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SchlüchternerZeitung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Mittwoch, den 30. Mai 1906.

57. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Der Kaiser ist am Montag mittag aus Prökel- Witz in Ostpreußen, wo er mit dem besten Erfolge ge­jagt und zahlreiche starke Rehhöcke erlegt hatte, in Danzig eingetroffen, und wohnte dem Stapellauf des Linienschiffes Schlesien" bei. Von da geht die Fahrt nach Berlin- Potsdam zurück. Während des Aufenthaltes in Prökel- Witz sind dem Kaiser von sieben Bauernpaaren in alter Volkstracht Volkslieder vorgetragen worden. Am Sonn­tag wohnte der Kaiser in Prökelwitz dem Gottesdienste bei und unternahm einen Automobilausflug nach Schoeneberg zu Besuche des Grafen Finckenstein.

Aus Christiania kommt die Nachricht von dem Tode des Dichters Hendrik Ibsen. H. Ibsen ist der größte Dramatiker der Neuzeit gewesen, von seltener Gestaltungskraft und wirkungsvoller Sprache. In seinen Dramen behandelt er besonders Probleme der Neuzeit, die unglücklichen Verkettungen des Lebens, wie sie eben an der Tagesordnung sind und denen so viele Wesen unterliegen. Seine bekanntesten Werke sindStützen der Gesellschaft",Nora",Gespenster",Peer Gynt", Rosmers Holm",Hedda Gabler", u. a. Ibsen sollte in seiner Jugend Apotheker werden, aber bald gab er den Beruf auf, kam in die freiheitliche Bewegung zu Ende der vierziger Jahre hinein und wandte sich der Bühne zu, nachdem er sein erstes stürmisches Stück Catilina" geschrieben. Mitte der Sechziger Jahre machte er Studienreisen nach Rom, München, Dresden. Ende der Sechziger kam er in sein richtiges Fahrwaffer mit demBund der Jugend", in welchem er seine naturalistische Anschauung zum Ausdruck brächte. Ibsen ist -78 Jahre alt geworden, seit einiger Zeit war sein Bewußtsein teilweise geschwunden und ist auch bis zu seinem am vergangenen Mittwoch erfolgten Tode nicht wieder zurückgekehrt.

. In welchem Maße sich der Kaiser mit den kleinsten Einzelheiten der militärischen Ausbildung be­faßt, bewies er, demBerl. Tgbl." zufolge, gelegent­lich der Gefechtsübung des Königsregiments auf dem Exerzierplatz bei Metz. Der Kaiser legte sich hinter die auf dem Boden liegenden Schützenlinien und sah nach, ob die Mannschaften die Visiere richtig gestellt hatten. Hierbei bemerkte er, daß einer der Schützen zum Schuß anlegte, ohne das Visier dem Befehl gemäß richtig eingestellt zu haben. Da tönte es plötzlich aus dem Munde des Kaisers:Du, das kostet mindestens drei Tage, wenn's ein anderer sieht I"

Prinzessin Viktoria Luise von Preußen besuchte am Mittwoch vergangener Woche in Begleitung des Grafen Mirbach Burg Rheinstein, Aßmannshausen, den Niederwald und Rüdesheim.

Bewegtes Keve«.

Roman von Max von Weißenthurn. 78

Zum erstenmal seit Lenore von Lichtenfels die Augen zum ewigen Schlafe geschlossen, tauchte ein Glücksempfin­den in der Seele des Mannes auf, welcher bisher am liebsten im dunkeln Schoß der Erde an ihrer Seite ge­bettet gewesen wäre.

Ihr Kind," flüsterte er bewegt,ein Engel vom Him­mel gesandt, um mir Trost zu spenden. Mutter, ein Trop­fen Balsam in den Kelch meines Leidens ist das Bewußt­sein, daß Du eingestehst ihr unrecht getan zu haben. Auch ich habe gefehlt, schwer gefehlt gegeu Dich, gegen sie, die ich von der ersten Stunde an, an meine Seite hätte stel­len sollen, anstatt sie Jahre hindurch den Blicken der Welt zu verbergen und in ihrer Seele den Glauben wachzu­rufen, daß anderes mir mehr gelte, als sie. Ich danke Dir, Mutter, daß Du gekommen bist, um Worte der Siebe und Versöhnung zu mir zu sprechen. Ich danke Dir aus voller Seele und um ihretwillen, die von lichten Höhen herniederblicken kann auf uns, lasten wir vergessen sein, waS gewesen, leben wir, die wir zurückgeblieben, in friedlicher Vereinigung weiter, ihr Andenken ehrend und segnend."

