WüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
32 71. Mittwoch, den 5. September 1906. 57. Jahrgang.
Amtliches.
St. 698. Nach meiner Bekanntmachung vom 17. Mai d. Js. St. 406 Kreisblatt Nr. 21 haben die Steuererheber der Landgemeinden und Gutsbezirke die im II. Vierteljahr 1906 vereinnahmten Staatsabgabsn (Einkommen- und Ergänzungssteuer, Domanenrenten, Rentenbankrenten usw.) am 5., 6., 7. und 10. September cr. an die hiesige Königliche Kreiskasse — Hanauerstraße 38 — abzuliefern.
Schlächtern, den 30. August 1906.
Der Vorsitzende
der Einkommensteuer-Veranlagungs-Kommission:
J. V.: Valentiner.
Deutsches Deich.
— Die Herbstparade der Berliner und Potsdamer Garnison ist bei herrlichem Wetter glücklich verlaufen. Der Kaiser war am Samstag gegen 7« nach 10 Uhr auf dem Paradefeld eingetroffen. Anwesend waren die Kaiserin, die Kronprinzessin, die Prinzessin Viktoria Luise, die Kronprinzessin von Griechenland, Erzherzog Joseph, der Herzog von Genua, der englische Kriegsminister Haldane, der Kronprinz und die königlichen Prinzen. Es fand ein zweimaliger Vorbeimarsch statt. Der Kaiser führte der Kaiserin zweimal das 1. Garderegiment zu Fuß vor. Nach der Kritik setzte sich der Kaiser gegen 11 Uhr an die Spitze Der Fahnen und Standarten und führte sie nach dem Schlosse. Der Kaiser nahm nach der Rückkehr von der Parade eine größere Reihe von Meldungen entgegen, darunter die des.kommandierenden Generals des Gardekorps v. Kessel, des Prinzen August Wilhelm als Oberleutnant, des Prinzen Albert von Holstein. Kommandeur des Garde- kürrassierregiments, dem der Kaiser den Schwarzen Adlerorden verlieh.
— Am vergangenen Donnerstag um 12 Uhr mittags fand im Zeughause zu Berlin die feierliche Nagelung und Weihe von 28 neuen Fahnen und Standarten statt. Die Fahnen lagen in der Ruhmeshalle des Zeughauses bereit. Im Lichthof war der Altar errichtet. Vor dem Zeughaus stand mit Fahne und Musik als Ehrenwache die Leibkompagnie des 1. Garderegiments unter dem Kommando des Hauptmanns Prinz Eitel Friedrich von Preußen. Der Kaiser schlug den ersten Dlagel ein, es folgte die Kaiserin, der Kronprinz, der auch für den jüngst geborenen Prinzen Wilhelm einen Nagel einschlug, dann die weiteren Prinzen und Prinzessinnen. Während der Einsegnung gab die Leibbatterie des ersten Gardefeldartillerieregi- ments im Lustgarten einen Salut von 101 Schuß ab.
An Kelten der Kieöe.
Roman von Seta v. Starkeustein. 39
Wie das Herz des Mädchens pochte bei den Worten des Lobes von seinen Lippen. Znm zweitenmal schon anerkannte er ihre Tapferkeit und doch fand sie, daß dieselbe gar nicht so wunderbar sei.
„Ich aber bin kein Soldatenkind und ich fühle mich heute abend zu gar nichts mehr aufgelegt, ich mürbe am liebsten sofort nach Hause zurückkehren."
„Du wirst daS nicht tun, Peal, ich bin überzeugt, Fräulein Gerhard hört das Stück gern zu Ende."
„Aber ich möchte doch kein Hindernis sein, wenn die Gräfin es vorziehen sollte, nach Hanse zurückzukehren."
„Aber das ist gar nicht der Fall; jedenfalls beabsichtige ich nicht, ihr zu gestatten, nach Hause zurückzukehren. Du bist unter meiner Obhut, Peal und ich wünsche, daß Du bleibest."
