MüchtenmMtung
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M 65.
Mittwoch, den 15. August 1906.
57. Jahrgang.
Amtliches.
Verordnung.
Auf Grund des § 3 des Wildschongesetzes vom 14. Juli 1904 wird die Eröffnung der Jagd auf Rebhühner und Wachteln, für den Kreis Grafschaft Schaumburg auf Montag, den 20. August d. Js., für alle übrigen Kreise des Regierungsbezirks Cassel auf Freitag, den 24. August d. Js. festgesetzt.
Cassel, den 2. August 1906.
(S)
Namens des Bezirksausschusses.
Der Vorsitzende.
In Vertretung.
(L. 8.) gez. Piutti.
Eiu wichtiger Gedenktag.
Ein wichtiger Gedenktag in der Geschichte des deutschen Volkes ist der 18. August, an dem vor vierzig ' Jahren der Norddeutsche Bund errichtet wurde, der : berufen war, der Vorläufer und die Grundlage des neuen Deutschen Reiches zu werden.
Den ersten Anstoß hierzu gab die Anrufung des alten Bundestages durch Oesterreich zur Entscheidung der schleswig-holsteinischen Frage am 1. Juli 1866. Dies führte zur Besetzung Holsteins durch Preußen, zur Verdrängung der österreichischen Truppen aus Holstein und zur entscheidenden Bundestagssitzung am i 14. Juni, wo der Antrag Oesterreichs zur Mobilisierung des Bundesheeres mit neun gegen sechs Stimmen angenommen wurde. Der preußische Bundestagsgesandte Herr von Savigny erklärte infolge dessen namens seiner Regierung den Bundesvertrag für gebrochen und erloschen und verkündete Preußens Absicht, einen neuen zeitgemäßen Bund zu errichten. Der Krieg begann und führte Preußens Fahnen zu raschen Siegen. Schon am 26. Juli wurden die Friedenspräliminarien zu Nikolsburg abgeschlossen, denen der Friede von Prag am 23. August und die Friedensverträge zu Berlin mit den süddeutschen Staaten folgten. Durch den Präger Frieden verlor Oesterreich seine Stellung in Deutschland, Preußen bekam freie Hand zu neuen Bundesgestaltungen, und für Deutschland brach mit der Errichtung des Norddeutschen Bundes eine neue Aera an.
Als der schöpferische Geist des neuen Bundes ist Otto von Bismarck, der spätere erste Kanzler des neu« geeinten Deutschen Kaiserreichs, zu betrachten. Er hatte als preußischer Bundestagsgesandter im Jahre 1851 bis 59 aus eigener Anschauung die Unnatur der damaligen Bundeseinrichtung kennen gelernt und die Ueberzeugung gewonnen, daß der Bund seiner ganzen
Anlage nach auf unhaltbarer Grundlage beruhe und von Oesterreich und den mit diesem gehenden Mittelstaaten nur dazu benutzt werde, um Preußen in seiner freien Bewegung und in der Verfolgung seiner deutschen Aufgabe zu hemmen. Bei seinem Abgänge aus Frankfurt stand in ihm die Ansicht fest, daß dieser Zustand für Preußen auf die Dauer unerträglich sei, daß die erste Gelegenheit zu einer Lösung der deutschen Frage im preußischen Sinne benutzt werdeu müsse. So schrieb er am 12. Mai 1859 aus Petersburg: „Ich sehe in unserm Bundesverhältnisse ein Gebrechen Preußens, welches wir früher oder später ferro et igni (mit Feuer und Schwert) werden heilen müssen, wenn wir nicht bei Zeiten eine Kur in günstiger Jahreszeit dagegen vornehmen."
" Schon am 10. Juli 1866 hatte Bismarck den einzelnen Regierungen die Grundzüge einer engeren Ver« einigung des ganzen außerösterreichischen Deutschlands überreicht, durch die Wendung, die inzwischen infolge des Krieges die Dinge genommen hatten, wurde indes Preußen bestimmt, die engere bundesstaatliche Verfassung vorläufig nur auf die deutschen Staaten nördlich des Mains zu beschränken. So wurde denn am 18. August 1866 ein Vertrag geschlossen, der sämtliche deutsche Bundeslande nördlich vom Main, außer Luxemburg und Limburg, dagegen mit den preußischen Provinzen Preußen, Posen und Schleswig, die nicht zum alten deutschen Bunde gehört hatten, zu einem Bundesstaate unter dem Präsidium der Krone Preußens vereinigte.
