SchlüchternerAttung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 58.
Samstag, den 21. Juli 1906.
57. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser trifft in der Zeit zwischen dem 12. und 25. August in Homburg v. d. H. ein, um der Enthüllung des von ihm gestifteten Denkmals für das ausgestorbene Landgrafengeschlecht Hessen - Homburg beizuwohnen.
— Die Kaiserin spendete für die Lotterie zu Gunsten eines in Norderney zu errichtenden evangelischen Gemeindehauses ein herrliches Service aus der Königlichen Porzellanmanufaktur.
— Die Taufe des am 4. d. M. geborenen Sohnes des Kronprinzenpaares wird in der 2. Hälfte des August stattfinden. Prinz Oskar wird sich demnächst in Plön der Abiturientenprüfung unterziehen und sodann nach einem bjähr. Aufenhalt Plön verlassen, wohin nach Ablauf der Sommerferien nur der jüngste Sohn des Kaiserpaares zur Fortsetzungseiner Studienzurückkehren wird. Prinz Oskar befindet sich seit dem 14. d. Mts. im schriftlichen Examen, an dem seine Mitschüler, die Portepee Unteroffiziere v. Unruh, v. Ditfurth und v. Kleist teilnehmen. Die schriftliche Prüfung erreichte gestern ihren Abschluß. Am 24. ds. Mts. erfolgt die mündliche Reifeprüfung, zu der als Königl. Kommissar der Geheime Oberregierungsrat Dr. Köpke vom Kultusministerium in Plön eintreffen wird. Prinz Oskar, der am 25. d. M. nach Potsdam übersiedeln wird, beginnt im August den Offizier-Vorbereitungs-Unterricht im Anschluß an die Kriegsschule in Potsdam und wird im November in das 1. Garderegiment zu Fuß zur aktiven Dienstleitung eintreten.
— Wie aus München gemeldet wird, so ist Hamburg als Ort für das nächste Deutsche Bundesschießen gewählt worden.
— Verdeutschungen militärischer Ausdrüur.' Aus dem neuen Exerzierreglement für die Fußtruppen sind folgende Verdeutschungen der bisherigen Fachausdrücke hervorzuheben: Aus der „Sektion" ist die „Gruppe" geworden. Anstatt: Bataillon soll chargieren — Geladen !" heißt es entweder : „Zum — Schuß — Laden!" oder, wenn nicht sofort geschossen werden soll: „Laden und Sichern!" Für „Chargiert — Fertig!" wird gesagt : — „Zum — Schuß! — Fertig!" Die „Points" werden in Zukunft „Richtungsunteroffiziere" und „Richtungsoffiziere" bekannt. Die „Pyramide" ist in „Gewehrgruppe", die „Teten" sind in „Anfänge" verdeutscht. Die Vedeutschungen sollen auf besonderen Wunsch und Anregung des Kaisers durchgeführt worden sein.
— Berlin hat sich nicht unerheblich entvölkert. Man berechnet, daß allein am Sonnabend, nach Schul-
In Ketten der Kieve.
Roman von Seta v. Starkenstein. 21
„Ist Friedrich Desmond seinem Bruder ähnlich?" forschte Wally:
„Ganz und gar nicht; er ist nicht hübsch und kein junger Mensch, aber Richard ist eine auffallende Schönheit und dabei ein Mann von geradezu seltenem, sprühenden Geiste; er hat nur seinen Gehalt und die verhältnismäßig geringe Zulage, welche der ältere Bruder verpflichtet ist, dem jüngeren auszuzahlen. Peal wird gewiß noch Kinder bekommen, denn sie zählt kaum dreißig Jahre, und so hat denn Richard keine Aussicht, jemals das Majorat zu erlangen und muß eine Geldheirat schließen."
Diese letzte Behauptung wurde ausgesprochen, als ob es sich um etwas ganz Selbstverständliche» handle. Frau Root war eine Weltdame vom Scheitel bis zur Sohle, und sie vergaß im Augenblick, daß sie in ihrer Nichte eine noch unverdorbene Waldblume vor sich habe.
