ZchlüchternerMun g
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
3£ 55. Mittwoch, den 11. Juli 1906. 57. Jahrgang.
Fortwährend
werden Bestellungen auf die
Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
finden in der Schlüchterner Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlächtern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Amtliches.
— In Soden ist in einem Gehöft die Rotlaufseuche (Backsteinblattern) festgestellt worden.
Schlüchtern, den 2. Juli 1906.
Der com. Königliche Landrat: Valentiner.
J.-Nr. 1969 K.-A. Dem bei dem Gerichtssekretär Kohlhepp in Steinau im Dienst stehenden Dienstmädchen Margarete Zeber ist für langjährige treue Dienstzeit eine 2. Prämie von 15 Mark aus Kreismitteln bewilligt worden.
Schlüchtern, den 5. Juli 1906.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses:
Valentiner.
Deutsches Reich.
— Ein Danktelegramm des Kaisers für die Glückwünsche zur Geburt seines Enkels ist, wie nach London, so auch nach Paris gelangt. Der deutsche Botschafter hat den Dank des Kaisers der französischen Regierung übermittelt, den diese, einem Telegramm aus Paris zufolge, im Amtslatt veröffentlicht.
— Die Verlobung des Großherzogs Wilhelm Ernst mit der Prinzesfin Hermine von Reuß ältere Linie soll nach in Weimar umlaufenden Gerüchten schon in den nächsten Tagen offiziell bekannt gegeben werden.
— Blättermeldungen zufolge findet 1907 in Elsaß- Lothringen Kaisermanöver statt, an dem das 15. und 16. Armeekorps sowie die in Lothringen garnisonieren- den bayerischen Truppen teilnehmen.
— Im Deutschen Reiche waren im Jahre 1905 17932 Brauereien im Betrieb. Die Bierproduktion steigerte sich gegen das Braujahr vorher um 1,277 Hektoliter, und zwar von 68 642 740 Hektoliter im Jahre 1904 auf 69 920 533 Hektoliter im Jahre 1905.
A» Kelten der Kieve.
Roman von Seta v. Starkenstein. 17
Richard DeSmond stand vor dem jungen Manne, der so schön auSsah, daß jede Eifersuchlsregnug, im Grunde genommen, verzeihlich erscheinen mußte.
„Erlauben Sie, daß ich Sie mit einigen Kameraden bekannt mache; überdies brauchen Sie eine Tänzerin, ich vermute, Sie kennen nicht viele der anwesenden Leute. Force," sprach er, indem er sich an einen jungen Mann wendete, welcher in seiner Nähe stand, „erlaube, daß ich Dir Herrn Lister vorstelle; Carew, wollen Sie so freund- lich sein, Herrn Lister Ihrer Schwester vorzustellen? Ich sehe dieselbe dort drüben, muß aber hiuwegeilen, um meine Tänzerin zu holen."
„Die ist gleich gefunden, glücklicher Junge; Du brauchst Deine Schritte nur zu der Stelle richten, an welcher die meisten Herren sich zusammendrängen; haben Sie die Schönheit de» Abends schon gesehen? Ein Fränlein Ger- hard," wandte sich Major Carew an Richard Lister.
„Ich kenne sie fast, seit sie auf der Welt ist."
„Wirklich," bemerkte der Major und fügte innerlich hinzu: „kein Wunder dann, wenn er verstimmt aussieht; er fürchtet, die Kleine zu verlieren."
Kapitän DeSmond war mittlerweile an Wally herangetreten und seinen scharfen Blicken entging nicht, daß in ihren Zügen eine Veränderung vorgegangen war. Unwillkürlich brächte er diese mit Manfred in Zusammenhang; es konnte doch nicht von irgend einem ernsteren Verhält- Nisse zwischen jenen beiden die Rede sein? Er, noch ein grüner Junge, sie ein vollständiges Kind.
Jetzt tanzten sie miteimmbet und das junge Mädchen hatte da» Gefühl, als fliege eS nur durch den Saal.
Der nächste Tanz gehörte Manfred; er trat auf sie zu, als sie an Richard DeSmondS Seite in einer Gruppe von Offizieren stand und, innerlich zagend, folgte sie ihm.
„Wer ist der junge Mensch ?" fragten mehrere der Herren, indem sie sich an DeSmond wandten. .
Hieran ist Bayern mit einer Erzeugung von 17 778 891 Hektoliter beteiligt.
