SchlWernerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg,
80. Samstag, den 6. Oktober 1906. 57. Jahrgang.
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Deutsches Deich.
— Die Hochzeit des Fräulein Berta Krupp, zu welcher der Kaiser sein Erscheinen zugesagt hat, ist bekanntlich für den 16. Oktober festgesetzt. Die Trauung findet in der an der Terrasse vor dem Hauptgebäude der Villa Hügel errichteten Kapelle statt, die bis zur Trauung von Fräulein Barbara Krupp im nächsten Frühjahr stehen bleibt.
— Der Reichskanzler Fürst v. Bülow ließ als ehemaliger Schüler des Pädagogiums der Franckeschen Stiftungen in Halle a. S-, anläßlich der kürzlich erfolgten Einweihung eines neuen Hauses der damit verbundenen lateinischen Hauptschule, der Festversammlung das folgende Begrüßungstetegramm zugehen: „Wenngleich leider verhindert, der Einweihung des neuen Schulhauses beizuwohnen, weilen meine Gedanken doch bei der schönen Feier. In dankbarer Erinnerung an die einst im Pädagogium erhaltene Erziehung und mit den besten Wünschen für ein ferneres Gedeihen der reich gesegneten Franckeschen Stiftungen Reichskanzler Fürst Bülow."
* — Die Ansiedelungskommisfion hat das bisher in polnischen Händen gewesene, 1100 Morgen große Gut Neuhof im Kreise Bromberg angekauft.
— Die Regierung geht gegen die aufsässigen Polen ohne Anwendung von Gewalt, aber sehr entschieden vor. In Bnin und Schrimm haben die Regierungskommissare die Anstellung neuer Lehrer auf Kosten der Gemeinden angekündigt, da eine Teilung der folgsamen und rebellierenden Kinder vorgenommen werden müsse. Die beiden Gemeinden Bnin und Schrimm sollen für 3400 bezw. für 8000 Mark aufkommen. Die Polen wollen dagegen protestieren, zum Teil unter Berufung auf gar nicht anwendbare Bestimmungen. Die Regierung ist jedenfalls entschlossen, die Sache mit allen gesetzlichen Mitteln zum Austrag zu bringen.
An Ketten der Kieve.
Roman von Seta v. Starkeilstein. 50
„Krön ist heute aufgeregt," sprach DeSmond, „sind Sie auch gewiß, Kind, daß Sie sich nicht fürchten? Ich kenne Sie und „Aron", doch sollten Sie nervös sein . . ."
„Ich und nervös?" lachte das Mädchen. „Nicht im geringsten; wenn Sie mir überdies sagen, daß ich mich auf „Aron" verlassen kann, so würde das vollständig genügen, um mir jede Aengstlichkeit zu nehmen."
„Selbst wenn Sie „Aron" nicht für sicher halten wür- den?" konnte DeSmond nicht umhin, zu fragen.
„Ich würde wissen, daß ich mich täusche, sobald Sie dem Tiere vertrauen," entgegnete Mally, die nur zu gut fühlte, wie blind ihr Glaube an Richard DeSmond sei.
Die anderen Reiter und Reiterinnen gesellten sich nun Su der kleinen Gruppe und der Oberst überließ es Lord fastelar, Wally in den Sattel zu heben. Bevor er selbst aber sein Pferd bestieg, wandte er sich nochmals an das junge Mädchen. „Halten Sie die Zügel fest, Kind; „Aron", nicht wahr, Du weißt, welch' kostbare Bürde Du trägst?"
Das Pferd sah seine» Gebieter mit den großen, schönen Aliacii an, als wolle e» sagen, ich weiß, wie teuer Dir meine Bürde ist, sei ruhig, ich werde sie behüten.
„0, „Aron" und ich, wir werden einander gar gut verstehen!" rief Wally lächelnd.
k, Man setzte sich in Bewegung, eine fröhliche, heitere Ge- sellschaft, welcher allem Anscheine nach der Ernst deS Le- benS fremd war.
„Force scheint dem Fräulein Mills zu huldigen, konimt Ihnen das nicht so vor, Herr Oberst?" meinte Frau Bri- . ston, welche an Desmonds Seite ritt.
M . "Ich 5°ffe es und gebe mich sogar dem Glauben hin, daß diese Neigung erwidert wird."
, »Ach, Ihr Soldaten seid in Herzensangelegenheiten eigentlich alle ein schrecklich loses Volk, dein man nicht recht traue» tmm und Euere Verehrung ist zumeist höchst Oberflächlicher Natur."
— Eine verdiente Strafe hat den Volksschullehrer Möller in Auenbüll bei Gravenstein in Schleswig getroffen. Von ausgesprochen dänischer Gesinnung, hat er nicht seine Pflicht als deutscher Beamter und Lehrer in der Weise und dem Maße erfüllt, wie es von der Vorgesetzten Behörde erwartet wird, so daß man schon lange das Augenmerk auf sein politisches Verhalten scharf gerichtet hatte. Am Sedantage hat er es nicht für nötig erachtet, die vorgeschriebene vaterländische Schulfeier abzuhalten. Damit war nun das Maß voll. Nunmehr erhielt er ein Schreiben seines Ortsschul- inspektors, des Predigers in Ulderup, worin er auf- gefordert wurde, sein Amt sofort niederzulegen.