Der Fürst hatte seine Tochter in die Arme gezogen und neigte sich nun, um die Hand der Mutter zu küssen. Sie konnte den friedlich-frohen Ausdruck seiner Züge nicht sehen, aber sie hörte eS an dem Klänge seiner Stimme, daß das Leben neuen Reiz für ihn gewonnen, sie fühlte, daß ihr Opfer kein vergebliches gewesen sei und das war ihr Lohn. * *

Wenige Tage später reiste der Fürst in Begleitung sei­ner Mutter und seiner Tochter nach Jolowitz zurück. Die Fürstin hatte der Welt gegenüber das Märchen aufrecht erhalte», das sie aus Liebe zu ihrem Sohne dessen Toch­ter bei sich gehalten hatte, um sie zu erziehen.

Wer den herrschsüchtigen Charakter iener Frau kannte, Hielt e» nicht filt unmöglich und ahnte nicht die Größe be»

Das preußische Herrenhaus trat am Freitag wieder zusammen. Die Wahlrechtsvorlagen wurden in der Fassung des Abgeordnetenhauses angenommen.

Im Reichstage wurde am Freitag die 3. Be­ratung des Reichshaushalts bei dem Etat des Reichs­amts des Innern fortgesetzt. Bei dem Etat des Reichsamts des Innern verteidigte Abg. Peus (Soz.) die sozialdemokratische geleiteten Krankenkassen. Abg. v Maltzahn (kons.) verwies darauf, daß die Prophezeiungen von einer Brot- und Fleischteuerung infolge des-neuen Zolltarifs nicht eingetroffen seien. Abg. v. Gerlach (frs. Vgg.) erwiderte, von einer sofortigen Teuerung sei nicht gesprochen worden. Aber in etwa 2 Jahren werde sie sich zeigen. Abg. Horn (natl.) brächte ^Be­schwerden der Harzer Bergleute vor. Abg. Blos (Soz ) Klagen über die braunschweigischen Konservenfabriken. Abg. Bernstein (Soz.) sprach über die Vorgänge in Breslau, die abgehauene Hand u. s. w. Er wurde zweimal zur Ordnung gerufen. Staatssekretär Graf Posadowsky erklärte, daß die preußische Polizei Sache Preußeus sei, und gab zu bedenken, daß niemand da sei, der einer einseitigen Darstellung entgegentreten könne. Die öffentliche Ordnung müsse aufrecht erhalten werden, und dabei könnten auch Unschuldige leiden, so bedauerlich das sei. Bayerischer Bevollmächtigter Graf Lerchenfeld verteidigte die verfassungsmäßigen Rechte der Einzelstaaten.

___ Me Budgetkommission des Reichstages hat die Forderung für den Bau einer Eisenbahn von Lüderitz- bucht nach Kubub und Fortführung der Bahn nach Keetmanshoop (5 Mill. Mk.) abgelehnt. Die Debatte war eine sehr lebhafte. Die Forderung wurde ver­teidigt, weil die Bahn das billigste Beförderungsmittel für die Verpflegung der Truppen sei. Jetzt betrügen Ye Transportkosten des Proviants monatlich 2 Mill Mark. Wenn die Truppen, führte Geh. Rat Seitz ans, bis anf 1000 Mann verringert würden, so würde ihre Verproviantierung ohne Bahn doch immer eine so große Summe verschlingen, daß die Bahn weit billiger sei, Erbprinz zu Hohenlohe erklärte, die Regierung habe nie beabsichtigt, dauernd 15000 Mann in der Kolonie zu belassen. Er könne versichern, daß uferlose Pläne nicht vorliegen. Direkt vor dem Feind stehe nur ein kleiner Teil der Truppen, der größere Teil müsse die Etappen sichern. Mit dem Fortschreiten des Bahnbaues vermindere sich die Zahl der hierfür erforderlichen Truppen und können also bedeutende Ersparnisse ein- treten. Oberst v. Deimling betonte, der Aufstand sei noch nicht beendet; im Süden herrsche noch Krieg. 300 Hottentotten unter Abraham Morris, der übrigens der Sohn eines Rabbiners aus der Gegend von Posen sei,

