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SchlüchternerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

j£ 66.

Samstag, den 18. August 1906.

57. Jahrgang.

Amtliches.

Kreis-Pferdeverstcherung betr.

J.-Nr. 2351 K. A. Nachdem die Errichtung einer Kreis-Pferdeversicherung in der am 16. Juni d. Js. stattgehabten und zahlreich besuchten Versammlung ein­stimmige Zustimmung der anwesenden Interessenten gefunden hat, ersuche ich wiederholt die Herrn Pferde- besitzer, welche die Absicht haben, der Versicherung beizutreten, dies alsbald unter Angabe der Zahl der zu versicherten Pferde, bei dem Herrn Bürgermeister ihres Orts anzumelden.

Ich bemerke dabei ergebenst, daß diese Anmeldung nicht bindend ist. Sie soll nur einen Anhalt dafür bieten, mit wie viel Pferden die Versicherung voraus­sichtlich wird eröffnet werden können.

Die Herren Bürgermeister, außer von Steinau, Salmünster, Ahlersbach, Kerbersdorf, Kressenbach, Sterbfritz, Uerzell und Weiperz ersuche ich wiederholt, die Anmeldungen zu sammeln nnd bis spätestens 1. Sep­tember d. I. an mich einzusenden.

Schlüchtern, den 16. August 1906.

Der com. Kgl. Landrat: Valentiner.

Deutsches Reich.

Am Mittwoch um halb 9 Uhr morgens trafen im Schloß Friedrichsruh in Cronberg 4 Automobile ein, welche den Kaiser und sein Gefolge brachten. Im ersten Automobil saß der Kaiser, der Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen und in den anderen das Gefolge. Am Bahnhof hatte sich bereits der Regierungspräsident von Meister und der Landrat von Marx eingefunden. Der Kaiser wurde von der Be­völkerung enthusiastisch begrüßt. Er trug die Jnterims- uniform des neuen Regiments Jäger zu Pferde in Posen mit dem Generalsabzeichen. Keine Schutzleute, keine Militärkordons waren zu sehen. Um 8 Uhr 55 Min., also 10 Minuten nach der festgesetzten Zeit fuhr der Extrazug mit dem König Eduard ein. Der Kaiser trat an den Zug, reichte dem König die Hand und half ihm beim Aussteigen. Der König ist in Zivil, schwarzem Gehrock und Zylinder, er umarmte und küßte den Kaiser herzlich, dann umarmte und küßte er die Prinzessin Friedrich Karl von Hessen und reichte dem Prinzen Die Hand. Per Automobil unter dem Läuten der Glocken und dem Hochrufen der zahlreichen Zuschauer fuhren die Herrschaften nach dem Schloß, wo sie um 9 Uhr 5 Minuten anlangten. Um 10/« Uhr begaben sich die Monarchen nach der Stadtkirche zu Cronberg, wo einst die Leiche der Kaiserin Friedrich aufgebahrt gewesen.

An Ketten der Kieöe.

Stimmn von Seta v. Starkenstein. 33

Ein wahres Glück," sprach die Gräfin später zu intern Gatte», daß Richard keine Vorliebe zu Wally Gerhard ge­faßt hat; er würde eine Herzenstäuschung nicht so leicht ertragen, wie die Mehrzahl der anderen Männer."

Hätte sie ihren Schwager Richard sehen können, als er allein war, hätte sie feine leidenschaftlich geflüsterten Worte:O, Wally, o Geliebte!" vernommen, dann würde die kluge Dame, welche behauptete, daß kein Mann sie täusche, daß sie jeden durchschaue, wohl zu der Ueberzeu­gung gekommen sein, daß es auch Männer gibt, die ihr innerstes Empfinden nicht offen zur Schau tragen."

Sie ist falsch und treulos, der Liebe eines braven Mannes unwert," sagte sich Manfred Lister, nachdem er Wally von weitem beim Rennen geschant.