— Bei den letzten Reichstagswahlen in Dänemark, die unlängst beendet wurden, spielte auch die Alkohol- frage eine bedeutsame Rolle. Sämtliche Enthaltsamkeitsvereinigungen Dänemarks hatten sich geeinigt, allen Kandidaten folgende Fragen vorzulegen: „Will der Kandidat, wenn er Mitglied des Reichstages wird, dafür eintreten, daß durch das Gesetz allen über 25 Jahren alten unbescholtenen männlichen und weiblichen Personen das Recht erteilt wird, durch Abstimmung darüber zu entscheiden, ob und in welchem Umfange Verkauf und Ausschank berauschender Getränke innerhalb der Gemeindegrenzen stattfinden darf?" Von den 114 gewählten Kandidaten haben sich 45 dazu verpflichtet, für ein solches Gesetz einzutreten; etwa die gleiche Zahl haben unbestimmte Erklärungen abgegeben und nur 10 betrachteten die bestehenden Trinksitten als heilig und unantastbar. Auch in Deutschland wird die Zeit herankommen, in der die Reichstagskandidaten zu einer der brennendsten sozialen Fragen der Gegenwart, der Alkoholfrage, Stellung nehmen müssen.
— Eine erschreckende Statistik überschreibt mit Recht die „Pommersche Reichspost Nr. 135" in Stettin die folgenden Ausführungen: Von befreundeter Seite wird uns ein Auszug aus der Statistik des Zentralgefäng- nisses in Gollnow in Pommern zur Verfügung gestellt, aus welcher ersichtlich ist, einen wie großen Anteil der Alkoholgenuß an den Ursachen der Verbrechen hat, die in dem erwähnten Gefängnis abgebüßt werden. 1904 bis 1905. Von den 439 Gefangenen verübten ihre Tat in der Trunkenheit, bezw. in den Folgen der Trunksucht 287 Personen d. h. 65,4 Proz. n) Von den 128 Körperverletzungen wurden HO—86 Proz. b) Von den 29 Sittlichkeitsverbrechen wurden 16=55,2 Proz. c) Von den 168 Diebstählen wurden 92=54,8 Proz. nachweisbar in der Trunkenheit verübt, 1905—1906 Von den 374 Gefangenen verübten ihre Tat in der Trunkenheit bezw. in den Folgen der Trunksucht 261 Personen d. h 69,8 Proz. a) Von den 98 Körperverletzungen wurden 87=88,8 Proz. b) Von den 145 Diebstählen wurden 80=55,2 Proz. c) Von den 25 Sittlichkeitsverbrechen wurden 12=48 Proz. nachweislich in der Trunkenheit verübt. Diese Zahlungen reden eine deutliche Sprache".
— In der Württembergischen Kammer der Abgeordneten wurde an die Regierung die Frage gerichtet, ob sie im Hinblick auf die vom Reichstage beschlossene ? Resolution, am 1. Juli 1906 eine Erhöhung der Tarife der Postkarten, Drucksachen, Warenproben und Geschäfts-1
„Herr Lister, ein Jugendfreund von ihr," entgegnete dieser ruhig.
„Nichts meiter, pah, lächerlich/
Desmond zuckte dieAchseln. „Ich kann Euch jedenfalls nichts weiter sagen; fragt ihn selbst, wenn Ihr mehr wissen wollt."
„Schelte mich nicht, Manfred," sprach Wally, indem sie an dem Arme des jungen Mannes durch den Saal schritt; „ich sehe ein, daß ich im Unrecht war. Zu Hause aber, wenn wir allein sind, will ich Dir erzählen, wie alle» so gekommen."
„Du warst unfreundlich gegen mich, Wally; aber vor allem sage mir eines, wer hat Dir die Blumen geschickt, welche Du trägst?"
„Kapitän Desmond."
„Dacht' ich es doch, und Du hast dieselben meinen vor- gezogen, die..."
„Nicht jetzt, Manfred, o, sprich nicht jetzt; ah, der Tanz beginnt."
Sie traten in die Reihen, aber Wally fand diesmal merkwürdig wenig Vergnügen an dem Tanze und schützte bald Müdigkeit vor.
Manfred führte sie in das anstoßende Zimmer, welche» jetzt verlassen war, und dort setzten sie sich nieder.
Nachdem Wally rasch einen Blick um sich geworfen, bat sie in flehendem Tone: „Ich bitte Dich, mir zu verzeihen, Manfred, weiß ich doch, daß ich im Unrecht gewesen bin, aber ich fürchtete mich davor, ihm wehe zu tun, und dachte, daß Du als alter Freund Dir weniger daraus machen werdest."
„Ja," erwiderte Manfred voll Bitterkeit, „Du dachtest an den Schnierz, welchen Du ihm, dem Fremden, bereitest und vergaßest da» Weh, welches ich, Dein Verlobter, empfinden muß."
Wally erblaßte und ward im nächsten Moment wieder glühend rot; die Anschuldigung war eine gerechtfer- tigte, aber sie fühlte sich unfähig, auch nur ein Wort auf
Papiere im Orts- und Nachbarortsverkehre einzuführen» an den seitherigen Tarifen festzuhalten gedenke. Minister v. Weizsäcker erwidert darauf im Namen der Königlichen Staatsregierung: Die Regierung ist der Ansicht, es könne angesichts der Aenderung der Tarife der Reichspost nicht an den bisherigen Württembergischen Taxen festgehalten werden.