„Ich muß wohl, Du tyrannischer Geselle, aber ich werde gar kein Vergnügen daran haben. Ist das Feuer wirklich ganz gelöscht; übrigens, wenn auch ich nach Hause zu» rückkehre, so braucht ja Wally daS nicht zu tun, sie kaun bleiben."
„Unsinn,Peal," sprach ihr Schwager ungeduldig. „Bilde Du Dir nur nicht ein, daß Deine Nerven daS Hierbleiben nicht vertrage». Wally, ich wollte sage» Fräulein Ger- hard, wird bleiben und Du desgleichen. Du kannst doch nicht feige davonlaufen, wenn sich selbst aus. der Galerie gar niemand rührt."
„Gut benn, ich bleibe. Sie sehen, Wally, wie ich durch den eisernen Willen eines Soldaten gepeinigt werde. Ri- chard bringt mich immer dazu, daSzu tun, was er will." tom'»^^"^™""^ scheint Ihnen aber nicht schlecht zu be- , . benötigt sie sogar, meinen Sie nicht auch, Fräu- lttu Gerhard?"
Wie ihr die förmliche Ansprache zuwider war. Wäre er ihr guter Bekannter gewesen, so würde sie sofort ge
— Im Renen Palais zu Potsdam hat die Taufe des jüngsten Hohenzollernprinzen in Gegenwart einer glänzenden Versammlung fürstlicher Gäste, der hohen Staatswürdenträger, der Generalität und Admiralität, der Spitzen der Potsdamer Behörden sowie der Damen und Herren der Gefolge stattgefunden. Unter den fürstlichen Gästen waren die Kronprinzessin von Griechenland als Vertreterin der Königin der Hellenen, Prinz Christian zu Schleswig-Holstein als Vertreter des Zaren, Erzherzog Josef als Vertreter des Kaisers von Oesterreich und der Herzog von Genua als Vertreter des Königs von Italien erschienen. Nach dem Gesänge des Domchors hielt Oberhofprediger D. Dryander eine Ansprache, der er die vom Kronprinzen ausgewählten Textesworte 1. Mosis, Kap. 12, Vers 2 „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein" zu Grunde legte. Bei Beginn der Taufhandlung überreichte Prinzessin Luise, die den Täufling bisher gehalten hatte, diesen der Großherzogin-Mutter von Mecklenburg- Schwerin. Im Momente der Taufe übernahm ihn die Kaiserin. Beim „Vaterunser" legten die Paten und ihre Vertreter die Hände auf den Täufling. Sodann taufte der Oberhofprediger den hohen Täufling auf die Namen: Wilhelm Friedrich Franz Josef Christian Olaf. Nach Schluß der heiligen Handlung mit Gebet und Segen übergab die Kaiserin den Tauf« ling der Prinzessin Viktoria Luise, welche ihn der Kronprinzessin überreichte. Die Majestäten und die Fürstlichkeiten brachten der Kronprinzessin alsbald ihre Glückwünsche dar. Nachher fand eine Defiliercour der Taufzeugen und Galatafel statt, bei welcher der Kaiser die Gesundheit des Täuflings ausbrachte.
— Der kaiserliche Amnestie-Erlaß ist vom Justizminister sofort zur Kenntnis der Justizbehörden gebracht worden. Die Strafvollstreckungsbehörden sind gleichzeitig angewiesen worden, wegen Entlassung der begnadigten, in Strafhaft befindlichen Personen sofort das Notwendige zu veranlassen. Unter den Gnadenerlaß sollen auch solche Urteile fallen, die bis zum Tage seiner Veröffentlichung nur dem Verurteilten gegenüber rechtskräftig sind. Unter den erlassenen Kosten sind die baren Auslagen einbegriffen. In etwaigen Zweifelsfällen ist die Strafvollstreckung zu unterbrechen und an den Minister zu berichten.