Die Verfassung, die vom 25. Juni 1867 datierte, war im wesentlichen dieselbe wie die des jetzigen Deutschen Reichs. Der Bundesrat zählte 43 Stimmen, und zwar für Preußen 17, für Sachsen 4, für Mecklenburg-Schwerin und Braunschweig je 2, für alle übrigen Staaten je eine; der Reichstag bestand aus 297 Abgeordneten, wovon auf Preußen 235, auf Sachsen 23, auf Mecklenburg-Schwerin 6, auf Hessen, Weimar, Oldenburg, Braunschweig und Hamburg je 3, auf Meiningen, Koburg-Gotha und Anhalt je 2, aus die übrigen Bundesstaaten je einer kam. Der Sitz des Präsidiums, der Zentralbehörden mit Ausnahme des Bundes-Oberhandelsgerichts zu Leipzig, des Bundesrats und des Reichstags war Berlin. Mit den vier damals keinem engern Staatenbunde angehörigen Staaten Bayern Württemberg, Baden und den linksmainischen und linksrheinischen Gebietsteilen Hessens wurden im August 1866 und April 1867 vorerst noch geheimzuhaltende Bündnisverträge abgeschlossen, auf Grund deren im Falle eines Krieges diese ihre volle Kriegsmacht zur Verfügung stellten und die Herrscher den Oberbefehl dem Könige von Preußen übertrugen. Ebenso
gehörten auch diese vier Staaten dem 8. Juli 1867 erneuerten Deutschen Zoll- und Handelsverein an. Der Norddeutsche Bund bestand bis zum 18. Januar 1871, an dem nach den Novemberverträgen mit den süddeutschen Staaten im Spiegelsaale des alten Königsschlosses zu Versailles die Wiederaufrichtung des Deutschen Kaiserreichs proklamiert wurde. So ist auf den soliden Grundlagen des Norddeutschen Bundes das neue Deutsche Reich aufgebaut worden, und schon deshalb haben wir allen Grund, des 18. August als des Geburtstages des Norddeutschen Bundes zu gedenken.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser traf am Freitag abend halb 8 Uhr auf Bahnhof Wilhelmshöhe in Cassel ein, wo er von der Kaiserin, der Prinzessin Viktoria Luise und der Prinzessin Feodora von Schleswig-Holstein emfangen wurde. Die Herrschaften begaben sich, von einer jubelnden Volksmenge begrüßt, im offenen Automobil nach dem Schlosse.
— Die Taufe des jüngsten Hohenzollernprinzen, des Sohnes des Kronprinzenpaares, ist vom Kaiser jetzt definitiv auf den 29. August angesetzt worden. Die Taufe wird Oberhofprediger D. Dryander vollziehen.
— Eine neue Reise- und Eisenbahnkarte von Deutschland, nach amtlichen Quellen bearbeitet von C. Opitz, ist soeben im Verlag von Otto Dietrich, Leipzig erschienen. Die vorliegende Reise- und Eisenbahnkarte, die nur 50 Pfg. kostet, enthält die Hauptbahnen mit Schnellzugsverkehr, Vollbahnen, Neben- und Kleinbahnen bis anf die neueste Zeit, selbst die im Bau begriffenen Linien sind bereits eingezeichnet. Die Ausführung ist, eine vorzügliche, und zeichnet sich diese Karte durch' Klarheit, Genauigkeit und Ausführlichkeit ganz besonders aus. Mehrfarbiger, politischer Flächen-Kolorit. Maßstab 1 : 2 000 000. Format 56 : 65 ein.
— Die Einigung sämtlicher bürgerlichen Parteien im Reichstagswahlkreise Döbeln ist jetzt vollzogen. Die Vertreter der Konservativen, des Freisinns,'der Nationalliberalen, der Reformpartei und des Bundes der Landwirte haben einstimmig beschlossen, Prof. Dr. Hasse- Leipzig als gemeinsamen Kandidaten aller Ordnungsparteien für die Ersatzwahl aufzustellen. Prof. Dr. Hasse hat die Kandidatur angenommen.
— Ueber den Uebergang ostprenßischer Güter in polnische Hände wird in einer ostdeutschen Korrespondenz lebhaft geklagt. Dabei wird von dem Verkauf des Rittergutes Thurowken folgendes erzählt: „Thurowken war von der An- und Verkaufsgenossenschaft des Kreises Neidenburg, welche den frühern Besitzer ini patriotischen Interesse durch Darlehnsgewährung unter-
In Ketten der Kieöe.
glommt von Seta v. Siarkeustein. 32
Sie wußte, daß sie lieber an seiner Seite betteln, als mit einem anderen in Ueberfluß leben würde, aber ihre Liebe zu ihm, die konnte und durfte sie um keinen Preis verraten.
Frau Root ließ sich leicht täuschen, sie lächelte befriedigt zu den Worten ihrerMichte. Sie glaubte, in ihr eine gelehrige Schülerin gefunden zu haben.
Hier und da geschah eS freilich, daß trotz dem vorhandenen nötigen Mammon eine Ehe nicht ganz glücklich auSfiel, aber die Mehrzahl der Frauen war doch befrie- digt und viel beneidenswerter, als jene, welche nur aus Liebe heiraten und dann Hunger leiden können.
„Wenn eS Dir lieber sein sollte, mein Kind, daß ich ?>errn Lister schreibe, so bin ich gerne dazu bereit," er- lärte die Tante; „es war ja ohnehin keine rechtskräftige Verlobung und . .
„Nein," sprach das Mädchen mit großer Entschlossenheit, „ich will nicht feig und unbeständig sein ; wir beide, er und ich, haben uns doch als verlobt betrachtet und so will ich wenigstens ehrlich mit ihm reden."
