SchlüchternerMung
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M 39. Mittwoch, den 16. Mai 1906. 57. Jahrgang.
Die Eisenbahnen im Dienste der Wohltätigkeit.
Wie sehr die Eisenbahnen WohltätigkeitSbestrebungen unterstützen, ergibt sich dentlich aus den Fahrpreisermäßigungen, die sie zu milden Zwecken gewähren. Aufstellungen darüber, in welchem Umfange diese Fahrpreisermäßigungen in Anspruch genommen werden, gibt es zwar nicht, die verschiedenartigen Fälle aber, in denen ein Fahrpreisnachlaß eintritt, lassen erkennen, daß es im Laufe eines Jahres gewiß eine ganz beträchtliche Summe Fahrgeld ist, auf welche die Eisenbahnen Deutschlands zugunsten milder Zwecke verzichten.
Zur Förderung der öffentlichen Krankenpflege werden Angehörige der in Deutschland ansässigen Vereine und Genossenschaften, weltliche und geistliche, die sich satzungs- gemäß in Ausübung freier Liebestätigkeit der öffentlichen Krankenpflege widmen, in der 2. und 3. Wagen- - klaffe zum halben Preise der Einzelreise- oder Rückfahrkarten befördert. Das gilt auch für Anstalten, die sich der Pflege von Blöd» und Schwachsinnigen, Idioten u. s. w. widmen. Bei Benutzung von Schnellzügen ist kein Zuschlag zu entrichten, nur wird bei Benutzung von O-Zügen die Platzgebühr erhoben. Die Vergünstige ung tritt ein: bei Reisen zu Konferenzen der Vorstandsmitglieder und zu Revisionszwecken, ferner zur Ausübung der öffentlichen Krankenpflege und zu anderen Reisen, die durch die Ausübung der 'öffentlichen Krankenpflege veranlaßt sind, weiter bei Versetzung von Krankenpflegern und Krankenpflegerinnen und bei Reisen zum Gebrauche von Badekuren, sowie zum Besuche von Kur- und Erholungsorten seitens der Krankenpfleger und Krankenpflegerinnen. Die gleichen Vergünstigungen werden auch den Vorständen und dem Pflegerpersoüale der sogenannten Magdalenenstifte (d. h. solcher Vereine und Anstalten, die sich der Fürsorge für gefallene Frauen nnd Mädchen widmen) für die sich erforderlich machenden Reisen gewährt. Zur Förderung der Kriegskrankenpflege wird bei Zusammenkünften der freiwilligen Sanitätskolonnen, ebenfalls die Fahrt für die Hälfte der tarifmäßigen Preise gewährt.
In der 3. Wagenklasse werden zum halben Fahrpreise befördert: mittellose Personen zum Zwecke der Aufnahme in öffentliche Kliniken, öffentliche Krankenhäuser oder öffentliche Anstalten für Geisteskranke, zum Zwecke der ambulatorischen Behandlung in öffentlichen Kliniken oder öffentlichen Krankenhäusern und zum Zwecke des Besuches von Kurorten, an denen ihnen
der Gebrauch der Bäder oder der sonstigen Kurein- .....