— Auf der kaiserlichen Werft in Kiel ist der Stapellauf des kleinen Kreuzers „Ersatz Blitz" in Gegenwart des Oberwerftdirektors Kontreadmirals v. Usedom erfolgt. Der Oberbürgermeister von Nürnberg, Geheim« rat von Schuh, taufte das Schiff auf den Namen „Nürnberg".
— Der Kaiser hat die Satzungen der landwirtschaft
beten haben, dieselbe aufzugeben, so aber war ihre Zunge gebunden.
„Schäme Dich, Richard," sprach die Gräfin, „Du tust offenbar Dein möglichstes, um an Wally eine Verbündete zu finden Ich glaube durchaus nicht, daß sie beansprucht, uon Dir so förmlich „Fräulein Gerhard" genannt zu wer- den und Du ihr schon,gleich uns allen, „Wally" sagen darfst."
Die Augen des ernsten Mannes leuchtete» auf aber er sprach ernsthaft: „Du setzest ja Deine Worte so, daß es für Fräulein Gerhard gar nicht anders möglich ist, als Dir beizustimmen."
„Ich würde aber in allem Ernste viel lieber sehen, wenn Sie mich nicht immer so steif beim 5amiüeiummen nennen wollten, alle Förmlichkeit ist mir von jeher verhaßt."
„Und ich bin der letzte, der Wert darauf legt; aber natürlich muß in derlei Dingen die Frau immer die tonangebende sein."
Der Vorhang war inzwischen wieder in die Höhe gegangen, das Spiel wurde fortgesetzt und die Gräfin beruhigte sich nach und nach, was nicht hinderte, daß sie erleichtert aufatmete, als die Vorstellung zu Ende war.
„Du bist froh, das alles aus ist, Peal, nicht wahr?" neckte der Oberst,während er Wally sorgsam in denTheater- mantel hüllte.
„Ja, und ich bin überdies auch froh, daß Gilman nicht im Theater war, denn er wäre wie ein Narr herumgerannt, um sich zu überzeugen, daß Wally nicht zu einem Häufchen Asche geworden."
„Er hatte doch hoffentlich gewußt," rief derOberst mit mühsam beherrschter Heftigkeit, „daß sie in guter Hut ist."
Er hüllte sie bei diesen Worten fester in den Mantel, aber es lag keine vorsorgliche Zärtlichkeit mehr in seiner Bewegung, und Wally war eS zu Mute, als sei sie zuStein erstarrt.Sie überlegte nicht,daß gerade ihr Schweigen deutlich darauf hinzuweisen schien, daß sie Howard Gilman das Recht einräumte, ein besonderes Interesse an ihr zu nehmen.
licheu Versuchsanstalten in Bromberg genehmigt und bestimmt, daß diese Anstalten die Bezeichnung „Kaiser Wilhelms-Jnstitut für Landwirtschaft" zu führen hat.
— Im Lustgarten zu Potsdam fand in einem feierlichen Akt der Diensteintritt des Prinzen Oskar von Preußen beim ersten Garde-Regiment statt. Der Kaiser, der 'Kronprinz und die in Berlin anwesenden Prinzen des königlichen Hauses und der regierenden deutschen Häuser, die Lehrer und Erzieher des Prinzen, die Militärbevollmächtigten der Bundesstaaten, die fremdländischen Offiziere und das Kadettenhaus in Potsdam wohnten der Feier bei, zu der aus Berlin Großfürst Wladimir, Erzherzog Joseph und der Herzog von Genua eingetroffen waren. Beini Erscheinen des Kaisers präsentierte das Regiment, die Fahne der Leibkompagnie und die direkten Vorgesetzten traten in die Mitte des Vierecks. Prinz Oskar leistete darauf den Fahneneid, den der Kommandant des Hauptquartiers Generalleutnant v. Löwenfeld vorsprach. Dann hielt der Kaiser eine Ansprache, worauf er dem Prinzen Oskar die Hand reichte. Der Kommandeur des ersten Garderegiments erwiderte und schloß mit einem dreifachen Hoch auf den Kaiser, in das die Ehrengäste und das Regiment einstimmten. Die Musik spielte die Nationalhymne. Zwei Parademärsche des Regiments in Zügen und Kompagniefronten, wobei Prinz Oskar und Prinz Joachim bei der Leibkompagnie eintraten, beschlossen die Feier.