Ich werde morgen nicht zu ihr gehen, wozu denn auch?" Und er begab sich nach Hause, um an Wally einen mit Vorwürfen gespickten Brief zu schreiben, den er kaum nach dessen Bollendnug wieder zerriß; die Hoffnung war doch noch nicht so gänzlich erstürben in seiner Seele, als er sich selbst einreden wollte, und so ging er denn am Donnerstag früh aus, fest entschlossen, es zwischen sich und Wally zu einer Erklärung kommen zu lassen. Sie konnte ihn doch nicht aufgeben um eines Menschen willen wie Gilman . . das war nicht denkbar.

Der junge Mann wußte in der Tat nicht, ob Furcht oder Hoffnung bei ihm die Oberhand hatte. Aber er be­zwäng sich, wenigstens äußerlich ruhig zu erscheinen, als er das Haus der Frau Root betrat.

Der Diener meldete ihn sofort und als Manfred im Salon stand, legte sich für einen Augenblick ein Schleier vor feine Augen, so daß er kaum die weißgekleidete Ge­stalt ersinnen konnte, welche langsam auf ihn zukam. Dann aber, als sie ganz dicht vor ihm stand, wollte er sie in

Ein neues Exerzierreglement für die Feldartillerie soll eingeführt werden, nachdem die Infanterie ein solches bereits erhalten hat.

Der Kaiser hat bei seiner Unterredung mit dem Dirigenten des Kruppschen Männergesangvereins auf Villa Hügel in Essen über das deutsche Volkslied unter anderem noch bemerkt, er werde die obligatorische Ein­führung von Volksliedervorträgen bei Gesangswettstreiten erwägen. Statt schwieriger Chöre sollen eine bestimmte Anzahl von Volksliedern vorgeschrieben werden.

Der von dem Kaiser entdeckte Tenor Köller, jenes Mitglied des Krnppschen Gesangvereins, das von dem Kaiser bei seiner Anwesenheit auf Villa Hügel ausgezeichnet wurde, wird auf Kosten des Bräutigams des Fräulein Berta Krupp, des Legationsrats von Bohlen-Hallbach, im Gesang für die Oper ausgebildet werden.

Der 1000. Rehbock ist von dem Herzog Ernst Günther zu Schleswig-Holstein, Bruder der Kaiserin, geschossen worden. Zeitraum: 26 Jahre.

Ueber die Feier des Sedantages hat der Kultus­minister Dr. v. Studt an sämtliche Regierungen eine Verfügung erlassen, die an alle Kreis- und Ortsschul- inspektoren weiter gegeben worden ist. Sie hat folgen­den Wortlaut:Es ist bisher in den preußischen Schulen allgemein guter Brauch gewesen, am Sedantag unter Ausfall des Unterrichts eine entsprechende Schul­feier zu veranstalten. Ich veranlasse daher die Königl. Regierung, dafür zu sorgen, daß in allen ihr unter­stellten Schulen dieser Brauch auch weiter beibehalten wird."

Der deutsche Ostmarkenverein hält am 25. August in der alten Hochburg des Deutschtums im Osten, in Marienburg, eine Tagung von allgemeiner Bedeutung für die Ostmarkenfrage ab. An eine Sitzung des Ge- samtausschuffes am 25. August, auf deren Tagesordnung die Fortführung und Ausgestaltung einer nationalen Bodenpolitik in den Ostmarken steht, wird sich ein von der Ortsgruppe Marienburg veranstalteter Deutscher Tag anschließen, der sich zu einer mächtigen Kundgebung des Deutschtums gestalten dürfte. Den Festteilnehmern wird Gelegenheit zur Besichtigung der berühmten Burg der deutschen Ordensritter gegeben und ihnen durch einen einleitenden Vertrag des Professors Dr. Heiden« Hain im Remter des Schlosses eine gewiß willkommene Unterrichtung über diese herrlichste Burg des deutschen Mittelalters geboten werden. Die Veranstaltung endet am 27. August mit einer Fahrt nach Elbing und dem Kaiserlichen Landgut Cadinen.

