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M 74.
Samstag, den 15. September 1906.
57. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Prinz Albrecht von Preußen, Regent des Herzog, tums Braunschweig, ist Donnerstag früh 5 Uhr ‘20 Min- verschieden.
— Das Kaiserpaar wird zu den Tauffeierlichkeiten im Herzogshouse von Coburg-Gotha am 18. Sept. in Coburg eintreffen.
— Von Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog von Baden ist dem Direktor der Karlsruher Lebensversicherung auf Gegenseitigkeit vormals Allgemeine Versorgungs-Austalt, Herrn Karl Rheinbold, das Ritterkreuz 1. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen verliehen worden.
— Der Kaiser hat in Breslau bei der Hoftafel für die Provinz Schlesien eine höchst bedeutsame Rede gehalten. Er gedachte darin zunächst in warmen Worten der engen Beziehungen, die das Hohenzollernhaus und die Provinz Schlesien verknüpfen. Sodann mahnte er in beweglicher Weise zu Gottesfurcht und Treue und schloß mit folgenden bemerkenswerten Worten: „De. Lebenden gehört die Welt, und der Lebende hat rech. Schwarzseher dulde ich nicht, und wer sich zur Arbei nicht eignet, der scheide aus, und wenn er will, suche er sich ein besseres Land. Ich erwarte aber von meinen Schlesiern, daß sie mit dem heutigen Tage sich von neuem in dem Entschluß zusammenfinden werden, den großen Zielen und Vorbildern nachgehend, ihrem Herzog zu folgen in seiner Arbeit, und vor allem in seiner Friedensarbeit für sein Volk."
— Vom Kaiser ist der Schwarze Adlerorden den Prinzen Albert zu Schleswig-Holstein Sonderburg Glücksburg, Obersten und Kommandeur des Gardekürassierregiments, verliehen worden. Der Dekorierte ist ein Oheim der Herzogin von Sachsen-Koburg-Gotha.
— In Breslau ist in Gegenwart des Kaisers das von der Armee gewidmete Denkmal für General v. Clausewitz auf dem ehemaligen Garnisonkirchhofe enthüllt worden. Prinz Eitel-Friedrich sowie Erzherzog Friedrich, der Herzog von Connaught, die fremden Offiziere, der Chef des Generalstabes Generalleutnant von Mollke, die Generalfeldmarschälle Graf von Häseler und von Hahnke, die Generalität sowie Vertreter der Stadt Breslau und Mitglieder der Familie Clausewitz wohnten der Feier bei. Der kommandierende General v. Woyrsch hielt die Gedenkrede, worauf der Kaiser den Parademarsch der Ehrenkompanie abnahm.
— In Kufstein hat die Enthüllung des Friedrich List-Denkmals stattgefunden. Der erste Vorsitzende des Denkinalsausschuffes, Universitätsprofessor Dr. v. Ehe- berg-Erlangen, hielt eine bedeutende, zündende Rede,
In Ketten der Kieöe.
Roman von Seta v. Starkenstein. 42
DaS Mädchen hatte wohl bom Tode reden höre», aber so direkt, im nächsten Freundeskreise, war ihr derselbe noch niemals entgegengetreten.
Frau Root nahm die Sache ruhiger. Sie zählte eben fünfzig Jahre und hatte ein von Wallys Charakterveranlagung gänzlich verschiedenes Temperament. Hätte man behauptet, der Todesfall sei ihr nicht nahe gegangen, so würde man ihr damit sehr unrecht getan haben, aber sie war vor alle» Dingen ein durch und durch weltlicher, ober- flächlicher Charakter und in einer Weise höchst ehrgeizig, selbst im Moment des ersten Schreckens dachte sie doch da- ra», daß Richard nun der Majoratsherr sei und sich durch ihn Wally eine glänzende Zukunft kneten lassen könne; ja sogar gesellschaftlich eine weit glänzendere, als wenn sie Howard Gilman heirate. ,
„Furchtbar, entsetzlich!" sprach Frau Root, indem sie ihre Nichte ansah. „Und die arme Peal hat leinen Sohn, e8 fällt somit alles an Richard; auch er wirb den Tod des Bruders schmerzlich empfinden, obzwar die beiden im Grunde genommen sehr verschieden waren und, bedingt durch den militärischen Beruf des einen, wenig zusammen- tamen."
Wally saß in sich versunken da und achtete der Worte der Tante kaum.
Nach einer Weile sprach diese: „Kind, starre nicht so gedankenschwer vor Dich hin, ich habe mit Dir zu rede» und möchte, daß Du mir ungeteilte Aufmerksamkeit schenkest. Dafür verspreche ich Dir auch andererseits, daß ich Dich nicht schelten werde, waS immer Du mir auch mit« teilen mögest. Haft Du Howard Gilmans Werbung ange- nommenoder nicht?"
„Ich schrieb ihm, daß ich unmöglich seine Frau werden könne, da ich ihn nicht liebe. O, Tante Konradiue, ich weiß, daß man mir unrecht geben wird, aber ich kann Dir nur versichern, es lag nicht in meiner Absicht, mit
in der er List als den bedeutendsten Nationalökonomen unserer Zeit feierte.
