SchWernerMung
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«M 68. Samstag, den 25. August 1906. 57. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der vor Jahresfrist in Berlin abgeschlossenen Internationalen Erdbebenvereinigung ist kürzlich auch die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika beigetreten, nachdem der Kongreß die hierfür erforderlichen Mittel bewilligt hat. Der Vereinigung gehören nunmehr außer Deutschland, von dem die Anregung zur Begründung der Vereinigung ausging, an: Belgien, Bulgarien, Congostaat, Spanien, die Vereinigten Staaten von Amerika, Griechenland, Ungarn, Japan, Italien, Mexiko, Norwegen, die niederländischen Kolonien, Portugal, Rußland und die Schweiz.
— In Essen ist der Deutsche Katholikentag zusammengetreten. Landgerichtsrat Laarmann eröffnete die Versammlung mit einer Ansprache, in deren Verlauf ein längeres an Papst Plus X. gerichtetes Schreiben der deutschen Katholiken verlesen wurde, worin auf die Gründung Essens durch den heiligen Alfred und die Geschichte des Festes hingewiesen und um den päpst- lichen Segen gebeten wurde. Zum Präsidenten wurde der Abgeordnete Gröber gewählt, zum zweiten Präsidenten Freiherr v. Twickel-Stowern, der stellvertretende Vorsitzende des westfälischen Bauernvereins. Die Wahl des dritten Präsidenten fiel auf den Reichstagsabg. Giesbert. An den Kaiser wurde ein Huldigungstelegramm abgesandt. Der Präsident des Zentralkomitees Graf Troste erstattete den Geschäftsbericht.
— Der 23. Deutsche landwirtschaftliche Genossen- schaftstag hat in Oldenburg unter dem Protektorate des Großherzogs von Oldenburg getagt. Der Genossen- schaftStag hatte an den Kaiser ein Begrüßungstelegramm gerichtet, worauf nachstehende, an den Protektor des Vereins gerichtete Antwort des Monarchen einlief: „Ich habe mich über das freundliche Gedenken des unter Eurer Königlichen Hoheit Protektorat dort zu samimngetrctenen Deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaftstages sehr gefreut und bitte Eure Königliche Hoheit, meinen wärmsten Dank selbst entgegenzunehmen und ihn den Vertretern der Deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften gütigst zu übermitteln. Meine herzlichsten Wünsche begleiten die Beratungen des Genossenschaststages. Wilhelm I. R."
— Eine neue Verfügung gegen den Alkoholismus hat das nieiningische Staatsministerium erlassen. Es wird darin „auf Grund einer wiederholten Kundgebung des Herzogs" bestimmt, daß in den obersten Klassen aller Schulen und des Seminars eine Stunde im Monat , dem besonderen Unterricht über die Schädlichkeit des Alkoholgenusses mit eingehender Begründung aus der Physiologie und Gesundheitslehre gewidmet werde. Ein entsprechender Lehrplan mit Verteilung des Unterrichts
Ausland.
— Der Verwerfer des deutschen Generalkonsulats in Warschau, Freiherr v. Lerchenfeld, wurde auf der Straße von einer Person angefallen, die russische Offi- ziersuniform trug. Dieselbe kam Herrn v. Lerchenfeld entgegen, ergriff, als sie dicht an ihm vorüberging, sein rechtes Handgelenk mit der linken Hand und versetzte ihm zwei Faustschläge gegen die Schläfe. Darauf entfernte sich der Angreifer eilig, bestieg eine Droschke und fuhr davon. Freiherr v. Lerchenfeld hatte, als der Fremde seine Hand ergriff, zunächst an eine Personen- Verwechselung geglaubt und fand dann, durch die Faustschläge gänzlich überrascht, nicht Zeit, den flüchtenden Täter festzuhalten und zu stellen. Polizei oder Militär war nicht in der Nähe, die Straße fast menschenleer. Freiherr v. Lerchenfeld war nicht bewaffnet. Am nächsten Tage sandte die russische Regierung der deutschen Botschaft eine amtliche Note, worin sie ihr lebhaftes Bedauern über den Angriff ausdrückte und mitteilte, daß dem Generalgouverneur in Warschau schleunigst die Weisung zugegangen sei, die energischen Maßregeln zur Aufklärung des Vorfalls zu ergreifen.
