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<M 40» Samstag, den 19. Mai 1906. 57. Jahrgang.

Deutsches Reich. I

In Friedrichroda ist Prinzessin Friedrich Karl! von Preußen plötzlich am Herzschlag verschieden. Die Prinzessin Friedrich Karl, 9 Jahre jünger als ihr im Jahre 1885 gestorbener Gemahl, ist eine Prinzessin von Anhalt. Sie wurde geboren am 14. September 1837 und vermählte sich mit Prinz Friedrich Karl am 29. November 1854. Anläßlich des erfolgten Ab­lebens der Prinzessin ist Hoftrauer auf 14 Tage an­geordnet.

Der Reichstag erledigte am vergangenen Sonn­abend das Diätengesetz in zweiter Lesung durchweg nach den Komnussionsbeschlüssen unter Einfügung eines vom Abg- Spähn (Z.) beantragten § 5a, wonach der Reichstag im Sinne des Diätengesetzes nicht als versammelt gilt, wenn er gemäß Art. 12 der Ver­fassung vertagt ist. In der Kommissionsfassung ist ein Abzug von 20 Mark für das einmalige Fehlen festgesetzt, während die Regierungsvorlage 30 Mark vorschreibt. Ein Antrag Dr. Arendt (Rp), die Land- tagsdiäten von der im Reichstage gewährten Ent­schädigung abzuziehen und dies im einzelnen einer Erklärung der Abgeordneten zu überlassen, wurde ab­gelehnt. Am Montag wurde zunächst die zweite Lesung der Stempelsteuernovelle erledigt, die dem Börsenverkehr einige Erleichterungen verschafft. Dafür soll aber auch dann bei Aktiengesellschaften Stempel erhoben werden, wenn gar keine Aktien ausgegeben werden, und die Kommission hat dieser Neuerung noch rückwirkende Kraft gegeben. Die Adgg. Kämpf (frs. Vp.), Mommsen (frs. Vg.) und Dove (frs. Vg.) be kämpften die Vorlage, während die Abgg. Müller-Fulda (Z), Dr. Arendt (Rp) und Singer (Soz.) für den Kommissionsbeschluß eintraten, der demzufolge mit großer Mehrheit angenommen wurde. Die zweite Be­ratung der Novelle zum Reichskassenscheingesetz, wonach die Reichskassenscheine zu 20 und 50 Mark eingezogen und solche neu im Werte von 10 Mark ausgegeben werden, wurde nicht zu Ende geführt, da das Haus beschlußunfähig war.

Das preußische Abgeordnetenhaus beschäftigte sich am vergangenen Sonnabend mit der freisinnigen Interpellation wegen der Russenausweisungen, die vom Abg. Träger (frs. Vp.) begründet wurde. Minister des Innern Frhr. v. Bethmann-Hollweg wies in seiner Beantwortung darauf hin, daß es sich bei den rund 12000 Fremden, die in letzter Zeit im Landespolizei­bezirk Berlin zugezogen sind, vorwiegend um Angehörige von niederen, unvermögenden Volksschichten und um Jsraeliten handle und daß man blind sein müsse, wenn man die Rolle verkennen wolle, die die Juden aktiv

Aervegtes Keven.

Roman von Max von Weißenthurn. 75

Ihn starr anblickend, als vermöchten die blinden Au­gen im Grunde seiner Seele zu lesen, starrte die Fürstin ihn an.Eleonore steht meinem Herzen nahe, sehr nahe," sprach sie endlich leise,aber ich begreife noch immer nicht so ganz, was ich füglich in der Sache tun kann. Nennen Sie mir Namen, vielleicht ermöglicht mir da», klarer die Situation zu erfassen." .

Ich sagte Ihnen, gnädigste Frau, daß ich der Sohn jener Unglücklichen sei, und Sie mögen daraus ermessen, daß auch ich nicht wenig leide. Ich bin Walter Aulenhof Riedenfürst und Eleonore Trouve ist das Kind meiner Mutter aus ihrer zweiten Ehe mit dem Fürsten Lichten- fels. Damit ist alles gesagt." .

Tiefe Stille war eingetreten. Die Fürst,n saß w,e zu Stein erstarrt da., , .

