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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 64.

Deutsches Reich.

Die Taufe des Sohnes des Kronprinzenpaares ist auf den 27. August in Aussicht genommen.

Prinzessin Mathilde von Sachsen-Coburg und Gotha ist am Montag nachts um 11 Uhr in Davos gestorben.

Der Kaiser ist am Mittwoch nachmittag kurz nach 10 Uhr mittels Sonderzuges auf dem festlich g^ schmückten Bahnhöfe in Urbach eingetroffen. Nach kurzer Begrüßung seitens der Bevölkerung fuhr er mit Gefolge nach dem Beobachtungsstande Grengel auf dem Mahner Schießplätze, wo der Kaiser das Scharfschießen des Fußartillerie-RegimentsKönigl. Feldzeugmeister", Brandenburgisches Nr. 3, und des Niedersächsischen Fußartillerie-Regiments Nr. 10 beobachtete. Der Weg zum Grengel glich einer via triumphalis. Zu beiden Seiten hatten Kriegervereine der Umgegend mit Fahnen sowie Arbeiterdeputationen und Vertreter sonstiger industrieller Vereinigungen Aufstellnng genommen. Eine überaus große Menschenmenge begrüßte den Kaiser mit lebhaften Zurufen.

Das LinienschiffDeutschland" unter dem Kommando des Kapitäns zur See Becker ist am ver­gangenen Freitag vormittag auf der Kaiserl. Werft in Kiel mit Flaggenparade in Dienst gestellt worden

Die strengste Ueberwachung der Eisenbahnzüge auf den Stationen hat der Minister der öffentlichen Arbeiten Dem Zugpersonal zur Pflicht gemacht, um das verbotene Ein- und Aussteigen auf der den Bahnsteigen abgewendeten Zugseite zu verhindern. Hauptsächlich während der Nachtzeit sollen die Züge vom Stations­und Zugpersonal streng überwacht werden. Ferner sollen diejenigen Personen aufs sorgfältigste beobachtet werden, die etwa bei oder nach dem Anfahren der Züge noch aufspringen oder ihre Abteile verlassen oderdurcy ihr sonstiges Verhalten auffallend Auf den Wagen befindliche unbesetzte Bcemserhäuschen sind, wie es in der Vefügung heißt, unter Verschluß zu halten.

Die in Dortmund tagende 35. Hauptversammlung des Deutschen Apothekervereins verlangte mit großer Mehrheit das Reifezeugnis für Gymnasium, Peal- gymnasium oder Oberrealschule als Vorbedingung für den Eintritt in die Pharmazie und beschloß die allge­meine Durchführung der Sonntagsruhe und des Neun- uhrschlusses.

Die Tagung der internationalen Frauenwahl- rechtsvereinigung in Kopenhagen wurde am Dienstag vormittag unter dem Vorsitz von Frau Carrie Capman Catt eröffnet. Verireten sind fast alle Länder Europas und die Vereinigten Staaten von Amerika.

^amstag, den , August 1906.

57. Jahrgang.

Ausland.

Ein frohes Familienereignis im belgischen Königs­hause ist eingetreten. Prinzessin Albert von Belgien, eine geborene Herzogin Elisabeth in Bayern, ist von einer Tochter glücklich entbunden worden. Prinz Albert ist der einzige Sohn des Thronfolgers Prinzen Philipp, des Bruders des Königs Leopold. Der Ehe des Prinzen Albert mit der Prinzessin Elisabeth sind bisher zwei Söhne entsprossen, die im Alter von 4 und 2 Iah 'r stehen.