— In Warschau ist ein Attentat gegen den Generalgouverneur Skalon verübt worden. Als seine Equipage durch die Natolinskastraße fuhr, wurden unter dieselbe drei Bomben geworfen, von denen eine versagte. General Skalon wurde nicht verletzt. Auf einem Hausbalkon wurde eine vierte Bombe gefunden.
— Das Kriegsgericht in Petersburg hat 17 Matrosen vom „Pamjat Azowa" und einen Agitator zum Tode verurteilt. Das Urteil an den 18 Leuten ist bereits vollstreckt worden.
— Die Lage im Kaukasus hat sich nicht unbedenk-1 lich verschlimmert, doch sind die russischen Truppen, j nach einer offiziösen Auslassung, der Regierung treu,
stoffes auf zehn Monatspensen ist zugrunde zu legen. Nach Möglichkeit sind beim Unterricht gute Anschauungsmittel zu benutzen. Bei Lösung dieser „außerordentlich wichtigen und ernsten Erziehungsfrage" wird besonders auf die Mithülse der staatlichen Schulärzte gerechnet, die auf besonderen „Elternabenden" über einzelne Fragen aus der Schulgesundheitslehre Vorträge halten sollen.
— Ende 1905 waren in Deutschland 74411 gewerkschaftlich organisierte „Genossinnen" vorhanden, d. h. — wenn man die Gewerbezählung von 1895 zugrunde liegt — 7,9 v. H. der organisationsfähigen weiblichen Arbeiterschaft. Da in den letzten 10 Jahren allen Berufen fehr viele weibliche Arbeitskräfte zugeströml sind, so stellen die 74411 organisierten Genossinnen höchstens 5 v. H. der weiblichen Arbeiterschaft dar.
so daß mit einer Niederwerfung der revolutionären Bewegung bald zu rechnen ist.
— Die Untaten der griechischen Banden gegen die Kutzowallachen in Macedonien dauern fort. In 25 Tagen wurden 26 Mordtaten verübt. Die Pforte hat von der Polizei die vertrauliche Nachricht erhalten, daß gewisse griechische Elemente einen Angriff auf die bulgarischen Kirchen und Anstalten planen, weshalb entsprechende Maßnahmen getroffen wurden.
— Ein Komplott zur Ermordung des Präsidenten von Kuba Palma ist in Havanna entdeckt worden. Am Palast und Schatzamt wurden die Wachen verdoppelt und andere Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Callistro, Garcias Sohn, und andere Führer der Revolutions- Partei werden streng überwacht.________________________
-Das große Erdbeben in Chile.
Dem Reuterbureau wird aus Lima, (Peru) gemeldet, daß Valparaiso in der Montag Nacht abermals von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde. In Lima selbst wurden Dienstag früh und in Huacho am Montag Erderschütterungen verspürt.
Es wird bestätigt, daß zwar die Verluste an Menschenleben in Los Andes und Meliphilla sehr groß sind, in Valparaiso aber nach den Berichten Flüchtiger und nach in London eingegangenen Meldungen nicht 50 übersteigen ; doch ist der Eigentumsverlust bedeutend. Ein Telegramm aus Lima besagt, daß die Robinson Crusoe- Insel Juan Fernandez, 400 Meilen von der chilenischen Küste, vollständig durch das Erdbeben vernichtet worden ist.
Valparaiso ist ein Haufen Ruinen. Pinar del Mar, Quirihue und Limache und alle Ortschaften ringsherum find zerstört. Die Bewohner kampieren meist in den Bergen. Die Nahrung ist rar. Die Eisenbahnlinien sind alle zerstört. Eine Schwadron Kavallerie ist nach Valparaiso abgeritten mit der Weisung, auf dem Wege dahin alles Vieh zu requirieren und nach der Stadt zu bringen. Der Kriegsminister und der Minister des Innern sind mit Abteilungen Freiwilliger der Armee und der Feuerwehr abgeritten, um die zerstörten Telegraphenlinien wieder herzustellen. In Valparaiso wurden 140 Sträflinge durch den Einsturz desGefängniffes getötet.
