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SchlüchternerZeitun g

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg. H "^Mittwoch, den 8.August 1906. 57. Jahrgang.

Amtliches.

Bekanntmachung

Betr.: Verlegung des am 24. und 25. August d. Js- abzuhaltenden Vieh- und Krämermarktes in Freien steinan.

Der am 24. und 25. August d. Js. abzuhaltende Vieh« und Krämermarkt zu Freiensteinau wird nicht an diesen Tagen, sondern Montag, den 27. und Dienstag, den 28. August d. Js. abgehalten, was wir hiermit zur allgemeinen Kenntnis bringen.

Lauterbach, den 31. Juli 1906.

Großherzogliches Kreisamt Lauterbach.

v. B ech t o l d.

Deutsches Reich.

Der Kaiser und die Kaiserin kehrten am Sonn­abend nach Potsdam zurück, wo der Kaiser die Kron- , Prinzessin besuchte und zum ersten Male sein Enkel sah.

Für den vierten Sohn des Kaisers, Prinz August Wilhelm, der an der Universität Straßburg studieren soll, ist die Villa Fuerstner in der Rupprechter g Allee als Wohnsitz gemietet worden.

Generalmajor Leutwein, der frühere Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika, hat sich mit der langjährigen Vorsteherin seines Haushalts, Fräulein Mielenz, 8 vermählt.

Im Jahre 1905 sind im deutschen Heere wegen militärischer Verbrechen und Vergehen 6038 Soldaten p kriegsgerichtlich bestraft worden, 509 weniger, als im g Vorjahre. Die Zahl der standgerichtlich Bestraften betrug 2138 (327 weniger als im Vorjahre). Die Zyhl der Bestrafungen wegen Mißhandlung von Untec- Ubenen ist von 568 auf 360 zurückgegangen.

I Nach einer halbamtlichen Mitteilung wird" die Zusammenkunft unseres Kaisers mit dem Könige von England Mitte dieses Monats im Schlosse Friedrichshof : im Taunus stattfinden, wo König Eduard zum Besuche des Kaisers eintreffen wird. Als Tag wird der 16. August genannt.

Ein freudiges Ereignis in Koburg-Gotha ist eingetreten: dem regierenden Herzogspaar ist der erste Sohn geboren worden, der also berufen ist, später den g Thron des Herzogtums zu besteigen. Herzog Karl Eduard, der Sohn des Herzogs von Albany, eines Bruders des Königs von England, gelangte nach dem Aussterben der deutschen Linie des Hauses Koburg, " dessen, letzter Sproß, Herzog Alfred 1900 starb, ohne männliche Erben zu hinterlaffen, auf den Thron, zu> ; nächst unter Vormundschaft, bis er im Juli 1905 mit dem Erlangen der Großjährigkeit die Regierung selbst S#HK«BCCKS31»Blß»B3 MvVv»itSiSWi«M tLLELELL«L2^LL2LLb

An Ketten der Kieve.

Roman von Seta V. Starkenstein. 29

Richard Desmond war zurückgekehrt, hatte sie eS doch in der Zeitung gelesen.Was wird er von mir denken," ? fragte sich das arme Kind,vielleicht hat er meine Exi- stenz vollkommen vergessen, warum denn auch nicht!" k Beim Gabelfrühstück hörte sie von ihrer Tante, Gräfin s Peal Desmond habe dieser geschrieben, daß sie ihren Schwa- i ger Richard zu dem Balle mitbringen wolle, den Gräfin Clieford am heutigen Abend gäbe.

DaS Blut stieg dem Mädchen ins Gesicht, doch es war hinauf vorbereitet, von Richard Desmond sprechen zu hören, eS wußte, daß der junge Mann alle Augenblicke eintreten könne, und alle Selbstbeherrschung zusammen- raffend, entgegnete Wally anscheinend unbefangen:O, Wie mich das freut! Erwähnt Gräfin Peal sonst nichts von ihm?"