richtungen unentgeltlich oder zu ermäßigtem Preise | der Prinzessin Friedrich Karl von Preußen . ist von gestattet ist; kranke Kinder unbemittelter Personen zum'.Montag, den 14. ds. Mts. ab Hoftrauer auf 14 Tage Zwecke der Ausnahme in die für solche Kinder ein-1 angeordnet worden. An dem geplanten Aufenthalt des
gerichteten besonderen Heilstätten, ferner unbemittelte Zöglinge der öffentlichen Blinden- und Taubstummenanstalten sowie unbemittelte Pfleglinge der öffentlichen Heil- und Pflegeanstalten für epileptische Kranke uno für blöde Kinder zum Zwecke ihrer Unterbringung in eine der genannten Anstalten und für Urlaubsreifen zum Besuche ihrer Angehörigen, unbemittelte Taubstumme für den Besuch kleinerer Zusammenkünfte eines behördlich gebilligten oder überwachten Taubstummen- Gottesdienstes, unbemittelte Zöglinge der unter Aufsicht des Staates stehenden Waisenanstalten für Urlaubsreifen zum Besuche ihrer Angehörigen, Mitglieder von Krankenkassen, die errichtet sind auf Grund der reichsgesetzlichen Bestimmungen über die Krankenversicherung der Arbeiter (Gemeindekrankenversicherung, Ortskrankenkassen, Betriebs-, Fabriks-, Bau- und Jnnungskassen uud von Knappschafiskrankenkassen), Versicherungspflichtige Mil-
glieder' von eingeschriebenen Hülfskassen sowie Mitglieder — Der. Reichstag nahm am Dienstag zunächst § 2 von Landesversicherungsanstalten und den diesen gleich- des Zigarettensteuergesetzes in namentlicher Abstimmung gestellten besonderen Kasseneinrichtungen, die von diesen , an, worauf in die Beratung des Fahrtar tenstempelS > eingetreten wurde. Hierzu lag ein Kompromißantrag:
Kassen und Anstalten in Heilanstalten oder nach Ev
Holungsorten, auch Bädern und Kurorten, oder zu ambulatorischer Behandlung in öffentlichen Kliniken oder öffentlichen Krankenhäusern entsandt werden.
Ferner werden in 2. und 3 Wagenklaffe deutsche Kriegsinvaliden zum halben Fahrpreise befördert und zwar die vom Zentralkomitee der deutschen Vereine vom Roten Kreuze, von dem bayerischen Landeshülfs- vereine vom Roten Kreuze oder von dem bayerischen Frauenvereine unterstützten Mitkämpfer der Feldzüge von 1864, 1866 und 1870=71, ferner die von der Viktoria-Nationalinvalidenstifung in Berlin unterstützten Kriegsteilnehmer von 1866 und die von der Kaiser Wilhelmstiftung für deutsche Invaliden unterstützten Kriegsteilnehmer von 1870=71 bei Reisen zum Besuche von Kurorten und bei der Rückfahrt. In Einzelfällen gewähren außerdem die obersten Eisenbahnaufsichtsbehörden noch Fahrtvergünstigungen, wenn es sich um Linderung von Notfällen handelt.
Deutsches Reich.
— Der Kaiserbesuch auf der Villa Hügel bei Essen findet nicht statt, da die Familie Krupp eine Reise ins Ausland angetreten hat.
— Prinzessin Friedrich Karl von Preußen ist am Freitag abend in Friedrichsroda am Herzschlag verschieden.
— Anläßlich des am Samstag erfolgten Ablebens
Kaisers in Urville und an den vorgesehenen militärischen Uebungen in Metz und Diedenhofen wird jedoch voraussichtlich nichts geändert werden, während aber der Aufenthalt in Wiesbaden wegfällt. Der Kaiser gedenkt am 19. Mai wieder im Neuen Polais in PotSdam einzutreffen.
— Für die Vermählung des Königs von Spanien ist nunmehr das Programm festgesetzt worden. Seine Hauptpunkte sind folgende: Am 29. Mai Ankunft der Gäste und Empfang derselben bei Hof; Soiree im Lustschloß Pardo; am 30. Mai Empfang der fremden Missionen; am 31. Mai die Trauungsfeier; am
1. Juni Galadiner und großer Empfang bei Hof; am 2. Juni Festvorstellung im Teatro Real; am 3. Juni Hofball; am 4. Juni Ball bei der. Herzogin von Fernan Nunez; am 5. Juni Soiree bei Hof und Verabschiedung der königl. Familie von den Gästen.
— Der. Reichstag nahm am Dienstag zunächst § 2
progressiver Stempel nach dem Preise der Fahrkarte, vor, der von freisinniger Seite scharf bekämpft, schließlich aber von der Mehrheit angenommen wurde. Aus den Ausführungen des Staatssekretärs Freiherrn von Stengel ging hervor, daß der Kompromißantrag Aussicht auf Annahme seitens der verbündeten Regierungen hat. — Am Mittwoch wurde die zweite Lesung der Novelle zum Reichsstempelgesetz beendet. Zunächst wurde die Automobilsteuer gegen die Stimmen der Freisinnigen und Sozialdemokraten angenommen, die Qittungssteuer wurde debattelos abgelehnt. Die Tantieme- steuer wurde in namentlicher Abstimmung mit großer Mehrheit gegen die Stimmen der Freisinnigen in der KommissionSfassung angenommen. Schließlich wurde noch mit der zweitm Lesung des ErbschaftssteuergesetzeS begonnen.