— Die Taufe des neugeborenen Hohenzollernprinzen soll, wie von dem Kaiser schon vor Antritt seiner Nordlandsreise bestimmt worden ist, am 12. August stattfinden. Die Taufpredigt wird Oberhofprediger D. Dryander halten. Als Rufnamen hat der Kaiser für seinen Enkel den Namen Wilhelm bestimmt.
Ausland.
— Von neuen Kämpfen in Deutsch-Ostafrika meldet ein Telegramm des Gouverneurs aus Daressalam. Danach hat die im Süden des Schutzgebietes operierende Kompagnie Schönberg am Kiturika und Luvegu Widerstand gefunden und am Dapats den Gegner überfallen. Nähere Meldungen fehlen noch. — In Jraku haben sich die Detachements aus Kilimafinde, Mpapua und Moschu vereinigt. Der Aufstand ist zurzeit auf Jraku beschränkt, die Aufständischen stehen an der Karawanen- straße bei Dagave. Das Detachement Hirsch aus Tabora sollte am 28. Juni in Jraku eintreffen.
— Im englischen Unterhaus fanden lebhafte Debatten über Englands auswärtige Politik statt. Nach den vom Staatssekretär Grey gegebenen Aufklärungen ist unter anderm die Lage in Aegypten bedenklich.
— Aus Madrid wird wieder eine spanische Minister» krisis gemeldet. Das spanische Ministerium hat seine Entlassung eingereicht; der König hat den General Lopez Dominguez mit Kabinettsbildung beauftragt. Das neue Kabinett ist bereits gebildet und setzt sich wie folgt zusammen: Vorsitz und Krieg: Lopez Dominguez ; Aeußeres: Pio Gullon^ Inneres: Bernabe Davilla; Finanzen: Navarro Reverter; öffentliche Arbeiten: Garcia Prieto ; Marine: Alvadrado; Unterricht : Jmeno ; Justiz: Romanones. Die neuen Minister haben dem König bereits den Treueid geleistet.
—Die Petersburger Telegraphen-Agentur meldet aus Uman im Gouvernement Kiew, daß es auf einem benachbarten Gute zu einem Zusammenstoß ausständiger russischer Bauern mit der Polizei und Kosaken kam. Als die zur Auslieferung der Rädelsführer gestellte Frist abgelaufen war, schritten die Kosaken zur Durchsuchung des Dorfes. Das ganze Dorf geriet in Erregung, die Sturmglocke wurde geläutet. Mit Zustimmung des Geistlichen erbrachen die Kosaken die
dieselbe zu erwidern oder Manfred zurückzuhalten, da er aufstand, um sich zu entfernen.
Zum erstenmal am heutigen Abend blieb Wally allein, aber sie beachtete eS kaum und wußte nicht, wa» um sie her vorging; da schlug plötzlich eine wohlbekannt« melo- bische Stimme an ihr Ohr.
„Fräulein Gerhard, allein und verlassen, wie kommt das?"
Das Mädchen zuckte zusammen und blickte in Richard DeSmondS schöne» Antlitz.
„E» ist nur für wenige Augenblicke," stammelt« sie, ohne so recht eigentlich zu wissen, was sie sprach; „ich mach« mir nicht» daraus, Herr Lister hat mich eben verlassen.
„Ich sah ihn, als er sich entfernte," entgegnete der junge Mann und fragte sich innerlich, wa» Lister Denn nur gesagt haben könne, um die arme Kleine dergestalt au» der Fassung zu bringen, wie e» offenbar der Fall war. „Er ist ein ungetreuer Ritter," sprach er lachend und be- merkte zu seiner Ueberraschung, daß Wally bei feinen Worten lebhaft errötete.
„O, ungetreu dürfen Sie ihn nicht nennen," stammelte sie in steigender Verwirrung.
„Nicht ungetreu, wenn er zuerst irgend etwa» sagt, wodurch er Sie betrübt und dann von Ihnen geht? Doch verzeihen Sie, er ist Ihr Freund und somit..."
„Somit darf ich e» nicht zugeben, daß Sre ungerecht gegen ihn sind; mich trifft der Tadel, nicht ihn, er hatte volle» Recht, verstimmt zu sein."
„Sie sind großmütig gegen einen Freund," erwiderte DeSmond, indem er sich zu ihr niederbeugte und da» letzte Wort scharf betonte.
Im Grunde genommen hatte er ja gar kein Recht, die Frage zu stellen, welche im Klänge seiner Stimme lag, aber er fühlte, daß er die Wahrheit missen müsse, und er war ein Mann des raschen Entschlusses, dem jede» Zögern un- erträglich dünkte. 128,18