— In Hannover hat der Delegiertentag der nationalliberalen Jugendvereine getagt. Die Tagung wurde mit einer längeren Rede des Vorsitzenden der Jugendvereine Dr. Fischer-Köln eingeleitet. In dieser Rede erfuhr die Haltung der nationallieberalen Fraktion im Reichstage und preußischen Abgeordnetenhause, insbesondere die Stellungnahme zur Reichsfinanzreform und zum Schulunterhaltungsgesetze, ziemlich scharfen Tadel. In der darauf folgenden Debatte suchten die Abgeordneten Bassermann und Schiffer die Haltung der Fraktion zn rechtfertigen, während mehrere jung- nationallieberale Redner dem Standtpunkte Dr. Fischers beitraten. Man darf gespannt sein, wie sich diese Gegensätze aus dem bevorstehenden nationalliberalen Parteitage in Goslar ausgleichen werden.
— In Frankfurt a. M. hat die Versammlung der deutschen kriminalistischen Vereinigung getagt. Es wurden folgende Anträge angenommen: Die Versammlung e.klärt den Erlaß eines deutschen Reichsausliefer- ungsgesetzes für dringend wünschenswert. Der Vorstand wird ermächtigt, diesen Beschluß dem Reichskanzler zu unterbreiten. Professor Frank-Tübingen wird gebeten, den Entwurf eines deutschen Reichsauslieferungsgesetzes auszuarbeiten und der nächsten Landesversammlung vorzulegen. Der bisherige Vorstand unter Hinzuziehung des Oberbürgermeisters Dr. Adickes-Frankfurt wurde wiedergewählt.
— In Kiel ist der 28. deutsche Juristentag unter großer Beteiligung in der Aula der Universität durch den Geheimen Justizrat Professor Enneccerus- Marburg eröffnet worden. Oberreichsanwalt Dr. Ols- Hausen-Leipzig wurde zum Vorsitzenden gewählt. Auf seinen Vorschlag wurden Huldigungstelegramme a. Kaiser Wilhelm und den Kaiser von Oesterreich gesandt, und in einem Telegramm an den G oßherzog und die Großherzogin von Baden wurde des 80. Geburtstages des Großherzogs und der goldenen Hochzeit des Großherzoglichen Paares gedacht. Es folgten Begrüßungsansprachen. Der Vorsitzende teilte mit, daß zwei Juristen aus Japan gebeten haben, an denVerhandlungen teilnehmen zu dürfen.
Ausland.
— Die Auslegung des neuen telegraphischen Kabels zwischen Norwegen und Deutschland ist beendet. Das erste Telegramm auf dem Kabel war ein Telegramm des Königs Haakon an den Deutschen Kaiser. Der König sandte dem Kaiser seine besten Grüße und sprach die besten Wünsche für die neue Verbindung aus.
seiner Neigung zu spielen; lieber will ich sterben, als jenen Mann heiraten! Ich weiß, daß die Welt sagen wird, ich sei eine Kokette, das läßt sich aber nicht ändern; Du wirst Dich erinnern, daß ich Dir gesagt habe, ich liebe das Leben in der Welt und könne mich nicht mit Manfred vermähle», weil er arm sei, ich ahnte aber damals nicht, was eS heiße, Howard Gilman zu heiraten. Du wirst mich für undankbar halten, aber ich fühle mich bolltommen unfähig, diesem Manue mein Jawort zu geben; ich kann Dir darin nicht gehorchen, was immer auch die Folge sein möge. Wenn Du mir zürnst, so lasse mich aufS Land zurückkehren."
„Uni Manfred Lister zu heiraten?" wandteFrau Root ruhig ein.
„Nein, nein, daS niemals!" rief daS junge Mädchen lebhaft.
„Wir wollen heute nicht weiterdarüber sprechen, Wally, nur dessen magst Du gewiß sein, daß ich Dich nicht aufs Land zurückschicke. Und nun gute Nacht, Kind!" Sie küßte daS Mädchen herzlich.
Wally entfernte sich einigermaßen verblüfft. WaS sollte daS zu bedeuten haben? Freilich hatte Frau Root versprochen, nicht böse mit ihr sein zu ivollen, nun aber schien eS förmlich, als ob eS ihr angenehm wäre, daß die Heirat nicht zu stände komme. Wally begriff nicht, wodurch diese Sinnesänderung der Tante hervorgerufen worden sein könne, aber eS sollte ihr nur allzubald klar werden. Friedrichs Tod machte Richard zum Majoratsherrn und da» war deS Rätsels Lösung. Ja, die berechnende Frau wollte Howard Gilman als Prätendent auf die Hand ihrer Nichte beseitigt wissen, weil Richard Desmond jetzt eine glänzende Partie war.