„Ich glaube nicht, daß Richard Desmond jemals im stande wäre, um des Geldes willen eine Ehe einzugehen!" rief daS junge Mädchen lebhaft.
Die Tante aber lachte nur. „Mein Kind, Richard Des- mond ist ein Mann von Welt; glaubst Du, daß, weil er wie ein Ritter Bayard aussieht, er auch gleich diesem ro- manhaft unpraktische Ansichten haben müsse?"
„Nein, aber er sieht nicht danach aus, als ob er ein Mann wäre, der im stande fei, großen Wert auf daS Geld zu legen."
„Liebes Kind, ich weiß nicht, wie Du an einem Ball- abend überhaupt Schlüsse ziehen willst auf den Charakter eines Mannes. Wenn Du erst eine zeitlang in der Welt gelebt haben wirst, so wirst Du zu der Ueberzeugung gelangen, daß romantische Anschauungen in derselben nicht an der Tagesordnung sind."
„Die Herren des Schlachtfeldes können im gewöhnlichen Leben unendlich prosaisch sein und Richard DeSmond wird ^rvtz all seiner egyptischen Heldentaten sich gewiß niemals
schluß, etwa 150000 Menschen ihre serienreife angetreten haben. Zur Beförderung dienten mehr als 250 Eisenbahnzüge, von denen nicht weniger als 75 vom Stettiner Bahnhof abgingen, der den Verkehr mit den Ostseebädern vermittelt. Zahlreiche Züge wurden auch in die Berge abgelassen. Dabei hatten viele schon am Freitag den Berliner Staub von den Füßen geschüttelt, während andere erst am Sonntag reisten. Auch in der neuen Woche wird der starke Reiseverkehr noch anhalten.
— Auf Veranlassung der Provinzialregierung von Schleswig-Holstein hat der preußische Kultusminister v. Studt über die Erteilung von Turnunterricht durch Sozialdemokraten an jugendliche Personen eine bemerkenswerte Verfügung erlassen. Danach bedarf es zur Erteilung des Turnunterrichts an jugendliche Personen in jedem Falle der Erlaubnis der Ortsschul- behörde. Diese Erlaubnis könne aber nur dann erteilt werden, wenn der Bewerber seine sittliche Tüchtigkeit für Unterricht und Erziehung genügend nachweist. Das Vorhandensein der sittlichen Tüchtigkeit für Unterricht und Erziehung sei bei allen Mitgliedern der sozialdemokratischen Partei zu verneinen, da die Ziele und Bestrebungen dieser Partei im geraden Gegensatz stehen zu den Grundlagen des Staatswesens und zu den Auf- gaben des Schulunterrichts, die Kinder zur Achtung und Ehrfurcht vor den bestehenden Gesetzen, zur Gottesfurcht, Vaterlandsliebe und Königstreue zu erziehen. Es sei daher keinem Mitgliede der sozialdemokratischen Partei die Erlaubnis zur Erteilung von Turnunterricht an jugendliche Personen zu gewähren, vielmehr sei ihnen die Abhaltung solchen Unterrichts wegen mangelnder Tüchtigkeit für Unterricht and Erziehung überall zu versagen.
— Der Staatssekretär des Reichspostamts hat die Postanstalten angewiesen, auch diejenigen Sendungen in Militärangelegenheiten, die anstatt des Vermerks „Militaria“ den Vermerk „Militärsache" oder „Heeressache" tragen, portofrei zu befördern, sofern die sonstigen Voraussetzungen des Portofreiheits-Regulativs für die Gewährung der Portofreiheit erfüllt sind. Es war mehrfach vorgekommen, daß einzelne Postbeamte solchen Sendungen die Portofreiheit versagten.
Ausland.