„Der Wagen ist vorgefahren, gnädige Frau," meldete in diesem Augenblicke der Diener, und die beiden Damen fuhren auS, um ihre Morgenbesnche zu machen.
Wally gestand sich dabei, daß sie sich noch nie elender gefühlt habe, als heute, in dem Bewußtsein, daß der Mann, welchen sie liebte, sowohl wie jener, dessen Verlobte sie bis nun gewesen, nur allzu bald lernen müsse, sie zu verachten.
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Richard DeSmond hätte sich vervielfältigen müssen, um alle die Einladungen annehmen zu können, mit denen er überschüttet wurde. Zur großen Verzweiflung des schö- nen Geschlechtes nahm er aber die Mehrzahl derselbe» nicht an,
Ein herrlicher Tag war es, als endlich daSlangbespro- cheue Rennen stattfinden sollte.
Wally fuhr wirklich mit Howard Gilman und errötete fluchtig, als sie im Gedränge einen Augenblick Manfred Listers ansichtig ward, dessen Augen zornig auf ihr ruhten.
Als sie zum zweitenmal nach der Stelle hinblickte, war er verschwunden.
„War das nicht Herr Lister, den Sie vorhin grüßten ?" fragte Gilman nach einer Weile und sie nickte bejahend. „Er sah nicht besonders vergnügt auS, etwa weil Sie sich in meiner Nähe befanden?"
Wally sah ihn mit belustigter Ueberraschung an. „WaS sollte ihm oder sonst jemand daran gelegen sein, mit wem ich zum Nennen fahre," erwiderte sie lachend; „ich hätte ebenso gut in Gesellschaft eines ändern Herrn mich dorthin begeben können. Der Herzog von Ward trug mir einen Platz in seinem Wagen an, und der gute Andrew bat mich beinahe kniefällig, ich möge mit ihm kommen."
„Und doch haben Sie mir den Vorzug gegeben," bemerkte Gilman mit einem Lächeln befriedigter Eitelkeit.
„Einfach, weil, wenn ich mit dem Herzog gefahren wäre, seine Frau mir eine Eifersuchtsszene gemacht hätte und ich Andrew nicht leiden kann."
„Mich sehen Sie also nur als einen Lückenbüßer an?" fragte Gilman empfindlich.
„Sie sollten sich der Begünstigung an sich freuen und nicht nach der Ursache fragen. Jetzt aber lassen Sie unS nicht ernsthaft reden, es ist dies während einer Spazier- fahrt wahrlich nicht angenehm."
„Ah, Sie nehmen gar nichts ernsthaft!" rief Gilman heftig. Er liebte Wally in selbstsüchtiger engherziger Weise, ober richtiger gefügt, er ließ sich blenden durch ihre Schön- heit.
„Nun werben Sie gar noch übellaunig," bemerkte Wally kalt. Innerlich aber verdroß sie sein Wesen, und sie fragte sich unwillkürlich, ob sie mit diesem Manne am Ende doch zu weit gegangen. Sie hatte der Annahme, daß er sie wirklich heben könne, niemals Glauben geschenkt. Sollte
dies doch der Fall sein? Und war das, was ihr ein Spiel dünkte, ihm bitterer Ernst?
„Sie sind grausam," flüsterte Howard Gilman, sofort wieder bezwungen.
Als man im Kristallpalaste das Gabelfrühstück ein- nahm, war Wally Gerhard alsbald wieder der Mittel- Punkt, an den sich alles herandrängte. Wenn Schmeichelei und Huldigung im stände sind, menschliches Glück auSzu» machen, dann mußte sie wohl wunschlos glücklich sein.
Gräfin Peal DeSmond, die sich mit ihrem Gatten ebenfalls eingefunden hatte, bemerkte zu diesem gewandt, daß das Mädchen doch in geradezu unverantwortlicher Weise kokettiere.
„WaS läßt sich denn anderes erwarten bei einer so hübschen Person, die derartig verwöhnt wird; glaubst Du, daß die Angelegenheit mit Gilman schon in Ordnung ist?"
„Ihre Tante behauptet eS, und Wally ist wohl schon zu weit gegangen, als daß eS ihr möglich sein sollte, zu- rückzutreten; überdies warum denn auch? Wenn nicht irgend ein Herzog oder Graf kommt, und meines Wissen» steht bis nun kein solcher auf dem Programm."
Als Friedrich und seine Frau nach Hause zurückkehr- ten, erzählten sie dem Bruder von dem Rennen und mach- ten ihm Borwürfe, daß er sich nicht an demselben betei- ligt habe.
„Ich hatte im KriegSbureau zu tun und unterhielt mich dann recht gut zu Hause. UebrigenS siehst Du müde auS, Friedrich und wenn dies das einzige Resultat ist, mit dem Du heimkehrst, so hättest Du demselben wohl auch entsagen können.
„Ich bin auch müde, Du weißt, daß daS Leben in London mich stets erschöpft; ich werde auch bald nach unserem Landsitze zurückkehren und Peal Deiner Obsorge überlasten."
Gräfin Peal begann nun lebhaft die Ereignisse be» Tages zu erzählen und natürlich nannte man dabei mehr denn einmal Wallys Namen. 128,18