Ihr Kind!" flüsterte sie endlich, sich langsam mit der schmalen, welke» Hand über die Stirn fahrend.Da» Kind jene» WeibeS, das mir den Sohn geraubt!" Wieder ent­stand eine peinliche Pause, dann sprach die Fürstin, sich gewaltsam anfraffend.Verzeihen Sie Graf Aulenhof, ich habe laut gedacht, wollte Ihnen aber nicht wehe tun, denn ich erkannte am Klänge Ihrer Stimme, daß Sie schwer leiden, daß Sie edel sind und da» Gute wollen. Aber lassen Sie mir Zeit, das Unfaßliche mir zurechtzulegen und zu erwägen, was zu tun sei."

Zeit, Durchlaucht, ist ein dehnbarer Begriff. Stunden, Tage, ja, die können verstreichen, bevor ich Ihre Entschei­dung entgegennehme, aber eine lange Frist ist undenkbar, soll die Hilfe nicht zu spät kommen. Der Zustand des Für­sten ist bedenklich! Seien Sie groß, in dem, was Sie tun! Ich weiß, daß meine unglückliche Mutter die Schuld da­ran trägt, daß Sie mit Ihrem einzigen Sohne entzweit find, denken Sie aber jetzt nicht an ihre Schuld, sondern -n fein Leide»." , t , j^ «IM durch wen leidet er? Wiederum durch sie, durch

und passiv in der russischen Revolution gespielt haben. Die allgemeinen Gebote der Gastlichkeit müßten gegen­über den eigenen Staatsinteressen im Kollisionsfalle zurücktreten. Unrichtig sei es, daß der Kriminalkommissär Schöne irgendwie einen russischen Staatsangehörigen zur Spionage gegen sein Vaterland verleitet habe oder habe verleiten lassen. Nach der Erledigung der Inter­pellation ging das Haus noch zur Beratung des An­trages des Abg. Frhrn. v. Zedlitz (frkons.) auf Aender­ung des Kommunalabgabengesetzes über. Nach diesem Anträge sollen die Wohngemeinden in höherem Maße als bisher Zuschüsse von den Betriebsgemeinden ver­langen können. Am Montag wurde eine freisinnige Resolution auf Revision des Kommunalabgabengesetzes nach kurzer Besprechung einstimmig angenommen. Zum Schlüsse wurde die Novelle zum Einkommen- und Er­gänzungssteuergesetz in dritter Lesung im wesentlichen nach den Beschlüssen zweiter Lesung erledigt.

Preußen zählr jetzt 153 Seminare (in den letzten drei Jahren sind 21 neu eingerichtet worden): 138 für Lehrer, 15 für Lehrerinnen. Davon find 89 Lehrer­seminare evangelisch, 45 katholisch und 4 (Rawitsch, Dillenburg, Montabaur und Usingen) paritätisch. Von den Lehrerinnenseminaren sind 5 evangelisch, 8 katho­lisch und 2 paritätisch (Posen und Trier). Die Provinz Schlesien zählt 24, Rheinland 23, Westfalen 15, Posen 13, Brandenburg und Sachsen je 12, Hannover und Ostpreußen je 11, Westpreußen 10, Pommern 8, Hessen- Nassau und Schleswig-Holstein je 7.

Staatliche Präparandenanstalten bestehen in Preußen jetzt 77, gegen 52 im Jahre 1902. Davon zählt Posen 13, Schlesien 12, Westpreußen 10, Ost­preußen 8, Hannover 7, Sachsen 6, Pommern und Schleswig-Holstein je 5, Rheinland und Westfalen je 4, Hessen-Nassau 2 (Homberg, Schlächtern, Usingen, Dillenburg, Frankenberg sind nicht staatlich), Branden­burg 1.

Ein neuer Fall von sozialdemokratischem Terroris­mus wird aus Bützow in Mecklenbnrg gemeldet. Dort stellten fünf Gesellen eines Maurermeisters an diesen das Ansinnen, daß vier andere Gesellen, die im vorigen Jahre während des Ausstandes gearbeitet hatten, ent­lassen werden sollten, widrigenfalls sie selbst die Arbeit niederlegen würden. Der Meister war mutig genug, das Ansinnen zurückzuweisen, das um so unverfrorener ist, als unter den vier Arbeitern, die er entlassen sollte, sein eigener Bruder sich befindet.