— Der Reichstag setzte am Donnerstag die zweite Beratung der Erbschaftssteuer-Vorlage fort. Abg. von Savigny (Z.) erklärte sich gegen die KommifsionSbe- schlüffe, ebenso Abg. Dietrich (kons.), während Abg. Dr. Wiemer (fr. Vp) den zustimmenden Standpunkt seiner Partei begründete. Abg. Lattmann (Antis.) sowie Abg. Spähn (Z.) namens der Mehrheit des Zentrums traten für die Kommissionsbeschlüsse ein, worauf der grundlegende § 12 in namentlicher Abstimmung mit großer Majorität angenommen wurde. — Am Freitag wurde die Beratung fortgesetzt. Ein vom Abg. von Savigny befürworteter Zentrnmsantrag verlangt, Erb- anfälle an Kirchengemeinden ganz steuerfrei zu lassen; die Freisinnige Volkspartei beantragte, die Bevorzugung
ZSewegtes Keöen.
Roman von Max von Weißenthurn. 73
Die Fürstin hatte den Worten Walters aufmerksam zugehört, jetzt sprach sie, zwar nicht unfreundlich, aber kalt und ernst! „Sie muten mir da einen Gefühlsreichtum zu, den ich vielleicht einst besessen, welchen die Schicksalsschläge des Lebens mir aber längst abgewöhnt haben. Im großen ganzen genommen ist mir das Wohl und Weh der Menschen gleichgültig geworden. Ich halte mir dasselbe ferne und beteilige mich nicht niehr an dem, was sie freut oder bedrückt.
Ich habe," fügte sie gewissermaßen erklärend hinzu, „vor vielen Jahren einen schweren Schicksalsschlag erfahren, der alle» weiche Empfinden, dessen meine Seele je fähig gewesen, lahm gelegt hat. Ich vegetiere seither nur und es ist mir alles gleichgültig geworben. Erwähne ich seltsamerweise dies Ihnen gegenüber, der Sie mir ein Fremder sind, so geschieht dies nur, weil Sie sich vcr- tranenSvoll an mich wenden, die ich Ihnen gleichfalls fremd bin, weil Sie von mir einen Rat fordern und ich Ihnen begreiflich machen möchte, daß der Rat einer Fran, die gewissermaßen schon zu den Abgeschiedenen gehört, die wenige oder keine Bande hat, welche sie aus Leben fesseln, für Sie kaum von Wert sei» kann."
„Wenig oder keine Bande," wiederholte Walter, „vielleicht liegt gerade in dem Wenig der Schlüssel zu dem, was ich mit Euer Durchlaucht besprechen möchte. Wie man mir sagt, steht das junge Mädchen, welches seit längerer Zeit in Ihrem Hause den Posten einer Gesellschafterin einnimmt, Ihrem Herzen nicht fern, wenigstens flößt sie Ihnen Sympathie ein und um dieses Mädchens Zukunft handelt eS sich nun.“
Die Fürstin hatte sich etwa» anfgerichtet, als sie diese Worte vernahm, welche offenbar ihr Interesse wachriefen. „Wieso?" fragte sie befremdet. „ElevnvreS Zukunft scheint mir ziemlich klar vorgezeichnet. Wenn sie so bleibt, wie
sie ist, wird sie so lange ich lebe, in meinem Herzen geborgen sein nnd es versteht sich von selbst, daß auch nach meinem Tode für sie gesorgt sein wird."
„Es handelt sich nicht einzig und allein um die pekuniäre Existenz des Mädchens," sprach Walter ernst. „Ich weiß nicht, wie weit Sie, gnädigste Fürstin, orientiert sind. Fräulein Tronve wurde, wie Sie wissen, im Kloster der Schwestern zum armen Kinde Jesu in Döbling er- zogen, was aber ist Euer Durchlaucht über ihre Herkunft bekannt?"