Einige Bewohner Valparaisos, die am Tage nach den ersten verderblichen Erdstößen nach Santiago ab» reisten, geben die furchtbarsten Unglücksschilderungen, die jenen über die Zerstörung von San Franzisko ähneln. Dem „Newyork Herald" wird aus Valparaiso telegraphiert, die Katastrophe übertreffe die von San Franzisko bei weitem. Valparaiso ist fast ganz in Trümmer oder niedergebrannt. Viele Dörfer sind vernichtet.
In Ketten der Kieöe.
Roman von Seta v. Starkensteiu. 35
„WaS soll diese Tirade eigentlich bedeuten?" fragte Richard DeSmond mit halbem Lächeln.
„Sie bedeutet, daß Wally Gerhard mich aufgezeben hat, mich gleich eines zerbrochenen Spielzeuge» zur Seite warf, um einer reicheren Mannes willen!" Er sorang auf und stürmte unruhig im Zimmer auf und nieder.
„Hat sie Ihnen das selbst gesagt? Haben ihre Lippen die Tatsache ausgesprochen, daß Sie um eines reicheren Manne» willen aufgegeben werden?" fragte Richard mit einer Ruhe, an der ein scharfer Beobachter bemerkt haben würde, daß sie erzwungen sei.
„Ob sie mir er gesagt? Sie wagte wenigstens nicht, eS zu leugnen, da ich ihr den Borwurf ins Gesicht schleuderte. „Sie müssen ja wissen, Sie müssen eS ja gehört haben, daß sie mit Howard Gilman bereits so gut wie verlobt ist. Ich iah sie gestern mit ihm znm Renne» fahren, lächelnd und glücklich, offenbar anch nicht eine Sekunde lang meiner gedenkend, obschon er noch kein Jahr her ist, daß sie sich mir verlobt hat, und damals liebte sie mich. Ja, ich glaube sogar, soweit sie überhaupt einer Empfindung fähig, hat sie mich anch jetzt nicht ungern."
„Lister, Sie reden ja ganz wirr durcheinander, trach- ten Sie sich zu sammeln und wenn Sie mir Ihr Ber- tränen schenken wollen, so erzählen Sie ruhig und zusam- menhängend, wie alles so gekommen ist."
„Ich will e» versuchen; ja ich spreche mich Ihnen ge- genüber gerne au», Sie stoßen wir Vertrauen ein; im Mo- ruent aber fühle ich mich vollständig entnervt," und mit diesen Worten legte er den Kopf aus den Tisch.
Richard schwieg. Er war am besten so.
Nach einer Weile hob Manfred Lister den Kopf empor. „Ich bin ein Narr," rief er, indem er sich über die Augen fuhr. „Aber da» war hoffentlich mein letzter An- fall von Schwäche; ich hätte nicht so unvernünftig sein .jvlleii, zu träumen daß eine gefeierte Ballschönheit, so
bald sie nur erst ihren Wert kennen lernt, so töricht sein wird, einem armen Teufel gleich mir, einen Gedanken zuzuwerfen, wenn andere da sind, die ihr Diamanten und Equipagen znr Verfügung stellen können."