Strenge veterinärpolizeiliche Maßregeln an der russischen Grenze sind nach folgendem offiziösen Tele­

seine Arme ziehen, sie aber wich plötzlich mit einem Schmer­zensausruf zurück.

Wally!" erscholl es heiser von seinen Lippen.

Nein, nur das nicht, Manfred," stieß sie hervor;eine Umarmung kann es nie mehr zwischen uns geben! Habe Nachsicht, habe Geduld mit mir! Manfred, was soll ich Dir sagen? Wie soll ich Dir das beibringen, was sich doch nicht länger verheimlichen läßt?"

Manfred starrte sie an, alle Farbe war aus seinen Wangen gewichen und er schien deS Sprechens vollkom­men unfähig.

Wally fuhr mit dem Mute der Verzweiflung fort:ES war von allem Anfänge an ein Irrtum meinerseits . . aber, wie hätte ich es wissen sollen, damals, wo ich uner­fahren gewesen bin wie ein Kind. Ich liebte Dich so wie ich Dich auch jetzt noch liebe, aber . . das ist nicht die Nei­gung, mit der man sich einem Manne zu eigen gibt, um ihn zu heiraten. Ich kann Dich nicht heiraten, Manfred, ich kann und kann es nicht."

Halt!" rief der junge Mann heiser, indem er einen Schritt näher an sie herantrat.Haben sie Dich gelehrt, nicht nur geldgierig und berechnend, sondern auch unwahr zu sein? Du hast mich geliebt bis zur Stunde, in welcher man Dir beibrachte, daß Rang und Reichtum mehr gelten, als die Liebe. Ja, weiche immerhin von mir zurück. Du weißt doch, daß das, was ich sage, wahr ist. Du brichst Dein mir gegebenes Wort, um eines Mannes willen, wel­chen Du nie geliebt hast und nie lieben wirst, aber er ist ein Millionär und ich bin vermögenslos. Er wird Dich mit Juwelen überladen; er wird Dir all' daS bieten kön­nen, was Dir so viel mehr gilt, als ein treues Herz, und Du wirst Dir einbitben, daß Du glücklich bist. Ich aber, waS soll aus mir werden? Doch Dir gilt das gleich, was kümmert eS Dich, ob ich leide, wenn nur Du die Kömgm der Schönheit bleibst und die Gattin eines Mannes wirst, chtum es gestattet, alle anderen an Glanz und überstrahlen." . . .

brächte kein Wort hervor, mcht ein einzige»

dessen Rei Pracht zu Wally

gramm ans Jobannisburg (Ostpr.) demnächst zu er­warten : Die Maul- und Klauenseuche ist im angrenzenden russischen Kreise Schtschutschin ausgebrochen. Sie herrscht namentlich in der Stadt Schtschutschin und auf dem gleichnamigen Gute. Die Gefahr der Seuchenein- schleppung nach preußischen Grenzortschaften ist umso größer, als die Grenze eine trockene und die Berührung einheimischen Viehs mit russischem auf der Weide kaum zu vermeiden gewesen ist. Aus Johannisburg hat sich der Kreistierarzt bereits nach den verseuchten russischen Orten begeben, um die nötigen Feststellungen über den Umfang des Seuchenherdes zu bewirken. Strenge veterinärpolizeiliche Maßnahmen sind demnächst zu erwarten.

In Nürnberg tagte ein Allgemeiner Freidenker­kongreß. Ein Vortrag behandelte das ThemaFrei­religiös und Freidenkertum". In einem Bericht ver­schiedener Blätter heißt es dazu:In der Diskussion kam es zu den heftigsten Zwistigkeiten zwischen den Vertretern der freireligiösen Gemeinden Nürnberg I. und II. Die Geister platzten mit einer Heftigkeit auf­einander, die zeitweise die parlamentarische Form weit hinter sich ließ und zu Verbalinjurien griff." Ein Sprecher wurde sodann wegen Verleumdungen oder Unwahrheiten an die Luft gesetzt.