Nein, mein Kind, da ist daS Billet, ®u magst eS le­sen," sprach die Taute ruhig.

DaS Mädchen griff dankend danach und schien in die Lektüre vertieft, doch die Buchstaben tanzten förmlich vor ihren Augen und sie fühlte sich unfähig, auch nur einen ein­zige» derselben zu entziffern. Trotzdem gelang es ihr, so­wohl ihre äußere Fassung zu bewahren, daß Frau Root, welche sie die ganze Zeit hindurch verstohlen beobachtete, sich beruhigt sagte, das Mädchen neunte offenbar keinen wärmeren Anteil an Richard Desmond.Hoffentlich ist er ebenso vernünftig," sagte sich die weltkluge Frau,sonst könnte es ihm immerhin gelingen, ein romantisches Mäd- chen wie Wally zu einer Torheit zu bewegen. Uebrigens jammerschade, daß er ein jüngerer Sohn und nicht der Majoratsherr ist, denn daß seine Person fesselnd, daS läßt sich wohl nicht in Abrede stellen."

Arme Frau Root! Wenn sie unreine Ahnung von dem gehabt hätte, war in dem goldblonden Köpfchen ihres Gegenüber vorging, wie lebhaft beunruhigt wäre sie ge­

übernahm. Er ist seit dem 11. Oktober 1905 mit der Prinzessin Viktoria Adelheid von Schleswig-Hol> stein-Sonderburg-Glücksburg vermählt. In den Ländern Koburg und Gotha wird man die Geburt eines Thron­folgers mit herzlicher Freude begrüßen; sichert sie doch die Erhaltung des Thrones für eine neue deutsche Linie des Hauses Koburg.

Wie aus' Gotha gemeldet wird, hat der Herzog von Sachsen-Koburg und Gotha aus Anlaß der Geburt des Erbprinzen eine Amnestie erlassen, durch welche alle Strafen wegen Majestätsverbrechen, Vergehen wioer die Staatsgewalt, Vergehen gegen die öffentliche Ordnung, Vergehen nach §§ 196 bis 197 des Straf­gesetzbuches, Vergehen gegen das Reichsgesetz über die Presse, sowie alle polizeilichen Strafen bis zur Höhe von 20 Mark erlassen werden.

Ausland.

Amtlich wird ein neuer Erfolg der deutschen Waffen in Ostafrika gemeldet. Nach einem Telegramm des Gouvernements in Daressalam griff der Leutnant von Lindheiner mit einer Abteilung des Johannesschen Expeditionskorps das Lager des Sultans Schabruma, des Hauptführers der aufständischen Wangoni, am Lihonde südöstlich Ssongea überraschend an. Schabruma selbst wurde verwundet, entkam aber, seine Frau und Kinder wurden gefangen und seine ganze Habe und Vieh erbeutet. Der Gegner verlor 16 Tote und 179 Gefangene. Diesseits 1 Ombascha (farbiger Unter­offizier) gefallen. Die Mehrzahl der Schabruma-Großen unterwarf sich. Major Johannes sieht die Lage in Ssongea günstig an. Nach Meldungen des Haupt­manns von Kleist ist die Ruhe in Upangwa immer noch nicht wiederhergestellt. Major Johannes marschierte infolgedessen mit Verstärkungen dorthin ab.

In Petersburg ist die militärische Bewachung der Straßen und öffentlichen Gebäude, darunter der Post-, der Telegraphen- und der Telephonämter erheb­lich verstärkt worden. Die Newa wird nachts von einem auf der baltischen Werft liegenden Kreuzer aus durch Scheinwerfer beleuchtet. Die dort ankernden Kriegsschiffe und Jachten erhielten Befehl, sich in voller Kampfbereitschaft zu haltend Ueber Kronstadt ist der Kriegszustand verhängt worden. 7 Meuterer von der Minenkompagnie sind wegen Ermordung von Offi­zieren zum Tode durch Erschießen verurteilt worden. Der Gehilfe des Warschauer Generalgouverneurs General Markgrafskij ist in der Sommerfrische Otwock bei Warschau ermordet worden.

