Einzelbild herunterladen
 

SchliichternerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Samstag, den 7. Juli 1906.

57. Jahrgang.

Amtliches.

J.-Nr. 1824 K.-A. Die Ortspolizeibehörden des Kreises ersuche ich, die Garten- und Baumbesitzer in ortsüblicher Weise aufzuforvern, die in diesem Jahre in außergewöhnlicher Menge auftretenden Raupen, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln schleunigst zu ver­tilgen.

Es handelt sich um die Apselbaumgespinnstmotte nnd den Frostnachtschmetterling. Die buntgefärbten ' Raupen der Apselbaumgespinnstmotte, welche gesellig in - den Astwinkeln leben, sind frühmorgens aufzusuchen und zu zerdrücken. Bei den die Blätter zusammen­spinnenden Räupchen der Apselbaumspinnmotte hilft nur ein Aufsammeln und Vernichten der kleinen Gespinnste.

Um ein größeres Auftreten der Obstmade zu ver­hüten, sollte von allen Baumbesitzern Anfangs Juli um jeden Baumstamm (1,20 m vom Erdboden) ein Fang­gürtel, bestehend aus Holzwolle oder Heu, darüber etwas Packpapier gebunden, angelegt werden. Im Herbst werden die unter dem Gürtel befindlichen Maden vernichtet.

Sollten sich an den Obstbäumen Blutläuse vor­finden, so ersuche ich, ihre Bekämpfung nach Maßgabe der im Amtsblatt Nr. 34 enthaltenen Belehrung vom 1./8. 1883 (:S. 149/150:) zu veranlassen. (Siehe auch Polizei-Verordnung vom 22./4. 1892 § 17. Amtsblatt pro 1892 S. 109.)

Schlüchtern, den 25. Juni 1906.

Der com. Königliche Landrat: Valentiner.

Deutsches Reich.

Der Kaiser hat am Dienstag vormittag von Kiel aus an Bord des DampfersHamburg" die Nordlandsreise angetreten. Das Kaiserschiff machte ».n 11 Uhr 20 Min. von der Boje lys und ging, gefolgt vom KreuzerLeipzig" und dein DepeschenbootSleip- ner", in See. Die Mannschaften der noch im Hafen liegenden Kriegsschiffe, darunter der spanische Kreuzer Estremadura", waren in Parade angetreten und brachten je drei Hurras aus. Hierauf wurde der Kaisersalut gefeuert.

Am Mittwoch wurde die Kronprinzessin um 9 Uhr 15 Min. von einem Prinzen entbunden.

Der Reichsanzeiger veröffentlicht eine Bekannt­machung des Ministers des Königlichen Hauses, welche besagt: Die Kronprinzessin wurde vormittags 9,15 Uhr im Marmorpalais zu Potsdam zur Freunde des Kaisers, der Kaiserin und des ganzen Königlichen Hauses von einem Prinzen glücklich entbunden. Dieses erfreuliche

Ereignis wurde der Berliner Einwohnerschaft durch die üblichen Kanonenschüsse bekannt gegeben. Die hohe Wöchnerin, sowie der neugeborene Prinz befinden sich beim besten Wohlsein.

Der Kaiser, der am Dienstag seine Nordland­reise angetreten hat, ist durch Funkentelegraphie von der Geburt seines ersten Enkels benachrichtigt worden.

Herrenhaus. Der Präsident teilt die Geburt eines Prinzen in Potsdam mit, was eine Garantie für 3 Generationen der Hohenzollern sei, und bringt ein Hoch auf den Kaiser, den Kronprinzen und den neu­geborenen Prinzen aus.

Im preußischen Herrenhause hat am Montag die Spezialberatung des Volksschulunterhaltungs-Gesetz- entwurses begonnen Der Kultusminister Dr. Studt ging nochmals auf die Bedenken hinsichtlich der Ver- faffungsmäßigkeit des gesetzgeberischen Vorgehens ein, die er für beseitigt hält. Professor Reinke erklärte es für ein äuerft gefährliches Experiment, das Simultan- prinzip gegenwärtig allgemein für die Volksschule zu proklamieren. Graf Mirbach will dem Gesetze aus höheren Gesichtspunkten seine Zustimmung nicht ver­sagen. Bei der Abstimmung wurde Paragraph 1 dann mit großer Mehrheit angenommen, Paragraph 2 zurück­gestellt, die Paragraphen 3 bis 8 angenommen. Zu Paragraph 9, Verteilung der Schullasten bei den Gutsbezirken, beantragte Graf Mirbach Vertagung. Der Antrag wurde angenommen.