OpserS, welches sie aus mütterlicher Liebe gebracht, in­dem sie sich eine Schuld auflud, die sie nie begangen.

Als der Fürst nach einiger Zeit eine herzliche Ein­ladung an seinen Stiefsohn, den Grafen Aulenhof Rieden- fürst, ergehen ließ, in welcher er ihn aufforderte, nach Jolowitz zu kommen, um seine Stiefschwester kennen zu lernen, erhielt er umgehende Antwort, worin er wärm- stenS dankte, lebhaft bedauernd, die Einladung nicht an- nehmen zu können, da er sich verpflichtet hätte, auf die Dauer von drei Jahren sich einer wissenschaftlichen Expe- dition anzuschließen.

Ich hoffe," hieß eS am Schlüsse seines Schreibens, daß ich noch rechtzeitig zurückkehre, um der schönen und lieben Schwester, welche ich bisher nur flüchtig gesehen, ohne zu ahnen, welches nahe verwandtschaftliche Band uns eint, als Trauzeuge zu dienen, der des Himmels Se­gen für ihr ganzes ferneres Leben innig erwünscht."

Ende.

Der Kaiser kann alles!" Als das Groß- Herzogtum Oldenburg zum Kaiserreich Frankreich gehörte, ärgerte sich der Präfekt nicht wenig über die gewaltigen Moore der dortigen Gegend. Denn erstens entkamen meh­rere Personen, die von den Franzosen verfolgt wurden, durch die Flucht aufS Moor; der Kaiser hätte mehrere Regimenter ausschicken müssen, wenn er ihrer in dieser Gegend hätte habhaft werden wollen. Zweitens aber ist der Moorrauch, für jeden, der nicht daran gewöhnt ist, unerträglich. So berief also der Präfekt einmal eine große Versammlung nach Oldenburg, um sich Ratschläge über Abschaffung deS MoorbrennenS und dabei eine Verbeste- rung der Moorkultur geben zu lassen. Allgemeines Ach­selzucken der Bauern.Et geiht nicht!" hieß es von allen Seiten.WaS," ruft der Präfekt,es geht nicht? Der Kaiser kann alleS!"No," sagte da ganz gelassen einer der Bauern,wenn der Kaiser allens kann, dann kann he ja man veer Werken lang Kohmeß (Kuhdünger) rea- nen taten; denn kannt't man gehn, aber annerSgecht tmch!

stehen fest geschlossen den Truppen gegenüber. Abg, Müller-Fulda (Z.) bemerkte, daß man dann auch in dem Ovamboland und in anderen Gegenden Bahnen bauen müßte, wo einmal ein Aufstand ausbrechen könnte. Man müßte weiter Bahnen bauen in einer Gegend, wo keine wirtschaftlichen Werte vorhanden seien. In dem ganzen Gebiete sei außer den Schutztruppen und einzelnen Händlern mit ihren Furleuten, kein Weißer, kein Ansiedler mehr. Abg. Erzberger (Z.) fragte, warum die Leute sich nicht da ansiedelten, wo schon Bahnen beständen.

Reichskanzler Fürst Bülow und Gemahlin sind am 24. Mai vormittags zum Sommeraufenthalt in Norderney, eingetroffen.

Der schwarze marokkanische Schellenbaumträger des 1. Garde-Regiments z. F. Ben Assai, welcher aus Gesundheitsrücksichten während des Winters in seine Heimat geschickt war, wo er bei der deutschen Gesandt­schaft Dienst tat, ist am Dienstag vergangener Woche wieder in Potsdam eingetroffen. Ein Feldwebel des Regiments holte ihn aus Hamburg ab.