Das englische Unterhaus hat sich bis zum 23. Oktober vertagt, nachdem die Appropriationsbill in dritter Lesung angenommen worden ist. Bei der Generaldebatte vor der Vertagung führte Staatssekretär des Auswärtigen Sir Edward Grey inbezug auf die Lage in Aegypten aus, daß es nicht zu vermeiden sei, daß durch die Streitigkeiten mit der türkischen Regierung dort Beunruhigung hervorgerufen würde. Solche Be­unruhigung würde mit der Zeit fraglos wieder schwinden ; wenn sie aber weiter um sich greife, würde es notwendig sein, die englische Besatznng noch mehr zu verstärken. Betreffs der Bagdadbahn erklärte der Staatssekretär, daß, wenn die Deutschen eine Beteiligung anderer Mächte wünschten, gegebenen'Falles Zeit genug sei, die Frage zu erörtern, ob und welche Mächte daran teilnehmen sollten, und unter welchen Bedingungen dies zu ge­schehen hätte.

Die griechenfeindliche Bewegung in Bulgarien ist, wie das Wiener Korrespondenzbureau meldet, wieder im Wachsen begriffen. Auch in Dobritsch wurde die griechische Kirche von Bulgaren besetzt, ebenso mehrere griechische Klöster in anderen Orten. In Philippopel und Stanimaka werden für die nächste Zeit neue Kund­gebungen vorbereiter. Wie die Blätter melden, bewaffnet sich die dortige griechische Bevölkerung, um, falls neue Ausschreitungen vorkommen sollten, sich selbst zu ver­teidigen. Der beurlaubt gewesene griechische Agent Zalakostas, der von der griechischen Regierung zurück­berufen worden ist, ist in Sofia eingetroffen, um wegen der antigriechischen Ausschreitungen bei der bulgarischen Regierung Vorstellungen zu erheben.

Der Ausstand in Petersburg nimmt immer größeren Umfang an. Ueber 66 000 Fabrikarbeiter sind im Ausstand. Die meisten Fabriken des Wyborger Bezirks haben den Betrieb eingestellt. Die Angestellten der Straßenbahn und der Flußdampfer haben sich den Ausständigen angeschlossen. Die Bahnhöfe fitto mili­tärisch stark besetzt. In Bjelostok wurden in den Häusern zweier Juden (Farbstein und Bernstein) eine größere Menge Waffen sowie revolutionäre Schriften

beschlagnahmt und vierzehn Personen festgenommen. Zum Oberprokurator des heiligen Synods ist das Reichsratsmitglied D- F. Samarin ernannt worden.

Die Versammlung des altrussischen Verbandes in Moskau beschloß, unverzüglich einen Plan zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen die anarchistischen Gewalt­taten auszuarbeiten.

In Kronstadt ist ein furchtbares Exempel statuiert worden, welches auf die unsicheren Elemente im Heer und in der Marine doch vielleicht einen wirksamen Eindruck machen wird. Es wird von einer Massen- Hinrichtung in Kronstadt berichtet, und zwar sollen nicht weniger als 300 Teilnehmer an dem letzten Aufruhr vom dortigen Kriegsgericht zum Tode verurteilt und bereits hingerichtet worden sein. Unter ihnen befinden sich, so heißt es, viele Zivilpersonen, darunter auch das ehemalige Mitglied der Reichsduma Michailiczenko, bei welchem ein Plan der Festungswerke gefunden wurde.

Zu dem türkisch-französischen Grenzstreit im Hinterland von Tripolis meldet dasK. K. Tel.-Korr.- Bur." aus Konstantinopel: In der Antwort auf die französische Note bezüglich der Dschanet Oase wurde der türkische Botschafter in Paris beauftragt, der französischen Regierung eine Erklärung in dem Sinne zu geben, daß Dschanet immer türkisch, und zwar ein Bezirk des Wilajets Tripolis mit organisierter Verwaltung gewesen sei, und daß es nicht einmal zum Hinterland von Tripolis gehört habe. Folglich seien die französischen Behauptungen grundlos. In Kreisen der Pforte wird erklärt, daß sie bis aufs äußerste diesen Standpunkt vertreten werde.

