Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 8. Mai 1906.
—* Die Tageslänge wächst im Mai nicht ganz so stark wie im April. Im April betrug die Zunahme des Tages 1 Stunde 46 Minuten, im Mai beträgt sie 1 Stunde 32 Minuten. Am 1. Mai betrug die Länge des Tages 14 Stunden 52 Minuten, die Länge der Nackt also 9 Stunden 8 Minuten Am 31. Mai beträgt die Tageslänge 16 Stunden 24 Minuten, die Nachtlänge 7 Stunden 36 Minuten. Im Mai sind also die Tage schon recht hübsch lang und der Mai ist uns darum auch der erste sympathische Monat des Jahres. Die trauliche Lampe wird von Tag zu Tag später entzündet und der Ofen, der unsere Wohnräume gemütlich machte, tritt nun ganz außer Tätigkeit. Die Temperatur nimmt eben im Mai ganz erheblich zu und wenn auch der Volksmund sagt: „Ein Bauer nach der rechten Art, trägt seinen Pelz bis Himmelfahrt", so kehrt sich hieran wohl keiner und die Wintergarderobe ist schon in den ersten Maitagen unter sicheren Verschluß gewandert. Nach der meteorologischen Statistik beträgt die Durchschnittstemperatur im Mai in München 11,6 Grad, in Hamburg 11,8, Berlin 13,2, Basel 13,6, Karlsruhe 13,8, Stuttgart 13,8, Prag 14 und Wien 15,7 Grad.
—* Nach den nunmehr festgeftellten Abschlüssen sind an Bezirkssteuern im Regierungsbezirk Cassel im Jahre 1904 Mk 503677, gegen Mk. 444938 im Jahre 1903. Mk. 439819 im Jahre 1902 und 444024 Mark im Jahre 1901 erhoben und verein nahmt worden.
* Die Erdrutschungen am Bahnhof Elm, die sich Ende März ereigneten und große Verwüstungen an- richteten, sind fast völlig beseitigt. Der Boden hatte sich an einzelnen Stellen etwa 8—10 Meter gesenkt, stellenweise hatte sich auch der Wiesengrund gehoben, die Aecker und die darauf befindlichen Obstbäume waren in eine schiefe Lage geraten. Auf die verschiedenste Weise ging man an die Beseitigung der entstandenen Schäden. Es wurden riefe Stellen ins Erdreich getrieben und diese mit Basalt ausgefüllt, an anderen Stellen wurde Erde angefahren, um die entstandenen Senkungen zu beseitigen Es gelang in verhältnismäßig kurzer Zeit, die äußerlich sichtbaren Schäden zu beseitigen. Es gilt aber auch, für die Zukunft derartige Vorkommnisse zu verhüten. Deshalb wurden von der Landesgeologischen Anstalt in Berlin in der Nähe des Bahnhofs Elm eine Reihe von Bohrungen vorgenommen, um die Beschaffenheit der Erde festzustellen. Dabei wurde nun konstatiert, daß unter der relativ geringen oberen Bodenschicht eine sehr starke Letteschickt liegt, die in der nassen Jahreszeit sich mit Wasser vollsaugt und so die darüber liegende Schicht zum Rutschen bringt. Es sollen nun durch Wasserableitungen, Stollenanlagen usw. Maßnahmen getroffen, werden, um die Letleschicht für die Zukunft möglichst trocken zu halten, so daß dadurch Erdrutschungen verhindert würden.
* In der Kinderheilanstalt in Soden-Stolzenberg trafen am Dienstag die ersten 20 Ferienkolomsten aus Frankfurt ein. Außerdem sind noch 15 andere Kinder im Alter von 2—4 Jahre dort in Pflege. Die Klein- kinderbewahranstalt wird von 55 hiesigen Kindern besucht.
* Am Dienstag morgen hat der seitherige Lehrer- Herr Freund, nachdem er sechs Jahre lang in Höchst bei Gelnhausen segensreich gewirkt, den Ort verlassen,
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Roman von Max von Weißenthurn. 71 Nachdem dieses seltsame Schriftstück verfaßt, nuter- zeichnet, von dem Notar und dem Grafen Aulenhof als Zeugen unterschrieben war, faltete letzterer das Dokument zusammen, übergab es dem Notar zur sorgfältigen Aufbewahrung und bot dem gedemütigten Abenteurer die in Aussicht gestellte Summe in Gestalt einer Anweisung auf seinen Bankier.
Mit einer kurzen Neigung des Hauptes, sprach er dann zu Sternau gewandt: „Wir sind, so Gott will, für! Leben mit ein ander fertig, Sie können gehen!"