Ausland.

Der ungarische Reichstag ist vom Kaiser Franz Josef eröffnet worden. Die Thronrede zählt die Auf­gaben des künftigen Reichstags auf und erklärt, daß, obzwar mit den. Verbündeten bestehende, auf Erhaltung des Friedens ak zielende engere Verhältnisse und die freundschaftlichen Verbindungen mit anderen Staaten eine Gewähr des Friedens bieten, doch für die Wehr­macht vorgesorgt werden müsse. Es sei daher notwendig, außer dem ordentlichen Rekrutenkontingent auch jene außerordentlichen Ausrüstungsbedürffnisse zu befriedigen, die in früheren Delegationen bereits als richtig an­erkannt worden s^en Die Thronrede kündigt an, daß nach Beendigung der Wahlreform die Einberufung eines neuen Reichstags erfolgen werde.

Bezüglich des Konfliktes zwischen den ungarischen und österreichischen Regierungschefs Wekerle und Hohen­lohe wegen derJnartikulierung des autonomen ungarischen Zolltarifs ist die Entscheidung des Monarchen gefallen, wonach beide Regierungschefs angewiesen werden, die Verhandlungen aufs neue aufzunehmen und fortzusetzen. Sowohl Wekerle wie Hohenlohe hatten bereits die Kabinettsfrage gestellt, nämlich ihre Demission ange­boten, die nunmehr aber durch dieses Votum des Monarchen hinfällig geworden ist.

Die schwedische Erste Kammer hat den Handels­vertrag mit Deutschland mit 101 gegen 34 Stimmen angenommen.

Der französische Ministerrat hat beschlossen, daß

Im Examen. Von dem jetzt aus Anlaß des Todes deS Reichsgerichtspräsidenten wieder viel erwähnten er­sten Vorsitzenden des obersten Gerichtshofes Dr. Eduard v. Simson erzählt man sich folgendes, wenig bekannte lustige Erlebnis: Simson stand eben im Begriff, sein er- steS Examen zu machen, als er unterwegs mit einem an- deren Kandidaten zusammentraf. DaS Gespräch drehte sich natürlich um das Examen, wobei Simsons Kollege sich sehr besorgt wegen des PandektenrechteS auSsprach, da er sich darin ziemlich schwach wisse. Simson tröstete ihn mit dem Bemerken, er Hoffe, ihm behilflich sein zu können, wenn er in diesem Zweige vor ihmdran käme". Als ihm der Zufall hierin günstig war, und er sich als ein so tüchtiger Jurist zeigte, daß die erstaunten Examinatoren die Frage an ihn richteten, bei wem er seinen Unterricht darin genossen habe, antwortete er, auf seinen Kollegen zeigend:Das wenige, war ich davon verstehe, verdanke ich hier meinem Freunde!" Natürlich verzichteten nun die Herren darauf, diesen zu prüfen, und beide bestanden da» Examen glänzend.

DieAnzeigenschauderDeutschenHandelSwacht" gibt folgende von ihr gesammelten Anzeigen wieder: All­demAnzeiger für die Stadt Bern":Lehrtochter gesucht in ein feineres Detailgeschäft. Außer dem Ladenservice könnte sich dieselbe auch in allen vorkommenden schrift- lichen Arbeiten ausbilden. Hochnäsige Dinger wollen sich nicht melden, da solche immer zu dumm sind, etwa» zu lernen, zudem hat eine Lehrtochter auch abzustauben und die Laube zu wischen. Offerten unter Nr. 56264 an da» Bureau d. Bl." AuS derFrankfurter Zeitung" :Wir suchen zur Führung unserer WarenhauS-Statistik einen tüchtigen, bestens empfohlenen Herrn als Buchhalter. Be­werber, welche bereits in gleicher Stellung schon tätig waren, werden bevorzugt. Den Offerten bitten Photogra­phie, Zeugnisse und Gehalt beizufügen. S. Löwenstein, Trier u. Co." Also der Stellensuchende soll seine Be- werNmg und da» Gehalt einschicken! 131,18