Ausland.

Amtlich wird ein Sieg über den Hottentotten­führer Morenga in Deutsch-Südwestafrika gemeldet.

jene Unselige, welche nicht einmal den Mut besessen, die Folgen ihrer Handlungsweise auf sich zu nehmen und die­selben auf die Schultern der Sohnes wälzt, für den sie nie mit der Liebe einer Mutter eingestanden."

Mit der Liebe einer Mutter, Fürstin, Sie sprechen daS rechte Wort! Die Aermste hat jene Empfindung gar nicht, oder doch zu spät kennen gelernt. Sie aber, die Sie dieselbe kennen, in ihrer ganzen, erhabene», opferfähigen Größe, Sie finden auch den rechten Weg und da» rechte Wort, ich stelle alles Ihrer Großmut, Ihren, Mutterher- zen anheim und werde morgen wiederkehren, überzeugt, daß ich jene Antwort erhalte, nach der mein Herz begehrt."

Ehe die Fürstin wußte, wie ihr geschah, hatte Walter ihre Hand an seine Lippen gezogen und war gegangen, sie allein lastend mit den auf sie einstürmenden Gedanken.

Sie waren aufregend, sie waren mächtig und allge­waltig, diese aus sie einstürmenden Gedanke». Seit Iah- ren hatte sie den Namen des Sohnes nicht genannt, war sie bestrebt gewesen, sich alles fernznhalten, was auch nur entfernt an ihn erinnern konnte und nun, so gänzlich un­vermutet, war er wieder in ihr Leben getreten, er, der eS ja doch im Grunde genommen so ganz erfüllte, wenn auch sein Name nie auf ihre Lippen getreten und sie bestrebt gewesen war, ihrer Umgebung wenigsten» den Glauben ein« zuflößen, sie denke seiner nicht.

Was sollte sie tun, welchen Weg sollte sie einschlagen? WaS war daS Rechte? Was würde ihr Stolz ihr zu tun gestatten? Stolz? Konnte von Stolz noch die Rede sein, wenn das Herz der Mutter fühlte, wußte, empfand, ba& der Sohn ihrer bedürfe, daß er schwer gebeugt unb em- sam sei, daß e» in ihrer Macht lag, nvch einen strahl des Lichte» in sein verdüstertes Dasein zu bringen? Sie, die alte, blinde, dem Grabe entgegeuwankeude Frau, sie konnte ihrem Kinde Licht und Freude spenden, und sie- gerte noch eine Sekunde lang, es zu tun. War daS bte gepriesene Mutterliebe, welche bte Posten aller Boller fett

Morenga hielt sich im englischen Grenzorte Bisseport, östlich von Klipdam, auf. Als er am 1. Mai auf deutsches Gebiet zurückkehrte, nahm Hauptmann Bech, der die Absperrungstruppen an der Ostgrenze befehligte, sogleich die Verfolgung auf. Morenga überschritt als­bald mit bewaffneten Orlogleuten wieder die Grenze. Da die Kappolizei, den besten Willen vorausgesetzt, nicht in der Lage war, Morengas Entwaffnung zu erzwingen, so dehnte Hauptmann Bech die Verfolgung auf britisches Gebiet aus. Am 4. Mai überraschte er Morenga mit 40 Orlogleuten bei Romislay, 20 Kilo­meter östlich von Gapuets. In einstündigem jGefechte fielen 26 Hottentotten. 23 Gewehre, 100 Patronen und die Pferde Morengas wurden erbeutet. Morenga selbst erhielt zwei Streifschüsse und entfloh mit sechs unbewaffneten Begleitern. Hauptmann Bech kehrte nach kurzer Verfolgung auf deutsches Gebiet zurück.