Das preußische Abgeordnetenhaus hat seine Arbeiten wieder ausgenommen. Das Haus ehrt das Andenken der seit der letzten Sitzung verstorbenen Mit­glieder Abgg. (3-) und Dr. Kropatscheck in der üblichen Weise. Es folgt die Beratung des vom Herren­hause in abgeänderter Fassung zurückgekommenen -Gesetzentwurfs zur Abänderung des Kommunalabgab->n- gesetzes vom 14. Juli 1893. Nach der Fassung des Herrenhauses soll eine Inanspruchnahme der Betriebs­gemeinde durch die Wohnsitzgemeinde nur dann statt- haben, wenn eineUeberbürdung" der letzteren durch die in der Betriebsgemeinde tätigen Einwohner ver­ursacht ist, während das Abgeordnetenhaus eineun­billige Mehrbelastung" schon für die Inanspruchnahme ausreichend sein lassen wollte. Ein Antrag Lusensky (ntl) und Genossen wünscht die Fassung des Abgeordneten« Hauses wiederherzustellen. Nach kurzer Debatte wird dieser Antrag mit großer Mehrheit angenommen, darauf ohne Debatte der Rest des Gesetzes und das Gesetz im . ganzen.

Der Präsident des Reichsversicherungsamtes, ! Wirkl. Geheimer Oberregierungsrat Otto Gabel, ist

kürzlich in seiner Wohnung in der Königin Augustastr. in Berlin nach kurzem Krankenlager im 69. Lebensjahre gestorben. Er wurde 1837 in Meseritz (Provinz Posen) geboren, war zuerst Staatsanwalt und ging dann, 1874, in die Verwaltung über. Von seinem Posten als Oberregierungsrat in Posen wurde Gäbe! 1887 in das neu errichtete Reichsversicherungsamt berufen. Er leitete die Organisation der Jnvaliditäts- und Alters­versicherung im Reiche und folgte im Jahre 1897 Bödiker im Präsidium des Reichsversicherungsamtes. Der Verstorbene war übrigens auch Vorsitzender des Zentralausschusses der Inneren Mission der deutschen evangelischen Kirche.

Der deutsche Schulschiffsverein hielt unter dem Vorsitz des Großherzogs von Oldenburg seine Haupt­versammlung ab. Vertreten waren zahlreiche Mitglieder der Reichsmarine und des Reichspostamts, des Senats von Lübeck und der Handelskammer von Lübeck und Hamburg, des Magistrats von Elsfleth, des Norddeutschen Lloyds und der HamburgAmerika-Linie, sowie anderer zahlreicher Rhedereien. Den Jahresbericht erstatte der Geschäftsführer. Der Vorsitzende, Professor Schilling, stellte fest, daß die Besatzungsstärke des Schulschiffs noch nie so stark wie im Berichtsjahre gewesen ist. Unter den neu eingetretenen Mitgliedern befindet sich Prinz Eitel Friedrich und die Firma Krupp. Der Verein erhielt im Betriebsjahre eine Schenkung von 100 000 Mark.________________________________

Ausland.

Der Kaiser und König Franz Josef hat an den Statthalter von Mähren ein Handschreiben gerichtet, in welchem er seinen listigsten Dank ausspricht für die wahrhaft rührenden Beweise von Anhänglichkeit und Loyalität und dem Wunsche Ausdruck gibt, daß das in Mähren geschaffene nationale Friedenswerk zum Vorbilde werden möge für eine friedliche, einverständliche Lösung auch anderer nationaler Gegensätze. Das emsige Schaffen, das reiche Können der beiden Volkstämme Mährens hätten dem Kaiser dargetan, daß deren kul­turelle Entwicklung eine Höhe erreichte, die einen erfreulichen Ausblick in die Zukunft gewährt.

In Rußland hat der Minister des Innern in der Reichsduma einen Antrag auf Gewährung eines auf 1906 und 1907 zu verteilenden Kredits von 100 Millionen Rubel eingebrachl, die als Unterhaltungs­mittel und zur Beschaffung von Saatfrucht für 127 von der Mißernte betroffene Kreise, die sich auf 27 Gouvernements verteilen, Verwendung finden sollen.

Da Spanien in die Verlängerung des jetzigen Handelsüberkommens nicht einwilligte, hat der schweize-

In Kette« der Kieve.

Roman von Seta v Starkenstein. 16

Ja, sie würde Kapitän DeSmondS Blumen nehmen und Manfred alles erklären, dann konnte derselbe ihr doch nicht böse sein; ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie sagte sich, daß sie vielleicht gegen Manfred undankbar handle, aber ach, sie konnte nicht ander».

Vielleicht beging Wally ein Unrecht, aber sie war zu jung, um sich darüber volle Rechenschaft ablegen zu kön­

nen.

Frau Jermingham lächelte, als sie gewahrte, daß der kleine innere Seelenkampf doch zu Gunsten deS Offiziers entschieden worden sei; ihr wäre eS seltsam vorgekommen, wenn der schöne Richard Desmond nicht schließlich den Sieg davongetragen, aber sie machte keine Bemerkung, sondern führte nur ihre junge Gefährtin nach dem Salon, wo General Jermingham bereits in voller Uniform der Damen harrte.

Bei Gott," rief er, als er des Mädchens ansichtig ward,SiewerdendieKönigindes Festesund all'dicjun- gen Leute werden Ihnen zu Füßen sinken."

Sprich nicht so frivol!" rief seine Frau ein wenig är­gerlich.

Pah, als ob das Kind heute nicht selbst diese Entdek- kung machen würde."

Der Wagen fuhr in diesem Augenblicke vor und man stieg ein.