Infolge der Zunahme des deutschen Verkehrs im südlichen China ist ein deutsches Berufskonsulat in gtM:^.4'M.?^QOT^ijE^wawmw6WMWM^^^I!^^

wesen. Aber sie lebte in beruhigender Unkenntnis der wirklichen Situation, und wenn auch erst achtzehn Jahre alt, verstand es Wally doch, ihr Geheimnis wohl zu wah- rett

Die Toilette, welche Wally von der Tante für den Ball erhalten hatte, war ein Meisterwerk der Schneiderkunst. Wally aber freute sich nur, daß dieselbe weiß sei, weil dies die Lieblingsfarbe des Mannes war, in dessen Augen für iveltlich und oberflächlich zu gelten sie doch beschlossen hatte. In den Ohre» funkelten kostbare Brillanten und auch um den Hals hatte sie an einem schwarzen Samt­bande die gleichen Steine befestigt. Als aber die Tante, nachdem sie ihre Toilette beendet, bei ihr eintrat und- chelnd bemerkte:Ich freue mich, daß Du Brillanten ge- wählt, denn es sind Gilmans Lieblingssteine," da fühlte sie sich versucht, dieselben eilig von sich zu werfen und es bedurfte ihrer ganzen Selbstbeherrschung, um der Ein- gebung des Augenblicks Folge zu leisten.

Ich habe die Steine nicht aus diesem Grunde ge­wählt," erwiderte sie mit auffallender Kälte.

Ich dachte, es bereite Dir Vergnügen, Gilman zu ge­fallen, mein Kind," Ivarf die Tante in gütigem Tone ein.

Mir? Weshalb sollte ich denn einen Wert darauf le­gen, irgend einem Manne zu gefallen? Sie müssen froh sein, wenn sie mir gefallen!"

Hüte Dich, Wally; e» gibt Männer, die nicht mit sich spielen lassen, auch dann nicht, wenn eS eine Schönheit ist, die mit ihnen tändelt."

Nun, solche Männer mögen mich eben nicht mit ihren Aufmerksamkeiten langweilen; ich mute mir übrigens die Kraft zu, selbst diese mir Untertan zu machen, wenn ich gerade will."

Aber Howard Gilmanliebt Dich wirklich, Wally."

So?" lautete die anscheinend gleichmütige Entgeg­nung.Ich bin aber gar nicht besonders für ihn emge- immmen. Bitte, reden wir nicht mehr von ihm, Tantchen;

den chinesischen Hafenplätzen Pakhoi-Kiungtschou errichtet worden. Die Einrichtung desselben gestaltet sich nach den örtlichen Verhältnissen derartig, daß der Konsul mit dem Sekretär auf dem Festlande in Pakhoi seinen Sitz hat, während der Dolmetscher in Hoihow auf der Insel Hainau die Geschäfte wahrnehmen soll.

Der panamerikanische Kongreß hielt eine Sitzung zu Ehren des Staatssekretärs Root ab. Root sprach u. a. die Hoffnung aus, in einigen Monaten auf der Friedenskonferenz im Haag alle amerikanischen Staaten vertreten zu sehen, und schloß damit, daß er die Gründung einer rein amerikanischen Union empfahl, um so Mißstimmungen zu vermeiden, Kriegsursachen zu beseitigen, die freien, amerikanischen Staaten vor den Lasten kriegerischer Rüstungen zu bewahren und den Anbruch der wahren Freiheit zu beschleunigen.

Lokales und Provinzielles.

Schlächtern, 7. Aug. 1906.