„Und er wird sich einbilden, daß auch ich klügelnd berechnete, in der Stunde, in welcher ich erfuhr, daß er zum reichen Manne geworden. O, Himmel, wie soll ich das er- tragen!" stöhnte Wally, indem die Tränen unaufhaltsam über ihre Wangen niederperlten. „Er wird erfahren, daß ich Howard GilmanS Werbung an dem Tage zurückwieS,
— Wie in Paris verlautet, hat die französische Bischofskonferenz drei als sehr einflußreich geltende Bischöfe ersucht, vom Minister Briand die gesetzlichen Bürgschaften zu verschaffen, welche der Papst als die notwendige Vorbedingung für die Annahme des Trennungsgesetzes ansehe. Die drei Delegierten sollen auf der Abänderung des Artikels 8 des Trennungsgesetzes bestehen; dieser Artikel weist die etwa zwischen kulturvereinigungen entstehenden Streitigkeiten dem Staatsrate zu und hebt so die der Kirche in Artikel 4 des Gesetzes gemachten Zugeständnisse wieder auf. Die Versammlung sprach die Ansicht aus, es möge in einer neuen Fassung des Gesetz^ erklärt werden, daß bei derartigen Streitigkeiten die Meinung des Bischofs entscheidend sei.
— Ueber die Vorgänge in Rußland liegen folgende Meldungen vor: Die russischen Revolutionäre planen, durch Ermordung der fremden Konsuln Schwierigkeiten mit dem Ausland herbeizuführen. — Die Mörderin des Generals Minn, Konopliannikova, ist vom Petersburger Militärbezirksgericht zum Tode durch den Strang verurteilt worden. Das Urteil ist bestätigt und bereits vollzogen worden. — In Riga wurden der Revolutionär Kluming wegen Ermordung des Pastors Zimmermann und dessen Frau sowie zwei andere wegen Mordtaten verurteilte Revolutionäre erschossen. — In Siedler haben Ruhestörungen und Straßenkämpfe stattgefunden. Das Militär schoß mit Kanonen. Es sollen zwei Häuser zerstört und insgesamt 100 Personen getötet und 200 verwundet sein. Es heißt, die Zahl der Verhafteten betrage etwa 1600. Die Stadt sei wie ausgestorben ; niemand werde eingelassen.
— Die Revolution in Kuba scheint langsame, aber sichere Fortschritte zu machen. Jetzt sieht Präsident Palma sich bereits genötigt, die Volksvertretung z»- sammenzurufen, um ihr die Entscheidung über die fernere Behandlung der Aufständischen zu übertragen. Große Rebellenhaufen stehen rings um die Stadt Habana.
— Zwei überaus starke japanische Seefestungen steht Japan im Begriff an der koreanischen, in Port Lazarew und in Chin-hai, zu errichten.
Lokales und Provinzielles.
Schlächtern, 14. Sept. 1906.
—* Vielfachen Wünschen entsprechend, ist für die Arzeneiversorgung des Bahnhofs Elm eine zeitgemäße Einrichtung getroffen. Bisher war die Beschaffung von Arzeneien aus der Apotheke zu Schlächtern als der nächstliegenden, für die Bewohner des Bahnhofs mit großem Zeitverlust verbunden. Diesem Uebelstand
an welchem sein Bruder starb, und es ist ja nur begreiflich, daß er mich nur für eine berechnende, geldgierige Kokette hält."
„Weshalb sollte er denn überhaupt gut von mir denken? O, die Schande bricht mir das Herz: die Schande, daß er meinen könnte, ich wolle nur aus habsüchtigen Mo- tiben seine Liebe erringen. Ob er wohl jemals erfahren wird, daß mein Herz ihm gehört hat, vom Augenblick des ersten Sehens an. Ach, besser, weit besser, würde es für mich gewesen sein, wäre ich ihm nimmermehr begegnet."
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Howard Gilman hatte sich in Gesellschaft seiner Schwester int Wohnzimmer befunden, als man ihm Wallys Brief brächte. Seine Hand bebte, da er denselben in Empfang nahm.
„Von Wally Gerhard," sprach er zu seiner Schwester ge- waubt, die von der Wahl ihres Bruders nie entzückt gewesen war. Er öffnete daS Schreiben, in welchem er eine sichere Zusage zu finden erwartete und erbleichte, während er dasselbe durchflog.
„Abgewiesen. . unmöglich! Es muff da ein Mißver- ständnis obwalten." Er las noch einmal langsam Wort für Wort, aber nein, der Sinn dieser Zeilen war nur allzu deutlich.
Besorgt beobachtete ihn seine Schwester und endlich, als er regungslos eine Weile vor sich hingestarrt, rief sie : „Howard, um des Himmels willen, waS ist denn geschehen ?"
„Was?" Und wuchtig schlug er mit der Faust auf den Tisch. „Wally hat mich ausgeschlagen!"
„Dich ausgeschlagen . . nach allem waS geschehen?"
„Ja, nachdem alle Welt glaubte, daß wir so gut wie verlobt seien, schreibt mir diese achtzehnjährige Schöne ganz ruhig, sie könne mich nicht heiraten, weil sie mich nicht liebe; sie bittet innig, ich möge ihr verzeihen, wenn ich etwa finden sollte, daß sie ein tändelndes Spiel mit mir getrieben habe. Bei Gott, auf den Knien soll sie bereuen, wie sie sich gegen mich benommen." 128,18