Auf Wallys Stirne aber lagerte eine leichte Wolke; hatte sie hinsichtlich des Buketts ein Unrecht begangen? Das war die Frage, welche das Mädchen peinigt- und quälte ; jedenfalls mußte sie sich gestehe», daß eS jetzt zu spät sei, um Geschehene» zu ändern, auch würde sie kaum gewünscht habe», eS zu können. Eine innere Stimme flü- sterte ihr aber doch zu, daß, als Manfreds Verlobte, sie aus ihrem ersten Ball eigentlich seine Blumen hätte tra­gen müssen; waS dann, wenn er ihr dies sagen würde? Jedenfalls fürchtete sie sich ein wenig vor ihrer Begeg­

nung mit ihm und hoffte im stillen, daß er nicht zu den allerersten Ankömmlingen gehören werde.

Frau Jermingham, welche als Hausfrau figurierte, kam natürlich sehr früh.

Der Ballsaal, in welchem die Feste in Donnington ge­geben wurden, bot einen glänzenden Anblick. Er war präch- tig dekoriert, hell erleuchtet und die glänzenden Unifor­men, sowie die schönen Toiletten der Damen kamen ent­sprechend zur Geltung.

Das Herz des Mädchens pochte laut vor Entzücken und im Augenblicke der Freude vergaß sie auch jede flüch­tige Verstimmung oder Aengstlichkeit.

Die Teilnehmer folgten einander nun rasch.

Wally blickte mit gespannter Erwartung nach der Tür; harrte sie mit solcher Ungeduld de» Verlobten? Ach nein, nicht sein Kommen war eS, da» sie gespannt erwartete; sie hatte sein knabenhaftes Antlitz nahezu völlig vergeffen. Sie spähte aus nach dpn sounengebräunten, ernsten Zügen ihres Lebensretters, wie sie DeSmond gerne nannte.

Da endlich kam er und da» Mädchen sagte sich, daß selbst unter der Menge von eleganten Gestalten, welche jetzt den Saal füllten, der seinen noch immer der Vorzug gebühre; welch' edle Züge er doch hatte, wie vornehm er aussah. Keiner ließ sich mit ihm vergleichen, so dachte wenigstens Wally, während sie seinem lächelnden Blicke be­gegnete.

Er kam geradenwegS anf sie zu, faßte ihre kleine Hand und schritt Arm in Arm mit ihr durch die Reihe der Zim­mer und manch' bewundernder Blick folgte den beiden.

Als Manfred Lister den Ballsaal betrat, waren die ersten Tänze schon vorüber und er blieb einen Moment zögernd an der Tür stehen, war eS ihm doch, als müßten sich unter dem bunten Gemenge der Offiziere aller Augen auf seinen schlichten Zivilanzug richten.

Wo aber war Wally? Seine Blicke suchten sie mit einer gewissen Aengstlichkeit.. und währenddem hörte er ihren Rainen hinter sich nennen.

»Fräulein Gerhard ist daS schönste Mädchen im Saale,"

sagte ein Offizier zu dem anderen.Ah, da kommt die kleine Elfe mit dem Grafen von Warwick, dem hat sie H förm­lich angetan."

Ja, da kam sie wirklich, Manfred Lister aber hatte genug gehört, ja viel mehr al» ihm lieb war. Mit gerü- teten Wangen und hochpochendem Herzen eilte er auf Wally zu und plötzlich, alS er knapp vor ihr stand, fiel sein Blick auf den Strauß, welchen das Mädchen trug; mühsam rang er nach Atem; e» waren nicht seine Blumen, die Pein den Händen hielt; Westen Gabe mochte eS denn sonst sein?

Er war ganz nahe an sie herangetreten, aber noch immer sah sie ihn nicht.

Jetzt legte sich seine Hand auf ihren Arm.

Manfred! Bist Du jetzt erst gekommen?" forschte fie, eigentlich nur, um etwa» gesagt zu haben.

3a; bist Du für die nächsten Tänze schon engagiert,

Für den nächsten ja, aber den zweitnächsten habe ich für Dich aufgehoben."

Ich danke Dir," er machte eine tiefe Verbeugung und trat zurück.

, »Ihr Jugendfreund scheint einigermaßen übler Laune," bemerkte Graf von Warwick mit cynischem Lächeln.

Wally war zu großmütig, als daß sie einen Tadel hätte auf Manfred fallen lasten mögen; obzwar sie meinte, er hätte seine Mißstimmung nicht so offenkundig an den Tag legen brauchen.Es ist meine Schuld, wenn er verstimmt ist," erwiderte sie entschuldigend, während sich der Graf von Warwick auf die Lippen biß, und sich eingestehen mußte, daß seine Bemerkung nicht gerade taktvoll gewesen. Da- bei beschäftigte ihn aber doch immer der Gedanke, warum die beiden sichDu" sagten und sich bei ihren Vornamen nannten.

Inzwischen wurde Manfred von einer Stimme will» kommen geheißen, deren Klang ihn geradezu entzückte.

Herr Lister! Wie eS scheint, eben erst ausgetaucht; ich suchte schon früher nach Ihnen und freue mich, Sie be­grüßen zu können." 128,1t