„Nichts, oder so gut wie nicht»," erwiderte die Fürstin ruhig, „und ich habe auch danach nicht viel geforscht. Mutter Elvira, die Oberin des Klosters, welche, bevor sie diesen frommen Titel führte, in der Welt, in der man sich langweilt, meine gute Freundin war, hat mir dieses Mädchen empfohlen, ich bedurfte folglich keiner weiteren Referenzen. Die Empfehlung hat sich von der ersten Stunde an als eine günstige und berechtigte erwiesen. Die Kleine ist mir nahegetreten, wie," die Lippen der Fürstin zuckten in verhaltenem Weh, „Wie nur seit vielen Jahren niemand nahegetreten," fügte sie dann, sich gewaltsam beherrschend, ruhig hinzu. „Wenn man viel frägt und forscht im Leben, bleiben Enttäuschungen und Unannehmlichkeiten nicht aus. Ich habe mich folglich, ohne viel zu fragen, an dem sanften, nachgiebigen und liebenswürdigen Charakter des Mädchens erfreut lind bringe ihrer Herkunft eine gewisse Gleichgültigkeit entgegen. Wer sie ist, bekümmert mich nicht. Sollten Sie also," fügte sie mißtrauisch hinzu, „irgend eine böse Absicht haben oder der Kleinen durch irgend eine Erzählung schaden wollen, die etwa eine dunkle Herkunft berührt, so haben Sie sich an die verkehrte Adresse gewandt, ich halte meiner Kleinen die Stange, wer immer sie auch sein möge, denn erstens mache ich sie nicht verantivortlich für etwaige Unzukömmlichkeiten ihrer Angehörigen und zweitens habe ich Gelegenheit gehabt, vielfach zu erfahren, daß man von tadelloser Her- tunft sein kann und doch fragwürdig handelt." Die Fürstin hielt imie, ohne bemerken zu können, daß der Aus
druck lebhaftester Befriedigung in Walters Antlitz zu läge trat, dann fuhr sie fort: „Entschuldigen Sie, wenn Ihnen meine Worte schroff erscheinen, aber eS ist bester in» reine zu kommen. Fräulein Trouve ist mein Schützling, ich »erbe sie von gar keiner Seite angreifen lassen."
„Nicht» liegt mir ferner, gnädigst« Fürstin, al» die Absicht der jungen Dame in irgend einer Weise nahttutre- ten. Im Gegenteil, weil ich ihr wohl will, weil sie sich, ohne eS selbst zu misten, in einer peinlichen Situation bestehet, au» der ich sie gerne befreien möchte, weil man mir gesagt hat, daß Sie ihre Gönnerin sind, habe ich den Mut gefaßt, an Euer Durchlaucht heranzutreten, bitte ich mir gnädigst zu gestatten, Ihnen die Situation klarlegen, mir Ihren Rat erbitten zu dürfen."
„Ich begreife zwar durchaus nicht, inwiefern der Rat einer alten Frau, die so abgeschieden lebt, wie ich, die nicht» mehr hört und weiß von dem Tun und Treiben in der großen Welt, Ihnen von Nutzen sein kann, da e» sich aber um Fräulein Trouve handelt, bringe ich allem, wa» Sie mir zu sagen haben mögen, ein gewiss«» Jntrresse entgegen, wenn ich mich auch durchau» nicht von Ihnen beeinflussen lassen werde. Sprechen Sie also immerhin."
Walter von Aulenhof holte tief Atem. 68 war ihm offenbar furchtbar schwer, die richtigen Worte zu finden und wiewohl die Fürstin da» nicht in seinen Zügen lesen konnte, ahnte sie e« mit dem feinfühligen Instinkt, welches den Blinden da» Sehen ersetzt. 131,18
„Es sind peinliche Dinge, welche ich zu berühren habe," sprach Walter nach einer kleinen Pause, „unb ich will bemüht sein, mich möglichst kurz zu fassen. Ich weiß nicht, ob Euer Durchlaucht davon in Kenntnis gesetzt sind, daß Eleonore Trouve, der Liebling des Kloster», in welchem sie erzogen, ein Findelkind gewesen, daß sie in der Nacht eines Brandes den frommen Schwestern überbracht wurde und da sich niemand meldete, welcher Anspruchauf dieKleine erhoben hätte, blieb dieselbe in dem frommen Hause, in welchem ihr eine sorgfältige Erziehung zu teil wurde."