Sternau, dem die Situation, trotz all seiner Unver- frorenheit, angefangen hatte, unangenehm zu werden, emp- fahl sich, nicht ohne sich noch vorher erkundigt zu haben, bei welcher Bank in New-Aork ihm „seine Interessen" ausgezahlt werden würden, was ihni der Graf mit verächtlichem Lächeln mitteilte.
Walter von Aulenhof atmete erleichtert auf, als sich die Tür hinter Sternau geschlossen; eS war ihm eine unbeschreibliche Qual gewesen, so lange die gleiche Luft mit jenem einzuatmen, und doch hatte sich im Interesse des Zweckes, welchen er im Auge hatte, die Sache nicht anders einteilen lassen, als persönlich einzugreifen, uni Sternau möglichst unschädlich zu machen Nun aber lag, wenn nicht der widerwärtigste, so doch der schwierigste Teil seiner sich selbst gestellten Ausgabe roch vor ihm, jener, Vater und Tochter einander zuzuführen und Mutter und Sohn zu versöhnen, ohne das Andenken au die eigene Mutter allzusehr bloßzustellen.
Liebe und Milde mußten die Lehrmeister sein, welche ihm zeigen sollten, wie dies zu bewerkstelligen sei Würden diese beiden Eigenschaften aber nicht abvrnllen an dem schroffen Sinn der Frau, welche sich durch lange, lange Jahre von bent einzigen Sohne losgesagt, weil er den eigenen Willen nicht hatte dem ihren untrrordnen wol-
um seine neue Stelle in Ulmbach bei Schlüchtern anzutreten. Herr Freund hat sich im Laufe feiner hiesigen Wirksamkeit die Achtung und Beliebtheit der Ortsbürger erworben und die besten Wünsche derselben begleiten ihn in seinen neuen Wirkungskreis.
* Am Mittwoch Mittag ist der hochwürdige Herr- Bischof Dr. Adalbertus Endert aus Fulda zu einer mehrwöcheutlicheu Kur in Bad Orb eingetroffeu und hat in der Kurpension St. Elisabeth Wohnung genommen.
* In der Kinderheilanstalt in Orb trafen am Montag 230 Kinder aus den Kreisen Gelnhausen, Hanau- Land, Hersfeld, Frankfurt und St. Goarshausen zu einer vierwöcheutlichen Kur ein.
* Der Kaufmann Karl Dörr hat sich in feiner Wohnung in der Eberhardstraße in Hanau mittels Leuchtgas vergiftet. Der Grund zur Tat soll ein körperliches Leiden sein.
* Der Staat beabsichtigt, den Hauptbahnhof in Frankfurt n. M. umzubauen. Der jetzige Zentral- bahnhof wird Lokalbahnhof, und es wird ein neuer Durchgangsbahnhof errichtet. Dies bedeutet für den Verkehr von Nord- nach Süddeutschland eme große Erleichterung. Durch die neuen Bahnhofsanlagen wird auch die Stadt Frankfurt nach Südwesten bedeutend erweitert werben. Die Ausführung des Projektes wird als nahe bevorstehend bezeichnet. Die Gesamtkosten beiragen etwa 60 Millionen Mark.
* In der katholischen Kirche zu Oberrad wurde in der Nacht vom 5. zum 6. ds. ein großer Einbruchs- diebstahl verübt. Den Einbrechern fielen in die Hände 2 vergoldete Kelche im Werte von je 100 Mark, eine silbervergoldete Monstranz, 40 cm groß, im Werte von 300 M., .ein Weihrauchschiff aus Neusilber, sowie 2 Nickelkannen.
* Durch das Gewitter in voriger Woche wurde namentlich in der Umgebung von Mainz großer Schaden angerichtet. In Gonzenheim ging ein so starker Wolkenbruch nieder, daß in der Budenheimer Straße die Parterrewohnungen geräumt werden mußten. Zwei auf dem Felde arbeitende Personen wurden vom Blitz erschlagen Auch ein im Niederflörsheimer Steinbruch arbeitender Arbeiter wurde vom Blitz erschlagen.
* Marburg. Durch einen Blitzschlag wurde am Freitag im Walde bei Caldera ein Mädchen getötet, eine Frau gelähmt.
* Bei dem am 17. Juni in Butzbach statlfindenden Heimatspflege- und Bolkstrachtenfest wird auch die einzig schöne buntfarbige Tracht der Marburger Gegend vertreten sein. In den Orten des Ebsdorfer Grundes z. B., wo noch ein an alter Sitte und Kleidung zäh scsthaliender Bauernstand sitzt, ist man eifrig bemüht, um bei dem Fest würdig vertreten zu sein.