Wie aus New-Dork telegraphiert wird, ist der bekannte Führer der Deutschen in Amerika Karl Schurz gestorben. Mit ihm ist der bedeutendste Vertreter der zahlreichen Deutschen heimgegangen, die jenseits des Ozeans eine zweite Heimat gesunden haben. Die hohe Verehrung, die er bei den Stammesgenossen in de» Vereinigten Staaten genoß, ist ein sprechender Beweis für die seltene Stellung, die Karl Schurz sich durch geistige Begabung, Tatkraft und Charakter unter den Deutschen erworben hatte. Er stand ihnen in dem erfolgreichen Bestrebeu, deutsche Eigenart mit hingeben­der Arbeit für das große Gemeinwesen, das ihnen eine gastliche Stätte gewährt, zu verbinden, als Vorbild vor Augen. Durch seine glänzende Beteiligung an den Kämpfen für die Erhaltung der Einheit der Nation, bei denen er hohe Führerstellungen innehatte, erscheint er als hervorragendster Typus des amerikanischen Deutschtums, das unbeirrt der Fahne des amerikanischen Staatsgedankens gefolgt ist.

Der türkisch-persische Konflikt ist durch ein Uebereinkommen geschlichtet worden. Der persische Botschafter hat der Pforte mitgeteilt, daß feine Regierung die türkischen Vorschläge annehme. Die persische Kom­mission verläßt Tehran. Als Präsident fungiert der persische Gesandte in Berlin, Mahmud Chan, der zur­zeit in Teheran auf Urlaub weilt.

Die italienische Deputiertenkammer nahm die nach dem kläglichen Scheitern des Generalstreiks erfolgte Mandatsniederlegung ihrer 15 sozialistischen Mitglieder an und erklärte deren Sitze für erledigt.

Zum russischen Minister des Auswärtigen an Stelle Lamsdorffs wurde der seitherige Gesandte in Kopenhagen, Kammerherr von Jswolsky, ernannt.

Die russische Duma hat ihr Bureau gebildet.

Menschengedenken besungen haben, mit der arm und reich, niedrig und hochgeboren, einen wahren Kultur treibt!

Sie war stolz auf die Liebe gewesen, welche sie stets für den Sohn im Herzen getragen und dann, al» er zum erstenmal ihrem Willen entgegengetreten, al» er sich sein Dasein anders gestalten wollte, als sie eS geplant, hatte sie sich von ihn, losgesagt, au» Liebe, ja, aber auS irri­ger, eifersüchtiger Liebe, welche e» nicht ertragen konnte, daß irgend etwa» auf Erden ihm mehr gelten solle, als die Mutter, welche ihn geboren.

Seine erste Ehe, die hatte sie gemacht, die hatte ihr« Eifersucht und ihren Unwillen einst wachgerufen, weil sie recht gut wußte, daß die Mutter ihm immer mehr galt und gelten werde, als die ungeliebte Frau.

Lenore von Aulenhof aber, das war etwa» andere». Sie galt ihm alle»! Um ihretwillen opferte er die Mutter und das hatte sie ihr nie verziehen. Grollte sie anschei­nend auch dem Sohne, so liebte sie ihn im innersten Her- zensgrunde doch nur mit verdoppelter Leidenschaft und legte alle», war ihn von ihr getrennt, nur jener zur Last.

Und nun war sie tot, sie, um derentwillen sie ihren einzigen Sohn verloren. Und er stand allein, trauernd, verzweifelnd an ihrer Bahre. Wer war berufen, ihm Trost zu spenden, ihm zur Seite zu stehen, ihn aufzu- richten, wer, wenn nicht die Mutter, welche tropfenweise ihr Herzblut für ihn hingegeben hätte? Sie wußte ei, sie fühlte es, sie war bereit, alles zu vergesien, alle» zu opfern, um ihren, Sohne jenes Glück zuzusühren, welche» da» Le­ben für ihn noch in sich bergen konnte.

Aber damit die» möglich werde, erkannte sie die Not­wendigkeit, das Andenken der Frau zu schonen, welche sie ge­haßt mit jeder Fiber ihres Sein», und wie wäreda»möglich gewesen, wenn manihmdieWahrheitoffenbarte? DieMut- terliebe verpflichtete sie mithin dazu, das Opfer zu bringen, ihm die Illusion zu lassen, daß jene Frau, die der TodeSengxl von ihm genommen, wirklich daS liebenswerte Ideal ge­wesen sei, für welche» er sie gehalten. 131,19