— Eine neue serbische Quertreiberei gegen Deutschland wird aus Belgrad gemeldet. Das Organ der serbischen Kaufmannschaft will aus sicherer Quelle wissen, Kaiser Wilhelm habe gelegentlich seines Besuches in Wien geäußert, Serbien sei das Haupthindernis für die Balkanpolitik. Das Blatt betont, diese Aeußer-
die Torheit zu schulden kommen lassen, ein vermögensloses Mädchen zu heiraten, nur weil er dasselbe liebt."
„Aber, Tante Kouradine, es muß doch auch Menschen geben, welche nicht immer einzig und allein nur aus den pekuniären Vorteil bedacht sind."
„Das sind zumeist Mädchen, welche aufwuchsen gleich Dir, mein Kind, und diese bereuen eS späterhin bitter, eine mittellose Heirat geschloffen zu haben; ältere Leute sind klüger; ich heiratete nicht aus Liebe, war aber trotzdem sehr glücklich."
„Ich würde daS nimmer sein können," versicherte Wally mit Emphase.
„Du bist siebzehn Jahre, mein Kind; übrigen»," fügte sie diplomatisch hinzu, „brauchen Liebe und Reichtum einander ja nicht antagonistisch gegenüber zu stehen."
Wally dachte an Manfred und schwieg errötend still.
Sollte sie ihrer Tante von ihrer Verlobung Mitteilung machen oder wußte dieselbe bereits darum?
Sie hatte bis jetzt derselben mit keiner Silbe Erwähnung getan, aber zwei Briefe von Manfred waren schon für sie gekommen und ihre Tante hatte dieselben gese- hen, obzwar sie diesbezüglich keinerlei Fragen an da» junge Mädchen gestellt.
Frau Root sah Wally an und als errate sie deren Gedanken, sprach sie in leichtem Tone, indem sie behaglich ihren Tee schlürfte: „Dein Onkel sagte mir, Wally, daß Du Dich mit einem Jugenfreunde, mit Manfred Lister, verlobt habest."
DaS junge Mädchen errötete.
Die ältere Dame aber fuhr fort: „Natürlich hat Herr Gerhard diese Verlobung nicht als bindend angesehen und ebenso wenig könnte mir das einfallen."
„Aber ich betrachte sie als bindend!" rief daS junge Mädchen lebhaft, wenn auch mehr auS Pflichtgefühl denn aus warmer Herzensüberzeugung.
„Du hast einen sehr stark ausgeprägten Willen, Wally," entgegnete die Taute ruhig, „und ich will nur hoffen, daß derselbe Dich nicht dazu verleiten wird, Torheiten zu be
ung des deutschen Kaisers werfe ein grelles Schlaglicht auf den Konflikt mit der Nachbarmonarchie und beweise, daß dieser nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus rein politischen Gründen Serbien aufoctroyiert wurde. Natürlich ist kein Wort von der ganzen Geschichte wahr, und es handelt sich nur um einenen Versuch, die Schuld an dem Konflikt mit Oesterreich diesem und seinem angeblichen Hintermann zuzuschieben. Nach demselben Muster hat man bisher schon öfters gemeldet.
— Im französischen Ministerrat machte Kriegsminister Etienne davon Mitteilung, daß Major Dreiysus dem 12. Artillerieregiment in Vincennes zugeteilt worden sei, und daß Brigadegeneral Picquart unverzüglich ein Kommando im Bezirk des Pariser Militärgouvernements erhalten werde. Picquart soll jedoch erklärt haben, er könne die Würde eines Brigadegenerals nicht annehmen, solange Mercierder Generalität angehöre.
— Der russische Reichsrat lehnte den Gesetzentwurf des Ministeriums, betreffend Maßnahmen gegen die Hungersnot, ab und stimmte mit 72 gegen 45 dem von der Reichsduma angenommenen Gesetzentwürfe zu, wonach 15 Millionen Rubel für Ausgaben im Monat Juli d. I. zur Beschaffung von Saatgut und Nahrung für die durch Mißernte geschädigte Bevölkerung bewilligt werden. Dieser Beschluß des Reichsrats wird in der Presse als ein Mißtrauensvotum des Reichsrats gegen das Kabinett Goremykin betrachtet, das geeignet sei, den Rücktritt des letzteren zu beschleunigen.