— In Eisenach haben Konferenzen von Vertretern der beteiligten Bundesregierungen stattgefunden, in denen über einzelne Ausführungsbestimmungen der Vereinbahrungen über die Reform der deutschen Personen- und Gepäcktarife beraten ist. Ueber alle wesentlichen Punkte ist ein erfreuliches Einverständnis erzielt, so daß nunmehr mit Sicherheit auf das Inkrafttreten des Reformtarifes auf der bekannten Grundlage am 1. Mai 1907 gerechnet werden kann.
Ausland.
— Die diesjährige Tagung des dänischen Reichstages ist vom König von Dänemark mit einer Thron« rede eröffnet worden, in der zahlreiche Gesetzentwürfe angekündigt werden und in der der König seine Absicht aussprach, bei den Souveränen verschiedener Länder Besuche abzustatteu.
— Die portugiesischen Kortes wurden vom König mit einer Botschaft eröffnet, welche die internationalen Beziehungen als ausgezeichnet bezeichnet und zahlreiche innerpolitische Gesetzentwürfe ankündigt, die von allen Ministerien den Kortes vorgelegt werden sollen. Unter den Vorlagen befindet sich eine, betreffend eine Reform einiger Artikel der Verfassung und ihrer Zusatzakte, ferner eine Vorlage, durch welche die Tabakskontrolle genehmigt wird, sodann ein Entwurf betreffend Regulierung der Wein- und Likörausfuhr, welche die Landschaft am Duero fordert, und schließlich ein Gesetzentwurf, betreffend Konversion der inneren Schuld.
— Die Zustände in der serbischen Armee sollen nach einer Mitteilung des pensionierten Divisionsgenerals Svetschkovitsch an einen Mitarbeiter des „Pravdo" so faul sein, daß die höheren Kommandanten nicht mehr im Dienste bleiben könnten. Den Soldaten fehle eine anständige Kleidung, den Pferden genügendes Futter. Dabei sei der Kriegsminster Pabnik zu unfähig, | um die Zustände zu bessern. Er stehe unter dem Ein-!
Feodore, welche sich zu dem Obersten und Frau Bri- ston gesellt hatte, vernahm diese letzten Worte und stinimte lachend bei.
„Kann ich Dir wirklich nicht den Glauben beibringen, daß man auch einem Soldaten zu vertrauen int stände ist?" fragte der Oberst die Schwester seiner Schwägerin. Doch die helle Blutwelle, welche bei diesen Worten in Feodores Antlitz stieg, verblüffte ihn. Er hatte nur höflich sein wollen und es ivar ihm nicht in den Sinn getommen, zu kokettieren; obzwar er wußte, daß Gräfin Peal ihre Schwester gerne verheiraten wollte, war er zu wenig eitel, um zu denken, daß man gerade aus ihn gerne verfallen werde. Feodores Aussehen und ihr Wesen aber hatten ihn zum erstenmal mit unbequemer Deutlichkeit es nahegelegt, daß er dem jungen Mädchen nicht gleichgültig sei.
Er biß sich auf die Lippen unb bemühte sich, in gesellschaftlich indifferentem To» zu bemerken: „Ach, ich sehe schon, daß ich in sehr schlechtem Renommee stehe, obzwar ich eS gewiß nicht verdient habe , wollen mir nicht etwas rascher reiten? Die anderen sind uns schon völlig aus dem Gesicht gekommen."
Man willfahrte feinem Wunsche, gerade als man aber nahe daran war, die übrigen zu erreichen, flog Wallys Pferd mit einigen wilden Sätzen weit voraus, doch DeS- mond hatte sie bald erreicht.
DaS Mädchen sah mit glühenden Wangenzu ihm empor.
Im Moment empfand es gar nichts anderes, als daS beseligende Bewußtsein, losgelöst von den übrigen, mit Richard DeSmond allein zu sein und so ritten sie denn weiter, ohne der anderen zu achten, bis der Oberst endlich in ihre Zügel griff und sprach: „Wally, Sie sind atem- loS, lassen Sie uns ein wenig anhalten!"
Sie mar auch nahezu vollständig erschöpft, weniger von der Anstrengung des Rittes, als von der moralischen Aufregung. Atemlos saß sie im Sattel, ohne auch nur ein Wort hervorbringen zu können.