Welcher unglaublichen politischen Naivität die Sozialdemokrate einen vielleicht nicht unerheblichen Teil ihrer drei Millionen Stimmen verdankt, dafür ist die Schilderung eines kleinen amüsanten Erlebniffes aus dem Stichwahlkampf in Hagen-Schwelm ein Beweis: Nachdem das Wahlresultat bekannt gegeben worden, drängt sich auch ein Mann mit seiner Frau vor, um zu sehen, wer den Sieg davon getragen hat. Auf ihre Frage:Bu es et" (wie ist es) ? antwortet er:Hier - 1 Frifinn düer summen" (hier ist der Freisinn durchgekommen), worauf die Frau-meint:Dann kuhm, Heinerich, dann sahst de woll wier arbeen mütten" (dann komm, Heinrich, dann sollst du Wohl wieder arbeiten müssen). Die Frau hatte sich gedacht, wenn der sozialdemokratische Kandidat siegen würde, dann brauche ihr Mann nicht mehr zu arbeiten!

Ausland.

Nachrichten aus Petersburg zufolge ruft die Auffindung von Bombenfabriten in Petersburg und Moskau in Regierungskreisen große Beunruhigung hervor. Es wird ein Attentat auf den Zaren befürchtet. Man will anch wissen, daß die Vorbereitungen der Revolutionäre sich gegen Stolypin richten. Der Zar gab die Absicht auf, sich in 14 Tagen mit seiner Familie

Mal versuchte sie, den Verlobten zu unterbrechen, wel- cher erregt im Zimmer auf- und niederstürmte. Er tat ihr unrecht, aber sie mußte es ertragen, war er ja doch tausendmal bester, wenn er so von ihr dachte, als wenn er die Wahrheit ahnte, und diese von seinen Lippen zu vernehmen, war das, was sie eigentlich am allermeisten gefürchtet hatte. Sie hatte gewähnt, er werde ihr zu­rufen :Richard Desmond ist eS, der zwischen un» steht, um seinetwillen brichst Du mir die Treue!"

Erleichtert atmete sie auf, als er ihr nichts anderes sagte, als daß sie unwahr und berechnend sei. Es war hart von dem Jugendfreunde, den sie immer gerne hatte lei­den mögen, so irrig beurteilt zu werden; doch Manfred mochte längst schlimm von ihr gedacht haben, und nachdem sie dies hatte ertragen müssen, so war jedes andere Weh geringfügig, verglichen mit diesem einen.

Manfred blieb plötzlich stehen, sah der regungslosen Mädchengestalt vor sich unverwandt in die Augen und trat dann näher an sie heran.Wie?" rief er in steigen­dem Affekt.Hast Du keine Erwiderung, keine Widerle­gung ? Um aller Barmherzigkeit willen, Wally, sage mir nicht, daß Du falsch bist daß Du eines so unwürdigen Beneh­mens fähig seiest,wie jenes,welcheSDu anzudeuten scheinst!"

Das Blut stieg Wally zu Kopfe, sie hätte am liebsten seine leidenschaftlichen Beschuldigungen festig von sich ge­wiesen, doch, mühsam nach Atem ringend, wandte sie sich ab und drückte die Hände auf die hochwogende Brust. Sie konnte die Wahrheit nicht gestehen und bracht« doch eine Lüge nicht über die Lippen.

Manfred stand mit gekreuzten Armen vor ihr. Laut­lose Stille herrschte.

Das Antlitz deS Mädchens war völlig farblos; kaum vermochte Wally zu atmen; sie hatte das Haupt tief auf die Brust herabgesenkt. So stand sie vor chrem Verlob­ten gleich einer Schuldigen, aber ach, wie schön sie war! Und diese Schönheit sollte um schnöden Mammon verkauft werden! Dieser Gedanke raubte Manfred den letzten Rest von Fassung. r v 128,18