Untergang eines Ozean-Dampfers,

Das Madrider BlattAbc" veröffentlicht folgende Depesche aus Cartagena : Der von Barcelona kommende DampferScrio" mit 800 Auswanderern an Bord scheiterte bei der Insel Hormigas in der Nähe von Cap Palos und sank schnell Die Mehrzahl der Aus­wanderer sind Italiener und die anderen Spanier. Die Zahl der Ertrunkenen wird auf 200 geschätzt. Die Geretteten befinden sich auf Cap Palos in kritischer Lage.

Das Schiffsunglück bei den Hormigasinseln an der Ostküste Spaniens gehört zu den schwersten Katastrophen, die sich je zur See ereignet haben. Die neuesten Meldungen lassen das Unglück noch viel größer er­scheinen. Unmittelbar nach dem Schiffsunglück eilten alle in der Nähe desSiric" befindlichen Fahrzeuge diesem zu Hilfe. Der Kapitän desJoven Mignel" legte beimSirio" an und zwang mit dem Revolver in der Hand seine Besatzung zur Hilfeleistung. Dadurch

In Ketten der Kieve.

Roman von Seta v. Starkenstein. 31

War das, so wie sie nun einmal mit einander gestan­den, nicht eine Unnatur? Und doch, was hätte sie machen ' sollen?

Obwohl er tief verletzt sein mußte, hat er kein ein­ziges Wort des Borwurfes für sie gefunden, im Gegen­teil, war er ritterlich bestrebt gewesen, ihr Benehmen zu entschuldigen. Vielleicht bedauerte er sie und glaubte im Ernste, daß sie nichts anderes geworben sei, als eine ein­fältige Zierpuppe, welche die Huldigung der Männer ent- gegennahm und ihre Jugend und Schönheit dem Höchst- bietenden verkaufe.

Herr Gilman kam gerade in bem Augenblicke auf das Mädchen zu, in welchem dieses alle Kräfte zusammenraf- jend, sich erhoben hatte.

Ah, Herr Gilman," rief Wally mit mattem Lächeln, ich freue mich, daß Sie kommen! Führen Sie mich in den Wintergarten, dort muß es kühl sein und mein Kopf schmerzt gar so heftig.O bitte, beunruhigen Sie sich nicht weiter," fügte sie eilig hinzu, als sie an Gilmans Mienen erriet, daß er alle möglichen Mittel vorschlagen wollte zur Behebung des Uebels. Tun Sie nur das, luaS ich von Ihnen verlange, und im übrigen kümmern Sie sich nicht viel um mich."

Froh, daß es ihm vergönnt sein solle, allein ihre Ge­sellschaft zu genießen, führte Howard Gilman die junge Dame nach dem Wintergarten, und Richard Desmond sah die beiden sich entfernen.

Gott stehe ihr bei," dachte er mit wehmutsvollem Empfinde»,sie wird, wenn es allzu spät, entdecken, welch' surchibar hohen Preis sie bezahlt für den Besitz des ver- wünschten Mammons. O, Wally, Wally, Du hättest we- niger^ grausam sein können, D» hättest Dir die Erinne­rung wahren sollen an vergangene Tage, und mir in innerer Weise begreiflich machen können, daßDn dieselbe unslöfcheu willst, daß für Dich das Leben erst einen Reiz

hat von dem Moment an, in welchem Du in London ge­sellschaftliche Erfolge feierst.

Wally tanzte den nächsten Tanz, und dann wieder und immer wieder; sie plauderte, lachte und scherzte und schien Q/ in einer glücklicheren Stimmung als heute.

Um halb zwei Uhr morgens aber sank sie neben ihrer Tante in einen Stuhl und verlangte, nach Hause zurück- kehren zu dürfen, da sie ganz und vollständig erschöpft sei.

Trotz aller Bitten und Einwendungen setzte die junge Ballkönigin es auch durch, daß sie nach Hause zurückkeh- ren durfte, und wollte Howard Gilman nicht einmal ge­statten, daß er ihr den Mantel umlege.