— Immer wieder werden neue Attentate in Rußland gemeldet. Im Peterhofer Park tötete ein anständig gekleideter Mann vor den Augen des promenierenden Publikums den General Koslow durch drei Revolverschüsse. Vom Publikum verfolgt, feuerte der Mörder noch drei Schüsse ab, wnrde aber dennoch festgenommen. Der ermordete Generalmajor Koslow stand dem politischen Leben ganz fern. Man behauptet, daß der General, der große Aehnlichkeit mit General Trepow hatte, das Opfer eines Irrtums geworden sei. Der Mörder, ein junger Mann von 26 Jahren, habe ge» glaubt, Trepow vor sich zu sehen. Er hat bei seiner Vernehmung zugestanden, daß er der sozial-revolutionären Partei angehöre; man hat bei ihm eine Photographie des Generals Trepow gefunden. Der Name des Mörders ist bisher noch nicht festgestellt. — In Warschau ist ein Attentat gegen den russischen General Schweikowski, Mitglied des dortigen Kriegsgerichts, verübt worden. Der General blieb unverletzt, seine Gemahlin wurde von zwei Kugeln getroffen.
— Ein Geheimbund amerikanischer Arbeiter hat, wie der „New-Dork Tribune" aus New-Orleans gemeldet wird, in den Grenzstädten Mexikos Plakate an
gehen. Ich will nicht hart gegen Dich sein, denn ich weiß, daß Du Dich dann entweder mir energisch widersetzen oder mich hintergehen würdest, wahrscheinlich ersteres. Herr Lister hat Dir wahrscheinlich schon geschrieben, antworte Du ihm, so oft Du Lust hast, natürlich aber kann ich nicht offiziell eine Verlobung anerkennen, von der Dein Onkel nichts wiffen will und die ich selbst, da» gestehe ich Dir offen, ausnehmend töricht finde."
Es würde schwer sein, zu schildern, waS Wally bei den Worten ihrer Tante empfand; zum Teil war «S Erleichterung, zum Teil eine Scheu, über die sie sich selbst keine Rechenschaft abzulegen im stande gewesen wäre. War sie wirklich unglücklich darüber, daß die kluge Frau ihr gestattete, mit Manfred zu korrespondieren, gleichzeitig aber, diesem den Zutritt in ihrem Hause nicht gewährte? Oder empfand sie eS als eine Erleichterung, daß sie nur hier und da, wie zufällig, Gelegenheit haben solle, ihu zu sehen? Sie wußte eS selbst nicht recht.
Nach einer Weile stammelte sie verwirrt: „Liebe Tante Konradine, ich weiß ja, daß eSja jetzt, daß es einige Jahre hindurch ganz unmöglich sein wird, unS zu heiraten, selbst wenn der Onkel damit einverstanden wäre."
„Dann, mein Kind, sprechen wir also für» erste gar nicht weiter über die Angelegenheit, ich will Dir nicht wehe tun, aber ich sah mich bemüßigt, einmal rückhaltlos zu bemerken, daß ich nicht für diese Sache bin; es ist dadurch ein- für allemal jedem Mißverständnis vorgebeugt."
„Willst Du damit sagen, daß ich Manfred gar nicht sehen soll?"
Eine kurze Pause entstand, dann entgegnete Frau Root: „Es wäre mir allerdings lieber gewesen, jeden persönli- chen Verkehr für die Dauer einiger Jahre aufgegeben zu wissen; da aber Herr Lister ein Jugendfreund und Spielgenosse gewesen, so würde dies vielleicht hart erscheinen; ich werde ihn somit hier und da einladen, aber nicht oft; mehr kannst Du doch wohl nicht von mir erwarten."
„Nein, ich weiß Deine Güte, daß Du mirso weit nach- gibst, sehr zu schätzen." 128,18