SchlüchternerZeitun g
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
H ~ Mittwoch, den 18. Juli 1906. 57. Jahrgang.
Amtliches.
Bekanntmachung.
Von Seiten des Herrn Regierungs-Präsidenten, des Gesamt-Vorstandes der Landwirtschaftskammer und aller anwesenden Herren Vertreter der Kreise unseres Regierungsbezirks ist mir über die gastliche Aufnahme ist der Feststadt Schlüchtern, über die vorzüglichen vieh- züchterischen Leistungen, über die Wahl und Anordnung des Festplatzes, über die Organisation der Ausstellung, kurz über ihr Gesamtbild, dann aber auch über den so charakteristisch geschmackvoll und sinnig zusammengestellten Festzug und die einzelnen Festwagen, soviel lobende Anerkennung ausgedrückt worden, daß ich nicht säume namens des Kreisausschusses und des Vorstandes des landwirtschaftlichen Kreisvereins, dieses öffentlich bekannt zu geben und allen Denjenigen, welche sich in so hervorragender Weise um das gute Gelingen verdient gemacht haben von ganzem Herzen zu danken.
Bei der noch nicht beendeten Heuernte und dem schönen Wetter waren die Opfer doppelt groß, welche die Jugend von Schlüchtern und Steinau und besonders die aus den entfernteren Landgemeinden gebracht hat.
Mit um so größerer Befriedigung dürfen die Teilnehmer auf ihre Veranstaltungen und die allgemeine Anerkennung zurückblicken.
Schlüchtern, den 16. Juli 1906.
Der com. Königliche Landrat: Valentiner.
J.-Nr. 6146. Die Räude unter der Schafherde in Somborn, Kreis Gelnhausen, ist erloschen.
Schlüchtern, den 13. Juli 1906.
Der com. Königliche Landrat: Valentiner.
J.-Nr. 6147. Die Rotlaufseuche in Soden ist erloschen.
Schlüchtern, den 13. Juli 1906.
Der com. Königliche Landrat: Valentiner.
Mit Bezug auf meine Bekanntmachung vom 26. Juni v. Js. (Amtsblatt Nr. 26 vom 28. Juni 1905) weise ich hierdurch darauf hin, daß alle Anträge auf Gestaltung von Haussammlungen für das Jahr 1907 mit dem vorgeschriebenen Kolektenorganisationsplan spätestens bis zum 1. August d. Js. unmittelbar bei dem Herrn Ober-Präsidenten hier einzureichen sind. Bei Koleklen die sich außer auf den hiesigen Bezirk
In Ketten der Kieve.
Roman von Seta v. Starkenstein. 19
Langsam vergingen die Tage; alles, was sie bisher glücklich gemacht, hatte nun jeden Reiz für sie verloren; sie fühlte sich ruhelos und unzufrieden, sehnte sich nach Abwechslung und Veränderung, kurzum, es wäre ihr alles lieber gewesen denn diese gleichförmige, eintönige Existenz. Sie bewahrte mit äußerster Sorgfalt die Blumen, welche DeSmond ihr gegeben, ja, einige derselben trocknete sie sogar und trug sie an einem schmalen Seidenbande in einem kleinen Täschchen um den Hals; und all' das tat sie, ohne daß ihr dabei auch nur im entferntesten der Ge- danke in den Sinn gekommen wäre, sie begehe damit ein Unrecht gegen Manfred.
Eines Morgens brächte der Postbote einen Brief für Herrn Gerhard; dieser bekam nur sehr selten Briese und kannte die Handschrift nicht, trug ihn aber stillschweigend nach seinem Zimmer.
Eine halbe Stunde später ließ er seine Nichte holen; sie fand ihn an dem gewöhnlichen Platze sitzen, ein Reisehandbuch vor sich.
„Sei so gut, lies dieses Schreiben," sprach er, indem er ihr den erhaltenen Brief hinreichte, „und teile mir unumwunden Deine Wünsche mit."
Wally war überrascht und las nachstehende Zeilen: „Lieber Herr Gerhard! Sie mögen überrascht sein, von einer Person zu vernehmen, welche Sie nur ein einziges Mal in Ihrem Leben gesehen, aber ich kann nicht umhin, Ihnen einen bedeutsamen Borschlag zu machen. Ich hörte von einigen Freunden aus London, welche bei dem Balle in Donirington zugegen waren, daß unsere beiderseitige Nichte Wally Sensation hervorgerufen habe, daß sie die Königin beS Abends war und sogar in London der Erfolg ihr ge- tviß sein müsse; ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, wie sehr es mich gefreut hat, so Günstiges über die Meine zu höre»; es dünkt mir aber außerordentlich schade,
auch auf den Regierungs-Bezirk Wiesbaden erstrecken sollen, sind für jeden Bezirk getrennte Anträge einzureichen.
Anträge die nach dem 1. August d. Js. eingehen, können nur dann Berücksichtigung finden, wenn sie zur Beseitigung eines Notstandes dienen sollen und nicht vorher eingereicht werden konnten.
