Einzelbild herunterladen
 

SchlüchternerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Mittwoch, den 6. Juni 1906.

57. Jahrgang.

Amtliches.

Landwirtschaftlicher Kreisverein Schlüchtern.

Für das Gelingen des während der Bezirkstierschau am14.Julihierselbst geplanten Festzuges ist es dringend wünschenswert,Idaß sich nicht nur die Kreisstadt, sondern alle Städte und Landgemeinden des Kreises sei es mit Festwagen, Gruppen, Vorreitern, Musikkapellen, oder in anderer Weise beteiligen. Namentlich bietet sich hier eine besonders schöne Gelegenheit, die alten heimischen farbigen Trachten, um die das Hessenland allgemein beneidet wird, wieder einmal zu Ehren zu bringen. Aber auch andere Trachten und Kostüme sollen uns willkommen sein.

Anmeldungen erbitte ich baldigst durch Vermittlung der Herren Bürgermeistern.

Schlüchtern, den 2. Juni 1906.

Der Vorsitzende der Ausführungskommission Valentiner.

Deutsches Reich.

Das preußische Herrenhaus nahm am Dienstag vergangener Woche zunächst ohne Debatte den vom Abgeordnetenhause angenommenen Gesetzentwurf betr. die Abänderung des Artikels 26 und die Aufhebung des Artikels 112 der Verfassung an. Darauf folgte die Beratung des auf Antrag Zedlitz vom Abgeordneten­haus? angenommenen Gesetzentwurfes betr. die Ab­änderung des Kommunalabgabengesetzes vom 14. Juli 1893 (Zuschuß der Betriebsgemeinde an die Wohn­ortsgemeinde zu den Schul- und Armenlasten). Die Vorlage wurde im wesentlichen in der Kommissions­fassung angenommen. Bei der Beratung der Sekundär- bahnvorlage wurde die in der Vorlage enthaltenen 24 neuen Bahnstrecken genehmigt. Sodann wurde diese Vorlage im ganzen angenommen. Am Mittwoch wurde das Knappschaftsgesetz beraten. Handelsminister Dr. Delbrück empfahl die Annahme der Vorlage in der Fassung des Abgeordnetenhauses und erklärte, daß er die Organisation der Arbeiter auf christlicher und monarchischer Grundlage begrüße, bedauerte aber, daß die Art und Weise, wie die christlichen Gewerkschaften ihre Ziele verfolgen, sich nicht mit dem Kaiserhoch deckx, mit dem sie ihre Versammlungen eröffnen und schließen. Die Vorlage wurde unverändert angenommen. Im übrigen wurde die Sitzung mit der Erledigung von Petitionen ausgefüllt. Die nächste Sitzung, in der die erste Beratung der Volksschulunterhaltungs- Vorlage erfolgen soll, findet am 15. Juni statt.

Das preußische Abgeordnetenhaus überwies am Dienstag vergangener Woche nach kurzer Debatte den aus

Irr Ketten der Kieve.

Roman von Seta v. Starkenstein. 1

Ja gewiß, aber trotzdem sind wir zu jung, um jetzt schon daran denken zu können,uns zu heiraten,ich wenig­stens bin es." Sie hatte sich einverstanden erklärt, ihren Jugendgespielen zu heiraten, aber besondere Eile brauchte dabei ja nicht an den Tag gelegt zu werden.

Wenn ich aber meine Anstellung erst habe.."dräugte Manfred.

So hängt immer noch alles von Onkel Julius ab," wandte das Mädchen ein.Und . . und, siehst Du, Man­fred, ich kann ja jetzt noch gar nicht anS Heiraten den­ken. Ich bin noch ein Kind, und man muß doch ganz an­ders sein, ernsthaft und gesetzt!"

O, Wally, welcher Unsinn; wer hat Dir denn derlei Gedanken in den Kopf gesetzt?"

ES steht in den Büchern geschrieben, und erinnere Dich nur, wie gänzlich umgewandelt Annette Günther ist, seit sie geheiratet hat. Sie will bei all unseren lustigen Gesellschaftsspielen gar nicht mehr mittun und war ganz entsetzt, als ich querfeldein lief bei einem Spaziergauge, anstatt würdevoll und steif auf der Straße zu gehen!"

Annette Günther ist nur ein Beispiel! Eine ganze Menge anderer verheirateter Frauen sind genau ebenso heiter und lebensfroh, als da sie noch Mädchen gewesen sind!"

Verheiratete Frauen!" Wally brach in ein laute», fröh­liche» Lachen aus.Ich bin aber keine erwachsene, reife Frau!"

WaS bist Du denn?"

EinMädchen oder ein Kobold, was Du lieber willst, und ich möchte auch beides noch eine lange, lange Zeit bleiben."

Dann liebst Du mich also nicht?" forschte Manfred, in­dem er ihre Hand erhäschte, als sie davonhüpfen wollte.

