicht von weiterem Nutzen sein und sie möge nur unten bleiben."
„Sehr vernünftig; nun eile aber nach Hause zurück, um einen Wagen herbeizuschaffeu, mit dem Du unten am Fuße de» Hügels stehen bleiben kannst. Dein Taschentuch lasse da, ich brauche es gleich dem meinen, um eS zu Umschläge» zu verwenden."
Wally blickt« zu dem Obersten empor, der da» Taschentuch, welche» er in Hände» hielt, in breite Streifen jerrifj und mit einem Lächeln ihren fragenden Blick bk- «nttvortetr.
stettung endgültig zu stande gekommen war. Um dem vorzubeugen, sind sämtliche Regierungen und Provinzial- schulkollegien veranlaßt worden, in Zukunft die Entlassung von Volksschullehrern und Volksschuttehrerinnen aus der alten Stelle erst dann auszusprechen, wenn die Bestätigung für die neue Stelle erfolgt und dem Lehrer zugestellt worden ist."
— Der Kampf der Polen gegen den deutschen Religionsunterricht nimmt immer bedenklichere Formen an. In Ostrowo wurde eine vom Pfarrer Zborowski geleitete, von etwa 700 Polen, darunter dem Reichs- tagsabgeordneten Fürsten Ferdinand Radziwill und dessen Bruder Prinzen Karl Radziwill besuchte Versammlung polizeilich aufgelöst, als ein, Redner zum Kampf gegen den deutschen ReligiöilÄunterricht auf- sorderte und dabei betonte, daß das polnische Volk sich auflehnen müßte, auch wenn dabei Blut fließen sollte. In Dolzig, Kreis Schrimm, hat der Schulstreik infolge der Predigt des Ortsgeistlichen begonnen.
— Zur Ansiedelung von Deutschen aus Rußland schreibt die „Schlesische Zeitung" : Zur Ansiedelung aus dem von der Deutschen Kleinsiedelungs-Gesellschaft in Raschkow gekauften Gute sind die ersten Familien aus Rußland eingetroffen. Die Bewerbungen um Siedlerstellen sind über Erwarten zahlreich eingegangen, so daß sie bei weitem nicht alle berücksichtigt werden können. Der Auswandernngsstcom aus Rußland ist seit einigen Tagen wieder besonders stark So wurden in der vergangenen Woche gegen 300 Flüchtlinge vom Hülfsausschuß in geeignete Arbeitsstellen versandt. Im ganzen sind bisher gegen 5000 Auswanderer vom Hülfsausschuß untergebracht worden.
Ausland.
— In Frankreich ist das Ministerium Sarrien zurückgetreten. Man nimmt an, das Clämenceau Sarriens Nachfolger wird. Der Wiedereintritt Bourgeois' in das neue Ministerium wird allgemein gewünscht, im übrigen steht hinsichtlich der Mitglieder des neuen Kabinetts noch nichts fest.
— Im spanischen Ministerrat verlaß der Minister des Auswärtigen die Note, die betreffs der Religiösen Vereinigungen an den Vatikan gerichtet werden soll. Darin wird mitgeteilt, daß die Regierung sich veranlaßt sehe, die Orden einem Sondergesetz zu unterwerfen und die Oberhoheit des Staates zu behaupten. In derselben Sitzung wurden Depeschen aus Valencia verlesen, wonach unter den dortigen antiklerikalen Elementen neuerdings hochgradige Erregung gegen den Erzbischof Guisasola herrscht. Um weitere Skandale hintanzu- Hallen, forderte ihn die Regierung auf, nach Madrid
„Ihr Knöchel muf) verbunden werden, Fee, sonst schwillt er an," und er nahm sein eigenes Taschentuch znr Hand und verfuhr damit gerade so, wie er mit jenem des Lord Castelar verfahren.
Wally zog errötend Schuh und Strumpf aus und emp- fand dabei so furchtbare Schmerzen, daß sie recht wohl begriff, sie sei nicht im stande, auch nur einen einzigen Schritt zu versuchen. Würde Oberst Desmond ihr wohl den Fuß selbst nerbinben ? Nun, im Grunde genommen macht ja das nichts, Soldaten sind in manchen Fällen den Aerzten gleich zu stellen; ihr Herz pochte aber deshalb doch höher, als er, sich jetzt zu ihr niederbeugend, fragte: „Ob Sie sich Ihren Fuß wohl selbst verbinden könnten? Ich glaube kaum; jedenfalls nicht so gut, als ich es täte, beim Sie müssen wissen, daß ich ein ganz guter verlnßli- cher Arzt bin und im Felde schon manche schlimmere Wunde zu verbinden Gelegenheit fanb."
Sie lächelte und er wartete seine weitere Zustimmung ab, sondern kniete nieder und nahm ihren zierlichen kleinen Fuß in die Hand.
„Hier tut eS Ihnen weh, nicht wahr?" fragte er, in- dem er leise die angeschwollene Stelle berührte.
Wally nickte bejahend.
„ES tut mir leid, daß ich Ihnen beim Verbinden auch noch weiteren Schmerz bereiten muß," sprach er; „aber Sie werden er mutig ertragen, wie eS einem Soldaten- kindc ziemt. Es ist keine schlimme Zerrung und Sie wer- den nicht lange damit zu tun haben."
,Wa» aber sollen Wald-Elfen und Geister sagen, wenn sie Sie ein paar Tage nicht zu Gesicht bekommen ?"
fürchte, die werden lernen müssen, sich ohne mich zu Welsen. Aber, Oberst DeSmond, ich werde meinen Schuh nicht wieder anziehen können; was in aller Welt soll ich nun ansaugen?'* .