Cassel, den 11. Juli 1906.
Der Regierungspräsident.
Politischer Wochenbericht.
Unser Kaiser hat auf seiner Nordlandsfahrt auch der alten Krönungsstadt der Norwegerkönige Drontheim einen Besuch abgestattet und mit dem Könige Haakon VII. Gruß und Handschlag ausgetauscht. Kurz nach der Ankunft des Kaisers begab sich König Haakon auf das Kaiserschiff, und es fand ein sehr herzlicher Empfang statt; die Monarchen umarten und küßten sich wieder« holt, die Schiffe im Hafen donnerten ihren ehernen Gruß, und die Musik spielte die norwegische Nationalhymne. Später fuhr der Kaiser und der König, von der Bevölkerung stürmisch begrüßt, an Land, wo der uralte prächtige Dom, dessen Wiederherstellung der Kaiser selbst eifrig gefördert hat, besichtigt wurde und im Stiftshofe eine Galatafel stattfand, bei der herzliche Ansprachen zwischen beiden Herrschern gewechselt wurden. Müßig freilich dürfte es sein, der Bewegung, wie es von verschiedenen Seiten geschieht, eine große politische Tragweite beizumessen. Sie war ein Akt der Höflichkeit ; unser Kaiser wollte nicht unterlassen, den neuen Herrscher des Landes, in dem er als Gast weilte, zu begrüßen.
Der preußische Landtag hat in der vergangenen Woche, nachdem er acht Monate lang versammelt war, seine Pforten geschlossen. Das eigentliche Kernstück der Arbeit bildete das Schulunterhaltungsgesetz, das in beiden Häusern eine Mehrheit gefunden hat und, wie mit Bestimmtheit erwartet werden darf, der preußischen Volksschule zum Segen gereichen wird. Nächst dem Schulunterhaltungsgesetz bot natürlich der Etat die Hauptarbeit für das Parlament, der rechtzeitig erledigt werden konnte. Die Abänderung des Einkommen- und Ergänzungssteuergesetzes bedeutet eine nicht zu unterschätzende Reform, und daß der Landtag in Uebereinstimmung mit der Regierung bei den Gesetzen über die Teilung einzelner Landtagswahlbezirke und über die Aenderung einiger Vorschriften des Wahlverfahrens, unbekümmert um die revolutionären Putsche der Sozialdemokratie, an der verfassungsmäßigen Grund-1 läge des Dreiklassenwahlsystems festhielt, wird ihm sicherlich die Geschichte zum Ruhme anrechnen. Noch
daß eine so liebliche Blume unbeachtet in Abgeschieden- heit dahin welken solle.
Ich bin kinderlos, senden Sie mir das Mädchen, gönnen Sie mir das Vergnügen, es in die Welt einführen zu dür- fen; ich würde sie in jeder Hinsicht gerade so behandeln, als ob sie meine eigene Tochter wäre, und bei ihrer Schönheit wird eS ihr zweifelsohne bald gelingen, eine glän- zende Partie zu machen. Ich werde anfangs November in der Stadt sein, überlegen Sie sich bis dahin meinen Vorschlag gut und schreiben Sie mir, sobald Sie einen Entschluß gefaßt, vergessen Sie dabei nicht, daß der Vor- schlag, den ich Ihnen mache, für Wally sehr günstig ist; sagen Sie dem Mädchen meine herzlichsten Grüße und feien Sie meiner Freundschaft versichert. Konradine Root."
Wally las diesen Brief mit pochendem Herzen und jähem Farbenwechsel.
Nach London gehen, in die große Welt, da» Leben se- hen, inmitten dieses Treibens stehen können, das war allerdings eine große Versuchung. Unwillkürlich faltete das Mädchen die Hände und tat einen tiefen Atemzug.
„Nun ?“ fragte Herr Gerhard, indem er emporblickte.
„Ach, Onkel, laß mich gehen; ich bin dieses eintönigen Daseins so müde, ich kann nichts dafür, daß ich mich nach anderem sehne."
„Es ist nur natürlich, daß Du in Deinem Alter Dich nach Abwechslung sehnst," sprach nach einer Pause der Oheim, „und Deine Tante ist begreiflicherweise viel eher in der Lage, etwas für Dich zu tun, als ich; sie ist eine reiche Frau und bewegt sich in den vornehmsten Kreisen; ich finde selbst, daß eS für Dich ein Glück wäre, zu ihr zu kommen, und da Du es zu wünschen scheinst, werde ich an Frau Root schreiben und ihren Antrag annehmen."
Die Angelegenheit war somit in wenigen Minuten er- ledigt und ant gleichen Abend noch ging der Brief ab, welcher Wally ein glänzendes Leben, aber auch ein Dasein voll Gefahren sichern sollte.