Ja doch, ich mag Dich sehr gerne leiden; waS für ein komischer Junge Du doch bist! Bitte gib mich frei, laß mich! Onkel Julius kommt und ich möchte nicht, daß ,r mich gerade jetzt zu Gesicht bekommt I"

der Initiativeres Herrenhauses hervorgegangenen Gesetz­entwurf zur Deklarierung des Kommunalabgabengesetzes an eine Kommission u. beriet sodann den gegen das Reichs- tagsdiätengesetz gerichteten konservativen Antrag, der die Regierung auffordert, im Bundesrat dahin zu wirken, daß Eingriffe des Reiches in die Verfassung der Einzelstaaten vermieden werden. Der Minister des Innern v. Bethmann-Hollweg äußerte sich zu dem Anträge dahin, wenn die Bundesratsbestimmungen von den Einzellandtagen abhängig gemacht werden sollten, so dürfe man nicht die Begriffe Reichsgewalt und Volksvertretung miteinander verwischen. In seiner jetzigen Fassung sei der Antrag unannehmbar. Selbst­verständlich seien die Minister gerne und jederzeit bereit, im Landtage Rede und Antwort zu stehen und mit ihm Fühlung zu nehmen. Ein Losreißen der Minister von den Beziehungen des Reiches sei nicht angängig, ein Auftreten in den Bundescatssitzungen nach dem Wunsche des Antrages sei daher nicht möglich. Justiz­minister Dr. Beseler brächte noch juristische Bedenken gegen den Antrag vor, der aber schließlich mit den Stimmen der beiden konservativen Parteien angenommen wurde. Am Mittwoch wurde der Staatsvertrag zwischen Preußen, Bayern, Baden und Reffen wegen der Kanalisierung des Mains von Offenbach bis Aschaffenburg einstimmig angenommen. Nach Erledigung von kleineren Vorlagen und Petitionen ging das Haus in die Pfingstferien. Die nächste Sitzung wird voraus­sichtlich nicht vor dem 25. Juni stattfinden.

Ausland.

Das neue italienische Kabinett ist gebildet und, wie dieAgencia Stefani" meldet, wie folgt zusammen­gesetzt: Präsidium und Inneres Giolitti, Auswärtiges 'Ksttoni, Justiz Gallo, Schatz Majoran«, Finanzen Massimini, Krieg Generalleutnant Vigano, Marine Admiral Mirabella, Unterricht Fusinato, öffentliche Arbeiten Gianturco, Ackerbau Coccu-Ortu, Post Schanzen. Die neuen Minister haben bereits den Eid in die Hand des Königs geleistet.

Der amerikanische Bergarbeiterausstand nähert sich dem Ende. Neuerdings entschieden sich auch die Besitzer von Erdpechkohle. Bergwerken in Illinois dahin, die Forderung der Arbeiter betr. die Wiederaufnahme der Lohntabelle von 1903 zu bewilligen. Die Gruben werden voraussichtlich in der ersten Woche des Juni wiedereröffnet werden. Der Ausstand begann am 1. April.

Von einem Aufstand in Korea berichtet das Reutersche Bureau." Danach sind in Hongju mehrere hundert Einwohner aufständisch geworden. Hongju ist

Noch.einen Kuß, Wally!"

Gut denn, aber rasch !"

Sie ließ die Liebkosung mehr über sich ergehen, als daß sie dieselbe eigentlich selbst erteilt hatte, dann ver­schwand sie zwischen den Bäumen und ließ ihren Verlob­ten mit hochklopfendem Herzen und geröteten Wangen zu- rück, damit er den etwas bärbeißigen, alten Junggesellen empfange, welcher langsam durch den Gemüsegarten auf ihn zugeschritten kam.

Wallys Vater, Ludwig Gerhard, war der Sohn eines jüngeren Bruders, ein Mann von alter Familie, mit viel mehr blauem Blut in seinen Adern, als Gold in seinen Taschen; ja, er besaß kaum mehr Einnahmen als seine Offizier-gage, aber er war ein schöner und, waS mehr gelten sollte, ein guter, edler Mann.

Als daher Wally Saint-Fleury ihn einem reicheren Freier vorzog, wunderte man sich im allgemeinen nicht sonderlich darüber, obzwar ihre Schwester, welche einen Millionär Namens Root geheiratet hatte, die Ehe Wallys immer als eine große Torheit angesehen hatte.

Jedenfalls sollte dieselbe nicht von langer Dauer sein; Major Gerhard starb in Indien, als seine kleine Tochter noch in ihrer zartesten Jugend stand, und seine Frau über- lebte den teuren Gatten nicht lange.

Julius Gerhard, der ältere Bruder des Major», über- nahm nun die Sorge für die Kleine und erzog dieselbe so gut er es verstand; da er ein Sonderling, großer Freund eines ruhigen Lebens, seines Gartens und seiner Bücher war, so ließ er das Mädchen so ziemlich alles das tun, was es wollte, und kümmerte sich wenig um die Kleine, die nichts von der Welt wußte und selten mit anderen Kindern in Berührung kam.