Er hatte den schuh bereits in die Tasche gesteckt und sich erhoben. „Wollen wir nicht den Versuch machen, hm- abzukomme», Fee, um da zu sein, wenndcrWageneint- rtfst?" fragte er lächelnd, »adtin er ihr bte Hand bot,
zu kommen, um an den nächsten Verhandlungen des Senats teilzunehmen, da der Erzbischof Mitglied des Senats ist.
— Auf einem Bankett in Sheffield hielt der Erste Lord der Admiralität Lord Tweedmouth eine Rede, in der er erklärte, die englische Admiralität glaube, daß die Zukunft den großen Schlachtschiffen mit schwerer Panzerung und großen Kanonen gehören werde. Lord Tweedmouth hat in der Rede weiter, die pessimistischen Prophezeiungen über die Ergebnisse der Herabsetzung des Flottenbauprogramms zu unterlassen. Die Stellung der englischen Flotte sowohl in Hinsicht auf die Anzahl der Schiffe, auf Panzerung, Ausrüstung und Tonnengehalt sei niemals stärker gewesen als im gegenwärtigen Augenblick, da sie stärker sei als irgend eine mögliche Kombination, die gegen England aufgebracht würde.
— Ueber einen neuen Kampf in Deutsch-Südwestafrika ist folgende amtliche Meldung eingetroffen: Am 12. Oktober wurde an der Ostgrenze zwischen Holpan und Sandpüts (südlich Hasuur) eine starke Hottentottenbande. von der 3. Kompagnie des 2. Feldregiments angegriffen. Der Feind floh nach zwölfstündigem Gefecht größtenteils in südwestlicher Richtung und wurde von der 3. Kompagnie sowie halben 8. Batterie unter Führung von Major Siebert verfolgt. Unsererseits zwei Reiter gefallen, zwei leicht verwundet. Ein kleinerer Teil der Bande floh über die englische Grenze. Nach übereinstimmenden Nachrichten hatte der bei Holpan geschlagene Gegner vorher auf englischem Gebiet gesessen und mit einem Waffenschmuggler verhandelt. Der englische Magistrat zu Rieifontein, S. O., bestätigte diese Nachricht und drückte am 10. Oktober sein Bedauern darüber aus, daß er nichts» der Lage gewesen sei, diese Leute zu entwaffnen und festzunehmen.
— Ein Aufstand arabischer Stämme ist zwischen Deinen und Hedschas ausgebrochen. Die Aufständischen haben in einer Woche 200, die türkischen Truppen 100 Tote und 60 Verwundete verloren. Die türkischen Truppen mußten weichen. Da die Gefahr der Ausbreitung des Aufstandes gegen Norden besteht, wurden in Konstantinopel Verstärkungen verlangt.
Lokales und Provinzielles.
Schlächtern, 23. Okt. 1906.
—* Wie im Inserat ersichtlich, findet diesen Winter ein Zeichenkursus in geometrischem und gewerblichen Zeichnen statt, welchen wir allen jungen Leuten, welche ein Handwerk lernen wollen oder gelernt haben, nicht genug empfehlen können. Indem die erste Vorbildung für alle Teilnehmer zunächst eine einheitliche ist,
damit sie sich erheben könne. „Glauben Sie, umwunden unb umhüllt, wie Ihr Fuß es ist, hinabzukommen, wenn ich Sie stütze?"
„Jedenfalls soll und muß der Versuch gewagt werden."
„Es dürfte aber doch nicht gehe», Kind; gestatten Sie, daß ich Sie trage."
„C nein, nein! Ich bin nicht so federleicht, wie Sie zu glauben scheinen, lassen Sie mich nur auftreten und den Versuch des Gehens unternehmen."
„Wenn Sie wollen, immerhin. Aber Sie beweisen durch diesen Wunsch, daß Sie gar nicht wissen, lvie hinderlich ein vertretener Knöchel einer jedeii Bewegung ist. Kaminen Sie, Wally, ich wollte für wahr, daß ich nie im Leben eine schwerere Bürde zu tragen hätte, als Sie."
Sie fühlte recht gut, daß er mit diesen Worten nicht eine physische Last allein bezeichnen wolle und sah mit einem flehenden Blick zu ihm empor. „SB tut mir so leid, Ihnen Mühe zu bereiten," sprach sie mit der ganzen Nai- vctät, welche jener Wally eigen gewesen, die noch als schlich- teS Landmädchen bei dem Onkel gehaust und welche Naivetät man bei Wally, der Weltdame, so gerne geneigt war, als die Quintessenz der Koketterie anzusehen.
Und doch wußte Desmond, daß eS in diesem Augenblicke wenigstens nicht Koketterie war, sonst hätte er e8 nimmer über sich gebracht, mit sanfter Stimme zu erwidern: „Tut eS Ihnen leid? Auch ich bedauere e» um Ihretwillen. aber nicht für micf) selbst."
Es hatte wirklich den Anschein, als finde er sie feber- leicht und trug sie, wie man etwa ein Kind zu tragen pflegt.
„Der Abstieg ist ziemlich steil, fürchten Sie sich?" fragte er sie besorgt. 128,18
Sie aber versicherte ihm lächelnd, daß die» durchaus nicht der Fall fei; als obste auch an seiner Seite nur irgend etwas hätte fürchten können. Auch nicht durch einen einzigen Blick erinnerte er sie an jenen Ritt, den sie einst gemeinsam durch Sturmesnacht getan und doch glaubte sie gewiß fein zu können, daß er deSjelben gedenke