Ausland.
— Vom Bahnbau Lüderitzbucht-Kubub ist die telegraphische Nachricht eingetroffen, daß ein neuer Abschnitt der Bahn bis Station Tschaukaib am gleichnamige» Gebirge für Militärtransporte eröffnet ist. Da mit diesem Anschnitt nunmehr eine Strecke von 70 km fertiggestellt ist, kann man mit Sicherheit annehmen, daß der ganze 138 km lange Bahnbau innerhalb der vertragsmäßigen Frist, d. h. bis Ende Oktober dieses Jahres beendet sein wird.
— Der russische Ministerrat hat beschlossen, daß die Ministerien und die verschiedenen Departements ihre Etats der Duma und dem Reichsrat zuni 5. März 1907, der Finanzminister zu demselben Termin auch das Staatsbudget vorlegen sollen. Bis zur Bewilligung des neuen Budgets soll dasjenige für 1906 Geltung behalten. Den verschiedenen Departements werden provisorische Kredite angewiesen werden.
— Der russische Zar hat der Familie Stolypin das Winterpalais als Wohnsitz angeboten. Der Ministerpräsident wird mit seiner Familie demnächst dorthin übersiedeln.
„O ja, ja, ich weiß," sprach die Gräfin, aber..."
„Ich weiß vor allem," unterbrach sie der Oberst, „daß, wenn wir noch lange hier verweilen, Frau Root sich ein- Hilden wird, wir hätten Fräulein Wally hinweggespenstert.
»Ja, ja, Ihr Soldaten wollt immer alle» gar so rasch tun, ziehen Sie mir nur die Kapuze recht ins Gesicht, Herr von Force, sonst betomme ich neuralgische Schmerzen."
Die Gräfin verließ endlich die Loge und Richard folgte ihr in Begleitung Wallys.
„Wie die Zeit rasch vergeht, nächste Woche sind wir schon alle auf dem Lande."
Das junge Mädchen wurde nach Hause gebracht, dann fuhr der Oberst mit seiner Schwägerin weiter.
„Im Herbste längstens dürfte sie wohl heiraten," sprach die Gräfin, während sie sich bequem in die Kissen des Wagens lehnte.
„Nun, ich denke, Wally ist weise, Gilman wird ihr ein guter Gatte sein und sie kann ihre Wünsche alle befriedigen. Was sollte ein Mädchen mehr verlangen? Fast hat eS den Anschein, als ob sie nicht mehr fordere."
„Ach, Richard, Du hast romantische Ideen, Du bist ein Ritter. Wie schade, Du könntest eine Millionärin heiraten, memi Du eS wolltest."
„Unsinn, Peal, plaudern wir lieber vom kommenden Sommeraufenthalt."
Die junge Frau gähnte, aber sie hätte e» sich doch nicht träumen lassen, daß eS in diesem Jahre keinen Eom- mcraufenthalt heiterer Gattung für sie geben werde.
Oberst DeSmond befand sich mit keiner Schwägerin allein, waS sehr selten vorzukommen pflegte und zusälli- gerweise war das Gespräch auch heute auf Walln Gerhard und die Möglichkeit einer Heirat zwischen ihr und Gilman gelenkt mürben. Der Oberst hatte nämlich einen Bries von Frau Jermingham erhallen, in welchem diese fragte, ob es denn wirklich wahr sei, daß die kleine Wally eine herzlose Kokette geworden." , 128,18