Onkel Julius zählte in Wirklicheit nur fünfzig und einige Jahre, sah aber mindestens um zwanzig Jahre älter aus, da er schneeweißes Haar hatte und einen selt­sam vorgeneigten Gang.

eine befestigte Stadt, die nur mit Hülfe von Artillerie genommen werden kann. Auf Ersuchen. Koreas sind japanische Truppen dorthin entsandt worden. Der Aufstand soll der hartnäckigste sein, bw bisher ausge­brochen ist.

Zum Aufstand in Natal meldet das Reutersche Bureau, daß eine englische Truppenabteilung von Auf­ständischen angegriffen wurde. Nach zweistündigem Kampfe wurde der Feind zurückgeworfen; er hatte 70 Tote und viele Verwundete. Auf englischer Seite wurden ein Mann getötet, mehrere wurden verwundet.

Lokales and Provinzielles.

Schlüchtern, 5. Juni 1906.

* Sein schönstes Gesicht hat trotz aller Hoffnungen und Wünsche von Groß und Klein der Wettergott zum diesjährigen Pfingstfest gerade nicht gezeigt, immerhin aber hat er es mit uns Menschenkindern noch gnädig gemacht. Dunkle Wolkenschleier, etwas Regen, Kühle und zwischen hindurch eine Zeit lang ab und zu mal wieder lachenden Sonnenschein, das waren die Begleiter des lieblichsten aller Feste, auf das Alt und Jung sich schon Wochenlang gefreut und in hunderterlei Vorbereitungen emsig geschafft hatte. Der Verkehr war allenthalben lebhaft und die hellen, lichtumwobenen Sommertoiletten unserer Schönen, wie auch die Festtagsgarderobe des männlichen Geschlechts konnte wieder Erwarten zur vollsten Geltung kommen. Viele liebe Festgäste von nah und fern sah man in den Reihen der Ausflügler. So wird ein Jeder auch seine Rechnung gefunden haben, und mancher Wirt wird beim Zählen seiner Kasse zu der Ansicht ge­kommen sein:Besser so la-la, als weniger oder nichts!" Nun stehen wir wieder im Alltagsleben, das bis auf Weitere:. nur durch die Sonntage, an Liesen aber freilich auch durch die mancherlei in Aussicht stehenden Vereins- und Volksfeste angenehm unter­brochen wird, und so wünschen wir, daß der Uebergang von den Feiertagen zur ernsten Arbeit allerseits gut von. starten gehen möge.

* In der Woche vor Pfingsten fand am hiesigen Lehrerseminar die II. Lehrerprüfung statt, zu welcher 41 einstweilig angestellte Lehrer gemeldet und erschienen waren. Einer von den Prüflingen trat nach den Lehr- Proben freiwillig zurück; von den übrigen 40 konnten 34 für bestanden erklärt werden.

* Dem Herrn August Pauli, Grabenstraße 14 hier wurde von dem Kaiser!. Patentamt Berlin, auf eine Riemenscheibe, welche die Benennung führt:Vor­richtung zur leicht auswechselbaren Befestigung von Riemen­scheiben auf einer Welle." Dieselbe besteht aus einer

Ah, Lister," rief er, als er des jungen Mannes am Zaune ansichtig ward,so ganz allein, wo ist denn da» Kind?"

Siehatmich gerade verlassen," entgegnete Manfred, indem er mit einer Handbewegung nach dem Walde hin- überwie», als wolle er andeuten, die Kleine habe sich nach jener Richtung hin entfernt.Sie ist eben noch hier ge­wesen," fügte er nach kurzer Pause hinzu.

Warum ist sie denn weggelaufen ?" fragte Herr Ger- hard, ohne auch nur den Schatten eines Verdachtes zu haben, und indem er keine Antwort abwartete, machte er sich an einer Johannisbeerstaude zu schaffen.Da» Ding sieht elend aus," murmelte er dabei vor sich hin,da muß für da» kommende Jahr irgend eine Veränderung getrof­fen werden, denn in diesem Sommer hat der Busch so gut wie gar keine Früchte getragen."

Ja, da scheint irgend etwa» nicht in Richtigkeit," be- merkte Manfred, dem daran gelegen war, Onkel Julius so liebenswürdig und versöhnlich, als nur irgend denkbar war, zu stimmen.

Scheint! Das will ich meinen, daß er scheinen muß," entgegnete letzterer unwirsch.Ich werde den Strauch be- schneiden, binden und düngen lassen. Sie bleiben doch zum Speisen da, Lister?"

Ich werde mit Vergnügen bleiben," sprach der junge Mann, indem er sich von einem nahen Busche einen Zweig abriß und mit demselben in nervöser Unruhe zu spielen begann."

Onkel Julius verließ seine Staude und trat näher an den Zaun.

Manfred gab sich alle Mühe den Mut zusammenzu- raffen, dessen er so dringend nötig hatte. Er fühlte, daß er alles, was er zu sagen hatte, leichter über die Lippen bringen werde, wenn er Julius Gerhard dabei nicht in das ernste, durchfurchte Antlitz zu blicken habe.

Sehr warm heute," bemerkte Onkel Julius, indem erben Hut abnahm und sich den Schweiß von der Stirne wischte.

Sehr heiß," stimmte Manfred bei.

Eine Pause entstand. 128,18