* Erntebräuche. Die gegenwärtige Zeit der Ernte ist in fast allen deutschen Gauen mit einem Kranze uralter Sitten und Bräuche umwoben. So ist es vielfach üblich, den ersten Sensenstrich mit eine« frommenWalls Gott" zu begleiten und die Arbeit der Schnitter unter Gebet mit bänder- und blumen- geschmückter Sense zu beginnen. Die Siebenbürger Sachsen gehen am ersten Mähtag festlich gekleidet aufs Feld und die erste geschnittene Garbe wird dann zum Pfarrer gebracht, der am nächsten Morgen für alle Bewohner einen feierlichen Bittgottesdienst abhält. Auch durch festliche Mahle wird hier und dort der Beginn der Ernte gefeiert, wie ja der Schluß derselben durch Abhaltung von Kirmeß- und Erntefesten wohl fast o''enthalben begangen wird. Das ist die Poesie der Erntezeit, welch letztere in echt deutscher Weise im Zeichen religiöse» Empfindens steht, eingedenk des Wortes, daß an Gottes Segen alles gelegen, und so mögen die kommenden Wochen heißer Arbeit denn unter dem Schutze des Gebers aller Gaben stehen, der aufs neue uns unser tägliches Brot bescheert und dessen Güte ohne Ende ist.

* Das diesjährige Augustfest verlief vom Wetter besser begünstigt wie im vorigen Jahre in recht an­genehmer Weise. Jung und Alt machten sich schon früh auf die Beine um nach dem beliebten Festplatz Acisbrunnen zu gelangen. Schon um 3 Uhr wurde das Fest, durch das Konzert des Steinauer Musikverein eingeleitet. Um 4 Uhr erfolgte an der Weitzel-Eiche zu Ehren des Stifters I. I. Weitzel gepflanzte Eiche die Preisverteilung auf landwirtschaftliche Erzeugnisse.

ich habe genug daran, wenn ich seine Gesellschaft heute abend genießen muß."

Der Wagen wurde angemeldet und die beiden Damen stiegen ein.

Frau Root freilich war nicht ganz ruhig hinsichtlich ihrer Nichte, sie dünkte ihrheute vollkommen in der Stim­mung, irgend eine Torheit zu begehen, zum Beispiel mit Oberst DeSmond zu kokettieren, nur um Howard Gilman eifersüchtig zu machen. Die Dame war aber so klug, ein- zusehen, daß jeder wohlmeinende Rat die Situation nur verschlimmern könne und schwieg daher weislich.

Da ist sie .. da ist Wally Gerhard!" so ging e» von Mund zu Mund, als Frau Root mit ihrer Nichte eintrat, und viele drängten der Tür zu, unter deren Rahmen das schöne Mädchen eben erschien.

Die Gastgeberin kam den Eingeladenen mit großer Eil fertigkeit entgegen und teilte ihnen sofort mit, daß Oberst Desmond in Gesellschaft seines Bruders und seiner Schwä­gerin ebenfalls erscheinen werde.Kennen Sie ihn, Fräu­lein Gerhard? Er ist ein reizender Mann."

O ja, ich hatte in der Garnison auf dem Balle in Donmngton Gelegenheit, seine Bekanntschaft zu machen."

Wirklich, nun, dann brauche ich ihn nicht vorzustellen."

Wally war sofort umringt und ihre Tanzordnung bei- nahe ausgefüllt, bevor eS Howard Gilman nur gelang, ihr in die Nähe zu kommen.

Fräulein Gerhard, Sie haben mir doch hoffentlich einige Tänze aufgehoben, ich bemühe mich bereits seit einer Viertelstunde, in Ihren Gesichtskreis zu treten."

Einige?" wiederholte Wally, indem sie die Augen­brauen in die Höhe zog. Sie blickte in ihre Tanzordnung und leichtes Rot färbte ihre Wangen. Ach, wie viel hing von dieser Pause ab! Hätte sie Gilman die Antwort ge- geben, welche auf ihrer Zunge schwebte, wie so ganz an­ders würde sich dann ihr Leben gestaltet haben! Plötzlich aber preßte sie die Lippen fest aufeinander und sah Gil­man an.Ich habe nurnochmehr zwei Tänze frei," sprach sie in kühlem Ton,die mögen Sie haben." 128,18