* Die Schweinemetzger in Butzbach haben die Preise für Schweinefleisch und Wurst um mehrere Pfennige per Pfund herabgesetzt.
* Das vom Fulda Rhönsängerbund auf den 5. und 6. August in Fulda vorgesehene Sängerfest verspricht eines der größten Feste dieser Art zu werden. Die Einzelausschüsse sind bereits emsig an der Arbeit, um den eingeladenen Weltsängern - gegen 4000 an der Zahl — den Aufenthalt in der Stadl Fulda recht angenehm zu gestalten. Das Gebiet der Einladungen erstreckt sich von Kassel bis Frankfurt, von Eisenach bis Bonn, und von einer Anzahl größerer Vereine sind Anfragen und Anmeldungen bereits eingegangen.
Ich? Die nächste Zukunft muffte es lehren, unb daß diese reich sein werde an herben Augenblicken, das stand fest
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Drei Wochen waren seit beut Tode der Fürstin Lich- tenfels vergangen.
Sternau hatte, wie Walter mit Bestimmtheit in Erfahrung gebracht, die Stadt verlassen, es war auznueh- me», daß er sich eiligst anschickte, nach Amerika jit gelangen, uni dort die weiteren Früchte seines niederen Be- nehniens zu ernten, ivelche ihm das sichern sollten, was er ganz und gar nicht verdiente, einen sorgenfreien Lebensabend.
Das Befinden des Fürsten Lichtenfels war seit dem Tode seiner Frau ein sich steigernd schlechtes Vollstän- digste Apathie hatte sich nun seiner bemächtigt Nach dem ersten, wilden Schmerzensausbruche, welcher am Tage der Beerdigung Lenores erfolgt war, lebte er in einer Weise dahin, die man ja eigentlich nur ein freudloses Vegetieren nennen konnte. Er kümmerte sich um nichts, zog sich vor aller Welt zurück und bekundete selbst gegen Walter, der ihm mit kindlicher Liebe entgegenkam, eine geradezu ablehnende Haltung. Seinen Kindern erster Ehe war er durch die Heirat mit Lenore völlig entfremdet und wies jetzt jeden Annäherungsversuch von ihnen fast schroff zurück. Hatten sie sich um ihn nicht gekümmert, so lange die Frau, welcher sein Herz gehöre, am Leben weilte, so mochte er seinerseits jetzt nichts von ihnen wissen. Wer ihr feine Liebe gezollt, der sein ganzes Fühlen gehörte, der brauchte für ihn nicht zu existieren Auch sein phy- sisches Befinden litt unter dem steten seelischen Schmerz, der an seinem Herzen nagte und sein alter, bewährter Hausarzt schüttelte bedenklich den Kopf und beschwor den Fürsten, angelegentlich sich aufzuraffen, um als Mann das Unabänderliche zu tragen, wogegen man doch nicht mehr ankämpfen konnte. Aber all' sein Reden war umsonst unb selbst der Versuch des alten Arztes, darauf hinzuiveisen, er solle an seine Mutter denken, solle trachten, sich mit ihr
Eine bemerkenswerte Erscheinung ist es, daß bisher nur die weiter entfernten Sängerkreise sich für das Fest interessierten, während die benachbarten Vereine — die eigentlichen Fulda-Rhönsänger — noch wenig reagierten. Welche Kulturaufgabe gerade die Pflege des Deutschen Volksliedes ist, wird — außer von Sr. Maj. dem Kaiser — von allen einsichtigen Männern längst erkannt Es fehlt wohl auch nicht an Gesangvereinen, da speziell die Herren Lehrer in dankenswerter Weise zur Pflege des Volksgesanges die Hand bieten, eine Tatsache, die für die ländlichen Kreise besonders erfreulich ist. Wie aber in allen Gebieten durch Vergleich der Leistungen die Leistungsfähigkeit angeregt und gehoben wird, so ist im Männergesang das Zusammenfassen der Vereine zum Vergleich der Leistungen von geradezu bestimmender Wirkung für die Hebung des Gesanges. Diese Tatsache haben viele Vereine bereits wohl erkannt, aber durch die großen Unkosten der meist weit entfernten Wettstreite sich von der Teilnahme abhallen lassen. — Da bei der günstigen Lage der Stadt Fulda dieser Umstand für die Vereine gerade der Rhön und weiterhin im Vogelsberg, Spessart und Taunus gar nicht in Frage kommen kann, ist eine Beteiligung gerade dieser Kreise im Interesse des heimischen Volksgesanges von größter Wichtigkeit. (Bundesschrifrführer Crost, Kanalstraße 40, ist zu Auskünften gern bereit.)