Julius Gerhard teilte seiner Nichte in großen Um
eine große Anzahl anderer Gesetze, wie der Entwurf über die Befähigung zum höheren Verwaltungsdienst, die Hercyniavorlage, den Entwurf betreffend die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse staatlicher Arbeiter, das Gesetz betreffend die Zulassung einer Verschuldungs- grenze für land- und forstwirtschaftlich genutzte Grundstücke u. v. a. hat der Landtag erledigt, so daß den Abgeordneten nach der reichen Arbeitszeit nunmehr die Ferienruhe aufrichtig zu gönnen ist.
England hat den 70. Geburtstag Josef Chamber« lains gefeiert. Freilich sah dieser Tag den einstigen Kolonialsekretär nicht mehr auf der Höhe seiner Macht. Der in England so pupuläre Mann ist stiller geworden, seit die Wahlen zum Unterhause seine Hoffnungen jäh durchkreuzten und der von ihm geschaffenen Tarifreformbewegung eine unzweideutige Niederlage brachten. Man hat ihn einst vergöttert, und die Orchidee, mit der er stets das Knopfloch seines grauen Gehrocks schmückte, ist in Endland fast ebenso populär gewesen wie das Monokle, durch das sein kluges Auge blickte. Ist ihm und seiner Tatkraft doch vor allem die Besitznahme von den beiden südafrikanischen Republiken zu danken, ist doch auch seinem Kopfe die Idee entsprungen, das britische Mutterreich und seine Kolonien mit einem eisernen Reifen zu umschlingen und dem Imperialismus eine Ausdehnung und einen Inhalt zu geben, wie sie nur die kühnste Phantasie ersinnen kann. In den Dienst dieses Gedankens, dessen Grundlage ein einheitliches Wirtschaftsgebiet und ein gemeinsames Heerwesen bilden muß, hat Chamberlain auch seine Tarifpolitik gestellt, und ist er auch gerade an dieser gescheitert, so bleibt er doch immerhin einer der bedeutendsten Männer des britischen Jnselreiches.
Um dem Umsichgreifen der Gärung in der russischen Armee entgegenjutreten, hat die höchste Militärobrigkeit in Rußland alle Hände voll zu tun. Die Versetzung von Offizieren der Armee in die Garde scheint gegenwärtig zum Grundsatz erhoben zu sein. Der jüngsten Ernennung von Generalmajoren aus der Armee für verschiedene Posten im Preobraschenzen Regiment ist die Ernennung des Kommandeurs des Regiments Wilna, Generalmajors Gerzik, zum Kommandeur des Pawlow- schen Garde-Regiments gefolgt, deffen bisheriger Kommandeur einen andern Posten erhielt. Gerzik hatte sich seinerzeit bei der Unterdrückung der Unruhen infolge der Potemkin-Angelegenheit ausgezeichnet. Beide Musikkorps des Preobraschenzen-Regiments, von denen die Gärung ihren Anfang nahm, sind zusammen mit dessen erstem Bataillon aufgelöst und in die Armee versetzt worden, der Kapellmeister wurde entlassen. Nach neueren Meldungen scheint die Gärung im Heere sich weiter
rissen mit, waS er Frau Root geschrieben, auch daß er ihr von der kindischen Verlobung zwischen dem jungen Mäd- chen und Manfred Lister Mitteilung gemacht, hinzusü- gend, daß er, der Oheim, von dieser Torheit nicht» wissen wolle und überzeugt sei, daß Frau Root mit ihm über- einstimme.
Manfred kam an dem Abende, an welchem Herr Ger- Hard den entscheidenden Brief abgesandt, noch um einen Besuch zu machen und brächte gleichzeitig die Mitteilung, daß er im Auswärtigen Amte eine Anstellung er halten. "
"?t ^ freue mich dessen so sehr!" rief da» junge Mäd- qen Leohast.
„Das Gehalt ist allerdings nur klein," bemerkte Man- fred; „aber eS steigert sich rasch, nur einen wunden Punkt hat Die ganze Angelegenheit, ich muß natürlich nach London und wir werden getrennt sein."
„DaS weiß ich denn doch nicht, Manfred," rief da» Mädchen mit leuchtenden Blicken, „auch ich habe Dir Sro- S? ^^ieilen. Denke nur, ich komme vielleicht auch zur
„Wally, was willst Du damit sagen?"
„Ich soll im November zur Tante Root kommen sie will mich in die Welt einführen .. Du scheinst darüber nicht entzückt, Manfred," sprach sie, denn su gewahrte, daß seme Stirne sich plötzlich bewölkt hatte. “
"Wie sollte ich? Bitte, wann ist denn diese Sache ab- gemacht worden!" stieß der junge Mann rauh hervor.
„Der Brief der Tante kam heute früh an und der Onkel antwortete sofort."
„Was veranlaßt sie dazu? All diese langen Jahre hin- durch hat sie sich ja doch nicht um Dich gekümmert; wozu nun diese plötzliche und überflüssige Einladung?"
„Sie hörte von bem Balle inDonnington, glaubt daraus schließen zu können, daß ich in London Erfolge er ringen werde und lud mich ein." 188,18