. „Haben Sie Fräulein Gerhard heute allein gesprochen,
„Zum erstenmal seit der Rückkehr nach England. Ich war bei meinem Vater auf dem Lande gewesen, der sehr schwer krank war. Als ich nach London zurückkehrte, schrieb ich an Wally und bat sie, mir einen Tag zu bestimmen, an welchem ich sie besuchen könne. Sie schrieb mir, daß sie Dienstag und Mittwoch nicht frei sei, ich aber heute nachmittag kommen möge. AIS ich dort eintraf,teilte sie mir in möglichst dürren Worten mit, daß sie mich nicht heiraten könne. Ich warf ihr vor, daß sie mich wegen Howard Gilman aufgebe und sie leugnete eS nicht; sie schwieg beschämt, unfähig, meinem Blicke zu begegnen. Ich war- tetc darauf, daß sie sprechen werde, aber kein Wort kam über ihre Lippen; ich beschwor sie, mir zu antworten, ich beschuldigte sie, geldgierig und oberflächlich zu sein; aber sie schwieg noch immer und verriet dadurch nur deutlich, wie schuldig sie sich fühle.
DeSmond wandte sich ab, fühlte er sich doch unfähig zu sprechen, und Manfred war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um zu beachten, daß, als der Offizier endlich sprach, seine Stimme einigermaßen heiser klang.
„Hat sie Ihnen mitgeteilt, daß sie mit Howard Gilman verlobt ist?"
„In Worten nicht, aber sie gestand e» mitihrem Schweigen zu."
„Nun Lister, ich sehe, Sie haben eine herbe Lehre, er- halten, lassen Sie sich deshalb nicht verbittern und beurteilen Sie nicht etwa nach einer Frau auch alle anderen. Es ist besser, Sie missen jetzt die Wahrheit, als wenn Sie dieselbe zu spät erfahren."
„Ich habe sie seit so langer Zeit geliebt und eS tut mir namenlos wehe, sie jetzt eigentlich verachten zu sol- en," meinte Manfred mit einem schweren Seufzer.
„Verachten?" wiederholte DeSmond unwillkürlich, das Wort tat ihm wehe, brächte man eS mit Wally in Kon- takt. „Sie sind zu jung Lister," fuhr er nach einer kur- zen Pause fort, „als daß Sie e» leicht finden würden, Mitleid zu üben und gerade jetzt ist die Wunde, welche Ihnen das Schicksal geschlagen, noch ganz frisch. Trachten Sie aber, sich daran zu erinnern, daß, wenn sich wirklich alles so verhält, wie Sie eS behaupten, die arme Wally in der Zukunft schmerzlicher leiden wird, al» Sie. UeberdieS sollte eine Frau, die man einmal geliebt, uns immer teuer sein, sollten wir von derselben stets nur mit einer gewissen anerkennenden Zärtlichkeit sprechen können."
„Selbst dann, wenn sie uns zum besten gehalten, wenn sie unser Dasein zerstört hat?" fragte Manfred bitter.
„Selbst dann," entgegnete Richard, indem er sich ab- wandte.
„Ich kann nicht fühlen wie Sie, Herr Oberst, und wün- sche von ganzem Herzen, daß ich Wally nie gesehen hätte und sie auch nie wieder zu sehen brauche."
DeSmond drückte gewaltsam die beinahe verächtlichen Worte zurück, welche aus seine Lippen traten. Er hätte so gern gerufen: „Und Sie nennen da» Liebe, wa» nicht» anderes ist al» das tändelnde Spiel eine» unmündigen Knaben? In sechs Monaten wird die Wunde geheilt sein; in einem Jahre weiß man gar nichts mehr von der Narbe." Er ging mehrmals im Zimmer auf und nieder, bevor er sich hinreichend gesammelt hatte, um ruhig scheinen zu kön- nen. Dann sprach er lebhaft: „Es ist für Sie besser, daß Sie so fühlen, wie eS der Fall ist. Sie werden dadurch leichter lernen, eine Frau zu vergefsen, welche sich der Liebe de» Mannes unwürdig erwiesen hat."
„Jch werdesie niemals vergessen!" rief Manfred.
DeSmond aber machte eine Bewegung der Ungeduld und eS lag nicht wenig Ironie in dem Lächeln, mit wel- chem er entgegnete: „Das glauben Sie jetzt, junger Freund. Leute Ihres Alter» sind stets überzeugt, daß ihre erste LiebeSentläuschung auch die letzte ihres Leben» sein werde; aber eS ist nicht der Fall." 138,18