* Am Mittwoch nachmittag hantierte ein junger, sechzehnjähriger Bursche in Bischhausen, Kr. Eschwege, mit einem Teschin, mehrere Kugeln waren schon verschossen, die letzte befand sich im Lauf. Da stellte, wie dem „Eschw. Tagebl." berichtet wird, der Unvorsichtige den Lauf auf die Erde, richtete die Mündung auf seinen Mund, um etwas Schmutz heraus zu blasen; doch durch einen unglücklichen Zufall ging das gespannte Gewehr los und die Kugel drang ihm durch den Mund in den Gaumen. Der junge Mann begann heftig zu bluten und sank bald bewußtlos zusammen. Nachdem ihm die ärztlicke Hilfe zu Teil geworden, ohne daß es möglich war, das Geschoß zu finden, brächte man den Verletzten nach der Dr. Vogtffchen Klinik in Eschwege
Vermischtes.
— Als warnendes Beispiel für Reservisten gilt nachstehendes kriegsgerichtliches Urteil aus Worms. Infolge von Ausschreitungen bei einer Kontrollver- fammiuug verurteilte das Kriegsgericht der Hess. Division den Reservisten Reinhard zu sieben Jahren Gefängnis.
- An Genickstarre sind, wie aus Essen gemeldet wirb, in Hamborn am Dienstag fünf Personen gestorben.
— An Tollwut ist in dem benachbarten Großburschla bei Wanfried, eine Ziege erkrankt Das Tier wurde sofort getötet.
— Zwei schlimme Gäste, Scharlach und Diphtherie, treten unter der Kinderwelt in Hirzenhain eben heftig auf und schon sind einige Kinder diesen Krankheiten erlegen.
— Eine reiche Arme. In Metz starb vor einiger Zeit eine alte Frau, die anscheinend in ärmlichen Verhältnissen lebte. Ihr geringer Nachlaß wurde in Ermangelung von anwesenden Erben in gerichtliche Verwahrung genommen. Als sich endlich einige entfernte Verwandte meldeten und das Zimmer, in dem die Alte gehaust hatte, entsiegelt wurde, fand man in allen Ecken und Winkeln versteckt in Gold und Papier die Summe von reichlich — 150,000 Mark vor
anszusölmen, um so wenigstens ein Wesen wieder zu gewinnen, das in Liebe an ihn hing, prallte an der starren Unnahbarkeit des Fürsten ab Seine Mutter, war nicht gerade sie es, bereit Fluch das Ende der Frau herbeigeführt haben mochte, ivelche er so glühend geliebt ? Die ganze, gewöhnlich sonst so ruhige, vorwurfsfreie Auffassung des Fürsten war in nichts znsammengesunken, angesichts des fürchterlichen Weh's, welches an seiner Seele nagte Unwiederrnflich verloren! Das war der einzige Gedanke, dessen er sich mit voller Deutlichkeit bewußt wurde.
Die Tage vergingen und Walter begriff immer mehr, wie unerläßlich notwendig es fei, wollte man den Fürsten nicht physisch dahinsiechen und geistig verkommen lassen, daß irgend ein entscheidender Schritt geschehen müsse, der ihm ein neues Lebensinteresse, eine neue Freude zuführe.
Der junge Mann fühlte instinktiv, daß nur in dem Wiederfiuden des Kindes allein diese Freude zu suchen sei, aber wie die Brücke zu bauen war, auf welcher dies zu staube kommen könne, das dünkte ihm das Rätsel, über welches er sich vergeblich bett Kopf zerbrach. Die Fürstin- Mutter war nach seinem Dafürhalten das Bindeglied, wel- ches Vater und Tochter vereinen sollte. Wie aber würbe es ihm, dem Sohne jener Frau, ivelche die Fürstin gehaßt und verabscheut hatte, gelingen, diese dazu zu bestimmen, setzt, nachdem der Fürst ihr Jahre hindurch fern geblieben, mit einer Mission des Friedens au ihn Heranzutre- ten? Daß Eleonore Tronve Einfluß auf die alte Frau gewonnen, daß sie ihrem Herzen nahe stand, hatte er bei gelegentlichen Besuchen, ivelche er in der Nachbarschaft vonJvlowitz bei Freunden im Laufe des verflossenen Jahres abgestattet, vernommen Ob aber der Einfluß unb bie Sympathie, ivelche das Mädchen der Fürstin einflößten stark genug sein würden, um selbst dann noch Stand zu halten, wenn sie erfahren würde, wessen Tochter Eleonore sei, das war eine Frage, ivelche Walter mit banger Sorge erfüllte. ' 131,18