Als sie endlich in ihrem Zimmer allein war und Schmuck und Ballkleid abgelegt, da sanksie schluchzend in die Knie und weinte, als ob ihr das Herz brechen müsse, während ihre Tante sich, im hohen Grade befriedigt, zur Ruhe be- gab und sich mit nachstehenden Reflexionen befaßte.Ich habe mich ein wenig vor Richard Desmond gefürchtet, dachte, er könne der Kleinen den Kopf verdrehen, aber sie scheint doch weniger romantisch zu sein, als ich ange­nommen, denn ihr Benehmen hat hinreichend dargetan, daß sie absolut nicht die Absicht hege, sich mit ihm abzu- geben. Ein so stolzer Mann, wie aber Richard ist, wird er sich jetzt jedenfalls ferne halten, selbst wenn sie früher sein Wohlgefallen erregt haben sollte. Trotz alledem und alledem würde es mir aber nicht sehr angenehm sein, wenn die beiden jungen Leute zusammenkämen."

* *

Tante Konradine," sprach Wally am folgenden Tage, als sie im Wohnzimmer erschien,ich möchte Dir etwas sagen, aber bitte, laß es dann ein für allemal abgetan sein, und komme nie mehr auf den Gegenstand zurück."

Nun, mein Kind, was willst Du," forschte die ältere Dame ein wenig beunruhigt, fühlte sie sich doch der Nichte gegenüber nicht so ganz sicher,

Wally trat aus Fenster und blickte hinaus.Manfred ist in der Stadt, er schrieb mir und ich antwortete ihm, er möge Donnerstag abends kommen."

Nun, und was weiter?" forschte die Tante, welche recht gut fühlen mochte, daß diese Worte eine Einleitung sein sollten zu Wichtigerem.

Ich kann ihn nicht heiraten," sprach das Mädchen, be­strebt, das Schluchzen zu unterdrücken, welches ihren zar- ten Körper erschütterte.Ich habe um ihn geschickt, weil rch ihm die Wahrheit nicht länger vorenthalten kann "

Gott sei Dank, endlich," flüsterte Tante Konradine lerse und unverständlich; laut aber sprach sie mit milder Stimme:Ich bin froh, mein Kind, daß Du gelernt hast das einzusehen; ich hoffte immer, daß Dir früher oder später diese Erkenntnis kommen werde, Du warst zu jung um Dir über Deine Gefühle selbst so recht klar zu sein und ich glaube, daß Du Herrn Lister gar nie fo innig liebtest, als Du es Dir selbst eingeredet hast."

Wußte daS Wally nicht nur zu genau? Sie schritt un- geduldig im Zimmer auf und ab.Ich weiß nicht, und mir ist auch nicht daran gelegen, e8 zu wissen," rief sie erregt nur so viel weiß ich, daß ich vollkommen unfähig bin, ihn zu heiraten. Die Dinge sind jetzt so ganz anders, als sie einmal waren; ich würde jetzt nimmer im stände sein so zu leben, wie ich früher gelebt habe, ich wäre unglück­lich, denn ich bin eine recht weltlich und oberflächlich ge- sinnte Person geworden und könnte nicht mehr existieren ohne all jene Dinge, die das Leben in der großen Welt mit sich bringen."

Sie spielte Komödie, indem sie diese Worte redete, denn sie fürchtete sich vor der Frage, ob sie einen anderen liebe und wollte dieser zuvorkommen. Sie setzte alles da­ran, um ihrer Tante die Ueberzeugung beizubringen, daß die Liebe zur Welt, die Furcht vor der Armut sie veran­laßte, Manfred aufzugeben.

Trotzdem errötete sie über die Komödie, welche sie spielte. Sie würde der vornehmen Welt und allem, was mit derselben in Zusammenhang stand, leichten und freudigen Herzen» entsagt haben, wenn eS sich um Richard DeS- mond gehandelt. 138,18