Richard beobachtete sie schweigend einige Minuten, er streichelte dabei liebkosend „Arous" Hals, wagte aber nicht,
fluffe der Verschwörer, da in Pirol Briefe aufgefangen worden seien, wonach für den 15. Oktober demonstrative Massenaustritte der Offiziere aus der Armee geplant seien. Daß es in der serbischen Armee gegenwärtig etwas bunt zugeht, erscheint allerdings glaubhaft
— Das Urteil wegen der Matrosenmeuterei in Kronstadt ist gefällt worden. Das ehemalige Mitglied der Reichsduma Orupko wurde zum Verlust aller Rechte und zur Deportation verurteilt. Von den Matrosen wurden 19 zum Tode durch Erschießen, 12 zu Zwangsarbeit auf unbestimmte Daner, 120 zu Zwangsarbeit von 4 bis 20 Jahren, 429 zur Einreihung in die Arrestanten-Abteilung des Gefängnisses verurteilt. Alle Verurteilten werden aus dem Militärstande ausgestoßen.
129 Matrosen und drei Bauern wurden freigesprochen.
— Nach Informationen der Pforte wurde ein großes bulgarisches revolutionäres Komplott in Jenidse entdeckt. Eine Kommission wurde dorthin gesandt, zahlreiche Verhaftungen sind vorgenommen In Barichau (Bezirk Monastir) tötete eine griechische Bande 5 Bulgaren und verwundete ein junges Mädchen.
— Die Spannung zwischen Bulgarien und der Türkei hat sich wiederum um ein Beträchtliches erweitert. JmMdiz fand ein außerordentlicher türkischer Ministerrat statt, der sich angeblich mit der Haltung Bulgariens beschäftigte. Es verlautet, daß an der bulgarischen Grenze ernste Zwischenfälle vorgekommen seien, bei denen mehrere Bataillone beteiligt gewesen seien. Es sind 5 Schnellfeuergeschützbatterien, 384 Pferde und 16 Waggons Munition nach Adrianopel abgegangen.
— Der türkisch-ägyptische Grenzkonflikt ist endgültig erledigt Da der Sultan den englisch-ägyptischen Forderungen nachgegeben hat und die Grenze der Halbinsel S'nai endgültig abgesteckt ist, werden die türkischen Grenzkommissare zurückkehren.
— Seitens der Vereinigten Staaten ist nunmehr tatsächlich die Einsetzung einer provisorischen Regierung in Kuba erfolgt. Im Amtsblatt von Havana erläßt Kriegssekretär Taft ein Bekanntmachung, daß er einst« weilen die Regierung übernommen habe, bis eine ständige Regierung eingesetzt sei. Präsident Roosevelt hat die sofortige Entsendung von 6000 Mann nach Kuba angeordnet.
— Der Schah von Persien ist bei seiner Rückkehr aus der Sommmerresidenz in Teheran enthusiastisch begrüßt worden. Die Stadt war illuminiert. Die Wahlen zum Parlament haben bereits begonnen. Die Eröffnung der Abgeordnetenversammlung erfolgt nach einem Monat.
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zu sprechen, denn er fühlte, daß, wenn er es tue, alle Selbstbeherrschung dahin sei und Worte der Leidenschaft auf seine Lippen treten mußten. „Armes Kind," flüsterte er endlich liebevoll, „ich hätte diesem tollen Ritte früher Einhalt gebieten sollen."
„Nein, o nein! Ich . . ich wollte ja vorwärts, es war ein herrlicher Ritt!"
Wenn er nur geahnt hätte, wie sehr er allein die Schuld trug an ihrer Erregung, wenn auch in ganz an- derem Sinne, als er eS meinte.
„Dieanderen sind uns jetzt ganz nahe," sprach« dann nach einer längeren Pause; „sollen wir ihr Herankommen erwarten?"
Seine Worte klangen beinahe kalt, und Wally wandte ohne jede Entgegnung das Pferd und sprengte auf die an- deren zu.
„Nun, Eure beiden Pferde haben Flügel bekommen!" rief Frau Briston lachend, indem sie gleichzeitig zu beiden sprach.
„Sie sind beide noch im stände, einen zweiten Galopp auf doppelt große Entfernung auszuführen. „Aron" ist ein prächtiges Pferd, nach meinem eigenen, „Gubart", das beste in meinem Stalle, und Wally hat allerdings nur da» Gewicht einer Feder."
Man ritt inzwischen weiter.
Wally aber war in Gedanken versunken. Es beschäf. tigte sie imauSgesetzt die Frage, ob sie nicht doch noch im stände märe, das Herz dieses Mannes zu bewegen, andererseits aber sagte sie sich, daß sie nicht einmal den Ber- such wagen dürfe, menn sie nicht völlig von ihm mißver- standen werden wolle.
So wandte sie sich denn, um das zuckende Weh ihre» Herzens zu vertreibe», an den Lord Castelar und plau- derte so angelegentlich mit diesem, daß DeSmond, der e» bemerkte, sich sofort zurückzog.
„Wieder ein neues Opfer," sprach Frau Briston, die letzt an Desmonds Seite ritt, mit einem vielsagenden Blick zu den bethen hinüber. 123 13,